Rennrad vs. Cyclocross: Die Unterschiede am Bike und bei den Rennen
Der neunmalige Tour de France-Etappensieger Wout van Aert macht es. Thomas Pidcock macht es. Wann wechselst du das Bike und crosst munter durch den Winter?
Der Winter ist da – in der Radsport-Welt heißt das übersetzt: Cyclocross-Season is on! Die kalte Jahreszeit ist für viele Rennradfahrer:innen die Zeit, um mit dem Crosser abseits der Straße Gas zu geben. Selbst Cycling-Pro’s wie Wout van Aert oder Thomas Pidcock wechseln im Winter ihr Bike. Aber warum eigentlich? In diesem Artikel lernst du die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Crossen und dem Rennradfahren.
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Was ist Cyclocross?
Seinen Ursprung hat Cyclocross in einer Bike-Nation: Frankreich. Zu Beginn des 20 Jahrhunderts gab es nicht viele asphaltierte Straßen, deshalb waren viele Radsportler:innen auch im Open Ground unterwegs. Auf dem Acker, im Wald, überall dort, wo halbwegs gefahren werden konnte. Natürlich war dadurch auch eine spezielle Fahrtechnik nötig, um die ganzen Hindernisse wie Zäune, Treppen, umgefallene Bäume hinter sich zu lassen. Et voilà: ein neuer Style des Radfahrens war geboren.
Die Cyclocross-Saison ist klassischerweise im Herbst und Winter. Aus einem ganz pragmatischen Grund: durch die hohe Intensität der Sportart und die Laufpassagen frieren wir weniger. Das heißt gleichzeitig: Cyclocross eignet sich auch hervorragend, um sich im Winter fit zu halten. Mehr noch: Wir bereiten uns auf die darauffolgende Rennrad-Saison vor.
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Die Tracks
Matsch, Sand, Wurzeln: Bei diesen Rennen machen die Fahrer vor nichts halt.
Durch die vielseitigen Möglichkeiten sind Cyclocross-Pisten technisch schwerer zu handeln als normale Rennrad-Routen. Du kannst die Intensität deiner Tour nicht nur durch Anstiege oder den Speed steuern, sondern auch durch das Gelände, in dem du unterwegs bist.
Besondere Strecken erfordern besondere Bikes. Einfach gesagt, sind Cyclocrosser geländegängige Rennräder. Warum sich ein klassisches Rennrad nicht easy peasy zum Crosser umbauen lässt? Der Hauptgrund dafür sind die Reifen, die bei einem filigranen Rennrad schlichtweg keinen Platz haben. Bei Cyclocrossern werden profilierte Reifen verbaut. Breite (meistens zwischen 32 und 35 Millimetern) und Profil sorgen für optimalen Grip im Gelände.
Race-Wissen: Bei Cyclocross-Rennen ist die Reifenbreite auf höchstens 33 Millimeter begrenzt.
Ein weiterer Unterschied zwischen einem Cyclocrosser und einem Rennrad ist der Rahmen, beziehungsweise die Geometrie: Das Oberrohr ist kürzer, der Lenkwinkel flacher. Außerdem ist das Tretlager weiter oben, um mehr Bodenfreiheit zu generieren. Das Resultat: auf einem Crosser sitzt du wesentlich kompakter als auf einem Rennrad. Das Bike lässt sich noch agiler bewegen, ist wendiger und downhill leichter zu kontrollieren.
Race-Wissen: Das Oberrohr ist bei den meisten Cyclocrossern an der Unterseite abgeflacht. Dadurch lässt sich das Bike in Tragepassagen angenehmer Schultern. Aus gleichem Grund werden externe Bowdenzüge auch an der Oberseite des Oberrohrs verlegt.
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Die Rennen
Vollgas auf der Strecke, Volksfest-Feeling daneben.
