Eishockey
Eros Wagner: Die lebende Legende des Hockey Clubs Ambrì-Piotta
Eros Wagner ist eine Legende unter den Fans von Ambrì-Piotta, mehr noch: Er verkörpert mit Charme und unvergesslichen Anekdoten die Historie des ewigen Dorf-Clubs – mit all seinen Höhen und Tiefen.
On point: Eros Wagner
Als Eros Wagner, Jahrgang 1948, im Jahr 1967 den damals noch beschwerlichen Weg von seinem Heimatort Giubiasco nach Ambrì auf sich nahm, um sein erstes Match der Bianco-Blù zu sehen, ahnte er nicht, dass daraus eine lebenslange Bindung entstehen würde. Sofort war er gefesselt vom Open-Air-Feeling der Pista la Valascia: Torhüter ohne Masken, Spieler ohne Helme, Holzstöcke, eisiger Wind: Was für ein Sport! Die Saison in der damaligen Nationalliga B war kurz, gespielt wurde ausschliesslich an Sonntagen. Wann immer es schneite – und es schneite oft in diesen Jahren –, benötigte es junge, kräftige Männer, die den Rink mit hölzernen Schilden und Schaufeln vom Schnee befreiten. Man arbeitete zusammen. Dieser Geist imponierte Eros, und er meldete sich freiwillig. Ehe er es sich versah, war er Teil des «Dorfclubs» – ein Titel, den Ambrì stolz trägt.
Ein entscheidender Wendepunkt
In den kommenden Jahrzehnten übernahm er alle möglichen Aufgaben. In manchen Jahren war er für die Spielerkabinen zuständig, bemalte die hölzernen Banden, bewässerte die Eisfläche mit Schläuchen oder schraubte die Sitze in der neuen Arena an. Heute sorgt er dafür, dass sich Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen in der Halle wohlfühlen und zurechtfinden. Eishockey begann sein Leben zu formen: Er lernte seine Frau in der Halle kennen, sie arbeitete zehn Jahre lang im Ticketverkauf. Auch Enkelin Melodie ist grosser Ambrì-Fan.
Eros’ Vita ist gespickt von Episoden aus einem Leben als Hockey-Liebender. Nur drei Matches hat er in all den Jahren verpasst, erzählt er, und zwar gegen Bern, Zug und Lugano. Doch nichts ist passiert: Ambrì hat alle drei in seiner Abwesenheit gewonnen, vielleicht für ihn, wer weiss.
Apropos Erzgegner Lugano: Einmal, noch im alten Stadion, wollten die Auswärtsfans nicht nach Hause, da schnappte Eros auf die Idee eines Kollegen hin einen Schlauch und duschte die Fans. Das zeitigte Erfolg. Oder die ersten Versuche mit moderner Eisbereitung: Statt 2,5 Zentimeter war die Eisschicht über sechs Zentimeter dick, doch auch das bekam man in den Griff. Eine weitere Anekdote, die aus dem 78-Jährigen sprudelt, ist jene über das erste Spiel in der renovierten, nunmehr überdachten Arena: Gegner Zug hatte keine farblich passenden Trikots, also mussten die Gäste kurzerhand in roten Ambrì-Dressen mit der Aufschrift «OK Gruppo Ambrì Piotta» auflaufen.
Wir sind ein kleiner Club. Jeder gibt, so viel er kann.
Eros kann Dutzende solcher Geschichten erzählen. Wenn sich Höhen als Tiefen herausstellten (etwa das verlorene Finale gegen Lugano 1999 mit einer darauf folgenden existenziellen Krise), war er genauso dabei wie beim regelmässigen Kampf gegen den Abstieg. Besonders emotional: «Das Tor von Joey Isabella 2011 gegen Visp, das den Klassenerhalt bedeutete und sicherstellte, dass wir seit 1985 konstant in der höchsten Klasse spielen dürfen: Wenn ich daran denke, rinnen heute noch die Tränen.»
Ein historischer Zeuge
Im Lauf der Jahrzehnte entwickelten sich immer wieder Freundschaften mit Spielern – auch, weil er lange gemeinsam mit der Mannschaft im Zug zu Auswärtsspielen reiste. Ein Name für viele: Achtziger-Legende Dale McCourt stand ihm besonders nahe, aber diese Liste liesse sich beliebig verlängern, wenn er in Erinnerungen kramt. Auch von den aktuellen Spielern gibt es viele, die schon bei Eros zu Hause auf ein Fondue vorbeigekommen sind, etwa Luca Cereda, Paolo Duca oder Luca Viganò, genauso wie die Legionäre Jesse Virtanen und Janne Juvonen. Was in Eros’ privater «grotto» um zwei Uhr am Nachmittag beginnt, kann durchaus nach 22 Uhr enden, sagt man.
Als Eros Ende der 1990er-Jahre eine Hüftoperation benötigte, besuchte ihn Ambrìs russischer Topskorer Oleg Petrov im Krankenhaus. In seinen Händen: eine Metallstange. «Er hatte von meinen schlechten Eisenwerten gehört und forderte mich auf, zur Genesung daran zu lecken», kichert Eros Wagner heute bei der Erinnerung. Der bisweilen rustikale Humor unter den Cracks kam auch beim Edel-Fan gut an, dessen persönliche Ziele seit Jahren lauten: «Bis 80 Jahre in der Halle sein und 1000 Spiele meines Vereins live sehen.» Die exzellente Stimmung bei unserem Fotoshooting lässt darauf hoffen, dass Ambrìs bekanntester Fan das locker schaffen wird. Bloss den ersehnten Titel konnte Wagner (bislang) nicht feiern, doch er sieht das realistisch: «Wir sind ein kleiner Club. Bei grossen Vereinen deckt der Präsident Verluste. Wenn bei Ambrì Geld fehlt wie in den Schicksalsjahren 1999 oder 2011, sammeln wir, und jeder gibt, so viel er kann. Das können zehn Franken sein, zwanzig oder fünfzig. Das ist der Geist von Ambrì.»