Screenshot from the arcade racing game Screamer
© Milestone
Games

Screamer bringt das klassische Arcade-Racing zurück

Anime-Optik, Visual Novel-Kampagne und ein Drift-Gameplay, das an Genreklassiker wie Ridge Racer oder Burnout erinnert: Screamer ist eines der spannendsten Arcade-Rennspiele der letzten Jahre.
Autor: Phil Briel (@nophilterde)
7 min readPublished on
Milestone ist vor allem für realitätsnahe Rennspiele wie MotoGP 26 oder RIDE 6 bekannt. Und doch beweist das italienische Studio mit Titeln wie Hot Wheels Unleashed 2 immer wieder, dass sie auch abseits der realistischen Pfade ihr Handwerk verstehen. Mit Screamer hat das Team nun eines der spannendsten Arcade-Rennspiele der letzten Jahre geschaffen: Drift-Gameplay mit einer Spur Ridge Racer, Takedowns wie in Burnout und eine Anime-Ästhetik als Hommage an legendäre Anime und Videospiele der 80er und 90er Jahre. Das funktioniert erstaunlich gut.
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Rennspiel trifft Anime: Screamer ist erfrischend anders

Screenshot aus Screamer zeigt ein Rennen

Screamer setzt auf ein herrlich oldschooliges Gameplay

© Milestone

Wer die Trailer und Screenshots zu Screamer wälzt wird sofort die einzigartige Anime-Ästhetik des Arcade-Rennspiels bemerken, bei der sich das italienische Studio zweifellos von Klassikern wie "Ghost in the Shell" oder "Akira" inspirieren ließ. Die wird im Racer von dem renommierten japanischen Studio Polygon Pictures in schicken Zwischensequenzen gekonnt in Szene gesetzt, die die 24 Kapitel der Story-Kampagne in einen stimmigen Rahmen verpacken.
Was Screamer von nahezu jedem anderen Rennspiel unterscheidet, ist der klare Fokus auf die Erzählung im Solo-Modus. Das Turnier, so der Name der Kampagne, greift dabei die Prämisse eines King-of-Fighters-Wettbewerbs auf. Im Story-Modus steuert man ein Dreiergespann aus Rennfahrer:innen, das auf Rache sinnt. Anführer Hiroshi wird begleitet von Róisín und Frederic. Besonders cool: Jede Figur spricht in der Sprache, die ihrer Nationalität entspricht. Deutsch, Englisch, Hindi oder Französisch - alles mit dabei. Verrückt: Selbst ein Hund nimmt in der Story eine zentrale Rolle ein. Die Verständigung ist dank eines futuristischen Übersetzer-Implantats kein Problem.
  • Welche Teams gibt es in Screamer? Beim Turnier treten fünf Teams an, die sich aus jeweils drei Charakteren zusammensetzen. Die Green Reapers, Strike Force Romanda, Jupiter Stormers, Anaconda Corp. und Kagawa-Kai.
Erzählt wird die Geschichte über mehr als 30 Minuten Anime-Zwischensequenzen, die sich mit starren Text-Passagen abwechseln. Jedes Story-Kapitel setzt dabei auf einen Teil, der die Handlung vorantreibt und ein Rennen oder Event. Wer eine fesselnde Story erwartet, ist hier zweifellos nicht an der richtigen Adresse. Und doch sorgt die Anime-Geschichte in Screamer für ein frisches Gefühl, das den Racer einer ganz neuen Zielgruppe zugänglich machen dürfte.
Screenshot aus Screamer zeigt ein Gespräch mit Frederic

Screamer erzählt seine Geschichte in Anime-Sequenzen

© Milestone / Phil Briel

Ärgerlich: Jedes Story-Kapitel setzt sich aus mehreren Minuten Zwischensequenzen, noch längeren Textblock-Passagen und lediglich einem Rennen zusammen, das in 2-3 Minuten abgehandelt ist. So will einfach kein wirklicher Spielfluss entstehen. Glücklicherweise wartet Screamer mit zahlreichen weiteren Spielmodi auf, die von klassischen Einzelrennen über verschiedene Herausforderungen bis hin zu umfangreichen Multiplayer-Optionen kaum Wünsche offen lassen.
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Twin-Stick-Steuerung: Frischer Wind im Rennspiel-Genre

