Photo of Jay Shetty.
© Steve Erle
Exploration

Jay Shetty erklärt: Wie du mehr Sinn im Leben findest

Der ehemalige Mönch ist Internet-Star, seine Lebenshilfe-Vlogs werden milliardenfach geklickt. Hier verrät der Brite 12 Wege für einen erfüllten Alltag.
Autor: Marc Baumann
9 min readPublished on
Wer kann schon von sich behaupten, dass er ein wirklich erfülltes Leben führt? Der Brite Jay Shetty zum Beispiel. Schon als Kind wollte er anderen Menschen helfen, als Erwachsener lebte er zwei Jahre mit hinduistischen Mönchen, jetzt will er deren Weisheit an uns weitergeben. Seine Lebenshilfe-Vlogs wurden im Netz schon mehr als eine Milliarde mal abgerufen, US-Stars wie Ellen DeGeneres oder Oprah Winfrey feiern ihn. Hier verrät uns Internet-Star Shetty, wie man mehr Sinn im Leben findet.

1. Stelle die richtigen Fragen

Der erste Schritt zu einem erfüllteren, glücklicheren, sinnhafteren Leben ist, mehr „Awareness“ für dich selbst zu entwickeln. Also mehr auf dich zu achten, dich zu beobachten, zu hinterfragen und dich damit besser zu verstehen. Das geht, indem du die richtigen Fragen stellst: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Was ist meine Aufgabe im Leben? Führe ich wirklich das Leben, das ich führen möchte? All diese großen Lebensfragen, die wir uns oft nicht zu stellen trauen, weil unsere Antwort darauf enttäuschend ausfallen könnte. Diese Fragen sind aber nötig, um zu verstehen, was gut für uns ist.
Was magst du? Was magst du nicht? Woran glaubst du? Woran glaubst du nicht? Und warum glaubst oder magst du bestimmte Dinge überhaupt? Weil deine Eltern es so vorleben oder verlangen? Weil Werbung, Social Media oder Filme dir einreden, dass du ein bestimmtes Leben haben solltest? Was sind deine wirklichen Überzeugungen? Vielleicht fragst du dich jetzt: Wo ­finde ich gute Antworten auf all diese Fragen? Wo immer du kannst! Frage ganz einfach mal Google, finde gute Websites, schlaue Artikel, lies interessante Bücher, höre tolle Podcasts, schau dir Vorträge auf YouTube an, rede mit klugen Menschen. Suche an allen Orten, die dir einfallen. Hauptsache, du suchst.

2. Mach ein Check-up deines Lebens

Der zweite Schritt ist eine Inspektion. Durchleuchte dein Leben so, wie der TÜV dein Auto untersucht: Leuchte in die dunklen, schwer erreichbaren Ecken und fnde die rostigen Stellen. Wofür geht deine ganze Zeit drauf? Wofür geht deine Energie drauf? Wofür gibst du dein Geld aus? Mit wem verbringst du deine Freizeit? Und dann überprüfe: Bin ich glücklich darüber, dass ich mein Leben so verbringe? Gehe ich sinnvoll mit meiner begrenzten Lebenszeit um?
Am besten schreibst du dir das alles auf. Schau dir zunächst einmal die letzte Woche an: Was hast du die letzten sieben Tage wirklich gemacht? Bist du glücklich mit dem, was du in der letzten Woche gemacht hast? Und wenn nicht, was hättest du Sinnvolleres machen können? Mit wem und mit was würdest du deine Zeit lieber verbringen? Und wenn du eigentlich ganz zufrieden bist, was musst du machen, damit du auch weiterhin glücklich bist und so leben kannst? Du kannst nicht permanent glücklich sein, Traurigkeit gehört zum Leben. Aber wenn du sehr oft unzufrieden oder traurig bist, stimmt etwas nicht.
Frage dich als Allererstes: ‚Wer bin ich?‘ Und: ‚Führe ich wirklich das Leben, das ich führen möchte?‘
Jay Shetty

3. Übernimm das Steuer

Die schlechte Nachricht lautet: Es wird keine gute Fee kommen, die deine Wünsche erfüllt. Und du wirst auch nie im Lotto Millionen gewinnen. Warte nicht auf Wunder, übernimm lieber selber Verantwortung für dein Leben. Denn niemand wird es für dich machen. Niemand wird kommen und dein Leben wunderbar und bedeutsam machen. Das ist dein Job! Der Gedanke kann beängstigend sein: Das ist alles meine Verantwortung, ich muss das selbst in die Hand nehmen.
Aber keine Sorge, das bedeutet nicht, dass du alles allein schaffen musst. Wenn du erst mal akzeptiert hast, dass du selbst für dein Glück verantwortlich bist, wirst du mehr Verantwortung dafür übernehmen, wen du in dein Leben lässt und wen besser nicht. Wer ausstrahlt, dass er in seinem Leben etwas erreichen möchte, der wird Menschen anziehen, die ihm dabei helfen können. Wer dagegen immer nur Hilfe von außen sucht, wird eher die falschen Leute finden. Wenn wir glücklich sein und ein sinnvolles Leben führen wollen, sollten wir uns mit Menschen umgeben, die ebenfalls versuchen, so zu leben.

