Gaming
Jeder Strategie-Fan denkt gerne an die glorreichen Zeiten des Genres zurück. In den 1990er und Anfang der 2000er Jahre jagte ein Highlight das nächste. Doch dann wurde es immer ruhiger. Im Jahr 2019 steht das totgeglaubte und unglaublich facettenreiche Genre vor einem glorreichen Comeback.
Echtzeit-Strategen freuen sich auf das Remaster von Warcraft 3 und Age of Empires 4, Runden-Taktiker fiebern Gears Tactics und Phoenix Point entgegen. Auch virtuelle Baumeister können sich in den kommenden Monaten auf mehrere Highlights einstellen: Sogar die altehrwürdigen Siedler kehren mit einem Reboot vermutlich noch in diesem Jahr auf den Bildschirm zurück. Den Anfang markiert Anno 1800 von Ubisoft Blue Byte, das uns wieder etliche Stunden an den Bildschirm fesseln wird.
In der Ruhe liegt die Kraft
Da ist es wieder, dieses unglaublich fesselnde Spielprinzip, das ich in meiner Jugend so geliebt habe. Der perfekte Gegenentwurf zur schnellen Action eines Apex Legends oder dem gnadenlosen DiRT Rally 2.0. Es dauert nicht lange, bis Anno 1800 wieder das Suchtpotential entfaltet, für das ich die Serie so liebe.
Bewaffnet mit einer frisch gebrühten Tasse Kaffee nehme ich in meiner Kommandozentrale Platz. Behutsam baue ich Haus an Haus, verbinde die kleine Siedlung über Straßen mit meinem Hafen und stampfe erste Betriebe aus dem Boden. Möwen kreischen am Himmel, der Wind bringt die Bäume zum Tanzen, während die Fischer im Meer ihre Netze auswerfen.
Anno 1800 entfaltet ohne Umschweife wieder dieses wunderschöne Aufbau-Gefühl, wie ich es aus den Vorgängern kenne. Es macht einfach noch immer genauso viel Spaß wie vor über 20 Jahren, mein eigenes kleines Dorf zur Weltmetropole heranwachsen zu sehen.
Nach zwei gelungenen Zukunftsablegern tut die Rückkehr in die Vergangenheit der Serie spürbar gut. So gut Anno 2070 und 2205 auch gewesen sein mögen, mein Fall waren sie nicht. In meinen Augen ließen die gespielten Zukunftsvisionen den Charme der Reihe vermissen. Mir war das einfach zu viel Technik, zu viel Science-Fiction – zumindest für das Aufbau-Genre.
Anno muss mittelalterlich, dreckig und bodenständig sein und genau das ist den Entwicklern mit dem nunmehr siebten Ableger hervorragend gelungen: Anno 1800 besticht mit einer hervorragenden und wunderschönen Atmosphäre und fängt die Eigenheiten der Industriellen Revolution nahezu perfekt ein.
Klassische Suchtspirale mit neuen Ideen
Dabei würzt Anno 1800 diese klassische Suchtspirale mit gelungenen Neuerungen. Als wäre es nicht schon motivierend genug, auf einer einsamen Insel eine neue Zivilisation zu erschaffen, garniert das Game das fesselnde Spielprinzip mit spannenden Neuerungen.
Frisch gelandet schustere ich die ersten Holzhütten zusammen und schicke die ersten Arbeiter auf die Suche nach Holz und Nahrung. Das gesammelte Material wandert ins Sägewerk, um dort weiterverarbeitet zu werden. So wächst und gedeiht unser Kuhkaff langsam aber sicher zu einer richtigen kleinen Stadt heran.
Vor allem das überarbeitete Bauinterface fügt sich gelungen in das Spiel ein. Zudem erwarten uns in Anno 1800 die bislang größten Spielgebiete der Seriengeschichte. Mehr als genug Platz also, uns im Laufe zahlloser Spielstunden richtig zu entfalten. Wie bereits im Vorgänger dürfen wir auch diesmal wieder verschiedene Inselwelten miteinander verknüpfen und Handelsrouten für unsere Schiffe anlegen.
Eine weitere gelungene Neuerung: Während es bisher immer so war, dass irgendwann alle Einwohner zu neureichen Snobs verkamen, erwarten uns nun erstmals verschiedene Arten von Arbeitskraft. Lord Dingenskirchen der Dritte macht sich schließlich nur ungern sein vergoldetes Monokel schmutzig.
Stahlwerke benötigen Arbeiter, Sägewerke Holzfäller und landwirtschaftliche Betriebe Bauern. Insgesamt fünf Zivilisationsstufen gibt es im Spiel, die in einem Gleichgewicht zueinander stehen sollten. Ohne neue Güter sinkt die Zufriedenheit in der Bevölkerung rapide, weshalb der nächste Aufstand bereits hinter der Ecke lauert.