Doe vielleicht mutigste Design-Entscheidung in Screamer ist das Steuerungskonzept. Screamer setzt auf das sogenannte Twin-Stick-System: Mit dem linken Stick wird gesteuert, mit dem rechten gedriftet. Wer beide Sticks gekonnt miteinander kombiniert, erreicht mit aggressiven Powerslides und coolen Drifts einen unglaublichen Flow.
Screenshot aus Screamer zeigt ein Nachtrennen

Die Twin-Stick-Steuerung funktioniert hervorragend

© Milestone / Phil Briel

Statt wie gewohnt die Handbremse mit Lenkeinschlägen zu verbinden, driftet man in Screamer intuitiv mit dem rechten Stick. Das erfordert etwas Eingewöhnung, aber nach ein paar Rennen fühlt sich das Anbremsen von Kurven richtig gut an. Vor allem ein perfekter Drift durch eine langgezogene Kehre lässt wohlige Erinnerungen an Genre-Klassiker wie Ridge Racer aufkommen. Nur, dass sich das aufgrund der Steuerung frisch und innovativ anfühlt.
Zusätzlich zum Driften jongliert man Gaspedal, Bremse, Schaltung, Boosts und Spezialfähigkeiten gleichzeitig. Das mündet in einem äußerst komplexen Gameplay-Konstrukt, das Screamer von vielen anderen Arcade-Racern abhebt und das in der Praxis außerordentlich gut funktioniert. Auch, weil Screamer mit dem ECHO-System auf eine Mechanik setzt, die mehr an Fighting Games erinnert denn an klassische Rennspiele.
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  • Millimeterarbeit: Wer im BMW-Werk seinen Drift-Boliden bis an die Grenzen bringen will, darf sich keinen Fehler erlauben. Gut, wenn mit Eli Hountondji dabei einer der Red Bull Driftbrothers am Lenkrad sitzt. Gebt euch das beeindruckende Video.

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Fighting Game trifft Racing: Das ECHO-System

Das ECHO-System kombiniert einen Fighting-Game-Meter mit einem Arcade-Racer auf eine Art, die überraschend gut funktioniert. Wenngleich es zweifellos etwas Zeit braucht, um sie zu verinnerlichen. Für erfolgreiche Drifts, das Hochschalten im perfekten Moment und über Zeit sammelt man Energie, die sich dann für verschiedene Spezialfähigkeiten nutzen lässt.
Per Tastendruck lässt sich ein Boost aktivieren, der euch einen massiven Geschwindigkeitsschub verleiht. Besonders, wenn ihr das voranstehende Quick-Time-Event im gelben Bereich absolviert, was die Boost-Dauer merklich verlängert. Hinzu kommen jeweils eine defensive Fähigkeit in Form eines Schildes und ein Ramm-Angriff, mit dem sich Kontrahenten kurzerhand von der Strecke pusten lassen.
Screenshot aus Screamer zeigt den Overdrive

Im Overdrive werdet ihr zur fahrenden Abrissbirne

© Milestone / Phil Briel

Zwei Balken am oberen Bildschirmrand informieren dabei über den Ladezustand der Fähigkeiten. Und wer diese bis auf das Maximum anwachsen lässt, schaltet in den Overdrive-Modus, der euch quasi zur rasenden Abrissbirne auf den Kursen macht. Klingt mächtig, geht aber mit einem hohen Risiko einher: Wer im Overdrive die Leitplanke küsst, schaltet sich kurzerhand selbst aus.
  • Die vier ECHO-Fähigkeiten in Screamer: Boost (eine einfache Geschwindigkeitssteigerung), Strike (ist ein kurzer Schub, mit dem man Gegner ausknocken kann), Shield (bietet Schutz vor den Angriffen) und Overdrive (ein längerer und stärkerer Boost samt Strike-Fähigkeit).
Grundsätzlich funktioniert das System zweigeteilt: Die linke Seite steuert Schaltung und Boost, die rechte Seite baut Schild und Strike-Fähigkeiten auf. Das schafft ein echtes Risiko-Belohnungs-Verhältnis, das Screamer gekonnt von anderen Arcade-Racern abhebt. Mit den Takedowns erinnert das Spiel mitunter an die Burnout-Games.
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Motivierende Rennen