4. Dream big

Du musst ein großes Ziel haben - eine Vision von dem, was du sein und erreichen möchtest. Das kann auch Geld sein. Oder du möchtest dich vor allem einmal um deine Familie kümmern, deine Kinder bestmöglich großziehen. Oder du hast den Traum, die Welt zu verbessern. Moment: Du weißt noch gar nicht, wo ganz genau du hinwillst? Keine Sorge, du musst nicht schon am Anfang wissen, wie alles werden soll. Aber du solltest dir jetzt, nachdem du die ersten drei Schritte unserer Liste gemacht hast - und die musst du unbedingt vorher machen -, ein Ziel setzen. Wie schaut deine Vision aus? Keine Sorge, du musst nicht den ganzen Weg schon im Kopf haben, aber die grobe Richtung solltest du kennen. Höre dabei auf dein Herz und vertraue ruhig auch mal deiner Intuition.
Ich wollte den Menschen helfen, mehr Sinn in ihrem Leben zu finden, indem ich zeitlose Weisheiten unter die Leute bringe. Darum habe ich zwei Jahre unter vedischen Mönchen (die vedische Religion ist eine Ursprungsform des heutigen Hinduismus; Anm.) nahe Mumbai gelebt und ihre Sicht auf die Welt gelernt.
Meditiere. Oder verbringe zumindest etwas Zeit am Tag allein mit dir und deinen Gedanken in Stille. Und, ganz wichtig: offline.
Jay Shetty

5. Werde ein Gewohnheitstier

Frage dich nicht nur, wie du an dieses Ziel gelangst, sondern auch, welche Gewohnheiten du entwickeln, einüben und automatisieren musst, um dorthin zu kommen. Musst du dich dafür in Meditation üben, musst du Programmieren oder eine neue Sprache lernen? Welche Fähigkeiten brauchst du, und wie erwirbst du sie? Dieser Schritt ist wohl der schwerste: Gewohnheiten ändern. Hier sind vier Tipps, die dir dabei helfen:
  1. Sei dankbar für dein Leben und empfinde diese Dankbarkeit nicht nur, drücke sie auch aus, schreibe anderen Menschen, teile ihnen deine Dankbarkeit mit.
  2. Lies, höre oder schau jeden Tag etwas, was dich immer wieder neu motiviert. Ich habe mir Steve Jobs’ berühmte Rede vor den Stanford-Absolventen so oft angesehen, bis ich sie fast auswendig konnte.
  3. Meditiere. Oder verbringe zumindest etwas Zeit am Tag allein mit dir und deinen Gedanken in Stille. Und, ganz wichtig: offline.
  4. Sei aktiv. Treibe Sport, tanze, bewege dich!

6. Sei kritisch, sei ehrlich

Du musst lernen, dich immer wieder zu hinterfragen. Du musst aufrichtig und selbstkritisch prüfen, wie gut du auf diesem Weg zum Glück vorankommst. Mit einer gesunden, ausbalancierten Selbstrefexion. Welche Fortschritte machst du? Welche Fortschritte machst du wirklich? Und wo geht es nicht voran? Und warum? So ehrlich zu dir selbst zu sein, notfalls auch dein Scheitern festzustellen, erfordert Mut. Aber du wirst glücklicher sein und ein besseres Leben führen, wenn du spürst, dass du dich selbst erfolgreich hinterfragen und analysieren kannst und dadurch besser vorankommst.

7. Glücklich sein ist wie Hände waschen

Wenn du ein besseres Leben führen möchtest, musst du jeden Tag die richtigen Dinge machen. So wie du dir jeden Tag die Hände wäschst oder dich duschst oder isst. Tag für Tag musst du deine Glücksrituale wiederholen. Am besten verknüpfst du sie mit einer bestehenden, starken Gewohnheit. Etwa: Nach jedem Frühstück meditierst du kurz. Immer nach dem Mittagessen liest du einige Minuten. Immer nach dem abendlichen Zähneputzen bist du einen Moment bewusst dankbar für etwas, was dir an diesem Tag passiert ist, und du bedankst dich in einer SMS oder WhatsApp bei jemandem.

