Auf dem Thunersee nutzt ein Surfer die Bugwelle eines Ausflugsschiffes.
© Dom Daher
Surfen

Surfing Switzerland – Die Geschichte des Surfens in der Schweiz

Kein Meer, keine Küste, keine Brandung. Na und? Die Schweiz ist ein Surfparadies, seit in den 80ern ein paar Exoten unter einer Brücke aufs Board stiegen. Bei uns erzählen sie die ganze Geschichte.
Autor: Alexander Neumann-Delbarre
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Ungläubig blicken die Zuschauer von der Pont de la Machine auf diese merkwürdigen Figuren da unten im Wasser hinab. Sie sind eine kleine Sensation. Kinder zeigen mit dem Finger auf sie. Passanten bleiben stehen, blockieren den Gehweg, fast jeden Abend dasselbe. Und in der Zeitung wird man schon bald lesen, die hochkonzentrierten Geschäftsleute würden bei ihrer Arbeit gestört, weil der Trubel auf der Brücke im Herzen der Genfer Altstadt so gross sei.
Es ist 1982, es ist Sommer, und der Grund für den allabendlichen Auflauf ist eine Handvoll abenteuerlustiger Jungs um den damals 14-jährigen Gaël Vuillemin. Auf Surfbrettern stehen sie unterhalb der Brücke im tosenden Wasser, das dort mit Wucht aus dem Genfersee in die Rhone strömt, und lassen’s unter sich nur so vorbeirauschen.
«Bevor wir das zum ersten Mal versuchten, hatte ich vier Wochen zum Surfen in Frankreich verbracht», sagt Gaël, der heute 54 ist. «Als ich zurückkam, sah ich mir die Brücke an und dachte: Vielleicht funktioniert das auch hier in Genf?» Also probiert es die Gaël-Gang ganz einfach. Die Teenager binden ein Seil an das Brückengeländer, ziehen sich damit von unten aufs Brett.
Und als sie es loslassen, stehen sie für ein paar Sekunden auf einer Welle wie ihre Vorbilder in Kalifornien. Sie surfen! In der Schweiz! Unglaublich! Und plötzlich fühlten sie sich, als würden sie übers Wasser gehen. «Wir folgten einfach unserer Leidenschaft, unserer Lust am Ausprobieren», sagt Gaël.
Gaël Vuillemin war einer der ersten Surfer in schweizer Gewässern.

Gaël Vuillemin war einer der ersten Surfer in schweizer Gewässern.

© Own

Quotation
Vom Atlantik unter die Genfer Brücke: Ich dachte mir, warum nicht?
Surfer Gaël Vuillemin
«Wie Pioniere fühlten wir uns nicht.» Aber genau das waren sie: Surfpioniere. In einem Land, das über keinen Meter Meeresküste verfügt, waren sie die Ersten, die sich anschickten, die Geografie zu überlisten. Und Wege fanden, um im Land der Berge Wellen zu reiten.
«Ich konnte mir schon damals vorstellen, dass das Surfen in der Schweiz populär werden könnte», sagt Gaël, «weil sich viele meiner Freunde, die ich zu dem Sport brachte, sofort ins Surfen verliebten.» Aber die Entwicklung, die es in jüngeren Jahren genommen hat? Damit rechnete wohl auch er nicht. Rund 45.000 aktive Surferinnen und Surfer gibt es laut einer Schätzung des Schweizer Surfverbands Swiss Surfing heute in der Schweiz.
Eine erstaunliche Zahl für ein Binnenland, das eine Tagesreise vom nächsten Meeresstrand mit brauchbaren Wellen entfernt liegt. Der Anteil der Surfer an der Einwohnerzahl der Schweiz liegt genauso hoch wie im meerumspülten Frankreich mit seinen legendären Surfspots am Atlantik. Die Schweiz, man kann das wohl so sagen, ist ein Land der Surfer geworden. Und immer mehr Schweizerinnen und Schweizer entdecken, dass sie ihre Heimat nicht einmal unbedingt verlassen müssen, um ihrer Leidenschaft zu folgen.
Welle auf Knopfdruck: Fantin Habashi übt im Outdoor-Becken von Alaïa Bay

Welle auf Knopfdruck: Fantin Habashi übt im Outdoor-Becken von Alaïa Bay

© Dom Daher

Aber wie kam es dazu? Wer sind die Menschen, die – wie einst Gaël und seine Kumpels – Schweizer Gewässer zu Surfspots tunten? Und vor allem: Wo findet man sie, die besten Wellen der Republik?

