Eines muss von vornherein klar gestellt werden: es gibt Menschen die jammern über das Wetter, die Bedingungen, das Material, die fehlende Hornhaut oder warum ihnen ihre Oma keine veganen Jausenbrote mitgeben kann. Kurzum, sie finden immer einen Grund, warum’s ihnen heute grad nicht aufgeht. Dann gibt es jene, die im anderen Lager angesiedelt sind und einfach klettern gehen – komme was wolle! Eine Sache haben diese beiden Gruppen mit Sicherheit gemein: sie wollen unbedingt kraxeln. In Mitteleuropa steht nun die kalte und dunkle Jahreszeit vor der Tür, die einem Kletterer das Leben gerne schwer macht. Bevor du dich also ganzen den Winter über in der Halle vergräbst und in Erinnerungen an die Sonne schwelgst, haben wir dir eine Auswahl der globalen Fluchtmöglichkeiten vor der eisigen Kälte zusammengestellt und da ist für jedes Börserl was dabei!
1. Spanien – Margalef
Der übliche Verdächtige, wenn es um guten Fels, viel Sonne und schöne Menschen geht. Die spanische Küche nicht zu vergesssen und Barcelona in greifbarer Nähe, macht Margalef zu dem, was es ist: ein Grund für jeden nomadischen Kletterhippie sich irgendwann hier niederzulassen. Das katalanische Dorf Margalef liegt in der Provinz Tarragona, im Nordosten Spaniens und beherbergt weniger als 100 Einwohner. Dafür ca. eine Million Kletterer - und das aus gutem Grund. Hier findet ihr alles, was das Blut in euren Adern zum Kochen und eure Muskulatur zur totalen Erschöpfung bringt.
Landschaftlich erinnert die Gegend fast ein wenig an Jurassic Park (wir meinen das Original, allen nachfolgenden Teilen fehlte es definitiv an Vision). Zweitens ist der Fels, also was soll man sagen, am Besten ihr überzeugt euch selbst. Denn wer auf Konglomerat, Loch- und überhängende Kletterei im oberen Schwierigkeitsgrad steht wird daheim erzählen, dass es nichts besseres gibt. Wer steile Platten und technisches „Herumgeschiebe“ auf Mikrotritten mag, wird sich wundern warum er nicht schon viel früher hierher gekommen ist. Das Erschließungspotential ist trotz Bekanntheitsgrad noch bei weitem nicht erschöpft, also nicht erschrecken wenn ihr die Hiltis immer wieder aufheulen und hämmern hört. Insgesamt besteht das Gebiet rund um den kleinen Ort aus über 50 Sektoren und wenn das Ego euerer Kollegen nach ein paar erfolgreichen 8b+ Routen ins Unermessliche steigt, zeigt ihnen einfach mal „Era Bella“ (9a) oder „First Round, first minute“ (9b). Das holt jeden Überflieger ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und zeigt gleichzeitig, dass die Grenze des menschlich Möglichen noch nicht erreicht ist. Campen bitte nur an ausgeschriebenen Plätzen, da ist die örtliche Instanz recht genau.
2. Australien – Taipan Wall
Etwa drei Stunden westlich von Melbourne erhebt sich die schroffe Bergkette der Grampians, wie die Insel Atlantis aus dem brettlebenen Mittelemeer. Der gleichnamige Nationalpark ist der größte im Bundesstaat Victoria und wartet mit viel australischem Busch, Wasserfällen, blutroter Erde und wie könnte es anders sein, Kangaroos, auf. Nebenbei kann man hier auch Klettern und die Taipan Wall bietet euch den passenden Spielplatz für dieses Unterfangen. Der vermutlich beste Single-Crag in Australien: eine 200 Meter lange, bis zu 90 Meter hohe überhängende Wand, die im Licht der Abendsonne so orange leuchtet, dass es euch die Ohrwascheln auf die Seite klappt. Die „Wall“ ist nicht bloß ihres ästhetischen Charakters wegen hier vermerkt, sondern der Sandstein liefert euch feinstes Klettern auf höchstem Niveau. Die Reibung am Fels ist enorm und jeder Freund des „trad-climbings“ wird seine helle Freude haben, wenn er sieht wie viele Friends und Klemmkeile die Wand schlucken kann.
Prinzipiell sind die Touren recht lang und die Hakenabstände (sofern Haken vorhanden) moralisch, also wer hier herkommt, sollte nicht nur Motivation sondern auch die notwendige Portion Courage mitbringen. Die Standards eines europäischen Klettergartens erwarten euch hier eher nicht. Trotzdem wird hier jeder Kletterer, egal welcher Könnensstufe, seine Erleuchtung finden. Was gibt es sonst noch zu sagen? Ach ja, die Australier lieben BBQs und sind, ganz allgemein betrachtet, ein wirklich umgängliches und unterhaltsames Völkchen. „Good Times“ sind also vorprogrammiert! Der einzige Haken (super Wortspiel!) an der Sache ist wohl die Budgetfrage. Sind wir uns ehrlich, Australien ist für den meist mittellosen Klettervagabunden ein „Konto-Killer“. Ein großer Kletterer hat aber einmal gesagt: Einmal Schulden, immer Schulden. Also ab ins Kangarooland, mate!
P.S.: Nördlich der Grampians ragt der 200 Meter hohe Mount Arapalis aus dem Boden. Dort findet ihr eine große Auswahl an Mehrseillängen und am Wandfuß liegen gut ein Dutzend Boulderblöcke in der Gegend rum, die nur darauf warten von euch erobert zu werden.
