Das Freiheitsgefühl beim Skaten ist unvergleichlich. Es fühlt sich an, als würde was fehlen, wenn ich mein Board nicht dabeihabe.
Seien wir ehrlich – für keinen von euch beiden lag Skaten als Hobby erst mal nahe, oder?
Ich bin da als kleine Schwester reingerutscht. Mein älterer Bruder Fin hat mich mit sechs auf den Skateplatz mitgenommen. Anfangs hab ich nur zugeschaut, irgendwann wollte ich mich aber beweisen. Mit neun habe ich mit ein paar anderen Mädchen eine eigene Skate-Crew gegründet und selbst Tricks versucht. Ich war sofort angefixt – und blieb als Einzige aus der Mädels-Crew dabei.
Ich bin in Lüen aufgewachsen, einem Dorf mit 80 Einwohnern. Für mich gab es nur entweder auf oder ab. Katastrophe. Mit siebzehn bin ich deshalb ausgezogen, nach Nottwil. Dort gibt es das grösste Reha-Zentrum Europas für Rollstuhlfahrer, die helfen Menschen wie mir, möglichst selbständig zu leben. Meine Physiotherapeutin hat mir eines Tages gezeigt, wie ich Treppen vorwärts runterkomme. Normalerweise nimmt man die im Rollstuhl vorsichtig rückwärts. Danach hab ich mit dem Stuhl immer mehr gewagt und gecheckt: Das ist nicht nur ein Fortbewegungsmittel, das ist ein Sportgerät. Zur selben Zeit hat sich Wheelchair Motocross (kurz WCMX; Anm.) in der Schweiz etabliert, klar war ich da am Start.
Was ist für euch das Besondere am Skaten?
Als ich die Chance bekam, als Skaterin auf die Sport-Sekunda gehen zu können, musste ich nicht lange überlegen. Das Freiheitsgefühl beim Skaten ist unvergleichlich. Es fühlt sich echt komisch an, als würde was fehlen, wenn ich mein Board nicht dabeihabe. Richtig gut wirst du nämlich erst, wenn deine Füsse damit verwachsen. Die besten Schuhe zum Skaten sind deshalb meiner Meinung nach die Dunks von Nike: flache Sohle, viel Auflagefläche, nah am Brett.
Früher war ich sehr schüchtern, habe kaum geredet. Der Spielraum und die Erfolge durchs WCMX haben meinem Selbstbewusstsein gutgetan. Was ich an dem Sport so cool finde, ist, dass er nicht das Etikett «Rollstuhlsport» trägt. Beim Skaten sind alle im selben Park, begegnen sich auf allen möglichen Rollen. Es gibt keinen Sonderraum oder -status für mich. Wenn ich hinfalle, kommt kurz einer: «Hey, alles okay?» – «Ja, tipptopp.» – «Cool, tschüss.» Die Akzeptanz und Inklusion sind viel grösser als in anderen Sportarten. Ich kann alles andere vergessen. Wenn ich voll dabei bin, vergesse ich deshalb auch oft, in den Schatten zu gehen. Letztes Jahr hatte ich einen üblen Sonnenstich.
Kennst du diese Selbstvergessenheit und Zugehörigkeit auch, Liv?
Den Flow? Absolut. Das Gemeinschaftsgefühl auch. Die Skate-Community ist sehr offen. In meiner Trainingsgruppe bin ich das einzige Mädchen, und keiner stört sich daran. Was wirklich zählt, ist, was du auf dem Platz zeigst und wie kreativ du bist. Man muss dort nicht mal miteinander sprechen, um sich zu verstehen.
Die Akzeptanz und Inklusion sind viel grösser als in anderen Sportarten.
Dann beschreibe dich und deinen Skate-Stil doch mal mit Emojis.
😎 👩🎨💪
😬🫣😂
Jetzt in Worten.
Chill, street, mutig.
Unerwartet: Es eskaliert manchmal ein bisschen. Selbstironisch: Ich kann über Fails und mich selbst lachen. Fokussiert: Wenn es zur Sache geht, bin ich im Moment. Zäh: Ich bleibe dran, bis es klappt.