Die Spur der glücklichen Gleiter

Der Hobbysurfer Esteban Caballero, der Fotograf Dom Daher und die Journalistin Patricia Oudit sind seit zwei Jahren unterwegs, um diesen Fragen nachzuspüren. Was sie dabei herausfinden, zeigen sie in der ebenso erhellenden wie unterhaltsamen Web-Serie «Landlocked».
Sie haben glücklich gleitende Surfer auf endlosen Flusswellen getroffen, sie haben unerschrockene Surfer in den eisigen Wellen des Neuenburgersees erlebt, sie haben einen riesigen Wellenpool im Wallis besucht, der das Surfen in der Schweiz nachhaltig verändern könnte. Und bei all dem haben sie, erzählt Dom, eines immer wieder festgestellt: «Das Surfen in der Schweiz ist unglaublich vielfältig und kann richtig Spass machen.»
Der Einsteiger: ein Boarder kurz vor dem Einstieg ins urbane Wildwasser

Der Einsteiger: ein Boarder kurz vor dem Einstieg ins urbane Wildwasser

© Dom Daher

Kaum irgendwo wird das so unmittelbar sichtbar wie an der Flusswelle in Bremgarten, etwa 15 Kilometer westlich von Zürich. Schon Anfang der 70er-Jahre sollen sich auf der stehenden Welle erste Surfer auf ihren Brettern versucht haben. Heute ist Bremgarten einer der populärsten Surfspots in der Schweiz.
Im Frühjahr und Frühsommer, wenn das Schmelzwasser die Reuss ansteigen und eine endlose Welle erzeugen lässt, sind die Bedingungen ideal. Surfer springen von der kleinen Insel in der Mitte der Reuss ins tiefgrüne Wasser und reiten die Welle. Junge, Alte, Anfänger, Könner, Flusswellen-Spezialisten, Atlantikwellen-Veteranen, ein einziges Woodstock im Wasser.
Die Schweizer Surfer Esteban Caballero (li.) und Valentin Milius.

Die Schweizer Surfer Esteban Caballero (li.) und Valentin Milius.

© Dom Daher

Vincent Schneider surft auf der Flusswelle in Bremgarten.

Vincent Schneider surft auf der Flusswelle in Bremgarten.

© Dom Daher

Esteban zieht beim Dreh seine Runden über den eiskalten Neuenburgersee.

Esteban zieht beim Dreh seine Runden über den eiskalten Neuenburgersee.

© Dom Daher

Hale Woods gründete 1992 die Swiss Surfing Association.

Hale Woods gründete 1992 die Swiss Surfing Association.

© Dom Daher

«Das Erstaunlichste dort war, dass sich tatsächlich das Gefühl einstellte, beim Surfen zu sein», sagt Esteban, der in «Landlocked» immer wieder sein Brett rausholt und die Wellen seines Landes testet. «Du parkst dein Auto, schlüpfst in den Wetsuit, schnappst dir dein Brett, und los geht’s. Es ist wie ein Mini-Surfurlaub. Du vergisst den Stress der Woche, hast dieses Gefühl, auf dem Brett zu stehen. Und danach gehst du auf den Campingplatz, grillst und chillst.»
Valentin und Esteban (re.) schrauben an ihrem selbst gezimmerten Board.

Valentin und Esteban (re.) schrauben an ihrem selbst gezimmerten Board.

© Dom Daher

José Fernandes reitet die Citywave im Herzen der Stadt Zürich.