Auf der Strecke macht Screamer vieles richtig und begeistert mit einem herrlich motivierenden, vielschichtigen und gelungenen Gameplay. Wenn ihr mit bis zu 300 km/h durch die in buntes Neonlicht gehüllten japanischen Innenstädte oder die ländlicheren Strecken heizt und der satte Elektro-Soundtrack durch die Boxen oder das Headset dröhnt, entfaltet sich ein packendes Spielerlebnis.
Das Handling der Boliden, von denen jede Spielfigur über einen eigenen fahrbaren Untersatz verfügt, ist angenehm präzise und direkt, sodass auch Genre-Neulinge sich schnell zurecht finden. Screamer ist schnell, schnörkellos und doch hinter der Fassade so komplex, um den Rennen eine taktische Komponente zu verleihen.
Screenshot aus Screamer zeigt den Strike

Mit dem Strike lassen sich gegnerische Fahrer:innen ausschalten

© Milestone

Es gibt nicht mehrere Power-ups wie in Mario Kart World Tour oder Blur, keine Boost-Streifen wie in F-Zero und auch kein Schadensmodell mit Auswirkungen auf das Fahrverhalten wie in Wreckfest 2. Doch Screamer pickt sich bewusst die besten Elemente der genannten Genrekollegen aus und schafft daraus eine eigene, einzigartige Mischung.
Gerade im Story-Modus fallen die Aufgaben, wenngleich sehr kurz, abwechslungsreich aus. Mal gilt es, ein Rennen auf dem Podium zu beenden. Mal, eine vorgegebene Zielzeit zu unterbieten und mal, innerhalb eines Zeitlimits fünf Gegner:innen per Takedown auszuschalten. Neben dem Turnier bietet Screamer einen klassischen Arcade-Modus sowie umfangreiche Multiplayer-Optionen: Im Splitscreen können bis zu vier Spieler lokal gegeneinander antreten. Online warten die "Screamer Mixtape"-Playlist für schnelle Matches sowie private Lobbys für Freundesrunden.
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Ein Anime zum selber spielen

Die Anime-Cyberpunk-Optik von Screamer funktioniert in der Praxis ausgesprochen gut und verleiht dem Game eine einzigartige Ästhetik im Rennspiel-Genre. Die Umgebungen sehen gut aus, die Fahrzeugmodelle sind stylisch und die Grafikeffekte gefallen. Zumal das Geschehen jederzeit butterweich über den Bildschirm flimmert.
Screenshot aus Screamer

Screamer sieht ziemlich stylisch aus

© Milestone / Phil Briel

Besonders die Spezialeffekte stehen Screamer ausgesprochen gut zu Gesicht. Blitze zucken über den Himmel, Suchscheinwerfer erhellen die Nacht und Takedowns werden durch stimmige Explosionen dargestellt. Ergänzt wird das durch einen treibenden Soundtrack, der das Geschehen auf der Strecke gekonnt untermalt.
Trotz stimmiger Technik bleibt Screamer aber in einigen Mechaniken hinter den Erwartungen zurück. Neue Charaktere und Strecken müssen im Story-Modus freigeschaltet werden, wobei jeder Charakter eine einzigartige Overdrive-Fähigkeit mitbringt. Die Fahrzeuge unterscheiden sich allerdings nur optisch voneinander. Die Werte wie Tempo, Beschleunigung und Handling sind hingegen identisch.
Auch Tuning-Features sucht man vergebens: Es gibt zwar eine Garage, in der sich die Boliden anpassen lassen, doch selbst das ist lediglich optischer Natur. Eine neue Motorhaube hier, eine andere Frontschürze dort.
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Englisch +3

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Screamer fühlt sich frisch an

Screamer ist kein gewöhnlicher Arcade-Racer. Milestone hat mit dem Titel seinen bislang unkonventionellsten Racer geschaffen und das Experiment scheint aufzugehen. Die Arcade-Grundlage und das Anime-Storytelling sprechen ein breites Publikum an, während das gelungene Gameplay und die jahrelange Erfahrung des Studios bei Genre-Fans die richtigen Hebel trifft.
Das Spiel verlangt durchaus Zeit und Bereitschaft zum Einarbeiten. Es belohnt diese Investition aber mit einem System, das so in einem Rennspiel noch nicht dagewesen ist. Wenngleich Screamer in vielen Bereichen gerne etwas mehr ins Detail gehen dürfte, erwartet euch hier einer der eigenwilligsten und spaßigsten Arcade-Racer der letzten Jahre.

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