Deutschrap in den 80ern: das waren die Vorreiter
© Daniela Rudolf
Music

Deutschrap in den 80ern – das waren die Pioniere!

Ohne diese Vorreiter und Style-Ikonen wären eure heutigen Lieblings-Artists vielleicht undenkbar – wir verfolgen die Wurzeln von Deutschrap zurück bis ins Jahr 1980.
Autor: Red Bull
veröffentlicht am
Wann und wo hat Deutschrap angefangen? Bei „Die da?!“, bei „Fremd im eigenen Land“ oder eigentlich erst bei „Jein“ und „Füchse“? Weit gefehlt – wir gehen heute weit, weit zurück, tief in die 80er Jahre zu den ersten Gehversuchen des Deutschrap. Mit HipHop und urbaner Kultur hatte das meist herzlich wenig zu tun – mit Ami-Hype, kultureller Aneignung und (oft unfreiwilliger) Comedy schon eher.
Entdeckt mit uns verrückte Cover-Versionen, Mundart-Rap, rappende Punks und die ersten Ikonen der Coolness!

1980: G.L.S.-United – Rapper’s Deutsch

„Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang war 1979 ein weltweiter Riesenhit und wurde rund 30-mal in den verschiedensten Sprachen gecovert – Spanisch, Holländisch, Tagalog, you name it. Solche Versionen waren eine beliebte Strategie der Plattenindustrie für alle möglichen lokalen Märkte. Deutschland war da keine Ausnahme. Deshalb engagierte man drei populäre Moderatoren: Manfred Sexauer war damals der größte Star des Trios, weil er bereits seit 15 Jahren Musiksendungen moderierte. Thomas Gottschalk war der vielversprechende Newcomer aus dem Radio. Die Wetten auf seine Karriere löste er bekanntlich bald ein – Wetten, dass..?
Produziert wurde die Coverversion von einem jungen bayrischen Keyboarder namens Harold Faltermeyer. An der Seite von Giorgio Moroder entwickelte dieser maßgeblich den „Munich Sound“ mit, der weltweit die Discotheken eroberte und ihm das Tor nach Hollywood öffnete. Dort sollte Faltermeyer 1984 „Axel F“ zum Soundtrack von „Beverly Hills Cop“ beitragen. Diese Melodie kennt bis heute jeder – von Eddie Murphys Mutter bis zum Crazy Frog. So wie eben auch „Rapper’s Delight“, Verzeihung: „Rapper’s Deutsch“.
Und heute? Nun, rappende TV-Moderatoren gab es von Stefan Raab über Daniel Aminati bis Cherno Jobatey immer wieder. Aber vor allem muss „Rapper’s Deutsch“ tatsächlich als der erste populäre Beweis gelten: Rap auf Deutsch – kann man machen. Und das war buchstäblich nur der Anfang.
Der erste swaggy Rapper auf Deutsch – und ein Wegbereiter für Bausa und Apache207?
Falco: Alles klar, Herr Kommissar?
… alles klar, Herr Kommissar?
Falco
Dass Sprechgesang in deutscher Sprache auch unverkrampft, cool und fern von plattem Humor sein kann, zeigte 1982 ein Österreicher. Falco glänzte mit einem Groove-Verständnis, dass er als Bassist in Funk-Bands trainierte. Für ihn war Rap eine logische Weiterentwicklung von Funk. Er sah sich aber ausdrücklich nie als Rapper oder Teil der HipHop-Kultur. Bemerkenswert ist, wie frei er mit der Sprache umgeht: Deutsch und Englisch werden ohne Skrupel durcheinandergeworfen und mit Wiener Schmäh kombiniert. So frei agierte man im deutschen Rap erst wieder ab der Mitte der 90er.
Und heute? Ein messerscharfes Image, arroganter Charme und hyperstylishe Gangster-Geschichten, die die halbe Welt mitsingen kann? Das machen heute Superstars wie Apache207, Bausa, Shindy oder Summer Cem auch – oft mit gar nicht so anderen Mitteln. Respect the Architect.

1985: Hase Cäsar – Rüben Rap

Der Hase Cäsar war eine Handpuppe, die ab 1964 im deutschen TV auftrat. In der Sendung „Schlager für Schlappohren“ moderierte er sehr erfolgreich Beat- und Popmusik an, später trat er auch im Kinderfernsehen auf. Weil es nur drei Sender gab, war Cäsar ein Superstar und produzierte natürlich auch Schallplatten, die sich hunderttausendfach verkauften. Und um nicht den Anschluss zu an den Zeitgeist zu verlieren, musste der Hase Cäsar eben irgendwann auch rappen.
Und heute? Was Rap für Kinder betrifft, war Cäsar der Urvater von Deine Freunde, Dikka und der Giraffenaffen-Reihe. Und sehen wir da auch eine Parallele zu Avataren, Animationen und Kunstfiguren von Marsimoto bis Yung Kafa & Kücük Efendi?

