On top: Patrick von Känel mit seinem Mountainbike auf dem Gipfel.
© Ueli Gyger
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Red Bull X-Alps: Auf der Jagd nach dem «Magic Moment»

Die mentale Herausforderung beim Red Bull X-Alps selbst ist enorm. Doch auch während der ganzen langen Vorbereitungszeit spielt der Kopf eine Hauptrolle. Patrick von Känel erklärt wieso.
Autor: aufgezeichnet von Susanne Loacker
veröffentlicht am
"Vier Supporter arbeiten seit Monaten mit mir zusammen aufs Red Bull X-Alps hin. Wenn ich mal einen Durchhänger habe, denke ich an sie: Sie geben mir so viel von ihrer Zeit, ich bin ihnen auch etwas schuldig.
Und natürlich möchte ich wieder solche Momente erleben wie am letzten Red Bull X-Alps. Dieser Moment, wo das Mittelmeer auftaucht, wo die Côte d’Azur in Sichtweite kommt, wo man weiss, dass man den ganzen Alpenkamm von Salzburg bis nach Monaco mit nichts als dem Gleitschirm und zu Fuss überwunden hat. In einem solchen Moment könnte ich weinen vor Freude.

Emotionen im Sekundentakt

Obwohl Erfolg und Misserfolg im Sport oft nahe beisammen liegen, könnten die gefühlsmässigen Pole nicht weiter von einander entfernt sein. Weinen vor Glück, heulen vor Enttäuschung – diese Extreme liegen oft nur Sekunden auseinander. Die Kunst ist es, sich von Enttäuschungen nicht zu lang runterziehen zu lassen. Daran arbeite ich im Moment mit meinem Physio und Mentaltrainer Urs von Känel. Natürlich darf und soll man negative Gefühle zulassen. Doch dann muss man wieder nach vorne schauen. Kurzfristig heisst das: Was ist mein Plan B? Und längerfristig: Was kann ich das nächste Mal besser machen? Rückschläge gehören dazu – es ist nicht so, dass sie nicht passieren dürfen. Fatal wäre es, nichts daraus zu lernen.
Patrick von Känel beim Kitesurfen mit seinem Board in der Hand an Land.
Jede Herausforderung bedeutet auch eine Chance
Ich schätze, dass für mich aus 10 Rückschlägen acht Gelegenheiten resultieren, in denen ich einen Fehler kein zweites Mal mache. Erfahrung ist Gold Wert am Red Bull X-Alps. Denn nach vier, fünf Tagen fällt man in eine Art Trance-Zustand. Der Körper kann sich in den rund fünf Stunden Schlaf nie vollständig regenerieren. Irgendwann ist man einfach nur noch hundemüde. Ich habe gelernt, wann ich meinem Kopf eine Pause gönnen darf: Wenn ich einer Strasse entlang gehe, zum Beispiel. In der Luft hingegen muss ich hellwach sein. Dort sind Fehler nicht nur folgenschwerer fürs Rennen, sondern auch viel gefährlicher. Beim Fliegen muss ich jederzeit wichtige Entscheidungen treffen können.

