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Antilopen Gang – von Fluchttieren und Panzern
Sie sind gegen alles und dabei sehr erfolgreich. Ein Gespräch über den Staat, Mao und Widersprüche.
Autor: Daniel Köhler
veröffentlicht am
Hallo! Wir sind die Antilopengang
Hallo! Wir sind die Antilopengang
Die Antilopen Gang sind Antihelden, die niemand gerufen hat. Natürlich sind Koljah, Panik Panzer und Danger Dan Rapper, machen folgerichtig Rapmusik, aber sonst bricht das Trio mit allem, was der Szene, Deutschland und überhaupt irgendjemand wichtig sein könnte.
Ihr neues Album „Aversion“ ist die bösartigste Abrechnung mit der Gesellschaft, die Deutschrap in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Getrieben von Punkattitüde, Antiautoritarismus und zynischen Lachanfällen schlachten die Antilopen jede noch so heilige Kuh, reißen Witze die keine sind – Beate Zschäpe hört U2 – und sind auch sonst erstmal gegen alles und jeden.
Natürlich steckt hinter den irrwitzigen Slogans, den absurden Songstrukturen und der herrlich ignoranten Grundhaltung Konzept. Aber: Don't call it message! Damit wollen die Antilopen nichts zu tun haben. Sie sind nicht hier um dir die Welt zu erklären. Das sollen andere tun. Quasi: BILD dir bloß keine Meinung. Das kann man schon machen. Oder?
Lasst uns anfangen mit dem Song „Anti Alles Aktion“. Im Refrain beschreibt ihr ein existenzialistisches Grundproblem: Auf der Welt sein, ohne gefragt worden zu sein. Wieso führt das dazu, dass alle anderen 80 Millionen Menschen in Deutschland abgeschlachtet werden sollen?
Koljah: „Die Hook ist ein Zitat der Band Knochenfabrik, das vielleicht mal als Erstes. Und das ergibt für uns schon Sinn.“
Panik Panzer: „Also mir, als der dumme Teil der Gang, geht es da nur um die Punkattitüde. Existenzialismus interessiert mich da nicht. Ich mag es gegen alles und jeden zu wettern, sei es noch so sinnlos. Damit fühle ich mich wohl.“
Koljah: „Früher hießen wir ja auch 'Anti Alles Aktion'. Aber im Grunde geht es ja um die Gesellschaft, um den deutschen Staat der uns nicht gefällt.“
Naja, aber gegen den deutschen Staat zu sein ist schon auch ein bisschen beliebig. Gerade in dieser Zeit kann man ja gegen so vieles sein, das aber ganz konkret. Ich sage hier nur mal Flüchtlingspolitik, Rüstungsexporte, Reichsbürger. Also: wogegen seid ihr genau?
Danger Dan: „Mir, als der schlaue Flügel der Gang, fallen da sofort 80 Millionen Themen ein. Lass mich ein bisschen ausholen. Der Staat ist ja eine Abstraktion, die nur über Institutionen und deren Fehler wahrnehmbar ist. Erst kürzlich rannte ich mit Marcus Staiger durch Friedrichshain und wir riefen laute Parolen...“
Koljah: „Was für Parolen?“
Danger Dan: „We are here, we will fight, freedom of movement is everybody's right. Wir pöbelten und haben auch durchaus mit Steinen geworfen. Wir wurden von Polizisten verprügelt und dann und wann haben auch wir einen Polizisten verprügelt, frei nach Joschka Fischer. Und da ging es natürlich um die Flüchtlingspolitik. Um dieses Thema kommst du in Berlin natürlich nicht herum.“
Dieses Problem kann einem aufgeklärten Menschen ja auch nicht egal sein.
Danger Dan: „Nein, kann es nicht. Ich habe bis vor kurzem in der Nähe der Ohlauer Straße gewohnt und konnte aus dem Fenster sehen, wie die Leute auf dem Dach stehen und sich überlegen zu springen. Das kann dir nicht egal sein. Das wäre ein konkreter Teil des abstrakten Ganzen, welches wir ablehnen.“
Das klingt erstmal nach klassischer Oppositionshaltung, aber ihr bezeichnet euch auf dem Album als Opposition der Opposition. Wenn dem so ist, dann muss man ja keine Lösungen anbieten sondern kann sich allein auf's Pöbeln beschränken. Das ist doch genau die Bequemlichkeit, die ihr eigentlich scheiße findet, oder?
