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BMX

"More Walls": So entstand Bas Keeps neues, actionreiches Filmprojekt

Der britische BMX-Star geht mit seinem neuen Film ans Limit. Im Gespräch erfährst du, wie es ihm gelang, das Unmögliche möglich zu machen.
Autor: Charlie Allenby
7 min readveröffentlicht am
Die BMX-Karriere von Sebastian "Bas" Keep definiert sich durch die Grenzüberschreitung - das ist bereits seit 20 Jahren so; sowohl im Wettbewerb als auch abseits des Konkurrenzkampfes. Wie könnten wir etwa sein Red Bull Quarter Master-Projekt aus dem Jahr 2013 vergessen - eine 8 Meter hohe Dirt-Quarter-Pipe, die ihm dabei half, sich 13,5 Meter in die Luft zu katapultieren.
Sein bekanntestes Werk in der BMX-Szene ist aber Walls, das 2017 erschienen ist. Im vielgelobten Film zeigte Bas atemberaubende Wallrides, die Bremsspuren an Stellen hinterließen, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Jetzt meldet sich Keep mit dem Nachfolger More Walls zurück. Zwei Jahre steckten die Macher in das neue Projekt. Der Film pusht dabei den mentalen Fokus, aber auch die physische Ausdauer des britischen Riders härter als jemals zuvor. Das Risiko? So groß wie nie! Einen Raum für Fehler gibt es hier nicht.
Sebastian Keep performt für sein neues More Walls-Projekt in Meadows, Chelmsford, Großbritannien.
Keeps Körper übernimmt und gibt sich den Bewegungen hin.

Was hat dich inspiriert, dieses Projekt anzugehen?

Sebastian Keep: Inspiration zog ich aus den verschiedensten Orten. Ich liebe es, Snowboardern und Ridern wie Danny MacAskill dabei zuzusehen, wie sie über den Tellerrand blicken. 2012 veranstaltete Red Bull diesen Contest beim Grand Palais in Paris. Angeführt von Nate Wessel entwarfen die Designer diesen unglaublichen Skatepark mit einem Feature, bei dem du nach vorne springst, du dann aber auf einer Wand landest und abtauchst. Ich fand, dass das richtig cool aussah. Ich dachte mir, dass sich dieses Konzept übernehmen und ins Zentrum von Städten verlegen lässt.

Sebastian Keep performt einen Wallride für "More Walls" in Brighton, Großbritannien.
Keep kam zurück nach Brighton, mit einem neuen Twist.

Was unterscheidet "More Walls" vom Vorgänger?

Zunächst gab es beim ersten Film Dinge, die wir aus logistischen Gründen nicht machen konnten; teils auch deswegen, weil wir keine Erlaubnis hatten. Ich erinnere mich daran, dass ich einen Van mietete, ein paar Freunde sonntagmorgens abholte und diese seltsamen Plätze aufsuchte. Es gab immer diese bizarre Angst, dass jemand auftauchen und sagen würde: "Jungs, ihr könnt das hier nicht machen. Ihr müsst verschwinden." Das passierte zwar nicht oft, war aber immer im Bereich des Möglichen.

Im zweiten Teil wollten wir es richtig angehen, uns die Erlaubnis für die Spots abholen und dann weitersehen. Das Ganze brachte eigene Herausforderungen mit sich, dafür gab es aber den Druck nicht, schnell verschwinden zu müssen und damit Energie und Geld zu verschwenden.

Wenn du weißt, dass du vorbereitet bist, und alles getan hast, was in deiner Macht steht, kannst du akzeptieren, dass die Angst da ist, um dir zu helfen.

Wie hast du dich auf jeden Spot vorbereitet?

Wir hatten eine Lagerhalle in Birmingham, wo Leute Vollzeit Rampen bauten, was die ganze Sache erleichterte. Wir waren dazu in der Lage, Spots nachzubauen, womit wir ein gutes Gefühl dafür bekamen, wie es am Drehtag sein würde. Ich trainierte dort mehrere Tage lang, um die Bewegungsabläufe ins motorische Gedächtnis zu hämmern. Das nimmt tatsächlich nicht allzu viel Zeit in Anspruch und liefert Selbstvertrauen.