3. Argentinien – Tuzgle
Das, auf einem Hochplateau im Nordwesten des Landes, nahe an der Grenze zu Bolivien und Chile gelegene, Tuzgle ist nicht nur ein Vulkan, sondern auch ein verstecktes Klettereldorado. Zumindest für diejenigen, die wenig Wert auf Infrastruktur und dafür viel Wert auf Einsamkeit legen. In dem Tal wimmelt es nur so von kupferfarbenen Felsen und Gesteinsblöcken. Egal ob Risse oder Platten, Leisten oder Henkel, Boulder oder Seil, hier gibt’s so gut wie alles. Ihr bewegt euch allerdings auf über 4000 Metern über Meeresniveau, also verschießt euer ganzes Pulver nicht gleich am ersten Tag. Selbst der unbezwingbare Danny K. musste diese Erfahrung am eigenen Leib verspüren und böse Zungen behaupten er wäre auf allen Vieren wieder heimwärts gekrochen.
In der Nacht kann es dort oben auch ganz schön frostig werden und Skorpione lieben warme Schlafsäcke und feuchte Kletterschuhe – Obacht ist geboten! Das Gebiet hier ist noch relativ unbekannt und konnte sich seine Jungfräulichkeit in Bezug auf Erschließung und Absicherung bis dato bewahren. Also: Bohrmaschine und Akkus laden, soviel Proviant und Kaffe wie möglich mitbringen, Crashpads für die seilfreien Tage einpacken und Sonnenhut nicht vergessen – die Photonenstrahlen auf 4000 Hm können einem ziemlich zusetzen. Und nochmals sei erwähnt: ihr seid da oben ziemlich auf euch allein gestellt, abgesehen von ein paar Alpacas und Chinchillas – die gibt es dort nämlich wirklich, aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.
4. Türkei – Geyikbayiri
45 Minuten Autofahrt von der Hauptstadt Antalya entfernt, liegt das kleine Örtchen Geyikbayiri. Der Name Geyikbari bedeutet übersetzt so viel wie „Rehweide“ und ziemlich genau so sieht es dort auch aus. Bekannt wurde das Gebiet anfang dieses Jahrtausends, wobei es schnell zum Klettermekka der Türkei avancierte. Selbst die Regierung hatte da nichts dagegen; obwohl da war doch diese Geschichte mit der Mine... jedenfalls wurde nichts aus dem Plan, die gut 1000 Routen Sinterspaß einer Mine zu opfern. Zu den weiteren Pluspunkten und warum sich Geribakyiri als Winterdestination auszeichnet: das Ding bekommt durch seine Südausrichtung unglaublich viel Sonne ab, selbst im Jänner kann der heroische Körper eines kletternden Humanoiden freizügig in der Sonne braten, während es bei Nacht schon mal richtig frisch werden kann - ein dicker Schlafsack empfiehlt sich.
Erwähnenswert wäre vielleicht noch der THC, nein nicht der, der Turkish Highline Carneval. Kein Scherz, der findet Ende Februar bis Anfang März statt und das sollte man gesehen haben. Ach ja, wohnen könnt ihr im Jo.si.to. Camp, mediterraner Flair inklusive und vermutlich das beste Frühstück weit und breit. Alles weitere könnt ihr im gut strukturierten Topo von Öztürk Kayıkçı, dem Entdecker dieses schönen Fleckchen Erdes, selbst nachlesen. Und noch etwas: im Sektor Magara kannst du, dank steiler Grotten, sogar bei strömendem Regen klettern!
5. Thailand – Krabi
In Thailand gibt es nicht nur Kho Phangan und Full Moon Partys, nein auch hier wird jeder Klettermax vor Freude in die chalkbedeckten Hände klatschen. Die ersten Kletterehippies haben sich in den 1980er Jahren in Krabi niedergelassen und mit der Erschließung der Felsen an der Andamanensee begonnen. Ungefähr zu gleichen Zeit gab Roger Moore den Jamens Bond und jagte den Mann mit dem goldenen Colt bis auf die kleine Insel Khao Phing Kann vor Krabi. Für jeden kletteraffinen Kinobesucher waren nach dem Film zwei Dinge klar: Erstens, Sean Connery ist der stilvollere Agent und zweitens, wie komm ich schnellstmöglich nach Thailand? Mittlerweile zählt die Phra-Nang-Halbinsel bei Krabi zu den Kletterhotspots Südostasiens und ist vor allem unter Sportkletterern ein beliebtes Winterziel.
Die Gebiete Railey und Tonsai - beide nur per landesüblichem Longtailboot zu erreichen - sind heutzutage stark frequentiert. Weniger stressig geht es da auf der Insel Koh Yao Noi zu, die aufgrund fehlenden Partyangebots und aufwendigerem Zugang zu den Felsen immer noch als Geheimtipp gilt. Deep water soloing wird auch auf Thailand groß geschrieben, dafür bietet sich Koh Hong, Koh Lao Liang oder Koh Phi Phi an. Prinzipiell erwartet dich auf Thailand kompakter, schroffer und mit Tropfsteinen bewachsener Kalk, weiße Sandstrände, tropischer Regenwald. Wenn euch wirklich zu viel los oder es einfach zu heiß wird, dann kannst du ins türkisblaue Meer eintauchen und Schnorcheln gehen!
