Er läuft 200 Kilometer pro Woche. Und liebt es, wenn ihm Zeit für einen ausgiebigen Mittagsschlaf bleibt. Denn im Leben von Tadesse Abraham geht es um die richtige Mischung aus Entspannung und Leistung. Seit 2016 hält er den Schweizer Rekord im Marathon – mit 2 Stunden, 6 Minuten und 40 Sekunden, aufgestellt in Seoul (womit er auf Platz vier landete, 1:27 Minuten hinter dem Sieger). Der Weg dahin war lang: In Eritrea geboren, setzte er sich während eines Wettkampfs in Belgien ab und stellte 2004 einen Asylantrag in der Schweiz. 2014 wurde er eingebürgert – und gilt heute als bestes Beispiel für gelungene Integration.
Jetzt hilft er jungen Menschen, die wie er Migrationshintergrund haben. Sein «THSN Refugee Team» wird am 8. Mai beim Wings for Life World Run in Genf mitlaufen. THSN steht "The Human Safety Net Switzerland" und ist die Stiftung von Generali Schweiz. Damit unterstützen sie unter anderem Flüchtlinge und Migranten bei der Verwirklichung ihre Träume und Geschäftsideen.
Es geht nicht nur ums Gewinnen. Wichtig ist der Teamgeist.
THE RED BULLETIN: Wo erwische ich Sie gerade?
TADESSE ABRAHAM: Ich bin auf Trainingslager in Äthiopien und komme gerade vom Mittagessen. Vormittags bin ich 21 Kilometer gelaufen, nachmittags stehen noch einmal zehn an.
Addis Abeba liegt auf fast 2 400 Metern. Probleme mit der Höhe haben Sie keine?
Die Höhe liegt mir. So bin ich aufgewachsen, ich akklimatisiere mich dementsprechend schnell. Äthiopien ist wie eine Heimat für mich, ich spreche die Sprache, mag das Essen, finde leicht Trainingspartner. Und die Laufstrecken sind sehr abwechslungsreich.
Sie sind im Nachbarland Eritrea auf einem Bauernhof gross geworden. Wie sind Sie eigentlich zum Laufen gekommen?
Als Kind wollte ich unbedingt Radrennfahrer werden. Aber dann bin ich gestürzt. Mir ist nichts passiert, aber das Velo war kaputt. Und meine Eltern hatten nicht genug Geld, um mir ein neues zu kaufen. Ich musste zehn Kilometer in die Schule zu Fuss gehen. Damit ich nicht immer zu spät komme, begann ich zu laufen. Mit sechzehn war ich der Schnellste meiner Schule. Mein Lehrer hat gemeint, ich müsste mit dem Laufen weitermachen. Und das habe ich.
Hatten Sie Vorbilder?
Am Anfang nicht, es gab keinen Fernseher in unserem Dorf. Ich wusste gar nicht, wer die Champions waren. Ich wollte einfach bei Wettkämpfen dabei sein und gewinnen.
2004 sind Sie aus dem autoritär regierten Eritrea geflüchtet und in der Schweiz gelandet. Konnten Sie Deutsch?
Kein Wort. Das war schon schwierig, aber der Sport hat mir sehr geholfen, mich schnell zu integrieren.
Ist das ein Grund, warum Sie sich sozial engagieren? Um anderen zu helfen, denen es ähnlich geht?
Definitiv! Viele Leute schämen sich, dass sie die Sprache nicht perfekt beherrschen. Ich möchte ihnen die Hemmungen nehmen. Ihnen klar machen, dass es wichtig ist, zu sprechen, auch wenn die Grammatik nicht perfekt ist.
Sie leiten das «THSN Refugee Team». Was ist das genau?
Ein Projekt, das die Versicherung Generali Schweiz gemeinsam mit mir ins Leben gerufen hat. Es geht darum, junge Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung über Sport zu integrieren. Beim Trainieren redet man ungezwungener, kommt auf neue Ideen und findet Freunde.
Muss man eine bestimmte Zeit laufen, um in diesem Team aufgenommen zu werden?
Nein, wir sind bunt gemischt, Männer und Frauen, Anfänger und Spitzensportler. In Genf besteht das Team im Moment aus rund 20 Leuten. In Zürich werden wir auch bald starten, das mussten wir wegen Corona verschieben. Wir helfen Flüchtlingen, wenn sie Spitzensportler werden wollen, aber auch, wenn sie eine Lehre oder Ausbildung suchen.
Welche Rolle spielen Sie da?
Ich bin der grosse Bruder. Ein guter Freund, mit dem man locker reden kann. Zumindest anders als mit ihrem Chef. Ich bin einer von ihnen, weiss, wie man schnell eine Lösung finden kann.
