Innovator

Die Zukunft ist jetzt

© Nano Imaging Lab, Swiss Nanoscience Institute, Koloration: D.Mathys
Autor: Arek Piatek & Mike BaurInnovator
Sehende Drohnen, intelligente Ski und Bakterien als Krebskiller – wie diese schweizer Start-Up-Ideen schon bald unser Leben verbessern könnten.

1. Gesundheit

Mit Bakterien gegen bösartige Tumore
Womöglich weißt du, dass unser Körper aus rund 37 Billionen Zellen besteht. Aber wusstest du auch das: Im Körper gibt es genauso viele Bakterien wie Zellen. „Und sie sind nicht schäd­lich, sondern sogar über­lebenswichtig für uns“, sagt Dr. Simon Ittig, CEO des Basler Start­ups T3 Pharma, dessen Team eine Vision verfolgt: „Wir wollen das Leben von Krebspatienten durch neue Behandlungs­ansätze verbessern“, so Ittig, „konkret: mithilfe lebender Bakterien.“
Anti-Krebs-Einheit: auf Tumore programmierte „Yersinien"
Anti-Krebs-Einheit: auf Tumore programmierte „Yersinien"
Sanfte Krebs-Killer
Denn Ittig, Postdoc, Mikro­biologe und Forscher an der Universität Basel, fand her­ aus: Man kann „Anti­Krebs­ Bakterien“ züchten. Also Mikroben so programmie­ren, dass sie Tumore im Körper angreifen: „Bakteri­en sind in der Lage, anderen Zellen tödliche Stoffe zu ‚injizieren‘ – das gilt auch für Krebszellen“, sagt Ittig, der T3 Pharma 2015 grün­dete. Sein Ansatz: Dem Patienten würden die programmierten Bakterien in die Blutbahn gespritzt, von wo sie zum Tumor gelangen und diesen abtöten würden.
Ohne Medikamente
Die Technologie kommt völlig ohne chemische Wirk­stoffe aus, mit geringeren Nebenwirkungen für den Patienten als bei der Chemotherapie. Zurzeit wird Dr. Ittig von der größten Wissenschaftsstiftung der Schweiz, der Gebert Rüf Stiftung, bei vorklinischen Tests unterstützt. Ittig: „Wir entwickeln das System so, dass es in etwa zwei Jahren erstmals an Menschen getestet werden kann.“

2. Sicherheit

Dein virtueller Mitbewohner
„Wir wollen eine Welt erschaffen, in der es keine Einbrüche mehr gibt.“ So die Ansage des Zürcher Start-up-Teams Mitipi. Wie das gehen soll? Mit „Kevin“, einem Multifunktionstool, das eine verlassene Wohnung belebt wirken lässt – und so Einbrecher abschreckt.
Wir befragten Polizisten und Einbrecher und rasch wussten wir: der beste Einbruchschutz ist die Illusion, dass jemand zu Hause ist.
Mitipi-Ceo Julian Stylianou
Prävention statt  ...
Denn Kevin macht Küchenlärm und Duschgeräusche, er imitiert Gespräche und projiziert (mit LED-Spots) menschlich anmutende Schatten an die Wand.
„Kevin“. Der Name ist angelehnt an den Film „Kevin – Allein zu Haus“.
„Kevin“. Der Name ist angelehnt an den Film „Kevin – Allein zu Haus“.
... Reaktion
„Einbrecher lassen sich von Alarmanlagen nicht immer abschrecken, von Leuten schon“, so Mitipi-CEO Julian Stylianu, der für Mitipi auch Tipps von Einbrechern und Polizisten einholte, „dazu leiden Einbruchsopfer psychisch sehr. Damit ist nun Schluss.“ Kevin ist schon demnächst auf dem Markt. 

