Sehnsuchtsort: Tresor

Supermarkt und Stall: was die wichtigsten Berliner Clubs früher waren

© Tilman Brembs

Vom Luftschutzbunker bis zum königlichen Reitstall – Berliner Clubs waren nicht immer das, was sie heute sind. Wir blicken zurück: Was passierte, bevor die Kickdrum kam?

Als 1989 die Mauer fällt, bricht in Berlin die Techno-Hysterie aus. Quer durch die Stadt tun sich etliche ungenutzte Räumlichkeiten auf, die man kurzerhand als Feierfläche erschließt. Die Spuren dieses glücklichen Zufalls findet man noch heute. Welche Historien aber verbergen sich hinter den Kulissen der wichtigsten Berliner Clubs? 
Auch das Red Bull Music Festival feiert in einer Handvoll Berliner Clubs und Venues, die voller Geschichte stecken. Am 12. Oktober steigt das große Festival-Finale mit einem Post-Internet-Takeover des SEZ – zusammen mit Life From Earth und Acts wie K.Ronaldo, Rico Nasty, Naru und vielen anderen. Viel Spaß beim Entdecken! 

UFO

Kurz vor dem Mauerfall legt man in Westberlin den Grundstein für die kommende Technorevolution. Acid House heißt der Soundtrack der Stunde, und gefeiert wird im Keller eines maroden Altbaus, in dem Dimitri Hegemann das Musiklabel Interfisch betreibt. Das Ufo eröffnet er 1988 zusammen mit Achim Kohlberger und Carola Stoiber. Wer in den Club wollte, musste durch eine Luke in der Küche einer Privatwohnung hinabsteigen – und fand sich am Ende der Leiter in einem 1.90 Meter hohen Keller wieder, in dem sich weniger als hundert Leute tummelten, die in flackerndem Strobo schrillem Acid House frönten. Heute unvorstellbar: 1989 feierte man hier die erste Loveparade-Afterparty. 
Als die Behörden von den inoffiziellen Festlichkeiten Wind bekamen, klappten die Betreiber die Luke zu und scouteten eine neue Location: Kurz vor dem Mauerfall nistete sich das Ufo in einer nicht länger genutzten Penny-Markt-Filiale in Schöneberg ein. Bis man ein Jahr später wiederum mit dem Tresor einen der bis heute wichtigsten Techno-Clubs Berlins eröffnete.

Tresor

Sehnsuchtsort: Tresor
Sehnsuchtsort: Tresor
Berlin nach der Wende kann man sich vorstellen wie einen Wild-West-Streifen, in dem es Kickdrums knallte und Raver auf Acid gen regenbogenfarbenen Sonnenaufgang ritten. Vor allem der Osten der Stadt entwickelte sich zur gesetzlosen Spielwiese für zahllose Techno-Partys, allein weil nach der Öffnung der Grenze etliche Gebäude schlichtweg leer standen – ihr Besitz war oftmals noch nicht näher geklärt, die Grundstücksverwaltung schien ein unbezwingbares Bürokratiemonstrum zu sein. Kohlberger und Hegemann, die zuvor das legendäre Ufo betrieben, machten sich die Situation zu Nutzen: Bei Fahrten durch die Stadt luscherte man in verlassene Bauwerke – und entdeckte eines Tages den 1926 erbauten Tresorraum des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses in der Nähe des Leipziger Platzes. Ohne Deko und mit rustikalem Interieur eröffnete man hier 1991 die Blaupause für Berliner Techno-Clubs. Die Renovierungshelfer tanzten bei der Eröffnung noch im Malerkittel.
Nachdem das Gelände, auf dem sich das ehemalige Kaufhaus befand, mit dem Beginn der Nullerjahre neu verwaltet und bebaut wurde, mussten die Kickdrums der Sanierung weichen. Nach zwei Tresor-losen Jahren eröffnete der Club 2007 wieder im ehemaligen Heizkraftwerk Berlin-Mitte. Das Kraftwerk wurde 1961 parallel zur Berliner Mauer gebaut und diente als zentrale Stromversorgung des Berliner Ostens. Seit 2001 stand das Gebäude leer, bis Hegemann den Koloss von dem schwedischen Strommagnaten Vattenfall mietete, um den Tresor wieder zu beleben. Fun Fact: Ein Teil der originalen Schließfächer aus dem alten Wertheim-Kaufhaus zog man mit um ins Kraftwerk. Heute wecken sie im Keller Erinnerungen an den alten Club.

Bethanien

1990 widmete man sich mit dem Atonal Festival dem breiten Spektrum elektronischer Musik. Die passende Spielwiese für Experimente fand man im Künstlerhaus Bethanien am geschichtsträchtigen Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Bethanien als Institut zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen entworfen und kurz darauf zum Krankenhaus umfunktioniert. Im Nachkriegsberlin der 1970er Jahre wurde die hufeisenförmige Anlage im Rundbogenstil wiederum von diversen Künstlergruppen besetzt – die Rockikonen Ton Steine Scherben widmeten dem Haus gar einen Song.  Fun Fact: Der Schriftsteller Theodor Fontane arbeitete einst im Bethanien als Apotheker.

