Freeski
Wie Ski- und Snowboard-Athlet:innen die Grenzen des Freestyle ausloten
Die Halfpipe ist der ultimative Test für Flow, Amplitude und Kreativität. Entdecke, wie die besten Skifahrer:innen und Snowboarder:innen der Welt abheben.
Die Halfpipe ist der Ort, an dem Freestyle-Skiing und Snowboarding auf pure Kreativität treffen, eine schneebedeckte Bühne für einige der progressivsten Athlet:innen des Sports. Um zu verstehen, was die Halfpipe so besonders macht, haben wir den Kiwi-Freeskier und Olympiasieger Nico Porteous gebeten, uns die Grundlagen des Halfpipefahrens zu erklären - von der Technik über die Ausrüstung bis hin zu den Sportler:innen, die die Szene geprägt haben.
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Was ist Halfpipe?
Vereinfacht gesagt sind Halfpipe-Skiing und -Snowboarding Freestyle-Sportarten, bei denen die Athlet:innen auf einer U-förmigen Strecke aus hartem Schnee Tricks auf Skiern oder einem Snowboard ausführen. Sie fahren von einer Seite der Rampenwand zur anderen und stoßen sich an den Seiten ab, um so hoch wie möglich abzuheben und in der Luft Tricks zu zeigen.
Die Wände der Halfpipe sind in der Regel 6,7 m bis 7 m hoch. Die Streckenlänge kann variieren, beträgt aber in der Regel etwa 250 m. Im Wettkampf versucht ein:e Athlet:in, so viele Tricks wie möglich auszuführen, bevor der Kurs endet.
"Das Schöne an diesem Sport ist, dass es keine Regeln gibt! Es gibt zum Beispiel kein Zeitlimit für deinen Lauf. Das Ziel ist es vielmehr, die Halfpipe in einen Spielplatz zu verwandeln und dort alles zu tun, was du willst", sagt Porteous.
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Nicos Rewind
Freeskier Nico Porteous erzählt uns, dass es beim Gewinnen um mehr geht als um ein paar Tricks am Tag.
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Was ist die Geschichte der Halfpipe?
Der Aufstieg der Halfpipe ist den Snowboard-Pionieren in den späten 1970er Jahren zu verdanken, die den Nervenkitzel der Halfpipes auf ihren Skateboards nachahmen wollten. Anfangs wurden nur wenige gebaut, aber es schien eine Nachfrage zu geben und die Skigebiete begannen, auf solche zu setzen, um Snowboarder:innen anzulocken.
Die Erfindung einer Halfpipe-Präpariermaschine in den 1990er Jahren ermöglichte den Bau von permanenten Halfpipes und die Popularität der Snowboard-Halfpipe stieg weiter an.
Die Snowboard-Halfpipe wurde zum ersten Mal bei den Winterspielen 1998 in Nagano in Japan ausgetragen, während die Ski-Halfpipe ihr olympisches Debüt in Sotschi 2014 feierte.
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Was steckt hinter den Tricks, die du bei Halfpipe-Wettbewerben siehst?
Es gibt nicht viele Unterschiede in der Herangehensweise an Ski- und Snowboard-Halfpipes. Viele der Tricks, die ausgeführt werden, sind ähnlich, obwohl Skifahrer:innen mehr Geschwindigkeit erzeugen können als Snowboarder:innen.
Die Tricks können einfach oder extrem kompliziert sein. Sie beinhalten in der Regel Drehungen, Flips, Spins, Grabs, können schräg oder gerade sein und können dich in verschiedene Richtungen abheben und landen lassen. Die Athlet:innen müssen außerdem perfekt landen, um die Geschwindigkeit und den Schwung zu bekommen, die sie brauchen, um von der gegenüberliegenden Wand abzufliegen.
"Ich würde sagen, der Standardtrick ist der Double Cork 1260 - das sind zwei Backflips und dreieinhalb Drehungen in einem einzigen Sprung", erklärt Porteous. "Und meiner? Sagen wir, ein einfacher Straight Air, bei dem es nur darum geht, sehr hoch zu fliegen. Einen solchen Sprung zu beherrschen ist schon ein Kunststück, denn die Landung erfordert viel Technik und Kraft."
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Wie laufen Halfpipe-Wettbewerbe ab?
Bei Wettkämpfen gibt es normalerweise eine Qualifikationsrunde und dann ein Finale. Die Qualifikationsrunde dient dazu, die Anzahl der Athlet:innen, die im Finale antreten, zu verringern. Die Qualifikation besteht aus zwei Runs, wobei der beste als Ergebnis des/der Athlet:in gewertet wird. Wer sich für das Finale qualifiziert, nimmt die Punkte nicht mit, womit alles von vorne beginnt.
Ein Finale besteht in der Regel aus drei Runs, und wie in der Qualifikation wird die beste Punktzahl aus diesen für das Endergebnis gewertet.
