Music
Namika - Die neue Raop-Hoffnung?
Sie rappt, sie singt - und hat Schwester-Status in der deutschen Rapszene. Wir müssen reden.
Bei Namika (23) kommen tatsächlich gleich mehrere spannende Facts zusammen. Als Hän Violett spittete sie sich in den letzten Jahre in die Frankfurter Rapzszene. Unter ihrem neuen Künstlernamen Namika, ist übrigens arabisch und heißt übersetzt die Schreiberin, geht es sanfter zu. Ihre Single "Lieblingsmensch" besingt mit sommerlicher Leichtigkeit den einen Menschen im Leben, der alles schöner macht. In anderen Songs geht's um die innerliche Zerrissenheit einer Deutsch-Marokkanerin. Die Suche nach dem Ich, Inspiration, Wurzeln, Frauenrolle, Rapszene - es gab viel zu besprechen in unserem Interview. Fangen wir mal bei der Musik an...
Wenn man zweieinhalb Jahre an einem Album arbeitet und es so lang dauert, bis die ersten Songs rauskommen, gewinnt man nicht automatisch etwas Abstand dazu?
Ja, man kann das nicht bremsen, man entwickelt sich schon jeden Tag weiter. Auch wenn man sich nur ein kleines bisschen am Tag verändert, passiert nach einer längeren Zeit schon was mit einem. Ich sammle jetzt ja schon ganz viel Input fürs zweite Album, da bin ich mental auf dem Weg. Aber nichts desto trotz fühle "Nador" sehr. Ich liebe jeden einzelnen Song, sonst wäre er nicht auf dem Album. Und durchs performen wird das ja auch wieder ins Jetzt katapultiert.
Welches Gefühl verbindest du mit dem Album?
So viele! Ich könnte dir zu jedem Song eine Anekdote und ein Gefühl verraten, aber das würde jetzt den Rahmen sprengen (lacht).
Na, dann die schönste Anekdote...
Ein Grund, warum ich "Lieblingsmensch" für meinen Lieblingsmenschen geschrieben habe, war eine gewisse Situation: Ich war 18 und hatte das Gefühl, das mir die Decke auf den Kopf fällt. Ich telefonierte also mit besagter Person und erzählte davon. Am nächsten Tag hatte ich eine Email mit einem Ticket für einen Städtetrip in meinem Posteingang. Ich bin dann nach Amsterdam gefahren und dachte mir, dass ich aber einen tollen Lieblingsmenschen habe...Und man will ja was zurückgeben.
Du trittst beim Bundesvision Songcontest für Hessen an...
Ja, ich freu mich natürlich wahnsinnig, weil ich meine Musik da einer sehr breiten Zielgruppe präsentieren darf. Vor allem gehe ich mit "Hellwach" an den Start und habe damit ein sehr bekanntes Lebensgefühl eingefangen, man kann sich damit identifizieren und denkt an seine guten Momente: Es geht darum, mit Freunden auszugehen, die Nacht zum Tag zu machen und um die Häuser zu ziehen.
Hast du Angst?
Hallo? Klar! Alles andere wäre gelogen. Das wird mein dritter Auftritt überhaupt.
Feierst du andere Künstler, die dieses Jahr an den Start gehen?
Einige! Mark Forster, Yvonne Catterfeld oder Gloria, die Band von Klaas Heufer-Umlauf. Find ich auch super cool.
Glaubst du, dass Klaas einen Promibonus hat?
Ihn kennt man natürlich schon. Seine Fans werden auch für ihn anrufen. Aber auch Newcomer haben einen Bonus, und zwar den, dass sie unbeschriebene Blätter sind. Man unterstützt sie gern, weil man das Gefühl hat, man ist von Anfang an dabei und macht jemanden groß. Das ist ein tolles Gefühl.
Du hast einen lässigen Style, bist sexy auf eine dezente Weise. Was bedeutet für dich Sexappeal?
Ich würde das Wort Sinnlichkeit bevorzugen. Denn sinnlich ist etwas Unverbrauchtes, etwas Natürliches. Das Wort sexy hat direkt was Verruchtes, was auch total okay ist. Aber ich glaube, jede Frau ist auf auf irgendeine Art sinnlich. Und ich bin wie ich bin, ich lasse los. Wenn man versucht, mit Teufel komm raus, einen drauf zu setzen, dann kommt das - bei mir zumindest - gekünstelt. Eine Frau kann nicht dagegen ankämpfen, sinnlich zu sein.
Aber Sexappeal ist oft schon ein gewolltes Mittel im Musikbusiness...
Es ist doch so: Frauen hören auf, Frau zu sein im Rapbusiness. Das finde ich schade. Aber um so cooler, dass es im Popbusiness erlaubt ist, sinnlich zu sein. Eine Yvonne Catterfeld zum Beispiel ist Frau und weiblich und sanft und sie singt. Da funktioniert das großartig. Und ich versuche nun auch, das Weibliche in die Rap-Sparte zu bringen. Und dabei geht es nicht um Freizügigkeit.
Es heißt doch immer Sex Sells - wie ernst nimmst du diesen Spruch als Künstlerin im Musikbusiness?
