Gute Laune: die Stimmung bei den Tests in Mexiko ist gut.
Adventure Racing

Das perfekte Equipment für das Red Bull X-Alps

© Sepp Inniger
In "Road to Red Bull X-Alps" berichtet Patrick von Känel monatlich von seiner Vorbereitung auf das härteste Adventure Race der Welt. Episode 2: Welches Equipment braucht es eigentlich?
Autor: aufgezeichnet von Susanne Loackerveröffentlicht am
"Ich lebe nicht nur fürs Fliegen. Ich lebe auch vom Fliegen. Bei der Schweizer Firma Advance bin ich als Testpilot angestellt. Im Moment bin ich gerade in Mexiko. An einem Ort, wo andere Ferien machen, darf ich behaupten, ich sei am Arbeiten. Ich habe einen echt einzigartigen Job.
Patrick von Känel fliegt mit seinem Testschirm eine Runde vor dem Sonnenuntergang in Mexiko.
Traumhafte Landschaft: in Mexiko testet Patrick seinen neuen Gleitschirm.
Wir sind auch wirklich gerade mit Hochdruck dran, dem neuen Gleitschirm fürs Red Bull X-Alps den letzten Schliff zu geben. Wir nutzen die Thermik, die es in der Schweiz nur im Sommer gibt. Hier in Mexiko herrschen im Moment perfekte Flugbedingungen.
Einen Gleitschirm konstruieren bedeutet immer ein Ringen um den optimalen Kompromiss: Ein Schirm muss technisch ausgefeilt sein, damit er möglichst viel Leistung hat, also so perfekt wie möglich gleitet. Er muss aber auch einfach sein im Handling. Diese beiden Anforderungen beissen sich manchmal.

Wie wird ein Gleitschirm getestet?

Wenn wir einen Schirm testen, geht das so: Unser Designer in Österreich zeichnet am Computer ein Modell, das dann in Vietnam als Prototyp hergestellt wird. Der Eigentümer von Advance hat in Vietnam eine eigene Produktion aufgebaut, wo quasi Schweizer Verhältnisse herrschen. Wir sind in regem Austausch und selber auch manchmal dort vor Ort. Auch die Leute, die in Vietnam arbeiten, kommen ab und zu in die Schweiz. Aus Vietnam kommt der Gleitschirm zu uns, also je nachdem in die Schweiz oder dorthin, wo wir gerade testen. Wir schauen dann, was an dem Schirm schon perfekt ist und was noch verbessert werden kann. Unser Feedback geht anschliessend zu unserem Konstrukteur und der baut dann einen neuen Prototyp. Das geht so lang weiter, bis wir alle überzeugt sind, dass der Schirm in Serie gehen kann.
Patrick von Känel und ein Kollege testen in Mexiko das Material für das Red Bull X-Alps.
Kritischer Blick: das Material muss auf den Punkt funktionieren.