Gibt es im Refugee-Team Läufer, die Ihnen später mal Konkurrenz machen können?
Fünf sind extrem gut. Aber ich hatte nie Angst, dass jemand besser ist als ich. Wer gut trainiert, der gewinnt. Für mich ist es okay, wenn mich jemand aus dem eigenen Team schlägt. Das bedeutet doch bloss, dass ich meinen Job gut gemacht habe. Es geht beim Sport nicht nur ums Gewinnen, darum, möglichst viele Kilometer möglichst schnell zu laufen. Wichtig ist der Teamgeist.
Ist Marathonlaufen denn nicht eine relativ einsame Sache?
Klar, bei den Wettkämpfen bist du allein. Aber beim Training wäre ich ohne Team aufgeschmissen. Dann würde ich bei schlechtem Wetter einfach auf dem Sofa liegen bleiben.
Für mich ist es okay, wenn mich jemand aus meinem Team schlägt.
Welche Tricks haben Sie bei Wettkämpfen, um sämtliche Energiereserven freizusetzen?
Positive Gedanken helfen. Ich blende die Konkurrenz aus, denke an die vielen Leute, die hinter mir stehen. Meine Familie, mein Team, mein Verein, alle, die im Ziel auf mich warten. Dann bin ich mit voller Kraft unterwegs.
Wie geht es Ihnen mit dem Druck?
Klar, das macht mir manchmal schon Stress. Vor allem, wenn ich für mein Land laufe und die Erwartungshaltung gross ist. Ich denke dabei mehr an meine Heimat als an mich. Wenn Millionen Menschen an dich glauben, dann möchtest du die einfach nicht enttäuschen. Genau das gibt mir dann aber auch wieder den nötigen Kick, mich durchzukämpfen.
Haben Sie Rituale?
Eigentlich nicht. Ich mache beim Start und im Ziel ein Kreuzzeichen, weil ich gläubig bin. Aber ich gehe die Strecke nicht im Kopf durch. Ich laufe einfach los. Der Rest ergibt sich von selbst.
Sie trainieren gerade für die Olympischen Spiele, die ab Ende Juli in Tokio stattfinden sollen. Glauben Sie, die Corona-Pandemie könnte Ihnen noch einen Strich durch die Rechnung machen?
Als Athlet muss ich zu 100 Prozent daran glauben, dass die Spiele stattfinden werden. Alles andere wäre kontraproduktiv. Nur so bin ich motiviert.
Was für einen Tipp geben Sie jungen Läuferinnen und Läufern?
Alles ist möglich, du brauchst nur ein Ziel. Du musst bei der Sache bleiben, auch wenn es gerade nicht rund läuft. Positiv sein, aber Selbstkritik zulassen. Abgesehen davon finde ich, dass man nicht immer nur trainieren kann. Auch ein Spitzensportler muss das Leben geniessen. Ich möchte keine Maschine werden. Es muss möglich sein, auch mal mit Freunden abzuhängen.
Wie schalten Sie ab?
Ich schlafe wahnsinnig gern. Auch tagsüber. Wenn es mir gelingt, eine Stunde zu schlafen, dann bin ich wieder voller Tatendrang. Auch wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringe, kann ich völlig im Moment leben. Und Wandern macht mir Spass.
Dann ist die Schweiz ja geradezu ideal für Sie.
Ja, die Natur liegt vor der Haustür. Ich gehe gern in den Wald, geniesse die verschiedenen Lichtstimmungen und den Vögeln beim Singen zuzuhören. Das klingt vielleicht kitschig, aber es gibt mir Ruhe.
Lauf ins Glück
Das Laufen brachte Tadesse Abraham eine neue Heimat. Und seine Frau. «Tade», wie ihn Freunde und Fans nennen, war in Eritrea schon ein erfolgreicher Athlet, als er sich bei einem Wettkampf in Europa in die Schweiz absetzte. Beim Laufen lernte er später in seiner Wahlheimat auch seine Frau Senait kennen, die damals als Hobbyläuferin für den New Yorker Marathon trainierte. Sie wuchs in der Schweiz auf, arbeitet in der Finanzbranche, hat aber wie ihr Mann eritreische Wurzeln. Die beiden leben mit ihrem Sohn Elod in Genf.
Mit Tadesse Abraham unterwegs: tadesse-abraham.ch – oder auf Instagram: tadesse_abraham_official
Beim Wings for Life World Run am 8. Mai laufen tausende Menschen in aller Welt gleichzeitig für den guten Zweck: Mit den Einnahmen werden Forschungsprojekte zur Heilung von Rückenmarksverletzungen unterstützt. Melde dich an auf:wingsforlifeworldrun.com