Dennoch ging das Ganze nicht immer auf. Es gab einen Spot in Chelmsford, den ich am Anfang des Drehtages nicht hinbekam. Der Nachbau entsprach nicht den tatsächlichen Bedingungen. Ich trainierte darauf eine Stunde, dann machten wir uns auf zur Location, die mir von allen übrigens am meisten Angst machte. Uns wurde dort schnell klar, dass wir die Vorbereitung richtig angehen mussten, ansonsten würde ich mich sofort umbringen.

Sebastian Keep performt einen Wallride für "More Walls" in Birmingham, Großbritannien.
Keeps Lieblings-Spot von "More Walls".
Sebastian Keep performt für sein "More Walls"-Projekt in Birmingham, Großbrittanien.
Raum für Fehler? Den gab es nicht.

Was genau war der Grund dafür, dass dir der Spot nicht gelang?

Ich versuchte einen Drop, vor dem ich wirklich Angst hatte. Ich war dort oben, auf der hohen Brücke, völlig auf mich alleine gestellt. Darunter lag eine stark befahrene Straße, die schon den gesamten Morgen lang für jede Menge Lärm sorgte. Sie hielten den Verkehr an, damit ich starten konnte. Ich sah die langen Autoschlangen auf beiden Seiten und mir wurde der Druck zu viel. Diese Menschen in den Autos wollten an ihr Ziel und warteten nur auf mich, weshalb ich in dieser Stresssituation eine Entscheidung treffen musste, deren Konsequenzen wirklich gefährlich ausfallen konnten. Ich dachte mir: "Ich schaffe das" - und dann begann es Gott sei Dank zu regnen.

Sie hielten den Verkehr an, damit ich starten konnte. Ich sah die langen Autoschlangen auf beiden Seiten und mir wurde der Druck zu viel.

Wie viel mentale Arbeit ist bei einem Projekt dieser Art notwendig?

Eine ganze Menge. Du kämpfst ständig gegen deine eigenen Gedanken. Zwischen jedem Spot hatte ich eine Menge Zeit nachzudenken und irgendwann sagte ich mir, dass ich diesen Zustand der Angst brauche. War die Angst einmal nicht da, kam sie irgendwann wieder, weil du ganz automatisch an die möglichen Konsequenzen denkst. Aber du musst dir das nicht antun; du musst vollständig relaxt an die Sache herangehen.

Es ist ein bisschen so, als hättest du am nächsten Tag eine wichtige Prüfung, du hast aber gerade Spaß mit deinen Freunden. Dann aber denkst du dir: "Du solltest keinen Spaß haben, du solltest lieber an morgen denken." Es liegt aber tatsächlich kein Sinn darin, sich selbst zu stressen. Du gehst einfach hin und vertraust den Abläufen, die du in der Vorbereitung hundertmal durchgegangen bist; dann übernimmt dein Körper. Es ist schwierig, deinen Kopf dorthin zu bringen, so zu denken.

Sebastian Keep bei seinem Projekt More Walls vor Selfridges in Birmingham, Vereinigtes Königreich.
Keep überprüft die Höhe der Landung, bevor ein neuer Versuch gestartet wird
Es ist hart, diesen letzten Schritt über die Kante zu gehen.

Hast du irgendwelche Tricks, um eine mentale Blockade zu überwinden?

Ich habe mit einem Psychologen gesprochen und er meinte: "Du wirst dich davor fürchten - du kannst nicht einfach versuchen, die Angst abzustellen, weil das eine ganz natürliche, menschliche Emotion ist. Du kannst aber akzeptieren, dass dir diese Angst eine Hilfe ist. Wenn du dich also gut vorbereitet hast, kannst du sie tolerieren und dir sagen, dass in dieser Angst auch Spannung steckt."

Oft entsteht diese Angst dadurch, dass du nicht gut genug vorbereitet bist. Wenn du weißt, dass du vorbereitet bist, und alles getan hast, was in deiner Macht steht, kannst du akzeptieren, dass die Angst da ist, um dir zu helfen.

Was geht dir durch den Kopf, wenn du an einem Spot ankommst?

