Weisst du, wie lange ein Sprung aus 21 Metern dauert? Weniger, als du brauchst, um diesen Satz zu lesen. Aber der Weg dorthin, der dauert ein halbes Leben...
Ein Sommertag in Polignano a Mare, es ist brütend heiss. Unten: das glasklare Wasser der Adria. Oben: absolute Stille. Morgane Herculano steht auf der Plattform, die aus dem Felsen ragt wie ein Sprungbrett ins Nichts. Auf Zehenspitzen, mit dem Rücken zum Wasser.
In wenigen Augenblicken wird sie sich abstossen, wird in freiem Fall fast 80 Stundenkilometer erreichen und mit einer Kraft ins Wasser eintauchen wie ein ungebremstes Auto in eine Wand. Natürlich hat sie Angst. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Man sieht es in ihrem Gesicht. Die Lider flackern kurz, der Mund ist nicht ganz ruhig, die Körperspannung eine Spur zu fest. Alles nur ein wenig, aber genug, dass man es erkennt.
Morgane Herculano, 25, ist die erste Schweizerin, die in der Red Bull Cliff Diving World Series springt. Und sie spricht offen über das, worüber im Sport oft geschwiegen wird: die Angst vor dem Sprung.
Ich wollte etwas machen, bei dem alle sagen: Wow!
Morgane wächst in Genf auf, in einer Familie mit fünf Kindern. Ihre Eltern sind sportlich, haben aber keine Zeit für Wettkämpfe. Sie sind mit dem Alltag beschäftigt. Morgane schaut sich viel von ihnen ab: Unabhängigkeit, Durchhaltewillen, einen starken inneren Antrieb. Der Grund, warum sie mit dem Wasserspringen beginnt? Sie will den Rückwärtssalto lernen, um im Freibad vor den Jungs anzugeben. «Ich wollte etwas machen, bei dem alle sagen: Wow!»
Sie ist zehn Jahre alt, lernt schnell, trainiert hart – und springt in den folgenden Jahren Tausende Male vom Ein- und Drei-Meter-Brett, von Fünf-, Sieben- und Zehn-Meter-Türmen. 24-mal wird sie Schweizer Meisterin. Mit dem Klippenspringen kommt sie erstmals 2017 in Berührung, mit siebzehn. Freundinnen und Freunde nehmen sie mit ins Maggiatal, in die enge Schlucht von Ponte Brolla. Ein fast heiliger Ort für Klippenspringerinnen und -springer. «Komm einfach mal mit», sagen sie. «Einfach nur zuschauen.» Aber Morgane ist keine fürs Zuschauen.
Sie zieht sich um, steigt auf den Felsen, klettert hoch – bis zur Plattform, 19 Meter über dem Wasser. Sie zögert kurz, hat wahnsinnige Angst. Es ist so viel höher als alles, was sie kennt. Eine andere Welt. Von hier oben fällt der Körper nicht, er rast. Die Geschwindigkeit steigt exponentiell. Und vor allem: Die Technik ändert sich radikal. Bis zehn Meter taucht man kopfvoran ins Wasser. Ab da: mit den Füssen. Alles andere wäre Wahnsinn. Schultern, Hände, Kopf, alles könnte kaputtgehen. Wer vom Wasserspringen kommt und Klippenspringerin werden will, muss eine neue Sportart lernen.
Aber das weiss Morgane in diesem Moment noch nicht. Sie springt. Rotiert ein wenig zu lange. Landet nicht auf den Füssen, sondern fast auf dem Rücken. Sie verletzt sich am Steissbein, kann drei Monate nicht aufrecht sitzen, hat ständig Schmerzen.
Ihrer Familie sagt sie nichts, obwohl sie kurz darauf gemeinsam in die Ferien fahren. «Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen», sagt sie heute. «Und vielleicht war ich auch ein bisschen stolz. Ich hatte mich da reingeritten – und ich wollte allein wieder raus. Ich wollte nicht, dass sie meinen, ich hätte es nicht im Griff.»