"In der Regel haben wir etwa 20 Teilnehmer:innen am Start. Jeder durchläuft eine Qualifikationsphase und die besten 10 kommen dann ins Finale", sagt Porteous. "Ein Run wird nach fünf Kriterien bewertet: Weite, Schwierigkeit, Abwechslung, Ausführung und Progression."
"Die Amplitude ist die Höhe, die der Athlet oder die Athletin erreicht. Die Schwierigkeit ist die Komplexität der versuchten Tricks. Abwechslung ist die Vielfalt der Tricks, die während eines Runs angeboten werden. Die Ausführung bezieht sich auf die Qualität der Tricks - hast du zum Beispiel deine Hand auf dem Schnee schleifen lassen oder hast du dich bei der Landung eines Sprungs versehentlich hingesetzt. Und schließlich geht es bei der Progression darum, wie innovativ der Lauf war. Die Art und Weise, wie du die Grenzen des Sports verschiebst."
Je nach Wettbewerb entscheiden fünf bis sieben Kampfrichter über die Bewertung eines Runs , die auf einer Skala von 1-100 Punkten basiert. Sie bewerten den Gesamteindruck auf der Grundlage der von Porteous genannten Bewertungskriterien. Die beste und die schlechteste Wertung der Judges werden gestrichen, die verbleibenden drei Punkte werden gemittelt und ergeben die Gesamtnote.
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Wird für die Halfpipe eine spezielle Ausrüstung benötigt?
Halfpipe-Ski haben ein Twin-Tip-Design, d.h. beide Enden der Skier sind leicht nach oben gebogen, um das Fahren in verschiedene Richtungen zu erleichtern. "Wir tragen Skischuhe im Rennstil und unsere Skier sind sehr steif, um den G-Kräften standzuhalten. Außerdem haben sie sehr scharfe Kanten, genau wie im Skirennsport", fügt Porteous hinzu.
Wie bei den Halfpipe-Skiern sind auch bei den Halfpipe-Snowboards beide Enden nach oben gebogen und sie sind kürzer und breiter als die Skier auf der Piste.
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Wer sind die Legenden der Halfpipe?
In der Ski-Halfpipe gibt es natürlich Porteous, den aktuellen Olympiasieger, bei den Männern. Er selbst nennt Tanner Hall, Simon Dumont und Candide Thovex als seine Helden. Zu den aktuellen Stars gehören die Amerikaner David Wise und Alex Ferreira sowie der Franzose Kevin Rolland. Bei den Damen findet sich mit Eileen Gu eine Frau, die den Sport zu neuen Höhenflügen führt.
In der Snowboard-Halfpipe steht ein Name über allen anderen, wenn es um die weltweite Bekanntheit geht - Shaun White. Jetzt hat er sich zur Ruhe gesetzt und neue Größen wie die Australier Scotty James und Valentino Guseli haben das Ruder übernommen. Bei den Damen ist die Amerikanerin Chloe Kim die Frau, die es zu schlagen gilt, aber auch die Veteranen Queralt Castellet, Maddie Mastro und der aufstrebende Star Mitsuki Ono sind bei jedem Wettbewerb eine Gefahr für das Podium.
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Nicos Ratschlag zum Mitmachen
"Lass dich nicht von der Angst zurückhalten", sagt Nico Porteous
© Miles Holden/Red Bull Content Pool
Erlebe den Nervenkitzel: "Ich finde, die Leute sollten wirklich an Wettbewerben teilnehmen. Es wird etwas in dir entfachen. Die Tricks, die wir machen, wurden jahrelang perfektioniert und es ist ein Sport, der große Risiken birgt, aber auch große Belohnungen. Zwischen einer schlimmen Verletzung und einer perfekten Landung liegt wirklich nicht viel. Kurz gesagt, es ist sehr aufregend."
Das beste Alter, um anzufangen: "Ich persönlich habe mit sieben Jahren damit angefangen. Aber sagen wir mal, du solltest zumindest in der Lage sein, deine Skier zu kontrollieren. Natürlich gibt es einen relativ flachen Teil am Ende der Halfpipe, wo du damit beginnen kannst zu üben. Aber wenn du Angst davor hast, die Rampe zu fahren, solltest du es lieber nicht tun."
Lass dich nicht von der Angst zurückhalten: "Ja, es ist beängstigend, aber du gewöhnst dich daran. Je mehr du übst, desto normaler wird es. Aber wir leben mit der Angst - vor allem, weil wir immer an die Grenzen der Disziplin gehen."
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Queralt Castellet
Die spanische Profi-Snowboarderin Queralt Castellet beweist, dass Alter nur eine Zahl ist. Sie nimmt seit 2005 an Wettkämpfen teil und entwickelt sich dabei ständig weiter.
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