"Magic Moment" in der Schweiz

Am letzten Red Bull X-Alps begann der fünfte Tag regnerisch. Wir waren in der Surselva unterwegs, von Chur in Richtung Andermatt. Plötzlich kam die Sonne hervor, es entstand Thermik. Wir waren zur perfekten Zeit am Startplatz, ich konnte sofort in die Thermik starten, machte sicher 25 Kilometer in der Luft gut. Das war ein ziemlicher Magic Move. Doch dann schoben sich Wolken vor die Sonne, die Thermik liess nach und ich soff ab, wie man im Fachjargon sagt. Da stand ich also im Tal unten, sicher eine Stunde vom nächsten Startplatz entfernt, als sich die Wolken verzogen. Jetzt fliegt mir sicher die Konkurrenz über den Kopf, dachte ich, während ich den Schirm zusammenfaltete. Ich war ziemlich enttäuscht und recht ratlos. Es war alles so schnell gegangen, es war schon vier Uhr nachmittags und ich war zu müde, um eine Entscheidung zu treffen. Also rief ich meinen damaligen Mentalcoach an, Thomas Theurillat von Oneday Coaching. Er fragte mich, welche Optionen ich hätte. Die waren: es für den Tag gut sein lassen, der Strasse entlang weiter gehen oder zum nächstmöglichen Startplatz hinauf hiken.
Patrick von Känel während einer Pause beim Red Bull Alpenbrevet 2019.
Pause oder weiter machen? Die Kunst ist, sich immer neu zu motivieren.
«Worauf hast Du am meisten Lust?», fragte Thomas. Da war für mich klar: Ich will noch mal in die Luft. Also stieg ich zum nächsten Startplatz und konnte noch einmal fliegen. Am Abend dieses Tages posteten die Organisatoren, ich hätte an diesem Tag die meisten Kilometer in der Luft zurückgelegt. Aus dieser Episode habe ich nicht nur gelernt, dass Aufgeben keine Option ist, sondern auch, dass für mich ein guter Plan B ebenso wichtig ist wie ein guter Plan A.
Im Moment arbeiten wir an meinem idealen Leistungszustand. Das ist quasi der Moment, wo ein Auto mit 200 PS auch wirklich 200 PS liefern kann, wo der Motor perfekt rund läuft.
Patrick von Känel

Erwarte das Unerwartete!

Allerdings gibt es am Red Bull X-Alps auch Aspekte, die man fast nicht planen oder trainieren kann: die Müdigkeit, den Schlafmangel. Umso wichtiger ist es, vor dem Rennen so fit wie möglich zu sein. Im Moment arbeiten wir an meinem idealen Leistungszustand. Das ist quasi der Moment, wo ein Auto mit 200 PS auch wirklich 200 PS liefern kann, wo der Motor perfekt rund läuft. Wir gehen im Training so vor, dass wir analysieren, an welchen Momenten in früheren Rennen ich in meinem idealen Leistungszustand war. Dann verwende ich Visualisierungen, um diesen Zustand abzurufen. Denn je fitter man physisch ist, desto schneller kann man regenerieren und desto fitter kann man am Morgen aufstehen. Dieser physische Aspekt hat enormen Auswirkungen auf die Motivation. Denn nach 30 km Gehen, 1000 Höhenmetern und fünf Stunden Schlaf aufzustehen ist mental eine riesige Herausforderung.
Patrick von Känel bei einer Skitour in der Vorbereitung zum Red Bull X-Alps 2021.
Abwechslung in der Vorbereitung ist das A und O.
Nicht unterschätzen darf man aber auch die Herausforderung, sich über so lange Zeit auf einen Wettkampf vorzubereiten. Ich schaue, dass ich mir die Freude erhalte, indem ich für Abwechslung sorge. Ich gehe also nicht um jeden Preis jeden Tag Gleitschirmfliegen, sondern auch mal Kite-Surfen, Biken, Skitouring oder Skaten. Es sind diese kleinen, magischen Momente, die machen, dass ich die Freude nicht verliere: am Abend hier bei mir in der Gegen noch rasch auf den Berg laufen, drei, vier Minuten in den Sonnenuntergang fliegen. Oder beim Streckenfliegen viele schöne Orte sehen und nach acht Stunden Flugzeit voller Eindrücke und Emotionen heimkommen. Diese Magic Moments sammle ich. Und ich will mehr davon."
Am 17. Juni 2021 startet der Prolog zum Red Bull X-Alps in Salzburg. Auf der Website redbullxalps.com bekommst du immer aktuelle Infos und kannst das Rennen im Live Tracking mitverfolgen.
Kleiner Vorgeschmack? Schau dir hier noch einmal die Highlights des Red Bull X-Alps 2019 an:
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