Es ist trotzdem für lange Zeit das letzte Mal, dass sie aus dieser Höhe springt. Morgane geht in die USA, nach Boston, um an der Harvard University Wirtschaft zu studieren. 250 000 Franken sammelt sie bei privaten und öffentlichen Institutionen, um sich die Jahre dort leisten zu können. Sie wird Teil des Harvard-Schwimm- und Wassersprungteams, trainiert täglich vor dem Unterricht, vertritt die Universität an Wettkämpfen. 2020 gewinnt sie den Ivy-League-Titel vom Ein-Meter-Brett – eine der höchsten Auszeichnungen im amerikanischen Universitätssport.
Fallstudien in Harvard
Die Ivy League ist ein Zusammenschluss der acht traditionsreichsten und renommiertesten Universitäten der USA, darunter Harvard, Yale, Princeton und Columbia. In akademischer Hinsicht elitär, im Sport nicht weniger kompetitiv. Wer hier gewinnt, gehört zur Spitze. Und Morgane ist nun Teil davon. Gleichzeitig ist klar: Vom Wasserspringen leben kann sie (noch) nicht. Sie braucht einen Brotjob. Und findet nach dem Abschluss 2022 den bestmöglichen: Sie wird wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Harvard Business School, ihre Professorin ist Karen Mills, im Kabinett von Barack Obama einst Leiterin der U. S. Small Business Administration. Morgane Herculano schreibt Business Cases, also Fallstudien für den Unterricht, die später in Harvard-Klassenzimmern diskutiert werden. Zum Beispiel über Wordle, das weltberühmte Online-Wortspiel, das ein Softwareentwickler zunächst als Geschenk für seine Partnerin entwarf und später für einen Millionenbetrag an die «New York Times» verkaufte.
Sie stürzt sich in die Arbeit, nicht ahnend, dass sie schon bald selbst auf dieses Wissen zurückgreifen wird. Denn Ende 2022 sieht sie eine Dokumentation über die Geschichte des Klippenspringens in der Schweiz. Sie ist hingerissen – und irritiert: Kein einziges Mal wird eine Frau erwähnt. Kein einziger weiblicher Name, kein einziger Sprung. Sie ist genervt. Dann denkt sie: Sollte nicht einfach ich es versuchen? So beginnt diese verrückte Geschichte. Mit der Idee, etwas zu ändern. Für Frauen einzustehen. Ein Vorbild zu sein.
2024 ist Morganes erstes richtiges Wettkampfjahr als Klippenspringerin. Sie erhält eine Wildcard für die Red Bull Cliff Diving World Series, wird Elfte in Boston, Siebente in Nordirland, Zehnte in Montreal. An den Weltmeisterschaften belegt sie Rang elf, Ende des Jahres wird sie als «European High Diver of the Year» ausgezeichnet. Doch wie soll sie sich das alles leisten, vor allem, wenn ihr Vertrag an der Harvard Business School im Herbst 2025 ausläuft? Morgane Herculano weiss: Klippenspringen ist eine Leidenschaft, aber für die wenigsten ein Beruf. Die Wettkampf-Preisgelder ersetzen kein reguläres Einkommen, Fördergelder gibt es nicht. Doch sie hat eine Idee: Sie beschliesst, ihre Geschichte zu erzählen.
Man kann alles sein: Sexy und schlau. Sportlich und intellektuell.
Die der Schweizerin, die in den USA lebt. Der Harvard-Absolventin, die gleichzeitig von 22 Meter hohen Klippen springt. Der selbständigen jungen Frau, die sich in einer Männerdomäne behauptet – und dabei auch noch klug und attraktiv ist. Ihr Lebenslauf wird zu ihrem Business Case.
