Nico Hojac & Simon Gietl: die Südtiroler "Drei Zinnen" in Rekordzeit
Nico, hast du überhaupt schon realisiert, was dir da gelungen ist?
Das ganze Projekt war eine spontane Aktion. Ich wurde von Südtirol-Tourismus eingeladen und konnte einen Tag etwas mit Simon Gietl unternehmen. Da wir beide professionelle Athleten sind, war der Fall schnell klar, dass wir etwas Ambitioniertes machen wollten. Simon kam dann mit der Idee, die drei Nordwände und die drei Kanten der drei Zinnen in einem Tag zu klettern. Wir wussten nicht, ob es zeitlich aufgehen würde, denn vor uns hat das noch niemand gemacht. So war dieses Projekt auch ein kleines Experiment. Einfach klettern, bis wir nicht mehr können oder wollen.
Wann in so einer Tour realisiert man, dass man es schaffen könnte? Gab es da eine Art Schlüsselmoment?
Als wir nach drei Routen zum zweiten Mal in Richtung Grosse Zinne loskletterten, wurde mir klar, dass wir es schaffen können. Zuvor hatten wir die Comici in der Grossen Zinne geklettert, gerieten dabei in einen Stau und mussten etwa fünf Seilschaften überholen. Dabei hatten wir ziemlich viel wertvolle Zeit verloren. Im Nachhinein müssen wir uns bei diesen Leuten bedanken, dass sie uns so grosszügig durchgelassen haben. Als wir dann nur noch die kleine Zinne vor uns hatten, wussten wir beide, dass wir es schaffen würden.
Gab es auch einen Moment, in dem du dachtest: Das schaffe ich nicht?
Für mich war alles etwas ungewiss, da ich keine der Routen kannte und nicht genau wusste, auf was ich mich da eingelassen hatte. Während dem Projekt musste ich immer mit dieser Unbekannten umgehen und durfte nicht die Zuversicht verlieren. Nach drei Routen, wenn man langsam etwas müde wird und denkt, dass man noch einmal drei Routen klettern muss, kann das einem schon die Psyche vermiesen.
Viel Vorbereitung gab es ja offenbar nicht. Schnell unterwegs warst du ja auch früher schon - aber war es nicht trotzdem etwas sehr mutig?
Das ist wohl eines der ersten Projekte, wo ich kaum darauf vorbereitet war. Da ich mich aber auf die kommende Expedition nach Indien vorbereite und sowieso trainiere, hat das aber nicht so eine grosse Rolle gespielt. Da ich noch keine der Routen geklettert bin, war das Know-How von Simon extrem wichtig und schlussendlich auch entscheidend.
Wie merkt man, dass man physisch und psychisch parat ist für so etwas?
Über das jahrelange Trainieren und unterwegs Sein habe ich gelernt, meine Fähigkeiten genau einzuschätzen. Davon hängt auch teilweise mein Leben ab, Selbstüberschätzung ist in den Bergen fatal. Als Allrounder kann man nie immer in allen Disziplinen fit sein, aber man kann sehr gut einschätzen, ob der aktuelle Stand im Training ausreicht oder nicht. Bei alpinen Projekten, wo die Verhältnisse eine grosse Rolle spielen, muss man spontan sein. Man kann sich nicht wie zum Beispiel in der Leichtathletik über ein Jahr auf einen Tag X vorbereiten, das geht bei uns Bergsteigern nicht. Man kann noch so fit sein, aber wenn am Tag X die Verhältnisse oder das Wetter nicht in Ordnung ist, kann man nichts machen.
Ueli Steck hat mal gesagt, dass er nach einem Rekord jeweils eine Art "Baby Blues" hat, bis er sein nächstes grosses Ziel ins Aug gefasst hat. Kennst du dieses Gefühl? Oder ist dir das fremd? Oder: Hast du sogar schon ein nächstes Ziel?
Da ich mich gerade auf das Hauptziel in diesem Jahr vorbereite - die Expedition an den Shivling - bin ich überhaupt nicht in ein Loch gefallen. Ich habe dieses Gefühl auch noch nie intensiv erlebt. Nach Projekten geniesse ich meist das „Cool down“ und beginne dann, nach und nach wieder neue Pläne zu schmieden. Das ist die einzige Zeit, wo man ohne schlechtes Gewissen mal etwas weniger trainieren kann.
Würdest du das Ganze noch mal wagen?
Ich würde das Projekt nochmals wagen. Aber dafür würde ich mich etwas besser vorbereiten wollen, um zu sehen, was man mit etwas Optimieren noch rausholen kann. Aber ich denke, es wird nicht lange gehen und die nächsten Seilschaften werden dieses Projekt in Angriff nehmen. Bei Rekorden ist immer etwas klar: Einer ist immer schneller.