Tanz

Tänzerin Julie Martins: Über Träume und zweite Chancen

© Jeannette Gonzalez
«Tut uns leid, ihr Körper ist nicht dafür gemacht. Ihre Tochter wird es nie schaffen, eine Ballerina zu werden.»
Autor: Anna Unternährerveröffentlicht am
Das waren die Worte, die Julies Traum 2007 zerplatzen liessen. Elf Jahre lang hatte die damals 15-Jährige für diese Audition trainiert und plötzlich war es vorbei… Julie war wütend, fühlte sich verraten und während mehreren Monaten wollte sie nichts mehr vom Tanzen wissen. Im Jahr 2008 überredete ihr Vater sie schliesslich dazu, eine Ragga Stunde an der New Dance Academy zu nehmen — einfach zum Spass. Als ehemalige Ballettänzerin betritt Julie Neuland, aber die Welt des Urban Dance zieht sie sofort in ihren Bann.
Drei Jahre später sitzt sie im Flieger nach New York, wo sie während neun Monaten von einigen der renommiertesten Lehrer und Choreografen der Welt am Broadway Dance Center unterrichtet wird. Kurzum erhält sie mehrere Stipendien, die ihr ein Tanzstudium am Trinity Laban Conservatoire in London und verschiedene Mentorship Programs in Los Angeles ermöglichen. Zurück in der Schweiz entdeckt sie ihre Leidenschaft fürs Unterrichten und Kreieren. Ihr Spezialgebiet? High Heels Classes. Im Interview erzählt sie von ihrer tänzerischen Verwandlung und davon, was es bedeutet, ihrem Traum eine zweite Chance zu geben.

2016 und 2017 hast du ein Mentorship Program bei der Starchoreographin Dana Foglia gemacht. Wie hat dich diese Begegnung beeinflusst?

Sie war meine erste und bisher einzige Mentorin. Ich konnte mich sofort mit ihrer Vision, ihrer Bewegungsart und ihrer Einstellung zum Tanzen identifizieren. Auf einmal konnte ich alle Puzzleteile zusammenfügen – alle diese harten Trainingsjahre machten plötzlich Sinn. Dana hat mir dabei geholfen, die Tänzerin zu sein, die ich immer sein wollte.

Welche Aspekte haben dich besonders angesprochen?

Sehr viel Disziplin, harte Arbeit, Körperbeherrschung, die Liebe zum Detail, die visuelle Stärke eines Ensembles, harmonisch zusammen tanzen, Musikalität… das sind unter anderem Dinge, auf die Dana grossen Wert legt und weshalb ich mich so sehr mit ihr identifizieren konnte. Ich war früher sehr schüchtern und zurückhaltend. Dana hat mich gelehrt, mich als Frau zu präsentieren und mich nicht wie ein «Meitschi» zu bewegen, sondern wie eine Frau zu tanzen.

Wie wirkt sich das auf deine Konzeptionen aus?

Wenn ich ein Stück kreiere, steckt immer eine Message dahinter. Oft geht es um Sisterhood und darum, die starken Seiten der Frauen zu zeigen. Je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass Feminität unsere grösste Superpower ist.

Seit Juni 2019 lebst du in London. Was hat dich dazu bewogen, dorthin zurück zu kehren?

Ich wusste schon immer, dass ich ein Grossstadtmädchen bin. Die Jobs in der Schweiz waren nicht erfüllend und ich träumte noch immer davon, eines Tages auf einer grossen Bühne zu stehen und auf Tournee zu gehen… London schien mir der richtige Ort zu sein, um diesem Traum eine zweite Chance zu geben.

Was bedeutet das für deinen Alltag?

Ich stehe bei den zwei Agenturen Sillis Movement und MassMovement unter Vertrag und versuche, an so vielen Auditions wie möglich zu gehen und Tanzstunden zu nehmen. Nebenbei arbeite ich in einem Restaurant. Es ist ein waiting game…

Was meinst du mit «waiting game»?

Als Künstler weiss man halt nie, ob es im nächsten Monat Auditions geben wird, ob man Jobs haben wird oder ob es ruhig sein wird. Die Challenge besteht darin, mit diesem Leben und dieser Unsicherheit umgehen zu können; es zu akzeptieren und nicht zu fest über unkontrollierbare Umstände zu stressen. Man muss lernen, dass man ein «nein» nicht persönlich nehmen darf, denn diese Industrie ist sehr auf Looks und andere, eher subjektiven Dinge konzentriert. Ein Casting kann sehr schnell vorbei sein, wenn man nicht dem gesuchten Look entspricht, doch ein «nein» heisst lange nicht, dass es an Talent fehlt.

Gibt es sonst noch etwas, das du anderen Tänzern mit auf den Weg geben möchtest?

Just go for it! Das Leben als Tänzer erfordert viel Entschlossenheit, harte Arbeit, Geduld, Verständnis und Selbstliebe. Du musst so fest an dich selbst glauben, dass die Meinung von jemand anderem dir nichts mehr antun kann.