Rap 💯
Auf den ersten Blick könnte man verwundert sein, wo dieses Talent so urplötzlich herkam: Gerade mal ein halbes Jahr ist seit ihrer Debütsingle vergangen, und heute gehört Aylo zu den ersten Namen, die man nennt, wenn es um Deutschrap-Newcomer*innen geht. Aber Erfolg ist selten Zufall. Und auch Aylo hat viel gearbeitet und Lehrgeld gezahlt – dabei ist sie gerade mal Anfang 20.
Nicht verpassen: das große Interview zum Album „4AM“ und Aylo im Rap Duell!
Ihre eingängigen Songs sind meist Liebeslieder der eher dunkleren Sorte. Dazu gehört bei Aylo ein bouncendes Deep-House-Fundament, etwas Pop und „ein Funken Straße“, wie sie uns im Interview in den Red Bull Music Studios Berlin verriet, wo sie immer wieder an Songs für ihr erstes Album arbeitet.
Ihre ersten Versuche, sich einen Platz in der Musikwelt erkämpfen zu können sind schon ein paar Jahre her. Dass das als Frau und ohne die richtigen Connections nicht einfach ist – Talent hin oder her – erfuhr sie schmerzhaft am eigenen Leib, absolvierte eine Ausbildung und hielt sich mit zahlreichen Gelegenheitsjobs über Wasser, während sie ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlagerte. 2018 reichte das Ersparte endlich für erste Demo-Aufnahmen in einem Profi-Studio. Aber dann der Abfuck: Aylo hatte sich auf die falschen Menschen verlassen, zog sich enttäuscht zurück und kehrte der Musik den Rücken. Vorerst.
Also geh ich den Weg jetzt alleine, bleib wach und zähl meine Scheine
„Blender“, ihre erste Single, wäre ohne diesen Rückschlag wahrscheinlich nicht entstanden. Viel wichtiger war aber, dass Aylo 2019 eher zufällig beschloss, TikTok für sich zu entdecken und beinahe über Nacht viral ging, als sie verkündete: „Ich werd TikTok-Rapper ohne Gucci-Sweater!"Heute legt Aylo Wert darauf, in erster Linie Rapperin zu sein und nicht TikTokkerin (oder TikTokerin?), aber das gute Feedback dort gab ihr neuen Mut für ihr ganz persönliches Comeback. Sie kostet alle Möglichkeiten der schnell wachsenden Plattform aus, wo sie heute weit über 300.000 Fans zählt. Unterhaltsame Freestyles und Einblicke in ihr Leben gibt's auf TikTok bis heute fast täglich – und auf Instagram natürlich auch.
Aylos Einflüsse sind vielfältig und man merkt jedem Song an, dass sie schon seit ihrer Kindheit musikbegeistert ist. Mal bezieht sie sich als 90s-Kid auf Missy Elliott und Fat Joe, dann wieder schwärmt sie von aktuellen albanischen Rap-Queens wie Tayna oder Melinda, deren Glamour und Skills sie unglaublich inspirierend findet. Aber ohne Deutschrap geht es nicht: Aylo ist mit Aggro Berlin aufgewachsen, der Blaupause für Straßenrap hierzulande, und 2020 sagt sie ganz klar: „Apache 207 hat sehr viele Türen geöffnet."
All das und noch viel mehr steckt in ihren Balladen, in denen Wut und Selbstbewusstsein sich gegenseitig bedingen, aber eben auch in großspurigen Realtalk-Ansagen wie „Kein Limit“, zu dem sie mit Kroko und Bentley ankommt, „aus dem Viertel ins Meeting im Jogger.“
Aylos neueste Single „Teardrops“, im Juli erschienen, dreht sich wieder um die Gefühle, um die Enttäuschung und die Kraft, die sie letztendlich daraus ziehen kann. Dabei richten sich ihre Texte nie an bestimmte Personen, greifen keine konkreten Geschichten auf. Vielmehr versteht Aylo es wie kaum jemand ihrer Generation, intime Geschichten so zu erzählen, dass sie ganz universelle Empfindungen wiedergeben – und zwar so, dass jede(r) darin etwas Wahres und Persönliches findet. „Liebe spürt jeder“, glaubt sie. Zu recht.
Wir können also froh sein, dass Aylo nach der ersten großen Enttäuschung nicht die Lust auf Musik verloren hat. Von ihrer bisherigen Handvoll Singles ist jede einzelne ein Treffer und die Ambitionen sind groß: „Deutschrap hat sich krass gesteigert“, findet sie. Und Künstlerinnen wie Aylo sind ein wichtiger Teil davon, heute wie morgen. Also mehr „Feuer“, bitte!