3. Sportdiagnostik

High-Tech-Coach auf der Piste
Dieses Gerät testen bereits mehrere Ski-Nationalteams. Denn Snowcookie analysiert auf einzigartige Weise die wichtigsten Leistungsparameter des Skifahrers wie Speed, Beschleunigung, Kraftübertragung und Körperposition – während der Fahrt, in Echtzeit.
Korrigiert deine Technik auf der Piste: Snowcookie
Korrigiert deine Technik auf der Piste: Snowcookie
Cookieartige Sensoren
Cookieartige Sensoren
Analyse ins Ohr ...
Snowcookie-Mastermind ist Martin Kawalski, Arzt, passionierter Skifahrer und Technikfreak, der Weltraumtechnologie im NASA- Forschungszentrum in Mountain View, Kalifornien, studierte: „Die drei Cookieartigen Sensoren fixiert man an beide Ski und am Körper. Ihre Analyse kriegst du dann per Kopfhörer geliefert. So kannst du noch auf der Piste Fehler korrigieren.“ Seit 2014 beteiligt sich Intel an der Entwicklung der Snowcookie-Sensoren. 

4. Kunst

Street Art per App ins Wochenende 
Unsere Prognose: Die iazzu-App mischt bald den verstaubten Kunsthandel auf. Ihr Prinzip: Mittels Smartphone und Augmented Reality kann der Kunde Gemälde bei sich zu Hause an der eigenen Wand betrachten – und in Ruhe über den Kauf entscheiden.
Das Team von iazzu (von links): Nico Kunz, Stephan und Romana Müller
Das Team von iazzu (von links): Nico Kunz, Stephan und Romana Müller
Art Visualisation ...
„Die Idee zu iazzu entstand aus Eigenbedarf“, sagt iazzu-Co-Founder Romana Müller, „irgendwann wurde es mir zu zeitaufwendig, extra zu Galerien zu fliegen, nur um mir ein Bild anzusehen – von dem ich nicht mal sagen konnte, ob es in meine Wohnung passt. Ich dachte: Man bräuchte doch etwas, das einem all den Ärger erspart. Etwas Digitales, das Künstler und Käufer zusammenbringt.“
Die Kunstwerke nach Belieben antippen und ins Wohnzimmer hängen
Die Kunstwerke nach Belieben antippen und ins Wohnzimmer hängen
... in custom surroundings
Zwei Jahre entwickelte Müller mit Bruder Stephan und Nico Kunz die App, die 2017 gelauncht wurde. Und die allerlei technische Finessen integriert hat. So werden die Gemälde – eine Mini-Kalibrierung vorausgesetzt – stets im korrekten Längen- und Breitenverhältnis zu den Wandmaßen visualisiert: „Der User soll das Werk so sehen, als hinge es wirklich da“, so Müller. Die Gratis-App bietet erwerbbare Originalwerke international bekannter oder aufstrebender zeitgenössischer Künstler an. 2017 wurde iazzu von der Jury der ArtTech-Foundation ins Finale gewählt und hat bei der EPFL präsentiert. 
Iazzu hat die erste App entwickelt, die das entdecken von Kunst mit Augmented Reality kombiniert. Ein ‚Photoshop für Kunst‘, das einfach bedienbar ist.