Seit dem Jahr 1950 gibt es die Rennen, die vom Weltverband UCI organisiert werden. Durch die besondere Charakteristik (zuschauerfreundliche Rundkurse) herrscht Volksfest-Feeling bei den Events - vor allem in den beiden Cross-Nationen Belgien und Holland. Neben den Weltcup zählt die Superprestige Rennserie zu den größten Events im Cyclocross. Alle Rennen haben dabei eine Gemeinsamkeit: die Dauer. Cyclocross-Wettkämpfe sind immer zeitlich begrenzt – in der Elite-Klasse auf 60 Minuten bei den Männern und 50 Minuten bei den Frauen. Aufgrund der Kürze der Rennen, geht es bei diesen Contests gleich nach dem Startschuss richtig zur Sache. Im Unterschied dazu gibt es eine solche zeitliche Begrenzung bei Straßenrennen nicht.
Die Strecken sind unterschiedlich, die Rennen sind unterschiedlich, die Anforderungen sind unterschiedlich. Da wäre es eine Überraschung, wenn es beim Rennrad- und Cyclocross-Training nicht einige Besonderheiten zu beachten gebe. Grundsätzlich geht es weiterhin ums Radfahren und um Ausdauer, kräftig treten musst du also immer. Cardio-Training gehört auf beiden Seiten zu den Basics für das spezifische Training. Deshalb ergänzen sich die beiden Radsport-Formen auch sehr gut. Wer im Sommer viel auf seinem Rennrad sitzt, wird im Winter Vorteile auf dem Crosser haben – und andersherum. Um beim Cyclocross besser zu werden, solltest du dein Training aber stärker als beim Rennradfahren auf folgende Aspekte fokussieren:
• Allgemeine Athletik
Beim Cyclocross geht es nicht nur ums reine Radfahren, sondern auch ums Laufen. Konkret: Jump on, Jump off, Bike schultern, Treppen hinauflaufen. Das ist anstrengend, deine allgemeine Athletik ist gefordert. Deshalb solltest du beim Training nicht nur auf dem Rad sitzen, sondern auch Laufeinheiten absolvieren und deine Rumpfmuskulatur als auch deine Arme stärken.
Treten und Tragen: Cyclocross erfordert ein breites Skill-Set.
Startschuss: Powermodus On! Beim Cyclocrossen musst du mit Maximalkraft sprinten können. Und zwar nicht nur einmal, sondern mehrfach hintereinander. Und nicht nur im Flachen, sondern auch an steilen Rampen. Explosive Fahrertypen wie Red Bull-Athlet Wout van Aert sind hier klar im Vorteil. Mehr Power bekommst du zum Beispiel mit einem gezielten Sprinttraining – etwa mit VO2max- beziehungsweise 30/30-Intervallen. Abseits des Bikes kannst du außerdem mit einem gezielten Krafttraining für die Beine im Gym an deiner Beinkraft arbeiten.
Trainingstipp: Zehnmal x 30/30 Sekunden – VO2max-Sprint im Wechsel mit lockerem Pedalieren im Kompensationsbereich. Sprinte fast aus dem Stand mit einem schweren Gang los, für ca. 30 Sekunden. Danach 30 Sekunden Recovery. Und so weiter.
• Fahrtechnik
Enge Kurven, schwieriger Untergrund, harte Battles um die Position: beim Cyclocross musst du dein Bike beherrschen und dich in jeder Situation schnell und wendig bewegen können. Deshalb kann es dir Vorteile bringen, wenn du an deiner Fahrtechnik feilst. Suche dir einen Circuit, der möglichst viele Herausforderungen bereit hält und versuche alles technisch clean zu meistern – es kommt am Anfang nicht unbedingt auf die Geschwindigkeit an. Die kommt irgendwann ganz von selbst.
Durch Pfützen, Matsch und Waldkuhlen: Thomas Pidcock beim World Cup-Rennen.
Die Unterschiede zwischen den beiden Radsport-Arten haben wir detailliert herausgearbeitet. Am Ende bleiben jedoch viele Gemeinsamkeiten. Du musst dich also nicht für das Eine oder Andere entscheiden. Viel besser ist: Two Way-Prinzip! Beim Cyclocrossen kannst du deine Fahrtechnik optimieren, wirst explosiver und kannst ideal den Winter überbrücken. Auf dem Rennrad hast du dafür einen größeren Streckenradius, kannst mit noch mehr Speed fahren und bist einfach leichtfüßig unterwegs. Also schnapp dir dein Bike und fahr los - egal, ob auf der Straße oder im Gelände.