1983: Rockhaus – Disco in der U-Bahn

In der DDR war es schwerer, dem Zeitgeist des Westens zu folgen. Sprechgesang fand man natürlich dennoch spannend, und die Band Rockhaus interessierte sich sowohl für Disco, Funk als auch für Post-Punk. Rap war die logische Konsequenz und zieht sich durch die Diskografie der Band – wir tanzen „Disco in der U-Bahn“.
Und heute? Wir erahnen am anderen Ende der Zeitmaschine Acts wie Deichkind, Kraftklub, Alligatoah oder Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi. Ahnt ihr auch?
Was wären Haiyti und SXTN ohne Nina Hagen?
Punk-Ikone und Deutschrap-Pionierin: Nina Hagen
Balanciere dein Leben mit richtigem Essen/Ich hoffe nur, du wirst doch keine Tiere fressen!
Nina Hagen, „Was es ist“
Nicht nur für Funk- und Jazzmusiker war Rap spannend. Auch progressive Punks feierten HipHop als eine Form von „schwarzem Punk“. Ob Blondie, Talking Heads, The Clash, die Beastie Boys oder hierzulande die Toten Hosen, alle mochten und machten auch Rap. Deshalb verwundert es nicht, dass Nina Hagen als Königin des Punk während ihrer New-York-Besuche Afrika Bambaataa oder die Rock Steady Crew in den Clubs erlebte. Sie schnappte sich die Produzentenlegende Giorgio Moroder, um mit ihm den Song „Was es ist“ aufzunehmen.
Und heute? Bei Haiyti ist Nina Hagens rebellische Antihaltung und das exzentrische Kunstverständnis vielleicht am deutlichsten wiederzufinden. Aber auch Badmomzjay, Juju und Nura stehen in dieser Traditionslinie von Grenzen sprengenden Powerfrauen.

1986: Peter Alexander und die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft – Der Fußball-Rap

In den 80er Jahren entstanden in Deutschland Hunderte mehr oder weniger peinliche Rap-Songs – so wie dieses Schmankerl, das sich sehr an Falcos „Der Kommissar“ orientiert. Der Österreicher Peter Alexander, jahrzehntelang einer der größten Entertainer Deutschlands, ist extrem dicht dran, was Performance, Flow und Betonung betrifft, und scheitert dann doch grandios an jeder Spur von Coolness. Immerhin hört man im Song einen Chor aus Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus, Karl-Heinz Rummenigge, Pierre Littbarski, Andreas Brehme, Harald Schumacher und Olaf Thon.
Und heute? Na ja … ihr erinnert euch an den Sparkassen-Rap, den Edeka-Rap und den Bettenlager-Rap? Und tschüss.

1983: René Weller ‎– René Weller Rap (To Be Or Not To Be)

René Weller ist eine Box-Legende und prägte den Spruch: „Wo ich bin, ist oben. Falls ich mal unten bin, ist unten oben.“ Der Schöne René, wie er auch genannt wurde, spielte als Boxstar die Hauptrolle im ersten echten fränkischen Actionfilm, dem Trash-Klassiker „Macho Man“. Aber natürlich musste er auch Musik machen. Sein Rap-Song ist wieder eine Coverversion, das Original ist von Satiriker Mel Brooks und Weller darf dank offizieller Lizenz auf dem Original-Instrumental darüber rappen, wie toll er ist.
Und heute? Profisportler haben immer noch Bock auf Rap. Isso.

1984: Rodgau Monotones – Die Hesse komme

Hessen ist eines der Epizentren des Sprechgesangs der 80er. Das ist den dort stationierten US-Soldaten und ihrer Radiowelle AFN geschuldet. So verwundert es nicht, dass die Rodgau Monotones mit „Die Hesse komme“ lupenreinen 80s-Funk spielen, der erfolgreich bis auf Platz 22 der deutschen Single-Charts kletterte. Es wird auch die HipHop-Kultur verteidigt: So wird der Vorwurf persifliert, dass DJs nur Platten kaputtmachen, und im hessisch „gebabbelten“ Rap wird klargemacht: Wer behauptet, Rap sei „nur Nepp“, ist was? Richtig, ein Depp.
Und heute? Authentischer Funk von einem großen Ensemble, HipHop-Sozialisation, Soul, Massentauglichkeit und etwas Lokalkolorit? Hallo, Jan Delay & Disko No. 1, Peter Fox, Moop Mama oder Freundeskreis! (Und hallo Rockstah – der Rapper und Podcaster ist der Sohn von Rodgau-Monotones- und Badesalz-Mitglied Henni Nachtsheim.)

1989: Bayernpower ‎– Funky Cold Medina (Ein Bayer In New York)

Hier schließt sich der Kreis zu G.L.S.-United: Harold Faltermeyer schnappte sich 1989 zwei Freunde und produzierte eine bayrische Version von „Funky Cold Medina“, dem Pop-Rap-Hit von Tone Loc. Geld und sicherlich etwas Spaß waren hier die Motivation, wie meist in den 80ern findet aber keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Rap statt. Der Sprechsänger Armin Pertl schreibt später auch für Wolfgang Petry, Roberto Blanco, Nicole oder Andy Borg, aber eins wurde hier bestätigt: Auch Mundart-Rap funktioniert!
Und heute? Liquid & Maniac machen bayrischen Mundart-Rap ebenso überzeugend wie Bbou oder Monaco F, aber natürlich geht das nicht nur in Bayern. Erinnert sich zum Beispiel noch jemand an diesen Überhit auf Plattdeutsch, der in den Neunzigern Deutschland zum Tanzen brachte?
… und in Zukunft? Wir sind mehr als gespannt, welche Spuren die Deutschrap-Stars von heute in den kommenden Generationen hinterlassen werden!