5. Optics

Augen für die Maschine
Roboter haben heute noch immer ein Problem: Sie finden sich visuell in der Umwelt nicht so gut zurecht, wie wir Menschen es mit unseren Augen tun. Wieso? „Roboter-Kameras speichern noch zu viel optische Info“, sagt Christian Brändli, CEO des Zürcher Spin-offs Insightness, „stets schießen sie Bilder der ganzen Umgebung, mit statischen und bewegten Objekten.“ Und diese Datenflut ist für ihre Prozessoren (samt Batterie) zu viel. Folge: Roboter können nicht rasch genug auf die Umwelt reagieren. Für ETH-Abgänger Brändli ein faszinierendes Problem. Und Grund genug, 2014 ein Start-up zu gründen. Das Ziel: einen vom menschlichen Auge inspirierten leistungsstarken Kamerasensor zu entwickeln.
Vom Auge inspiriert: visuelles System „Silicon Eye“ von Insightness
Vom Auge inspiriert: visuelles System „Silicon Eye“ von Insightness
Wie Menschen sehen ...
„Menschliche Augen arbeiten anders als Robo-Augen. Sie nehmen nur Veränderungen der Umwelt wahr, das ist viel ökonomischer“, sagt Brändli, der in Zürich jahrelang mit Mitgründern an seinem Visual Sensor feilte. Noch 2018 soll der Markteintritt erfolgen. „Mit dem Sensor hätten auch Robo-Prozessoren mehr Rechenreserven. Und der Roboter kann sich rascher zurechtfinden.“
... und sich orientieren
Was das für die Zukunft bedeuten könnte? Autonome mobile Roboter oder sehende Drohnen, die einander in der Luft ausweichen: „Wir arbeiten auch vermehrt an Sensoren für AR-Brillen, die ihre Umgebung erfassen und Infos darüber einblenden“, so Brändli, „ohne dass der Akku gleich leer wird.“ 

6. Verpackung

Die ultradünne Verpackung von morgen 
Coat-X wird derzeit mit Start-up-Auszeichnungen überhäuft. Grund dafür ist die vom EPFL-Spin-off entwickelte Verkapselungshülle – zum Schutz sensibler Gadgets wie Computerchips oder Implantaten. Ihr Plus: Mit 10 Mikrometern (0,01 mm) ist sie dünn wie ein Haar. Und das unterscheidet Coat-X von herkömmlichen Verpackungen: Es überzieht die zu schützende Struktur und ist somit nicht nur 100-prozentig hermetisch dicht, sondern auch viel platzsparender, vor allem aber kostengünstiger als gängige Glas-, Metall- oder Polymerschutzhüllen. 
In der Coat-X-Hülle verpackte Prozessoren
In der Coat-X-Hülle verpackte Prozessoren
2017 fand Andreas Hogg, Coat-X-CEO und Mikrotechnologie-Experte, für sein Unternehmen einen neuen Hauptinvestor. Und auch die Uhrenindustrie zeigt schon Interesse: Coat-X könnte schon bald als Langzeitschutz für Luxusmodelle dienen.
Die Coat-X-Hülle ist dünn wie ein Haar, schützt aber genau so wie eine dicke Silikonschicht.
Andreas Hogg

7. Gesundheit

Lebensretter für daheim
Herzinfarkte sind die Todesursache Nummer eins in der Schweiz: Jährlich sterben 15.000 Menschen daran. „Viele davon, weil sie ihr Risiko gar nicht kennen oder weil sie sich einfach zu selten untersuchen lassen“, sagt der 1DropDiagnostics­ Gründer Dr. Luc Gervais. Der Lausanner Arzt will dem nun entgegenwirken: mit einem tragbaren Diagnosegerät für daheim. Damit kann jeder jederzeit sein Herz­infarktrisiko eigenständig und einfach bestimmen.
Ein Blutstropfen genügt – und in Sekunden kennst du dein Herzinfarktrisiko
Ein Blutstropfen genügt – und in Sekunden kennst du dein Herzinfarktrisiko
Analyse Jederzeit
Dafür genügt es, einen Tropfen des eigenen Bluts (Fingerstich) in ein Analyse­gerät zu schieben – und binnen Minuten hat man die für das Herzinfarktrisiko relevanten Blutwerte am Handy. Die können dann zur raschen Abklärung direkt ans Spital weitergeleitet werden.