Beim Red Bull X-Alps braucht es besondere Gleitschirme

Einen Schirm für die Red Bull X-Alps zu designen ist eine der grössten Herausforderungen. Der Anspruch an diesen ein Schirm ist extrem hoch. Er muss möglichst leicht sein, jedoch viel Leistung haben, damit wir an guen Flugtagen möglichst weit kommen. Dazu muss er einfaches Verhalten bei extremen Wetterbedingungen haben - und am Ende müssen wir mit dem Schirm noch die Zertifizierung bestehen. Mit einem normalen Gleitschirm kann man etwa 40 Stundenkilometer erreichen. Am Red Bull X-Alps beschleunigen wir auf bis zu 60.
Patrick von Känel bereitet seinen Gleitschirm für den nächsten Flug vor.
Trotz konzentrierter Arbeit: die gute Laune bleibt!
Das bedeutet, dass es einem auch passieren kann, dass man mit 60 km/h in eine Turbulenz fliegt und der Schirm zusammenklappt. Jetzt ist das einfache Handling gefragt: Man muss den Schirm wieder aufklappen können, schnell und nicht zu kompliziert. An diesem Schirm, den wir am nächsten Red Bull X-Alps einsetzen möchten, arbeiten wir jetzt seit gut einem Jahr. Das Ziel ist, dass er im März zertifiziert wird. Dazu muss der Pilot vorgeschriebene Manöver fliegen und unter anderem auch einen realen «Klapper» produzieren, damit man sieht, wie sicher der Gleitschirm verhält. Dazu wird ganz vorne am Schirm eine Leinen-Ebene montiert. Wenn man da dran zieht, klappt der Schirm ein. Die Klapper erfliegen wir in Ruhebedingungen und über Wasser. Denn wir gehen ans Limit – sowohl an das des Schirms als auch an unseres als Piloten. So könnte es vorkommen, dass wir die Kontrolle verlieren, wenn man den Schirm mit über 60km/h komplett einklappen lässt, Dann müssen wir unseren Rettungsschirm werfen. Deshalb machen wir diese Manöver nur über sicherem Untergrund.
Wie ein geplanter "Klapper" in schwindelerregender Höhe aussieht, kannst du dir im Player unten anschauen:
Paragleiten · 1 Min
Ein Klapper in der Luft: Test für Nerven und Material
Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, dass der Schirm nicht allzu kompliziert ist, auch wenn er nicht gerade einklappt: Am letzten Red Bull X-Alps hatte ich in ruhigen Momenten in der Luft einige Male Sekundenschlaf. Kein Wunder, wenn man jeden Tag siebzehneinhalb Stunden unterwegs und hundemüde ist. Da spielt es natürlich eine Rolle, wie man mental beisammen ist. Und klar, ein guter Schirm motiviert enorm. Der ist gut fürs Selbstbewusstsein.

Nicht zu unterschätzen: das richtige Hiking-Schuhwerk

Doch das beste Selbstbewusstsein nützt nichts, wenn einem nach drei Tage die Knie wehtun oder man sich erkältet. Deshalb ist am Red Bull X-Alps nicht nur der Schirm extrem wichtig: Auch die Schuhe spielen eine wichtige Rolle. Ich habe jeweils etwa acht Paar dabei, damit ich zwischen verschiedenen Dämpfungen abwechseln kann, damit die Belastung auf die Gelenke nicht so extrem monoton ist. Auch die Kleidung ist wichtig: Wenn das Shirt nicht schnell trocknet, wenn man geschwitzt hat, wenn man in der Luft friert oder wenn die Hose zwischen den Beinen reibt, dann macht das alles keinen Spass. Die Socken müssen das richtige Mass an Kompression haben, dürfen aber nicht einschneiden. Da muss man vorher entscheiden, weil man nicht einfach alles einpacken kann, was man möchte – man muss es ja mitschleppen. Auch hier ist also ein optimaler Kompromiss das Ziel. Wir tragen in unseren Rucksäcken jeweils sechs, sechseinhalb Kilo mit. Jeden Tag, an dem wir durchschnittlich 30 Kilometer und 3000 Höhenmeter zu Fuss abspulen.
Patrick von Känel wandert beim Red Bull X-Alps 2019 einen Berg hinauf.
Nicht nur die Schirme, auch das restliche Equipment muss top sein.
Das Testen des Materials, das natürlich von einer Red Bull X-Alps-Austragung zur nächsten enorme Sprünge macht, ist zwar enorm zeitaufwendig, für mich aber auch total spannend. Es ist sogar einer der Hauptgründe, weshalb ist das Red Bull X-Alps so mag, denn durch das Testen der verschiedenen Materialien lerne ich selbst immer sehr viel dazu. So kann ich mich von Jahr zu Jahr verbessern.
Ich freue mich darauf, wenn unser Schirm fertig und zertifiziert wird. Es ist eine extreme Befriedigung, wenn man am Schluss einen guten Schirm hat, mit dem man ein so extremes Rennen wie das Red Bull X-Alps bestreiten kann und den auch andere Athleten verwenden. Wie gesagt: Der Beruf des Testpiloten ist einzigartig."
Mehr zum Red Bull X-Alps erfährst du auch auf der Website des Events.