Willkommen im Team!
© Stefan Hobmaier
Skispringen

Nur zwischengelandet: Andi Wellinger ist bereit, wieder durchzustarten

Warum der verletzungsbedingte "Absturz" von Skisprung-Ass Andreas Wellinger nicht mehr ist, als eine unplanmäßige, aber lehrreiche Zwischenlandung auf dem Weg zurück an die Weltspitze.
Autor: Henner Thies
7 min readveröffentlicht am
"What goes up must come down", heißt es im Englischen: Was aufsteigt, bringt die Erdanziehungskraft irgendwann wieder zu Boden. Auch wenn Skispringer diesem Naturgesetz immer wieder trotzen, am Ende müssen auch sie wieder auf der Erde landen – im physikalischen, wie im übertragenen Sinn. Andreas Wellinger hat dieses Naturgesetz vielleicht härter und schneller eingeholt, als viele andere Skispringer.

38 Min

Andreas Wellinger – Ein Portrait

Wellinger wurde mehr als ein Jahr lang auf dem Weg zur Genesung begleitet.

2018 kehrt Wellinger mit zwei Silbermedaillen und einer Goldmedaille noch als erfolgreichster Skispringer der Winterspiele aus Südkorea zurück – ein Jahr später, im Juni 2019, findet der ungeahnte Höhenflug des Ausnahmespringers beim Sommertraining im österreichischen Hinzenbach ein ebenso jähes wie brutales Ende. Beim Sturz während der Landung reißt Wellinger sich das Kreuzband im rechten Knie, auch Meniskus und Knorpel sind schwer beschädigt. Abstoßender war Erdanziehung selten.
Skispringer Andreas Wellinger fliegt bei der Vierschanzentournee 2018 durch die Luft.
Andi Wellinger bei der Vierschanzen-Tournee 2018.
Dass ich das Skispringen meinen Beruf nennen darf, sehe ich als absolutes Privileg.
Es folgt Wellingers emotionaler Tiefpunkt: "Als der Arzt mir nach dem MRT die Diagnose übermittelt hat und meinte, dass das gerissene Kreuzband angesichts des verletzten Knorpels das geringste Übel sei, ist mir bewusst geworden, wie schwerwiegend die Verletzung wirklich war", erinnert sich Wellinger. Während Athleten mit einem gerissenen Kreuzband rund sechs Monate brauchen, bis sie ihren Sport wieder ausüben können, ist Wellingers Genesungs-Timeline in diesem Moment völlig ungewiss. Für Profisportler der Supergau.

In Nullkommanix ins Skisprung-Olymp

So plötzlich Wellingers fulminanter Aufstieg zum Stillstand kommt, so früh und schnell hat der junge Highflyer vom SC Ruhpolding nach seinen Anfängen "ganz oben angeklopft", wie er das sagt.
Skispringer Andreas Wellinger steht während des Foto-Shootimngs in München für ein Porträt bereit.
Wellinger hat es weit gebracht – jetzt ist er zurück!
Im Alter von sechs Jahren beginnt Wellinger mit dem Langlaufen und macht bereits die ersten Sprünge von der Schanze. Bewusst wahr genommen habe er das Skispringen erstmals zur Zeit von Martin Schmitt und Sven Hannawald, so Wellinger: "In den Jahren, in denen ich dann selbst immer erfolgreicher gesprungen bin, war Thomas Morgenstern am präsentesten."
Bis 2011 versucht sich Wellinger noch als Kombinierer. "Ich war aber immer schon der bessere Skispringer", meint Wellinger. Grund genug, um sich ab 2011 voll aufs Springen zu konzentrieren. Wenig später wird er für sein Commitment das erste Mal belohnt.
Skispringer Andreas Wellinger schaut beim Ski-Weltcup in Kitzbühel 2020 zu.
Andi Wellinger beim Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel 2020.
Bei den Winterspielen 2018 zweimal Silber und einmal Gold zu gewinnen, war das Bewegendste, was ich bisher als Sportler erleben durfte.
Mit 17 springt Wellinger erstmals im Weltcup – und landet prompt auf Platz 5. Eine Woche später feiert er in Kuusamo im Team-Wettbewerb seinen ersten Weltcup-Sieg. "Ich habe mich sehr schnell etabliert", freut sich Wellinger noch heute über seinen frühen Erfolg: "Zwei Jahre später, 2014, habe ich dann bereits meine ersten Winterspiele erleben dürfen und dort sogar Team-Gold gewonnen." Ein Sensations-Erfolg für den Wellinger und seine Team-Kollegen am 8. Mai 2014 vom damaligen Bundespräsident Joachim Gauck sogar mit dem Silbernen Lorbeerblatt geehrt werden – Andi Wellinger ist da 18 Jahre alt und fängt gerade erst an, Fahrt aufzunehmen.
"In meiner Anfangszeit in der deutschen Mannschaft hat mich mein Team-Kollege Severin Freund extrem inspiriert und gepusht", erinnert sich Wellinger. "Ich habe mir aber auch da schon immer hier und dort etwas abgeschaut, wo ich dachte, der beeindruckt mich, von dem kann ich was lernen – und sei es nur durch Beobachten."
Ein äußerst erfolgreiches Konzept: 2016 und 2017 folgen zahlreiche WM-Medaillen im Team und im Einzel und – 2018 im südkoreanischen Pyeongchang – Wellingers bisheriger Karrierehöhepunkt: "Bei den Winterspielen 2018 zweimal Silber und einmal Gold zu gewinnen, war das Bewegendste, was ich bisher als Sportler erleben durfte", bringt Wellinger sein Ausnahmejahr auf den Punkt.

