Marco Odermatt in Courchevel
© Erich Spiess
Ski

Marco Odermatt: Der Weg eines Ski-Genies

Marco Odermatt startet mit einem Sieg beim Riesenslalom in die neue Saison in Sölden. Sein Geheimnis ? Er verbindet ein aussergewöhnliches Talent mit grosser Lockerheit.
Autor: Bertrand Monnard
6 min readveröffentlicht am
Wie viele andere ist auch Didier Defago, Abfahrts-Olympiasieger bei den Spielen in Vancouver 2010, überwältigt vom aussergewöhnlichen Talent Marco Odermatts, dem derzeit unbestritten besten Skifahrer der Welt. «Er befindet sich eine Spirale des Selbstvertrauens. Aus technischer Sicht ist faszinierend, dass seine Ski nie den Kontakt zum Schnee verlieren. Dadurch fährt er sehr stabil. Wie wir in Sölden gesehen haben, werden die Norweger diese Saison sehr stark sein – aber glaubt mir: nach so einem wie Marco muss man auch bei ihnen lange suchen.»
Marco Odermatt nach seinem zweiten Platz in Kitzbühel
Marco Odermatt nach seinem zweiten Platz in Kitzbühel
Die vergangene Saison des 25-jährigen Nidwaldners war mit dem Gewinn des Gesamtweltcups und Gold bei den Spielen in Peking so gut wie perfekt. Und auch in diesem Jahr schlug er zu Beginn der Saison direkt zu und gewann im Oktober den ersten Riesenslalom in Sölden. Ein Beweis, dass er immer noch der Chef auf der Strecke ist, der Mann, den es erst einmal zu schlagen gilt. Zum Schluss gewann Odermatt mit einem grossen Vorsprung – trotz einiger Schrecksekunden im zweiten Lauf. «Ich habe angegriffen und ein paar Fehler gemacht, aber ich bin auf den Füssen geblieben. Das ist ein perfekter Start in die neue Saison!», freute er sich mit einem Lächeln auf den Lippen. Dass er der grosse Favorit auf die Titelverteidigung ist, scheint ihn nicht zu stressen. «Ich bin ruhiger. Ich habe die grosse Kristallkugel schon einmal gewonnen und weiss, dass ich es wieder schaffen kann. Meine Ambitionen sind sehr hoch», erklärt er mit der für ihn typischen Mischung aus Ehrgeiz und Lockerheit. In Sölden wurde ihm zudem der Goldene Ski verliehen, eine Trophäe, mit der Ski-Legenden wie Jean-Claude Killy, Marcel Hirscher, Alberto Tomba und andere vor ihm ausgezeichnet wurden.

Das Skifahren macht ihm Spass

Trotz der sich häufenden Erfolge, der ständigen Anfragen und der stetig wachsenden Popularität ändert sich Marco Odermatt nicht: er behält sich seine Spontaneität und Frische, die dem Ski Alpin-Sport neuen Wind einhauchen. Er allein verjüngt das angestaubte Image des Alpin-Weltcups. Während er einen Sieg nach dem anderen einfährt, nimmt er sich doch nicht zu ernst. Gleichzeitig hat er diese coole Seite, die man bisher nur von Freestylern kennt. Das ist ein Glücksfall, über den sich Experten wie Hugues d'Ansermoz, der ehemalige Leiter des Schweizer Frauenteams, freuen: «Marco tut dem Skisport unglaublich gut. Die Jugendlichen identifizieren sich mit ihm und die ganze Schweiz fiebert bei jedem Rennen mit.» Als der französische Weltcup-Veteran Johan Clarey (41) kürzlich von der Zeitung L'Equipe zu Odermatt befragt wurde, lobte er sowohl sein Talent als auch seine Persönlichkeit: «Marco? Er ist ein Phänomen auf Skiern – aber er ist auch ein guter Kerl, der offen ist und immer jeden grüsst. »
Marco Odermatt in Beaver Creek
Marco Odermatt in Beaver Creek
Marco Odermatts lockere Art ist keineswegs eine Pose, sondern einfach Teil seiner Persönlichkeit. Er ist eben einfach so, wie er ist. Bei ihm bleibt das Skifahren – ungeachtet der Ergebnisse – in erster Linie Vergnügen. «Ich bin vielleicht ein bisschen entspannter als die anderen», sagte er kürzlich. «Aber ich weiss auch, wann ich Gas geben muss. Ich will alles geben und gleichzeitig Spass haben. Wenn ich mir zu sehr den Kopf zerbreche, funktioniert das bei mir nicht. Neben dem Rennen gönnt er sich immer wieder auch Momente der Entspannung, hat den Blick nicht nur ständig auf seinen Skiern. «Ich jasse gerne mit meinen Kollegen, trinke ein oder zwei Bier. Ab und zu muss ich mal Dampf ablassen.», sagt er. Eine Philosophie, die sichtlich erfolgreich ist.