8. Fordere deine Komfortzone heraus

Man ist im Flow, wenn man sich weder unter- noch überfordert. Auf jeden Fall sollte man sich aber fordern. Gerade auch dann, wenn man glücklich ist. Du musst dich konstant im richtigen Maß fordern, damit du dich weder langweilst noch zu sehr stresst.
Überprüfe deine Fortschritte alle drei Monate - so wie Unternehmen ihre Quartalszahlen präsentieren.
Jay Shetty

9. Mach dir einen Zeitplan

Nimm dir erst einmal eine Woche Zeit für deinen Selbstcheck. Schreibe jeden Tag auf, was du mit deiner Zeit gemacht hast. Dann frage dich, ob das mit deinen Werten einhergeht. Finde die Dinge, die dich prokrastinieren lassen, für die du sinn- und freudlos Zeit verschwendest. Sie zu erkennen macht sie schwächer. Überlege dir dann, wie viel Zeit du dir für jeden weiteren Schritt gibst. Überprüfe deine Fortschritte alle drei Monate - so wie Unternehmen ihre Quartalszahlen präsentieren.

10. Bleibe leidenschaftlich

Die ewige Quelle von Leidenschaft sind Interesse und Neugier. Sei wie ein Teenager, sei neugierig auf das Leben. Frage dich immer, was dich gerade begeistert. Wofür brennst du, wofür schwärmst du? Verliere dieses Gefühl nicht - niemals.

11. Finde deine Talente

Ein Weltmeister hat seine Begabung offensichtlich gefunden. Aber worin bist du am besten? In gar nichts? Dann hast du dein Talent noch nicht gefunden. Es kann eine Herausforderung sein, seine Stärken zu entdecken. Woher soll man wissen, ob man ein guter Lehrer wäre oder ein guter Kapitän? Indem man so viel wie möglich ausprobiert. Einfach mal hingehen, mitmachen, ausprobieren: ein Wochenendseminar, eine Probestunde, einen Anfängerkurs. Und frage dich danach, ob es dir Freude gemacht hat und was du dabei gelernt hast. Dabei musst du verstehen, dass du absoluter Anfänger bist. Erlaube dir den BabyStatus. Wer zu schnell zu viel von sich verlangt, hört frustriert auf. Kleine Schritte führen zum Ziel.

12. Diene anderen

Die große letzte Frage auf dem Weg zu einem erfüllten Leben lautet: Wie kannst du andere Menschen glücklicher machen mit allem, was du gelernt hast? Du wirst sehen, welche Befriedigung und welche Zufriedenheit es einem gibt, anderen zu helfen. Aber wem könntest du am besten helfen? Und wie? Wo wirst du gebraucht? Wo kannst du etwas bewirken?

Jay Shetty's Buchtipps

Spirituelles, Rationales und Biografisches - als neue Lebenssinn-Spender.
  • Bhagavad Gita - Eine zentrale Schrift des Hinduismus (deutscher Titel: „Der Gesang Gottes“), entstanden vor tausenden von Jahren: zeitlose Weisheiten, die das Grundgerüst allen Wissens bilden.
  • Schnelles Denken, langsames Denken - Daniel Kahneman über schnelles (=emotionales) und langsames (=rationales) Denken. Gut fürs Verständnis unseres eigenen Verstandes.
  • Steve Jobs - Die autorisierte Biografie von Walter Isaacson gibt einen tiefgehenden Einblick in die Gedanken des Apple-Gründers, einem der prägendsten Menschen unserer Zeit.

Jay Shetty's App-Tipps

Von Inspiration und Organisation - das sind die digitalen Lieblings-Anwendungen von Jay Shetty.
  • Google Kalender - Eine genaue Organisation des Alltags ist enorm wichtig! Dieses Tool organisiert mir den Tag und lässt mich meine Aufgaben klar nach Wichtigkeit ordnen.
  • Podcasts - Ermöglichen, faszinierende Gespräche zwischen klugen Leuten anzuhören - kostenlos. Ich höre gerne "Oprah’s SuperSoul Conversations", oder "The Joe Rogan Experience".
  • Blinkist - Fasst Sachbücher konzentriert zusammen. Statt tagelang zu lesen, hört oder liest man sich die Kurzversion in 15 Minuten an. Zahlt sich aus, dafür zu bezahlen!
Jay Shetty's eigenes Buch: Denke wie ein Mönch
In dem Buch „Das Think Like a Monk-Prinzip: Finde innere Ruhe und Kraft für ein erfülltes und sinnvolles Leben“ (Rowohlt, 448 S.) schreibt Jay Shetty über seine Erfahrungen unter Mönchen und die Anwendbarkeit alter Weisheiten auf unsere moderne Welt. Die drei Kapitel des Buches sind: „Loslassen“, „Wachsen“ und „Geben“. Dazu gibt es noch „BonusInfomaterial“ über Meditation, Atemtechniken bis zum Mantrasingen.
Das Buchcover von Jah Shetty's "Denke wie ein Mönch".

Das Buch von Jay Shetty: Denke wie ein Mönch

© Jay Shetty