José Fernandes reitet die Citywave im Herzen der Stadt Zürich.

© Dom Daher

Ein Mann, der gut kennt, was Esteban da beschreibt, ist Benedek Sarkany. Der 42-Jährige ist Präsident von Swiss Surfing sowie Nationaltrainer des Verbands und hat in Bremgarten einen eigenen Wohnwagen stehen. In den vergangenen Jahren konnte er am Ufer der Reuss beobachten, was sich auch in den Daten seines Verbandes niederschlägt: Die Zahl der Surfer nimmt seit etwa acht Jahren rapide zu. Noch 2014 waren es etwa 20.000 weniger als heute.

Die kleine Welt der Bretter

Wie er sich das erklärt? «Zum einen sind wir Schweizer eine Brettsport-Nation. Wir stehen schon als Kinder auf Ski oder Snowboards und lernen, irgendwo hinabzufahren. Zum Wellenreiten ist es von da kein grosser Schritt. Zum anderen reisen wir gerne. Viele lernen das Wellenreiten im Ausland und wollen es weiter betreiben, wenn sie zurück sind. So stossen sie dann auf Bremgarten und all die anderen Möglichkeiten.»
Fotograf Dom Daher is begeistert davon, wie vielfältig die Schweiz ist.

Fotograf Dom Daher is begeistert davon, wie vielfältig die Schweiz ist.

© Own

Und davon gibt es heute viele. In den vergangenen Jahrzehnten entdeckten Schweizer Surfer mehrere neue Flusswellen, wie in Bern, Basel oder Thun. Zudem entstanden auch erste Anlagen mit künstlich erzeugten stehenden Wellen, wie die Outdoor-Wellenreitanlage «Urbansurf» mitten in der Stadt Zürich oder die Indoor-Anlage «Oana Citywave» in Ebikon. Und dann wäre da natürlich noch die Möglichkeit, auf einem der Schweizer Seen den Wellen nachzujagen. Das allerdings ist eher was für echt Motivierte – und Hartgesottene.
Surflehrerin Fabienne Sutter beim Shooting für The Red Bulletin

Surflehrerin Fabienne Sutter beim Shooting für The Red Bulletin

© Dom Daher

Als der Lausanner Surfer und Mit­begründer der Association Romande de Surf, Greg Williams, 2014 in Villette am Genfersee die wohl höchsten Wellen reitet, die je auf einem Schweizer See gesurft wurden, ist es Februar. Der Wind bläst mit bis zu 150 Stundenkilometern übers Wasser. «Die Wellen waren viel­leicht 1,50 Meter hoch, und du konntest nur wenige Sekunden surfen», erzählt Williams in «Landlocked», «aber, mein Gott, was für ein einmaliges Gefühl: Du reitest eine Welle auf deinem See!»
Wellen wie an jenem «Big Thursday», wie ihn Williams heute nennt, sind selten. Aber ein paar Tage, an denen man an einigen Stellen am Genfersee und am Neuenburgersee surfen kann, gebe es jedes Jahr, erzählt Esteban. Einen davon hat er selbst im Neuenburgersee erlebt. «Es war superkalt, und die Wellen waren superklein, aber immerhin: Du konntest sie tatsächlich reiten!»
Quotation
Surfen auf der Flusswelle in Bremgarten ist wie ein kurzer Urlaub.
Surfer Esteban Caballero
Wer Wellen wie am Meer sucht, wird an den Seen eher nicht fündig. In anderen Teilen des Landes aber schon. Etwas wei­ter im Süden. In der Alaïa Bay in Sitten, im Herzen der Schweizer Alpen. «Seit es diese Anlage gibt, habe ich das Gefühl, dass man in der Schweiz tat­sächlich surfen kann», sagt Fabienne Sut­ter über die Alaïa Bay, ein Outdoor­-Surf­becken in der Grösse eines Fussballfelds (und das erste Surfbecken überhaupt in Kontinentaleuropa), das auf Knopfdruck ideale Wellen jeder Grösse liefert.