Die Marke Morgane
Es ist ein starkes Profil, das sie sich auf Social Media zurechtlegt. Und es ist – zum grössten Teil – authentisch. «Ich bin wirklich so», sagt sie. Aber sie weiss auch: Jede gute Geschichte braucht klare Linien. Und darum entscheidet sie, was sie zeigt und was nicht. Ihre Familie bleibt draussen. Auch ihre Freundinnen und Freunde, mit wenigen Ausnahmen. Ihr Leben hinter der Kamera gehört ihr. Vor der Kamera zeigt sie, was sie zeigen will: Entschlossenheit, Eleganz, Körperbeherrschung. «Ich will mit gängigen Erwartungen brechen», sagt sie. «Meine Botschaft: dass man nicht entweder-oder sein muss. Ich glaube, man kann alles sein: Mutig und zart. Sexy und schlau. Sportlich und intellektuell.»
Morgane betreibt ihre Social-Media-Kanäle professionell, postet täglich auf mehreren Plattformen, plant, dreht, schneidet selbst. Es ist Arbeit. Es ist Business. Aber sie mag es. Denn sie will inspirieren. Und das gelingt ihr so gut, dass ihr immer mehr Menschen folgen: Gestartet ist sie bei null, nach anderthalb Jahren hat sie bereits 300 000 Follower und pro Monat 1,5 Millionen Impressions.
Die Welt des Klippenspringens ist wild, rau und atemberaubend schön. Eine Welt der Extreme, in der Disziplin auf Kontrollverlust trifft, Adrenalin auf Stille, Körperbeherrschung auf Urangst. Sie hat nichts mehr gemein mit dem Hallenbad, dem Chlor, dem gefliesten Becken und der stickigen Luft. «Beim Klippenspringen spürst du den Wind in den Haaren und die Sonne auf der Haut, siehst die Gischt, die Strömung, die Felsen», sagt Morgane. Statt federnder Bretter gibt es starre Plattformen über schäumendem Wasser. Und eine physische Belastung, für die es kaum Worte gibt.
Ich will die Angst nicht weghaben. Ich will mit ihr klarkommen.
Morgane versucht es trotzdem: «Klippenspringen ist so hart, dass du nicht mehr als fünf Sprünge pro Tag machen kannst. Der Körper ist danach einfach erschöpft, geschunden von den Aufprallkräften. Und länger als fünf Tage am Stück solltest du es auch nicht tun.»
Klippenspringen ist eine absolute Randsportart. Aber eine mit faszinierender Geschichte: Ihre Ursprünge reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück, als polynesische Krieger auf Hawaii von Klippen ins Meer sprangen, um Mut, Stärke und Loyalität zu beweisen. Später zogen Stuntmen mit ihren Sprüngen in Wassertonnen über die Jahrmärkte. In den 1980er- und 1990er-Jahren begannen Abenteurer, immer höhere Felswände zu suchen – bis die Red Bull Cliff Diving World Series die Wettkämpfe im Jahr 2009 professionalisierte. Seither reisen die besten Springer – seit 2014 auch Springerinnen – von Spot zu Spot: von den Fjorden Norwegens in die Altstadt von Mostar, von den Azoren über Beirut auf die Philippinen. Morgane Herculano ist mittendrin – als Wildcard-Springerin, die um eine feste Startberechtigung kämpft.
Die Angst darf mit
In Risikosportarten gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Respekt ja. Angst nein. Man hört es oft. «Ich habe Respekt vor der Höhe.» Fast nie sagt jemand: «Ich habe Angst vor der Höhe.»
Warum? Weil man Angst mit Scheitern verwechselt? Dabei ist sie immer da, erst recht, wenn man 21 Meter über dem Wasser steht. Oder gar 27 Meter, wie die Männer hier in Polignano a Mare. Doch bei den Klippenspringerinnen beginnt langsam ein Umdenken. Es sind vor allem Frauen, die darüber sprechen. Sie machen kein Geheimnis daraus, dass sie Angst haben. Vor jedem Sprung. Weil sie wissen, dass Angst kein Makel ist. Angst ist ein Werkzeug, ein Kompass, ein Frühwarnsystem. Manchmal eine Lebensversicherung.