Wann habt ihr beide gemerkt: Das ist mehr als ein Hobby, das ist mein Ding? Da kann was Grosses draus werden?
WCMX ist erst seit 2020 offiziell eine Sportart in der Schweiz. Insofern wurde es sehr schnell professionell, da ich einer von wenigen Athleten war. Richtig klar wurde mir das, als ich gegen andere angetreten bin und mich in den Wettkämpfen richtig gut platziert habe.
Wenn du auf dem Board was draufhast, merkst du das. Die Community gibt sofort Feedback. Ich bin sehr ehrgeizig und wollte irgendwann nicht mehr nur neben der Schule ein bisschen skaten. Deshalb bin ich von der Sportschule aufs Sportgymnasium gewechselt, wo man Lernen und Leistungssport vereinbaren kann. Mit vierzehn war ich dann Schweizer Meisterin.
Erfolg habt ihr beide. Wie steht es mit Niederlagen? Wie geht ihr damit um?
Ich hab so ein Talent: Wenn jemand zu mir sagt «Das geht nicht», antworte ich: «Doch.» Ich kann mich aber immer besser einschätzen. Zum Beispiel habe ich anfangs Auslandswettkämpfe unterschätzt. Die WM in Alabama war arschkalt, 5 Grad, unbekanntes Terrain, ein totaler Flop. Ich war viel zu langsam, nur siebter Platz. Mir ist auch klar, dass ich nicht so leicht am Briten Tomas Woods vorbeikomme, der in den letzten drei Jahren die WM gewonnen hat. Er ist körperlich einfach besser aufgestellt und kann entsprechend Tricks leichter und besser.
Ich bin eine sehr schlechter Verliererin. Das liegt in der Familie (schielt zu ihrem Vater). Mein Ziel ist aber nicht der erste Platz, ich will zufrieden mit mir sein. Wenn ich nicht mein Bestes gegeben habe oder geben konnte, ärgere ich mich – aber über mich selbst.
Geht mir genauso. Bei der WCMX-WM in Bulle 2025 war ich mehr als zufrieden über den vierten Platz, weil ich zuvor irre Schiss vor einem sehr hohen Rail gehabt hatte, das ich dann beim Wettkampf viermal gestanden habe.
Findet ihr es nicht unfair, dass alle die gleichen Hindernisse fahren?
Für mich ist es ein Ansporn.
Ich wünsche mir, dass Parks und Parcours gleich rollstuhlgängig gebaut werden. Die könnten von Anfang an alle benutzen. Umgekehrt wird’s schwierig.
Was ist die härteste Lektion, die euch der Sport beigebracht hat?
Ich habe mir 2022 bei einem Contest in Paris das Kreuzband gerissen – und das drei Monate lang ignoriert, bis mein Körper resigniert hat. Wenn es weh tut, muss ich das ernst nehmen. Ich war ausserdem zum ersten Mal von hundert auf null ausgebremst. Körperlich habe ich das gut weggesteckt, schwerer war es, wieder das Vertrauen in mich selbst aufzubauen.
Meine Fallhöhe ist kleiner als bei Fussgängern. Bisher hatte ich höchstens Prellungen. Deshalb: Voltaren in Übermassen. Sport halt.
Ihr seid hart im Nehmen. Liv, du trägst trotzdem keinen Helm.
Seit ich letztes Jahr achtzehn wurde, muss ich keinen mehr tragen. Der Helm ist schlecht für die Street Credibility.
Ich fahre einen speziellen gedämpften Rollstuhl und mit Knieschonern und Helm. Einen musste ich schon beerdigen. Ich hatte einen Trick ausprobiert, in der Schräge in einem Meter Höhe – und danach drei Wochen Schwindel. Das hat mich zurück in die Vernunft gerüttelt.
Wie sieht euer fahrbarer Untersatz eigentlich jeweils aus?
Nicht so spektakulär. Weisse Wheels, Sponsoren-Sticker, recht klein, so wie ich. Mein Traum ist ein eigenes Brett, das meine Brand für mich designt.
