Rapper Jamal aus Winterthur
© Red Bull
Music

Zwischen Highlife und Einsamkeit: Die Kunst von Jamal

Die Musik des «No Basic»-Members animiert zum Feiern und Turn-Up, beeindruckt aber auch durch poetische Tiefe. Wir nehmen seine Songtexte auseinander.
Autor: Luca Thoma
3 min readPublished on
Der junge Winterthurer MC Jamal ist ein Ausnahmekünstler im Schweizer Rap-Game: Er kann singen, rappen, spitten, mumblen, eine Bühne abreissen, aber auch ganz ruhig über die Welt nachdenken. Wegen dieser Bandbreite ist das «No Basic»-Mitglied definitiv einer der eigenständigsten Rapper im Lande, der immer wieder mit neuen musikalischen Zugängen überrascht.
Jamal bei Red Bull 60 Seconds - check it out:
Diese Vielseitigkeit macht es nicht leicht, seine Kunst auf einige Schlagworte zu reduzieren. Doch in fast allen Songs von Jamal spielt das Spannungsfeld zwischen dem Highlife in der Grossstadt und den Abgründen hinter der schillernden Fassade eine zentrale Rolle. Jamal lebt wie ein junger Löwe, treibt sich in der Stadt herum und feiert das Leben. Doch er bleibt trotz des loyalen Teams um ihn herum ein einsamer Wolf, ein nachdenklicher Einzelkämpfer.
Wie söll ich de Vogelperspektive bodeständig blibe? // Oder im Rampeliecht nöd oberflächlich schine?
Was jetzt? 2018
2018 katapultierte ein Auftritt an der «Bounce Cypher» den bis dato völlig unbekannten 19-Jährigen mitten ins Scheinwerferlicht. Mit einer Wahnsinns-Technik und ganz viel Hunger weckte der blutjunge Winterthurer in kürzester Zeit hohe Erwartungen an sein Debütalbum. Doch er liess es ruhig angehen und tastete sich mit einer schlanken, kompakten EP an das Game heran. Auf «Was Jetzt?» thematisiert er, wie sehr ihm die grosse Aufmerksamkeit zu schaffen machte. In einem Hype ist es schwierig, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Daher zog es Jamal vor, nicht den schnellen Ruhm zu suchen, sondern sich Zeit zu nehmen.
Jamal während seiner Red Bull 60 seconds Performance.

Jamal während seiner Red Bull 60 seconds Performance.

© Claude Gabriel

Die ganzi Wält gäge mich / Ich ellai gäge d Wält / Uff de Suechi nach mir sälber will en Teil vo mir fählt
UTW / 2018
Denn der junge MC realisierte, dass er selbst noch nicht wusste, wer er sein will und wofür er einstehen möchte. Als Sohn eines ghanaischen Vaters und einer Schweizer Mutter hatte Jamal in seiner Kindheit und Jugend mit Rassismus zu kämpfen. Das Gefühl der Einsamkeit kommt in seinen Texten daher immer wieder in verschiedenen Sprachbildern zum Ausdruck. Diese Anti-Haltung – dieses Gefühl, die ganze Welt gegen sich zu haben und ständig kämpfen zu müssen, fasst er auf «UTW» in Worte. Doch das Aufwachsen in einem multikulturellen Umfeld schärfte auch sein Gespür für Komplexität. Der charismatische Lebemann hat auch eine nachdenkliche, introvertierte Seite und hinterfragt viele Dinge.
Nöd meh als en Bueb vo de City wo eifach sin Job macht / und sich en Platz suecht irgendwo i de Grossstadt
City Boy / 2021
Trotz seiner Sensibilität fühlt sich der Junge aus der Kleinstadt Winterthur von den Strassenschluchten und Hochhäusern, von den Bars, Clubs und Konzertlokalen der «Big City» Zürich angezogen. Hier warten schier unendliche Möglichkeiten und die Chance, das eigene Potential voll auszuschöpfen. Hier möchte er sich einen Namen machen, Geschichte schreiben. Diese Faszination für die Versprechungen der Grossstadt prägt viele seiner Songs, doch gleichzeitig charakterisiert Jamal Zürich auch als anonym, dunkel, kalt und abweisend. Denn die «Big City» hat für ihn definitiv auch ihre dunklen Seiten.
N*gga wird bländet vo de Skyline, Mama da obe isches einsam, Gott weiss schaff ich das ellei?
Skyline / 2021
Winterthur, die Heimatstadt von Jamal

Winterthur, die Heimatstadt von Jamal

© Red Bull

So hell wie die Skyline glänzt, so verlockend das Versprechen eines Lebens als Star ist, so tief sind die Abgründe, die sich hinter der vermeintlichen Glitzerwelt auftun. Denn obwohl Jamal ein Sonnyboy mit Star-Appeal ist, mögen ihm längst nicht alle seinen Erfolg gönnen. Falsche Freunde entpuppen sich als Wölfe im Schafspelz. Umso wichtiger sind dem jungen Künstler Geborgenheit und Halt. Daher ist seine Mutter ein wichtiger Referenzpunkt in seiner Kunst. Gerade in Situationen, in denen er über dem Abgrund balanciert, spricht er sie in seinen Songs direkt an. So auch auf «Skyline». Denn Jamals Musik macht nicht nur den Krater zwischen Glanz und Dunkelheit, zwischen Schein und Sein spürbar – sie thematisiert auch die Suche nach Geborgenheit und Zugehörigkeit. Da Jamal mit diesem Wunsch nicht alleine ist, spricht er seiner Generation aus dem Herzen – und gibt vielen seiner Fans mit seinen Songs ein Stück Heimat und Identität.