Koljah: „Da befindet sich ein Widerspruch, das stimmt. Aber unsere Platte lebt von diesen Widersprüchen.“
Danger Dan: Es gibt da so ein Zitat der Band Fehlfarben: Was ich haben will das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann das will ich nicht. Heißt: wir müssen keine Alternativen anbieten. Obwohl wir natürlich eine sozialistische Revolution planen, mit Marcus Staiger als militanten Flügel, die 2020 dann kommen wird.“
Panik Panzer: „Mir sind die Fragen und die Antworten dieses Interviews viel zu gehaltvoll. Können wir das ändern? Ich möchte gerne darüber reden, wie wir auf dem Album auch Dinge zerficken. Das ist mir sehr wichtig.“
Was ich haben will das krieg ich nicht.
Was ich haben will das krieg ich nicht.
Da kommen wir noch zu. Ich zitiere: „Wenn wir vom Feind bekämpft werden, dann ist das gut. Denn das heißt, dass wir zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich gezogen haben.“ Jetzt habe ich euch, und zufällig auch Mao zitiert. Also: Schublade auf, linkspolitisch rein, Schublade zu? Wird euch das gerecht?
Danger Dan: „Ich sehe mich nicht als links, sondern als linksradikal. Ich kenne diesen Satz natürlich auch aus dem RAF-Manifest.“
Koljah: „Ich will da nicht positionieren. Aber wenn mich andere als linksradikal bezeichnen wollen, dann werde ich mich nicht groß wehren.“
Danger Dan: „Ich finde Mao aber nicht wirklich cool. Links sein heißt für mich viel mehr Antifaschist sein, als alles andere. “
Panik Panzer: „Wir haben aber durchaus alle eine Vergangenheit in linken Kreisen, das stimmt schon. Aber mittlerweile ist das Label 'links' zu schwammig, weil auch dort zu viel Dummheit passiert, als dass ich das gut finden könnte.“
Kann ich „Aversion“ wenigstens als die Rache der Nerds, der Schulhofverlierer, der ehemaligen Außenseiter verstehen?
Danger Dan: „Wir waren nie Nerds. Wir waren schon immer etwas ganz Besonderes und unserer Zeit voraus. Nur haben damals nicht alle unsere Kinghaftigkeit erkannt. Aber mittlerweile erkennt der Mainstream ja, dass wir geil und die scheiße sind.“
Panik Panzer: „Es geht ja hier um den Song 'Outlaws'. Und als ich da meinen Part geschrieben habe fiel mir auf, dass ich von meiner Kindheit und Jugend fast gar nichts mehr weiß. Und das, obwohl ich das nicht weggekifft habe. Ein schlechtes Zeichen, finde ich. Deshalb habe ich einfach etwas erfunden.“
Koljah: „Aber wenn sich die dicken, gemobbten Kinder unsere Platte kaufen dann habe ich nichts dagegen. Die haben viel Geld.“
Trotzdem ist das Konzept „Rache“ ein wichtiger Treibstoff eurer Aversion. Machen wir das große Buch, die Bibel, auf und fragen nach: Altes Testament – Zahn um Zahn – oder Neues Testament – die andere Wange hinhalten. Wie verhält sich die Antilope?
Danger Dan: „Die Antilope ist ja ein Fluchttier, also ganz unten in der Kette. Natürlich hat sie Hörner, aber die sind viel zu dünn und brechen die ganze Zeit ab. Die Antilope kann eigentlich gar nichts. Die Antilope ist der Lauch der Savanne und ist somit gezwungen die andere Wange hinzuhalten.“
Panik Panzer: „Das macht es den anderen Raubtieren schwer, denn niemand kann sich mit einem Sieg über eine Antilope profilieren. Das ist wie mit einem Panzer über ein Matchboxauto fahren und dann schallend zu lachen und sich auf die Schulter zu klopfen.“
Aversion erscheint bei JKP. Tourdaten und mehr.