ORGANICS. THE LIFETIME MAGAZINE: Herr Nukem, wie beschreiben Sie den Stil Ihrer Fotos?
HARIS NUKEM: Als ich zu fotografieren begann, wollte ich mit den Bildern eine stilistische Aussage treffen. Ich wollte etwas Einfaches schaffen, das die Leute noch nicht gesehen hatten. Mein Stil entstand im Wesentlichen aus der Verschmelzung der Modefotografie mit der Rohheit des Kriegsjournalismus – der Art von Nachrichtenbildern, die ich täglich im «Wall Street Journal» zu sehen bekam. Ziel war, etwas zu schaffen, von dem ich dachte, dass es cool aussieht.
Wie wurden Sie zum Künstler? Wussten Sie schon in jungen Jahren, dass die Fotografie Ihre Leidenschaft ist?
Ich fand visuelle Darstellungen, populäre Bilder und das, was eine Marke definiert, schon immer aufregend. Als Kind war ich besessen vom Zeichnen und wollte Comiczeichner werden. Leider aber landete ich in der Werbung, in einem sehr langweiligen Job. Ich spürte definitiv das Verlangen, härter zu arbeiten und etwas Grösseres zu erreichen, wusste aber nicht, was das sein könnte. Gemeinsam mit einer Freundin beschloss ich dann, ein kleines Mode-Business zu gründen. Als ich begann, Menschen in unseren Sachen zu fotografieren, merkte ich, dass mir das wirklich Spass machte. Ich blieb dabei und lernte ich immer mehr interessante Menschen kennen. Es war, als wäre ich von meinem Schreibtischjob in eine neue Welt versetzt worden, mit einer großen Vielfalt an Ideen, Philosophien und Charakteren.
Unter welchen Gesichtspunkten wählen Sie Ihre Models aus?
Ich habe mir in den vergangenen Jahren einen Kreis von tollen Freunden aufgebaut, die alle gern miteinander arbeiten. Und ich bin dankbar dafür, dass ich während meiner Arbeit noch mehr solcher faszinierender Persönlichkeiten und unterschiedlicher Charaktere kennenlerne. In meiner nächsten Ausstellung werden viele neue Gesichter zu sehen sein.
Ihre wichtigste Gabe als Künstler?
Ich glaube, dass man erst die Einzelaspekte einer Persönlichkeit, die ein Talent ausmachen, erkennen muss, um herauszufinden, worin man gut ist und worin schlecht. Wenn man dann seine Stärken auf die Dinge konzentriert, die Stärke benötigen, und andere Leute erledigen lässt, wovon man keine Ahnung hat, ist man ziemlich gut dabei. Die Kunstwelt kann sehr verschlossen sein.
Wie war es, Teil dieser Welt zu werden, und wie ist es heute als etablierter Fotograf?
Im Zuge der Reisen, die ich als Fotograf unternahm, landete ich irgendwann als Creative Director bei einem neu gegründeten Plattenlabel. Da erlebte ich, wie der Labelgründer jeden Tag mit gleichbleibendem Enthusiasmus denselben Pitch ablieferte. Das war beeindruckend. Dieser Typ wusste ganz genau, was er liebte – ich hingegen hatte bis dahin noch nie etwas gehabt, in dem ich mir so sicher gewesen war. Es war der Aufbau meiner ersten Ausstellung, der mich diesen unzerstörbaren Enthusiasmus empfinden liess.
Also ein Wendepunkt?
Das war der Zeitpunkt, ab dem es mir bei meinen Fotos viel mehr als zuvor darum ging, eine Geschichte zu erzählen, und die deshalb einen viel grösseren Produktionsaufwand benötigten. Diese neu gefundene Verbindung zur fotografischen Erzählung gab mir die Kraft, um in die Kunstwelt einzusteigen.
Was können wir in Zukunft von Ihnen erwarten?
Ich will grössere Narrative angehen und eine Reihe kleinerer Geschichten zu einer grossen verweben, sodass jede Arbeit für sich steht, aber alles auch eine Bedeutung als Ganzes hat. Ich freue mich darauf, die digitale Welt zu erforschen. Die wachsende Popularität von NFTs («Non-Fungible Tokens», eine Art digitaler Besitznachweise, dank derer sich Werke mit Einzigartigkeitsstempel verkaufen lassen; Anm.) ist aufregend. Sie haben einen Raum erschaffen, in dem Talente jenseits der Galerien, etwa 3-D-Animations- und Grafikkünstler, Anerkennung erfahren können.
Haris Nukem
Jahrgang 1989, wollte als Kind Comiczeichner werden. Der künstlerische Autodidakt startete sein eigenes Mode-Business, ehe er auf Fotografie umsattelte. Heute zählt der Londoner mit bosnischen Wurzeln zu Europas aufregendsten Fashion-Fotografen.
Ausstellungen: maddoxgallery.com