Motorwerk

Mit der Loveparade und der Mayday feierte Berlin in den Neunzigern zwei legendäre (und später nicht ganz untragische) Raves. Was beide Veranstaltungen verbindet, ist nicht zuletzt die Halle Weißensee, heute unter dem Namen Motorwerk bekannt. Das ehemalige Fabrikgebäude wurde einmal für die Herstellung von Elektromotoren gebaut. Bis zum Zweiten Weltkrieg fertigte man hier wegweisende Spezial-Elektromotoren an, später entstanden in der Halle Zeppelin-Luftschiffe und Lufthansa-Maschinen. Und 1991 feierte man in der denkmalgeschützten Halle nicht nur die Loveparade-Afterparty Love Nation Party, sondern begründete auch Deutschlands größten Indoor-Rave, die Mayday. Kraftwerk, The Velvet Underground und die Red Hot Chilli Peppers bespielten „Die Halle“ im Laufe der Jahre mit epochalen Shows.

Berghain

Berghain
Berghain
Berlins berüchtigter Techno-Tempel. Das heutige Berghain an der Grenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain ging aus dem ehemaligen Technoclub Ostgut hervor, der Fetisch- und Sexpartys der LGBTQ-Community in der Lagerhalle eines ehemaligen Güterbahnhofs (Alter Ostbahnhof) eine Heimat bot. Als die Grundeigentümer das Gelände einer Mehrzweckhalle opferten, zog es die Ostgut-Betreiber in ein ehemaliges Fernheizwerk in der Nähe des heutigen Ostbahnhofs. In den Fünfzigern stampfte man diesen monumentalen Klotz unter den Vorzeichen des Sozialistischen Klassizismus aus der Erde. Heute beheimatet er als Berghain Menschen jeglicher Form aus aller Welt. Hitze für alle.

Gretchen

Mit allem, was man so wunderbares aus Basslines basteln kann, beschallte das Icon über zwölf Jahre den Prenzlauer Berg. Als der Mietvertrag im Epizentrum der Gentrifizierung auslief, mussten die Betreiber ihre tieffrequente Mission verlegen – und landeten mitten in Berlin-Kreuzberg. Unter dem Namen Gretchen operiert man heute in einem Kreuzgewölbe voll filigraner Säulen, das im 19. Jahrhundert den ehemaligen Stallungen des preußischen 1. Garde-Dragoner-Regiments Königin Victoria von Großbritannien und Irland diente. Anstelle von Fanfaren gibt es heute zum Ein(t)ritt stampfende Kickdrums.

Bunker

Sehr laut und sehr schnell: In der Gabber-Hochburg namens Bunker herrschten Mitte der der Neunziger die Extreme. Für vier Jahre funktionierte man zwischen ’92 und ’96 den Reichsbahnbunker Friedrichstraße, einen riesigen Luftschutzbunker in Berlin-Mitte, zum Rave-Tempel um. Der Bunker bot zwar enorm viel Fläche, einzelne Räume aber waren oft nicht größer als 20 Quadratmeter. Anstelle gigantischer Megaraves setzte man daher auf ausuferndes Booking und buchte bis zu 30 DJs, die im Laufe eines Abend schrill gepitchte Vocals und bretternde Kickdrums gegen die Wände schmetterten. Behörden schoben dem Club nach vier Jahren den Riegel vor, rechtzeitig zum auslaufenden Vertrag des Clubs. Kunstsammler Christian Boros kaufte den Bunker zu Beginn der Nullerjahre und verwandelte ihn in sein privates Museum – privates Loft und begehbare Ausstellung inklusive.

SEZ

Das SEZ – kurz für Sport- und Erholungszentrum – war zu DDR-Zeiten nicht weniger als ein belebter Sportpalast. Heute sind die Wände des retro-futuristischen Vorzeigebaus an der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain voller Graffiti, die Fenster teilweise mit Brettern vernagelt. Doch der Schein trügt: Das große Spaßbad aus dem Osten ist noch immer in Betrieb, mit Plätzen für Ballsport und Badminton, einem geräumigen Sauna-Außenbereich, einer Bowlingbahn im Keller und einer Schlittschuhbahn im Winter. Jede Menge Palmen machen das in die Tage gekommene Innenleben des SEZ zu einem so mystischen wie charmantischen Ort, an dem Gedanken an Vergangenes und Zukunftsvisionen in einem surrealen Zustand verschwimmen. Genau der richtige Ort, um das Finale des Red Bull Music Festivals mit der Dekonstruktion von Clubmusik gebührend zu feiern. (P)ost-Internet to the fullest.
Vom 8. September bis 12. Oktober 2018 feiert die Red Bull Music Academy ihr 20-jähriges Jubiläum in Berlin. Gleichzeitig findet in verschiedensten Locations in ganz Berlin das Red Bull Music Festival statt und bringt Weltpremieren und Clubnächte, Konzerte und Künstlergespräche in die Stadt. Das ganze Programm findest du auf redbullmusic.com.
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