Ich hab meinen Rollstuhl in der gleichen Farbe wie meinen aufgemotzten Subaru Kombi lackiert: Orange.
Ihr versteckt Stürze nicht, ihr teilt sie sogar in Reels auf Social Media.
Skateboarden lernt man nur, wenn man lernt hinzufallen – und wieder aufzustehen.
Exakt. Wenn ich weiss, wie ich aufstehen kann, ist mir auch egal, wenn ich aufs Maul falle. Im Rollstuhl umzufallen, ist für viele das Schlimmste. Weil sie nicht wissen, wie sie wieder hochkommen. In der Physio lernst du eher, es zu vermeiden. Wenn du aber die Angst vor dem Fallen verlernst, fällst du automatisch weniger.
Wie trainiert man fürs Skaten? Ernährungsplan? Mental Coaching?
Ich bin jeden Tag morgens vor und nach der Schule in Skateparks und Freestyle-Hallen unterwegs. Krafttraining mache ich nur so ein-, zweimal ihm Monat. Ich ernähre mich auch gar nicht so gesund. Ich liebe Schokolade mit Nüssen! Kennst du Ragusa? Ich will mir da nicht so Druck machen. Zum Glück macht mir den auch sonst niemand. Es hilft auch zu wissen, dass meine Familie immer da ist. Mein Papa begleitet mich bei jedem Skate-Trip, oft reist auch mein Bruder mit. Nur Mama eher selten, die ist zu nervös.
Ich trainiere zweimal die Woche Skaten und dreimal pro Woche Oberkörper und Rumpf – und Ausdauer an der Hand-Velo-Kurbel. Seit Oktober habe ich psychologische Hilfe. In den letzten drei Jahren habe ich eine Lehre zum Fahrzeugtechniker gemacht, konnte deswegen wenig trainieren. Ich brauche Sport aber für meinen Kopf. Es war psychisch insgesamt echt belastend. Hilfe suchen und annehmen fällt mir nicht leicht. Mein Mindset ist ja: Ich will es mir und allen beweisen. Dadurch habe ich ein wenig vergessen, dass ich auf Hilfe angewiesen sein darf.
Es wird Zeit, dass dem Skaten endlich der nötige Respekt entgegengebracht wird.
Wettkämpfe sind ja nur Momentaufnahmen. Wie fair ist das, um euer Können zu beurteilen?
Bei einem Contest habe ich jeweils zwei Läufe à 45 Sekunden, in denen ich möglichst viele spektakuläre Tricks stehen muss. Alles muss sitzen. (Liv checkt auf ihrem Smartphone.) Momentan stehe ich in der Weltrangliste auf Platz 22. Aber da fliessen nicht alle Wettbewerbe und Siege mit ein. Die meiste Zeit, die ich skate, performe ich ja auch nicht vor irgendwelchen Judges. So viel sagt das also gar nicht aus.
Ranglisten ändern sich, die Liebe zum Skaten bleibt. Eure Antwort auf Aussagen wie «Skaten ist doch kein Sport …»?
Jeder darf seine Meinung haben.
Dem gebe ich auf eine Art recht. Skaten ist definitiv ein Leistungssport, aber es ist vor allem Kunst. Man dreht coole, ästhetische Clips, dazu muss man die Tricks nicht perfekt beherrschen. Viele Skater können schon von den Videos leben, die sie auf «Thrasher» laden. Das ist eine Skateboarding-Webseite, dort werden Sponsoren auf einen aufmerksam. Ich will dieses Jahr damit anfangen.
Es ist ja für Skater immer noch schwer, zu planen. Oft ist nicht klar, ob selbst grosse Wettbewerbe überhaupt stattfinden, weil etwa Sponsoren fehlen. Was plant ihr in nächster Zeit konkret?
Alles ausprobieren, was man angeblich mit dem Rollstuhl nicht machen kann: mit dem Mountainbike Trails runterbrettern, Wakeboarden, Surfen, Free Skiing. Ich will Leuten im Rollstuhl helfen, die keinen Sinn mehr sehen, indem ich ihnen zeige: Es ist nicht vorbei, es ist halt anders. Und es ist viel möglich. Noch viel mehr, als von A nach B und geradeaus zu fahren. Der Rollstuhl ist ein Gerät, um am Leben teilzunehmen.