8. Landwirtschaft

Mit Drohnen zum Smart Farming
Eine Hightech-Drohne fliegt über ein Feld. Mit einer Spezialkamera nimmt sie Lichtemissionen von Nutzpflanzen auf – und stellt sie zur Analyse zur Verfügung. Schon bald könnte man mit dieser Idee landwirtschaftliche Betriebe erheblich effizienter machen. Hinter diesem Smart-Farming-Ansatz steckt Gamaya, Spinoff der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, das in Zukunft Bauern mit Daten zu ihren Anbauflächen beliefern will, um so einen optimalen Einsatz von Kraftstoffen, Chemikalien und Düngemitteln sicherzustellen.
Die Bauern können erstmals am Bildschirm sehen, wie es Ihren Feldern geht, wo Dünger oder Pflanzenschutz eingesetzt werden muss und wo nicht.
Yosef Akhtman
Drohnen-Analyse ...
Der Gründer von Gamaya (Investorenförderung: bereits über sieben Millionen Franken) ist der Physiker Yosef Akhtman: „Mich fasziniert es, Real-Life-Probleme mit hochentwickelten Technologien zu lösen. Es ist allgemein bekannt, dass die komplexe großindustrielle Landwirtschaft subeffizient ist.“ Akhtmans Idee: Drohnen mit hyperspektralen Kameras zu verwenden, um Felder auf das von ihnen emittierte Licht zu untersuchen. „Gesunde Pflanzen reflektieren ein anderes Licht als solche, die etwa unter Nährstoffmangel leiden“, so Akhtman.
Drohnen-Spektralanalyse einer Zuckerrohrplantage
Drohnen-Spektralanalyse einer Zuckerrohrplantage
... für zu Hause
Der Clou dabei: So können Bauern am Computerschirm ganz einfach erkennen, wie es ihren Feldern geht, und entscheiden, wo sie Dünger oder Pflanzenschutzmittel brauchen und wo nicht. „Das kann immens Kosten sparen für eben diese Mittel“, so Akhtman, „unsere Software liefert sogar Empfehlungen, wie viel Dünger wo eingesetzt werden soll.“ 

9. Sport

Interaktiver Lauf-Coach
„Wie dosiere ich beim Laufen meine Kraft? Ist mein Laufstil okay? Wie kann ich mein Training verbessern?“ Eine Software beantwortet dir jetzt alles: schnell, simpel – und ohne dass du ins Lauflabor musst.
Myotest: eine Software, die Coach, Laufanalytiker und Berater in einem ist
Myotest: eine Software, die Coach, Laufanalytiker und Berater in einem ist
Tragbarer ...
„Myotest“ heißt diese von einem Walliser Start-up entwickelte Software – die in Echtzeit komplexe biometrische Daten aus der Laufbewegung generiert. Die Lösung ist konzipiert, um mit jeder Art von Wearables zu laufen, und adressiert den B2B-Markt. „Mit Myotest sind keine Extra-Gadgets mehr nötig wie etwa ein Brustgurt oder ein Schrittzähler“, sagt Christophe Ramstein, CEO von Myotest mit der Basis in Sion. „Neben Parametern wie Kalorienverbrauch und Speed liefert dir Myotest Daten über Rhythmus, Kraftübertragung, Lauf- Asymmetrien und sogar den Grad der Körpersteifheit beim Laufen – alles, um deine Laufskills wissenschaftlich fundiert zu optimieren.“
... Coach & Berater
Wie Ramstein, der selbst Läufer ist, auf die Idee mit Myotest kam? „Ich fand einfach, es war Zeit für neue, moderne Analysen der Art, wie Personen laufen – und vor allem: wie sie besser laufen könnten.“
Die Software liefert dir Daten, die man sonst nur aus Labors kannte. Und für diesen Service musst du nur eines tun: Laufen.
Ch. Ramstein
PS: Anfang 2018 kündigte Suunto, ein weltweit führender Anbieter von Sportinstrumenten, die Kooperation mit Myotest an. 

MIKE BAUR

Start-Up-Experte, Swiss Startup Group AG
Mike Baur
Mike Baur
Der Freiburger Unternehmer ist Mitbegründer und Verwaltungsrat des Schweizer Start-up-Accelerators Swiss Startup Factory – von wo aus der 42-jährige Schweizer Start-ups finanziell sowie als Mentor fördert. Für The Red Bulletin Innovator ist Baur regelmäßig als Gastautor tätig.