In meinem Kosmos geht es darum, zu machen was man will. Zu sein, wie man ist. Das anzuziehen, worauf ich Lust habe. Wenn ich mich in Kleidung wohl fühle, dann strahle ich das auch aus. Ich will mich nicht verkleiden.
Zu welcher Künstlerin schaust du auf?
Ich tanke Inspiration bei Missy Elliott, ich liebe sie.
Wann ist eine Künstlerin deiner Meinung nach authentisch und stark?
Jede Frau ist stark. Ich finde nicht, dass eine Frau, die in den Medien steht, stärker ist, als eine Frau die drei Kinder großzieht. Ich mache keinen Unterschied zwischen Künstlerin und Nicht- Künstlerin, deshalb kann ich das nur allgemein halten: Jeder soll machen, worauf sie Lust hat. Das ist Stärke.
Taylor Swift ist ein ganz gutes Beispiel für eine toughe Frau im Musikgeschäft: Zuerst als Country- Mädel verschrien und dann mit Courage und Engagement als Musikheldin bezeichnet...
Das stimmt! Was Taylor Swift bezüglich des Musikstreamings getan hat, war der Hammer. Sie hat sich einfach mal für alle Künstler der Welt eingesetzt. Ich finde in Deutschland ist Schwesta Ewa auch eine wichtige Frau: Sie spricht die Sprache von vielen und bringt sie ganz anderen Menschen mit ihrer Musik bei. Sie rappt über eine Welt, die mir fremd ist und das finde ich krass. Sie schafft es, mich darein zu ziehen und mir ganz andere Gedanken zu machen.
Welche 5 Songs laufen in deinem perfekten Radio?
Lary - Problem
Curse- Kristallklarer Februar
Chima - Morgen
Misy Elliott- Really hot
Mary J. Blige - Be without you
Wie oft schaffst du es, in deine Heimat Nador zu fahren?
Zu den Videodrehs war ich ja da. Ansonsten bin ich happy, wenn ich es alle zwei Jahre schaffe. Ich war ja die ersten 16 Jahre meines Lebens jeden Urlaub immer dort, bis ich gemerkt habe auf der Karte, dass es noch andere coole Länder gibt. (lacht)
Du bezeichnest dich wegen deiner marokkanischen Wurzeln als Kulturhybrid und sagst auch, dass das toll ist...
Ja, ich finde, dass es von Vorteil ist Kulturhybrid zu sein,weil ich zwei Kulturen kenne und damit auch verstehe, ich trete dadurch den Unterschieden offener Gegenüber. Wenn ich in Marokko bin, dann verstehe ich die Gesten, die Mentalität, die Gewohnheiten. Ich weiß, dass ich dort den Teller aufessen muss, sonst ist es unhöflich und dass ich hier nicht essen muss, wenn ich keinen Hunger habe. Das ist doch toll.
Du sagst aber auch auf dem Album, dass du dich auch manchmal zwischen den beiden Welten verloren fühlst, beziehungsweise nirgends zu 100 Prozent dazugehörst?
Dort sehen sie mich als Marokkanerin aber mit deutschem Hintergrund. Und hier bin ich die Deutsche mit marokkanischem Hintergrund. Es gibt hier und da Idioten, die es weder in Deutschland noch dort verstehen. Manche Marokkaner denken, dass man hochnäsig ist, nur weil man aus Deutschland kommt. Es gibt Neid und die starren auch mal meine echten Nikes an. Aber größtenteils sie alle neugierig, aufgeschlossen und freundlich. Es ist in Nador auch nicht mehr so konservativ wie es einmal war. Es gibt jetzt auch Clubs und sogar ein Mc Donalds (schmunzelt).
Warum schmunzelst du bei dem Wort McDonalds?
Es gibt eine kleine Anekdote: Ich bin dort mit einer Jogginghose reingegangen, um mir einen Cheeseburger zu holen und dann schauen mich original alle an, weil ich so casual gekleidet war und sie alle so schick waren. Für die ist das ein amerikanisches Restaurant und da macht man sich schick. Ich war so underdressed (lacht).
Ist deine Verwandtschaft dort offen für deinen Beruf?
Ganz ehrlich, ich habe bis heute keinen Begriff für meine Tätigkeit gefunden, es gibt keinen Begriff auf Berbisch: Ich schreibe Texte und singe. Die jüngeren peilen das, aber wenn ich Gespräche mit der Schwester meiner Oma habe, dann wird's anstrengend.
Wie gefällt deine Musik eigentlich deiner Familie?
Mein engerer Umkreis feiert es natürlich. Meine Mutter findet es gut, sie weiß nur nicht, wie sie das Video anmacht. (lacht)
Du wurdest tatsächlich schon mit Beyoncé verglichen. Kannst du das nachvollziehen?
Nein. Ich wohne in Deutschland, ich bin Deutsche und habe marokkanische Wurzeln, ich singe auf deutsch und sehe auch nicht aus wie Beyoncé. Ich kann erahnen, warum Leute das sagen, aber wirklich verstehen kann ich das nicht. Aber das ist Meinung, das ist okay. Mit so einem Vergleich kann ich sehr gut leben, das ist eine gute Referenz.