Nach meinen Abschluss nächstes Jahr geh ich irgendwann vielleicht zur Uni, vielleicht Richtung Lehrerin. Aber erst mal setze ich voll auf den Sport. Skaten ist mein Lifestyle, mein Leben. Mein grösstes Ziel ist, einmal davon leben zu können. Ohne meine Eltern wäre ich aber nie so weit gekommen. Die ganzen Reisen zu Qualifikationen, Wettbewerben und Events muss man meistens selbst zahlen. Es wird Zeit, dass dem Skaten und Athleten wie mir endlich der nötige Respekt entgegengebracht wird. Nicht erst wenn man Titel vorzuweisen hat, sondern weil man sportlich etwas leistet und dabei kreativ und originell ist.
Emiglio Pargätzi – Der Skater-Chairman
- Signature Trick: Handplant: «Dabei gehe ich auf einer Rampe in den einhändigen Handstand. Das benötigt sehr viel Technik, das muss automatisch ablaufen: Wenn du oben bist, bist du eigentlich schon wieder unten. Den können im Wheelchair Motocross (WCMX) ausser mir nur noch drei Personen. Sieht geil aus, und es gibt massiv Punkte im Wettbewerb.»
- Emiglio Pargätzi hat früh gelernt, Grenzen neu zu definieren. Der 22-jährige Graubündner kam mit Spina bifida zur Welt, einer Fehlbildung der Wirbelsäule. Seit seiner Kindheit sitzt er im Rollstuhl. 2020 trifft er im Paraplegiker-Zentrum Nottwil in Luzern, einer Spezialklinik für Querschnittsgelähmte, seinen Trainer Marco Bruni und entdeckt die noch junge Sportart WCMX für sich: Tricks aus Skateboarding und BMX, gefahren im Rollstuhl, erfunden Anfang der 2000er vom US-Amerikaner Aaron «Wheelz» Fotheringham.
- Sportlich nimmt Emiglio schnell Fahrt auf: 2023 wird er für seine Leistungen als Bündner Behindertensportler des Jahres ausgezeichnet. Im selben Jahr erreicht er bei der WCMX-Weltmeisterschaft in Kalifornien, USA, die Top 6. Bei der World WCMX Series 2024 in Bulle FR verpasst er knapp den ersten Platz. Im Folgejahr wird er Vierter.
- Als WCMX-Coach beim Rollstuhlsport Schweiz eröffnet Emiglio auch anderen Menschen im Rollstuhl neue Perspektiven.
Liv Broder - Die Rail-Hunterin
- Signature-Trick: Frontside Feeble: «Der sieht cool aus, ist sehr anspruchsvoll und erfordert viel Balance. Den konnten anfangs nicht viele Frauen. Mein Bruder hat ihn mir früh beigebracht.»
- Liv Broder ist eine Ausnahme unter Ausnahmetalenten: Die 18-jährige Zürcherin gilt als beste Schweizer Skateboarderin ihrer Generation und ist aktuell die einzige Frau im Nationalkader von Swiss Skateboard.
- Livs Revier ist die Strasse: Sie springt über Treppen, Rampen, Schanzen, Schrägen, slidet am liebsten über Rails – und das alles möglichst spektakulär. Gefördert wird sie von der Freestyle Academy Zürich mit Trainern wie der Skateboard-Legende Sven Kilchenmann, unterstützt von ihrem Vater Sven, der auch ihr Manager ist.
- Für Qualifikationen und Wettkämpfe jettet Liv quer durch die Welt, hat ihre Tricks schon in Paris gezeigt, in Rom, Prag, Dubai, Los Angeles und Tokio. Sie stand bei den X Games ihre Lines, fuhr in den Finals bei der Europäischen Jugend-Olympiade und bei internationalen Skateboard-Events mehrfach aufs Podest. In der Schweiz ist sie amtierende Meisterin.