Dabei spielt auch die Meinung der Bevölkerung eine wichtige Rolle, so müssen wir in der Kampagne den Interviews der lokalen Zeitung standhalten und dabei gleichzeitig an die Arbeiterklasse, wie auch an die Oberschicht denken. Erstmals in der Historie der Reihe gibt es also Entscheidungen, die enorme Auswirkungen auf den Spielverlauf haben.
Von Industrie, Handel und Piraten
Ja, Anno 1800 ist verdammt komplex, hat dafür aber auch eine Menge Abwechslung zu bieten. Produzierte Waren sind endlich wieder physisch im Spiel vorhanden. Das ist aber nicht nur nett anzusehen, sondern hat auch Auswirkungen auf das Gameplay.
Werden unser Getreide oder unsere Metalle gerade zur Weiterverarbeitung oder in die Lager transportiert, stehen sie uns für diese Zeit nicht zur Verfügung – das war in Anno 2205 noch anders. Sinnvolle Transportrouten gewinnen dadurch wieder an Bedeutung, denn lange Lieferzeiten oder ineffiziente Produktionsketten können wir uns nicht leisten.
Um die Produktion anzukurbeln, stehen uns in Anno 1800 zahlreiche Transportmittel zur Verfügung. Auf längeren Strecken greifen wir sogar auf die Eisenbahn zurück oder legen Routen für unsere Handelsschiffe an, um verschiedene Inseln miteinander zu verbinden oder unsere KI-Verbündeten miteinzubeziehen.
Jedes noch so kleine Detail dieser Routen können wir selbst bestimmen. Ist uns das zu viel Aufwand, heuern wir gegen einen geringen Obolus einfach einen Kahn an, der den Handel auf dem Seeweg selbstständig für uns erledigt.
Mit bis zu drei KI-Mitspielern sind wir in derselben Welt unterwegs. Ob und mit wem wir Allianzen schmieden und wem wir den Krieg erklären, liegt ganz bei uns. Optional gesellen sich sogar noch neutrale Piraten hinzu, die wir durch das Versenken feindlicher Schiffe sogar als Handelspartner gewinnen können. Natürlich kommen die Freibeuter an ganz andere Waren als Kollegen, die die Gesetze achten.
Südamerika-Reise und die Seeschlachten
Auch die Kolonien feiern ein runderneuertes Comeback. Ging es in vorangegangenen Teilen beispielsweise auf orientalische Inseln, orientiert sich Anno 1800 auch hier wieder am direkten Vorgänger. Doch statt uns auf den Mond zu schießen, geht es diesmal nach Südamerika. Ohne lange Ladezeiten wechseln wir das Spielgebiet, um uns auf der Südhalbkugel einzigartige Rohstoffe zu sichern.
Oder wir gehen auf Expeditionen, beispielsweise nach Afrika, auf denen besondere Tiere oder Artefakte winken, die wir im heimischen Zoo oder Museum präsentieren dürfen. Gekämpft wird diesmal ausschließlich auf der See, Landschlachten gibt es in Anno 1800 nicht.
Natürlich dürfen wir mit unserer Kriegsmarine auch andere Inseln erobern, indem wir die Hafengebäude kurzerhand in Schutt und Asche legen. Deutlich spannender sind da allerdings die Seeschlachten gegen andere Schiffe. Das Spiel gibt uns eine Vielzahl abwechslungsreicher Kutter an die Hand, die jeweils eigene Stärken und Schwächen haben. Als wäre das nicht schon komplex genug, müssen wir dabei auch immer den Wind mit einberechnen: Segelschiffe, die in Windrichtung manövrieren, sind natürlich deutlich schneller unterwegs.
Die Perfektion des Perfekten
Anno 1800 besinnt sich in vielen Bereichen also auf die herausragenden Ursprünge der Reihe zurück, was dem Game hervorragend zu Gesicht steht. Die Spielmechaniken präsentieren sich enorm abwechslungsreich und das Grundprinzip fesselt wie eh und je. Wie gut es um die Langzeitmotivation im Endgame bestellt ist, muss allerdings das finale Spiel erst beweisen.
Trotzdem macht Anno 1800 schon jetzt eine Menge richtig. Vor allem die Perfektion des Perfekten entfaltet schon jetzt enormes Suchtpotential: Auch wenn ich all meine Handelsrouten optimiert habe, alle Stadtviertel gerade ausgerichtet sind und die Industrie boomt suche ich nach immer neuen Möglichkeiten, wie ich meine Zivilisation noch weiter verbessern kann. Und irgendwie finde ich immer ein Schräubchen, an dem sich noch etwas drehen lässt.
Eines jedoch steht fest: Das Aufbau-Strategiespiel wird einechter Hit für Taktik-Fans auf dem PC und euch garantiert wieder zahllose Stunden an den Bildschirm fesseln. Schön zu sehen, dass dieses zuletzt stiefmütterlich behandelte Genre endlich wieder frischen Wind bekommt.