«Angst schützt uns.» Das sagt Molly Carlson, Kanadierin, eine der besten und bekanntesten Klippenspringerinnen der Welt, sieben Millionen Instagram-Follower. Sie sagt, Morgane bringe eine schöne Fröhlichkeit in die Gruppe. Aber auch eine Ernsthaftigkeit. «Sie weiss, wie gefährlich das ist, was wir machen. Mit ihr darüber zu reden, ist befreiend.» Angst, sagt Carlson, müsse ihren Platz haben. «Wenn ich versuche, sie zu verdrängen, frisst sie meine Aufmerksamkeit. Dann kämpfe ich gegen sie und verliere den Fokus.» Einmal wurde Carlson übermütig. Sie hatte gerade einen Weltklassesprung gestanden, den Front Quad Half Pike. Sie fühlte sich unbesiegbar, konzentrierte sich beim zweiten Versuch nicht auf den Sprung, sondern darauf, ein gutes Video für Instagram zu bekommen. «Ich war abgelenkt», sagt sie, «und knallte flach aufs Wasser.» Sie hatte Glück, kam mit einer Gehirnerschütterung davon. Aber das Gefühl danach vergisst sie nie. «Das war das einzige Mal, dass ich keine Angst hatte», sagt sie. «Und genau das war das Problem.»
In Polignano a Mare ist sie bei jedem Sprung konzentriert, und doch passiert es: Sie verschätzt sich in der Distanz zur Kante der Plattform, tritt ein paar Zentimeter daneben, rutscht aus – und stürzt unkontrolliert in die Tiefe. Das Publikum hält den Atem an. Die anderen Springerinnen erstarren. Doch Carlson findet in der Luft die Orientierung wieder, landet fussvoran, bleibt wie durch ein Wunder fast unverletzt.
Falls irgendwer vergessen haben sollte, worum es hier geht – dieser Moment ist ein Weckruf. Morgane ist noch neu, aber auch sie hat sich daran gewöhnt, dass die Angst eine ständige Begleiterin ist. «Ich will sie nicht weghaben», sagt Morgane. «Ich will mit ihr klarkommen.»
Der Sprung ist vorbei, du tauchst auf, und es fühlt sich an, als wärst du auf einem anderen Planeten.
Jede und jeder geht anders mit der Angst um. Die einen werden still, ziehen sich zurück, lassen niemanden an sich ran. Morgane verändert sich auch, aber auf ihre Weise: Sie wird ernst. Konzentriert. Manchmal ein wenig reizbar. Sie sagt: «Ich behandle das wie ein Business, als wäre jeder Sprung ein Projekt, das gelingen muss.» Und wenn die Anspannung steigt, dann kann es sein, dass sie weniger geduldig und der Umgangston schärfer wird. «Ich bin dann nicht die einfachste Version von mir», sagt sie und lacht.
Das beste Gefühl der Welt
Zwei Sekunden. So lange hat Morgane Herculano Zeit für drei Salti und eine Schraube. Die Wasseroberfläche sieht sie zum letzten Mal eine halbe Sekunde vor dem Aufprall. Danach fliegt sie blind – mit fast 80 Stundenkilometern – dem Wasser entgegen. Der letzte Moment ist entscheidend. Beim Zehn-Meter-Turm darf der Winkel beim Eintauchen noch um 45 Grad von der Vertikalen abweichen. Vom Felsen reicht ein kleiner Fehler, und man landet zu flach. Entweder man dreht zu lang und landet auf dem Rücken. Oder zu kurz, und man landet auf dem Bauch. Dann drohen Prellungen, Organverletzungen, im schlimmsten Fall Bewusstlosigkeit.
Ein Sprung, kürzer als ein Gedanke. Und so gnadenlos wie ein Autounfall, wenn er misslingt. Doch wenn alles stimmt, wenn sich der Körper richtig ausrichtet, wenn sich Technik, Mut und Timing zu einem perfekten Moment fügen – dann, sagt Morgane Herculano, ist es «wie ein Orgasmus». Sie meint das ganz ernst: «Der Sprung ist vorbei, du tauchst auf, und es fühlt sich an, als wärst du auf einem anderen Planeten.»
Zwei Sekunden. Mehr braucht es nicht zum Glück. Aber der Weg dorthin, der dauert ein halbes Leben.