Die Atlantik-Connection

Fabienne, 31, ist eine Art Schweizer Vor­zeigesurferin: Ihr Weg aufs Brett verlief klassisch, ihre Fähigkeiten darauf sind klasse. Aufgewachsen in einem Dorf im Kanton Schwyz, stand sie schon als Kind auf Ski, später auf dem Skateboard, mit 18 dann erstmals auf einem Surfbrett am Atlantik.
Heute lebt sie den Grossteil des Jahres im nordwestspanischen Küstendorf Ferrol, arbeitet als Surflehrerin und war lange Mitglied des «National Talents Teams» von Swiss Surfing.
Ueli Kestenholz beim Wingfoil-Surfen auf dem Thunersee.

Ueli Kestenholz beim Wingfoil-Surfen auf dem Thunersee.

© Dom Daher

Sie hat Flusswellen ausprobiert, ist auf Schweizer Seen den Wellen nach­ gepaddelt, aber so richtig befriedigend fand sie das alles nicht. Von der Alaïa Bay aber schwärmt sie: «Du kannst dort so viel Zeit auf der Welle verbringen, dass du wirklich Fortschritte machst.» Die Anlage könne auf Breitensportebene das Surfniveau in der Schweiz heben und biete auch echten Topleuten grossartige Möglichkeiten.
«Klar ist das Surfen im Meer noch mal was anderes, und den Spirit des Sports erlebst du dort noch intensiver. Aber wenn du an bestimmten Dingen feilen willst, ist die Anlage per­fekt: weil du so viel Zeit auf der Welle verbringst. Und weil dein Coach dich rausholen, dir Tipps geben und dich gleich wieder reinschicken kann, um sie umzusetzen.»
Surfer Sandro Santschi trainiert im Herzen der Altstadt von Thun.

Surfer Sandro Santschi trainiert im Herzen der Altstadt von Thun.

© Dom Daher

Die massgeschneiderte Welle

Benedek Sarkany von Swiss Surfing spricht sogar von einer «kleinen Revolu­tion». Vor allem was den Surfnachwuchs betrifft, könne sich durch die Alaïa Bay vieles verändern. «Du kannst jetzt als Achtjähriger in der Schweiz surfen gehen, in einem sicheren Umfeld, mit ideal auf dich abgestimmten Wellen. Das wird das Surfen in der Schweiz insgesamt besser machen.»
Benedek Sarkanys Mini-Welle ist eine kleine Revolution für Surfer-Kids.

Benedek Sarkanys Mini-Welle ist eine kleine Revolution für Surfer-Kids.

© Dom Daher

Und vielleicht wird es dem Land irgendwann sogar seinen ersten Surf­Star bescheren. «Landlocked»­-Macher Dom Daher jedenfalls kann sich das gut vor­stellen. In nicht allzu ferner Zukunft, glaubt er, könnten olympische Surfwett­bewerbe nicht mehr im Meer ausgetragen werden, sondern in Pools, ähnlich dem in der Alaïa Bay. Doms Schlussfolgerung: «Wir haben einen Roger Federer hervor­ gebracht, weil wir grossartige Tennis­plätze haben – warum sollen wir nicht den nächsten Kelly Slater hervorbringen, wenn wir grossartige Bedingungen fürs Surfen haben?» Doch das ist eine andere Brettgeschichte.
«Landlocked»: Schweizer Surf-Stories

«Landlocked»: Schweizer Surf-Stories

© Own

In der kurzweiligen Webserie «Land­locked» zeigen Surfbegeisterte um den Fotografen Dom Daher, dass die Schweiz auch ganz ohne Meer ein Paradies für Surfer ist. Die Episoden sind zu finden auf YouTube zu finden.

Kein Meer? Kein Problem!

Egal ob See, Fluss, Pool, Halle – oder gleich neben der chilligen Cocktailbar: Hier sind die besten sechs Schweizer Surf-Spots für Anfänger und Profis.