Wenn du siehst, wie viele Menschen hart an deinem Projekt arbeiten, dann sorgt das für zusätzlichen Druck. Manchmal bist du dort mit deinen Freunden und alle haben eine gute Zeit. Daneben bist du glücklich und hast einfach nur Spaß an deinem Job. An anderen Tagen denkst du dir aber: "Ich wünschte, ich wäre einer der Rampen-Designer." Sobald sie fertig sind, lehnen sie sich mit einer Tasse Tee zurück und schauen mir dabei zu, wie ich von der Brücke springe. Ich bin derjenige, der den Sprung wirklich wagen muss. All das ist es aber wert - jeder ist Teil des Projekts, also machst du es zu einem Teil auch für das Team.

Daneben wirken die Dinge größer, wenn du tatsächlich dort bist. In der Lagerhalle baust du eine nette Rampe aus Holz und alles läuft relaxt ab. Dann kommst du zur Location und es stehen dort Autos und Leute, die stehenbleiben und sich fragen: "Was macht der da? Wird er sich umbringen?" Das stresst mich. Es läuft auch nie perfekt. Es gibt immer etwas, das im Weg steht. Oder es ist nass, windig oder kalt. In diesen Fällen versuchst du, das Beste aus dem Moment herauszuholen.

Sebastian Keep wartet im Van den Regen ab, für sein neues Projekt "More Walls".
Das Wetter veränderte die Beschaffenheit des Spotts laufend.

Wie gehst du mental an einen Sprung heran?

Es ist hart, diesen letzten Schritt über die Kante zu gehen - das ist wirklich eine schwierige Sache. Du musst dabei an das Endprodukt denken, wie gut es sich danach anfühlen wird und wie glücklich jeder um dich herum sein wird.

Danach legst du den Fokus voll und ganz auf die Bewegungen. Wenn du etwas Großes und Furchteinflößendes wagst, das du eigentlich gar nicht machen möchtest, dann musst du kalkuliert an diese Sache herangehen. Du musst buchstäblich wissen, was dein Körper machen wird, wenn du den Absprung durchziehst. Ich sagte einmal zu jemandem: "Das war nicht ich, der da gesprungen ist - das würde mir niemals gelingen. Ich musste den Bike-Rider in mir machen lassen."

Sebastian Keep bei seinem "More Walls"-Projekt in Northampton, Vereinigtes Königreich.
Crash: "Das war dumm. Es passierte auf einer nassen Blechwand."

Ist es hart, nach einem Crash wieder in die Spur zu finden?

Es gab eine Stelle im Film, an der ich auf einer Metallwand abrutschte, weil sie nass war. In jeder anderen Situation machst du das einfach nicht nochmal. Ich aber musste es weiter versuchen. Ich dachte mir: "Ich mache es, für das Team, auch wenn es falsch ist." Es war wirklich dumm. Es war eine nasse Blechwand und es regnete, während wir versuchten, sie zu trocknen.

Welcher Wallride in "More Walls" war am schwierigsten?

Es gibt einen, der nicht wirklich nach viel aussieht - das ist gleich zu Beginn, wo ich eine dünne, schwarze Wand hinunterfahre und ein massiver Drop auf der anderen Seite wartet. Ich versuchte ihn, mein Körper wollte aber einfach nicht mitmachen. Ich glaube, das lag daran, dass ich, wenn ich rechts hinuntergefallen wäre, definitiv gestorben wäre. Vielleicht ist das dein Hirn, das dir sagt: "Ich lass dich das nicht machen. Wenn du stürzt, dann stirbst du."

Sebastian Keep performt einen Wallride für sein neustes Projekt "More Walls" in Birmingham, Großbritannien.
Der massivste Gap im gesamten Edit.
Sebastian Keeps GCS-Wallride in der Sequenz für sein neuestes Projekt "More Walls" in Birmingham, Großbritannien.
Er war sogar größer, als in der Vorbereitung.

Hast du noch etwas anderes gemacht, um die mentalen Herausforderungen dieses Projekts zu überwinden?

Am Beginn des Projekts ging ich wirklich oft ins Fitnesscenter, lief fiel und machte generell eine Menge für meine Fitness. Ich wollte einfach anständig vorbereitet sein, mich gut fühlen und selbstbewusst. Das hat definitiv geholfen, positiv an die Sache heranzugehen.