Der Absturz 2019 als Zwischenlandung

Dann kommt der Juni 2019. Im österreichischen Hinzenbach wird aus himmelhoch, jauchzend am Boden zerstört – mit nur einem sommerlichen Trainingssprung. Auch das ist Skispringen. Eiskalt. Ein schmaler Grat zwischen latentem Infragestellen physikalischer Gesetzmäßigkeiten und harten, folgenreichen Landungen auf dem Boden der Tatsachen.
"Der Sprung war eigentlich unspektakulär, erinnert sich Wellinger an den Tag seines Sturzes: "Bei der Landung hat das rechte Knie dann plötzlich nachgegeben. Da wusste ich sofort, dass etwas kaputt ist." Die Diagnose, die Wellinger vom Radiologen in München erhält, ist niederschmetternd. Doch für das Skisprung-Ass ist klar: ab hier gibt es nur eine Richtung und die zeigt nach vorn.
Was Wellinger zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, kurze Zeit später dominiert COVID-19 die weltweiten Schlagzeilen, erschwert das Reisen, das Trainieren und Wettkämpfe. Dabei ist die Pandemie nur einer von zahlreichen Rückschlägen, die Wellinger in den kommenden zwei Jahren wegstecken muss.
Skispringer Andreas Wellinger macht während der Vierschanzen-Tournee 2018 ein Selfie mit einem Fan.
Wellinger weiß, wo er wieder hin will. Dafür setzt er alles in Bewegung.
Jeder Rückschlag bringt Dinge mit sich, die dich weiterbringen können. Du musst sie nur ausfindig machen.
"Die vergangenen drei Jahre waren mehr als holprig", fasst Wellinger zusammen. "2019 mit kaputtem Knie, 2020 mit gebrochenem Schlüsselbein und Corona und dann die verkorkste Saison 2021, wo es überhaupt nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt habe."
Umso motivierter und fitter startet Wellinger nun in die Saison 2021/22. "Jeder Rückschlag bringt Dinge mit sich, die dich weiterbringen können", sagt er: "Du musst sie nur ausfindig machen." Das hat der Weißbacher, diesseits und jenseits der Skisprungschanze. "Ich habe in dieser durchaus schwierigen Zeit extrem viel über meinen eigenen Körper, meine Physiologie aber auch meine Psyche gelernt", sagt Wellinger.
Insbesondere die eigene Körperwahrnehmung sei nach der schweren Knieverletzung eine ganz andere. Mehr noch: Wellinger ist der festen Überzeugung, dass derartige Rückschläge Ereignisse sind, die einen gezielt dazu bringen, die eigene Situation, den eigenen Körper, den eigenen Sport bewusster wahrzunehmen. "Gefühlt habe ich das Skispringen vom Weglegen der Krücken, über das Rehatraining im Athlete Performance Center in Thalgau, kurz APC, bis hin zum Wiederannähern an die Zielbewegung und letztlich das Springen selbst, noch einmal ganz neu gelernt", meint Wellinger.