Federers Nachfolger?

Der Champion Marco Odermatt zieht die Öffentlichkeit in seinen Bann. Gerade erst hat der Schweizer Skihersteller Stöckli einen Vierjahresvertrag mit ihm unterschrieben. «Seit über 11 Jahren rüsten wir Marco aus – von FIS-Rennen, über den Europacup, bis hin zum Weltcup. Wir stehen immer hinter ihm und möchten zu seinem Erfolg beitragen», erklärt Mathieu Faure von der Schweizer Skimanufaktur.
Marco Odermatt, Wings for Life World Run 2022 Botschafter
Marco Odermatt, Wings for Life World Run 2022 Botschafter
Fühlt sich Marco Odermatt in der Lage, den Platz Roger Federers in den Herzen der Schweizer:innen einzunehmen, der nach dessen Rücktritt verwaist ist? «Roger ist so gross, man kann uns nicht vergleichen. Wie viele andere Menschen habe ich beim letzten Spiel in London ein paar Tränen geweint – gerade auch, weil ich das Glück hatte, vor Ort sein zu können.»

Und jetzt die Abfahrt

«Rohdiamant», «Wunderkind», «Der begabteste Athlet seiner Generation»: die internationale Presse fehlen die Superlative, um das Phänomen zu beschreiben. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2018 in Davos vollbrachte der damals 18-jährige Marco das Kunststück, fünft von sechs möglichen Goldmedaillen zu holen – alle, ausser der im Slalom. Seine Hochbegabung konnte er bis heute bestätigen: «Marco hat eine wahnsinnige Intelligenz auf Skiern, er weiss genau, wann und wo er die Schwünge optimal ansetzen muss. Das ist ihm angeboren, so etwas kann man nicht wirklich lernen. Und damit macht er all seinen Gegnern Angst», analysiert Hugues Ansermoz. Bisher gehen zwölf Weltcup-Siege auf das Konto des Nidwaldners. Acht in seiner Paradedisziplin Riesenslalom, vier im Super-G. In der Abfahrt hingegen reicht es bisher vier Mal nur für Platz 2 – darunter auch beim Rennen auf der Streif, wo es hinter Beat Feuz für einen Schweizer Doppelerfolg reichte. Um in dieser Disziplin endlich den Sprung nach ganz oben zu schaffen, verbrachte Odermatt einen Teil des Sommers mit dem Schweizer Abfahrtsteam in Chile.
Marco Odermatt
Marco Odermatt
«Ich liebe die Abfahrt, ein Sieg am Lauberhorn oder in Kitzbühel muss ein einmaliges Erlebnis sein», sagte Odermatt kürzlich. Sein vielseitiges Talent erinnert an Pirmin Zurbriggen, jenen legendären Schweizer Skifahrer, der Ende der Achtziger Jahre vier Mal den Gesamtweltcup gewinnen konnte. Der Oberwalliser macht übrigens keinen Hehl aus seiner Bewunderung für Odermatt. «Wir werden noch lange über Marco sprechen. Ich kenne ihn seit seinem zehnten Lebensjahr. Er hat einen unglaublichen Instinkt auf den Skiern, fährt immer am Limit. Und dabei ist er so unbekümmert.»

Eine Kindheit auf dem Land

Das Wunderkind wurde in Buochs am Fuss des Pilatus geboren, im Herzen der Zentralschweiz. Skifahren lernte er bei seinem Vater Walti, dem Präsidenten des Skiclubs Hergiswil, bei der kleinen Skistation Langmattli, die nur über einen einzigen Skilift und eine Piste mit Panoramablick auf den Vierwaldstättersee verfügt. «Wenn Sie mich besser kennenlernen wollen», schreibt Marco auf seiner Website, «nehmen Sie sich einen Tag frei und kommen Sie zu mir in die Zentralschweiz, wo Sie einen wunderschönen Ort vorfinden und die saubere Luft geniessen können, wie meine Vorfahren vor 600 Jahren.» Später konnte er Skifahren und Schule gut verbinden, bis hin zur Matura, die er weniger als 30 Kilometer entfernt von zu Hause am Gymnasium in Engelberg, einem der Leistungszentren von Swiss Ski, ablegte. «Im Gegensatz zu einer Lara Gut, hat Marco immer den normalen Weg des Verbandes genommen, was dafür eine ausgezeichnete Werbung ist», schliesst Hugues Ansermoz – einer von unzähligen Odermatt-Fans.
Erster Skitag von Marco Odermatt auf der Klewenalp, Schweiz.
Tag 1: Marco auf der Klewenalp