Rundum erneuert zum Neustart

4 Min

Wellingers Erfolgsrezepte – für das Skispringen und echten Kaiserschmarrn

Wer im Skispringen erfolgreich sein will, braucht Rezepte, die funktionieren – unter Druck, im Training oder zwischendurch. Und: Was am Balken zählt, gilt auch in der Küche!

"What goes up must come down." Diesen Satz kann man glücklicherweise auch umdrehen. Was runterkommt, war irgendwann mal oben. Einer wie Wellinger weiß demnach, was zu tun ist, um ganz oben mitzumischen. Oder?
"Zu wissen, wie es geht, und das dann umzusetzen, sind zwei unterschiedliche Dinge", erklärt Wellinger. "2020 musste ich das bitter erleben. Die Bereitschaft und das Wissen waren da, aber körperlich war ich einfach nicht im Stande, Höchstleistungen zu vollbringen." Das zu akzeptieren, ohne sich daran aufzuhängen, sei eine der härtesten Lektionen der letzten Jahre gewesen, so Wellinger.
Skispringer Andreas Wellinger setzt sich für ein Porträt-Foto in München seinen Skisprunghelm auf.
Andreas Wellinger setzt runumerneuert zum Neustart an.
"Statt an dir und der Situation zu verzweifeln, musst du dich nüchtern und frei von Emotionen fragen: welche Umwege muss ich gehen, um wieder dorthin zu kommen, wo ich gefühlt hingehöre?", erklärt Wellinger. Ein enorm schwieriger Schritt, den letztlich aber wohl jeder Athlet früher oder später gehen muss.
Du musst dich fragen: Welche Umwege muss ich gehen, um wieder dorthin zu kommen, wo ich gefühlt hingehöre?
Wellinger hat auch dank seines privaten Umfelds zurück in die Erfolgspur gefunden. "Meiner Familie, meiner Freundin und meinen Freunden ist es völlig egal, ob ich Erster oder Letzter werde, Skispringer oder Maurer bin", erzählt Wellinger. "Die nehmen mich, so wie ich bin. Das ist genau, was man als Leistungssportler braucht, um das eigene Leben in guten wie in schlechten Phasen richtig einordnen zu können und in jeder Lage Freude daran zu haben."
Skispringer Andreas Wellinger beim Reha-Training im Athlete Performance Center in Thalgau, Österreich.
Auch Skispringer Andreas Wellinger hat sich im APC wieder fit gemacht.
Aus sportlicher Sicht sei das gesamte Team des APC ausschlaggebend dafür, dass Wellinger in dieser Saison wieder ganz oben anklopfen könne – von den Trainern, über die Mental-Coaches bis hin zu seinem Physiotherapeuten, Thomas Wolkersdorfer. "Der hat mir mit seinem fachlichen Know-How und als Typ besonders geholfen", meint Wellinger. "Er ist auch derjenige, der sagt: Andi, geh mal surfen, um den Kopf frei zu kriegen." Selbst wenn das im ersten Moment nicht das Optimalste zu sein scheint, unterm Strich helfen eben diese Umwege der geistigen Gesundheit des Athleten mehr, als es seinem Körper schadet.
Meinen Freunden ist es völlig egal, ob ich Erster oder Letzter werde, Skispringer oder Maurer bin. Die nehmen mich so, wie ich bin.
"Gefühlt bin ich bin jetzt wieder an dem Punkt, wo ich sportlich Höchstleistungen abliefern kann", weiß Wellinger. Tatsächlich hat er sich mit Platz 5 im September beim Sommer-Grand-Prix’ von Hinzenbach und zuletzt mit Platz 2 im Team bei den Deutschen Meisterschaften in Oberhof eindrucksvoll zurückgemeldet. "Das gilt es jetzt zu stabilisieren und aufs Eis zu bringen", sagt Wellinger.
Das erste Training auf Eis hat Wellinger Mitte Oktober bereits hinter sich gebracht. Zwar habe das Knie immer mal wieder gezwickt, "aber das bringt mich nicht aus der Bahn", so Wellinger. "Jetzt heißt es, die letzten Wochen vor dem Weltcup-Start am 19. November in Russland optimal zu nutzen und das eigene Leistungspotenzial auszuschöpfen", sagt Wellinger. Dabei komme es im ersten Schritt weniger auf die Platzierungen und vielmehr auf die Qualität seiner Sprünge an. "Wofür es dann reicht, wird sich zeigen."