MTB

Ian Collins und Raw 100: Die besten Brandon Semenuk-Fotos aus 6 Jahren

© Ian Collins
Raw 100 war DIE Show, in der Brandon Semenuk der Welt sein Fahrtalent zeigte. Der Fotograf Ian Collins hat diese Reise dokumentiert und nun seine Lieblingsaufnahmen aus 6 Jahren ausgewählt.
Autor: Alastair Spriggsaktualisiert am
Ian Collins ist zweifellos einer der besten Freeride-Mountainbike-Fotografen, die es gibt. Aufgewachsen als Downhillfahrer hatte er mit seiner Kamera immer nur eine Mission: der Welt zu zeigen, wie aufregend und spektakulär dieser Sport ist. Sein kreativer Scharfsinn und seine Abenteuerlust machten ihn zur Schlüsselfigur in der Freeride-Fotografie. Seine einzigartigen Fotos schmücken die Titelseiten diverser Mountainbike-Magazine, zieren Werbekampagnen und featuren bekannte Sportmarken.
Im Jahr 2016 wandte sich Brandon Semenuk an Collins, um die allererste Ausgabe von Raw 100 zu drehen. Gemeinsam haben die beiden nun bereits 6 Raw 100-Edits gemacht, einschließlich der aktuellsten Ausgabe (V6). Ihre Zusammenarbeit zeichnet sich durch einzigartige MTB-Tricks, individuellen Stil und ästhetische und kreative Inhaltsinnovation aus - sie stehen damit als Traum-Duo an der Spitze der MTB-Welt. Aus der endlosen Liste an Knallern, haben wir Ian Collins gebeten seine absoluten Lieblingsaufnahmen der Raw 100-Serie mit Brandon Semenuk auszuwählen und uns durch die Geschichten hinter den Bildern zu führen.
MTB · 2 Min
Brandon Semenuk – Raw 100, V6

Der ominöse Totengräber (V1)

Brandon Semenuk schaufelt sich seinen Weg, für den ersten Raw 100-Beitrag (V1).
Der ominöse Totengräber
  • Location: Aptos, Kalifornien
  • Kamera: Nikon D4
  • Objektiv: Nikon 70-200 f2.8 vrii @ 135mm
  • Blende: 2.8
  • ISO: 100
  • Verschlusszeit: 1/250
Warum dieses Foto?
Das Foto zeigt einfach, wie weit Raw 100 gekommen ist. Begonnen hat alles mit einer verrückten kleinen Idee, bei der wir einen alten Trail freikratzten, und heute sind es diese unglaublich riesigen Projekte. Es ist sicher nicht das spektakulärste und beste Foto aus der Reihe, aber eines, das mir sehr am Herzen liegt. Hier hat alles angefangen.
Was ist die Geschichte hinter dem Foto?
An diesem Tag war die Stimmung irgendwie düster und bedrohlich. Ich bin gerade erst nach Aptos in Kalifornien gekommen, wo sich auch Brandons Wohnsitz für den Winter befindet, während in Kanada alles im Schnee versinkt. Ich hatte zuvor noch nie wirklich mit ihm gearbeitet, aber er bat mich trotzdem, für ihn zu fotografieren. Er fragte mich, ob ich potenzielle Spots kenne, ich hatte aber keinen wirklichen Plan. Am Ende drehten wir den gesamten Edit an nur einem einzigen Tag, einfach die Straße runter. Es ist mein Lieblingsfoto von der Session. Brandon sieht ein bisschen wie ein Totengräber auf einer Beerdigung aus. Es ist gruselig und düster - irgendwie passend für unser erstes gemeinsames Projekt.

Rock to Rock Transfer (V5)

Brandon Semenuk beim Shooting zu Raw 100 V5.
Rock to Rock Transfer
  • Location: Virgin, Utah
  • Kamera: Nikon D5
  • Objektiv: Sigma Art Series 50mm f1.4
  • Blende: f3.2
  • ISO: 4000
  • Verschlusszeit: 1/1000
Warum dieses Foto?
Erstens ist es das vielleicht Spektakulärste und Verrückteste, was je auf einem Mountainbike gemacht wurde. Und zweitens war das Foto ein Last-Minute-Shot mit meinem Lieblingsobjektiv - auf dem 50mm f1.4 mit Vollformatsensor - quasi eine Imitation der menschlichen Wahrnehmung. Es gibt im Bild keine Verzerrung oder Komprimierung, es ist so real wie es nur sein kann. Wenn etwas auf einem 50mm spektakulär und krass aussieht, dann ist es das auch! Genau dieses Foto findet man übrigens auf der Seite von Rampage 2018/19.
Was ist die Geschichte hinter dem Foto?
Wir haben den Großteil des Tages damit verbracht, einen anderen Trick in den Kasten zu bekommen, den Brandon sicher eine Million Mal versucht hat - es wollte einfach nicht klappen und er war völlig am Boden. Er brauchte unbedingt ein Erfolgserlebnis. Als es langsam dunkel wurde, sah er sich einen Transfer von einem Felsen zu einem anderen genauer an, und er sagte mir, ich solle die Kameratasche mitbringen. Als er wusste, wieviel Speed für den Transfer nötig war, sagte er: „Hör zu, wenn ich das jetzt mache, werde ich danach gleich noch einmal den Hügel hinauflaufen und es ein zweites Mal versuchen, also sei bereit!" Ich hatte Angst. Ursprünglich wollte ich den Sprung mit einem 35mm-Objektiv fotografieren, aber dabei stand ich dem Kameramann im Weg. Also suchte ich mir eine andere Stelle und zog mein 50mm aus der Tasche. Ohne viel Zeit zu verlieren, passte ich noch schnell manuell den Fokus an, während es langsam aber sicher immer dunkler wurde.
Brandon startete und segelte regelrecht über das Gap, schaffte es aber nicht über die volle Distanz und zerstörte sich bei der Landung den Reifen. Ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren ging er zurück zum Truck, tauschte den Reifen aus und rannte wieder den Hügel hinauf. Er kam mit dem gleichen Speed zum Gap, machte in der Luft aber einen Tailwhip, was ihm schließlich die nötige Distanz verschaffte. Es war das Beeindruckendste, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Als Fotograf ist man bei so etwas ziemlich gestresst. Es gibt dann aber Momente, in denen man realisiert, dass man eigentlich ein Feigling ist, weil es für den Athleten natürlich viel gefährlicher und extremer ist als für mich. Ich muss buchstäblich nur auf einen Knopf drücken. Der Stress kommt aber auch daher, weil man weiß, dass man das Foto auf keinen Fall vermasseln darf.

Indoor Flatspin (V6)

Brandon Semenuk bei den Dreharbeiten zu Raw 100 V6.
Indoor Flatspin
  • Location: Merritt, British Columbia
  • Kamera: Nikon D6
  • Objektiv: Nikon 20mm f1.8
  • Blende: f2.5
  • ISO: 5.000
  • Verschlusszeit: 1/1.250
Warum dieses Foto?
Weil man sofort sieht, dass Brandon in diesem engen Raum unglaublich viel riskiert. Außerdem ist die Belichtung sehr gelungen. Von der anderen Seite war Semenuk zwar noch besser belichtet, aber diese Perspektive verleiht dem Bild in Kombination mit dem eindringenden Gegenlicht so einen diffusen Look, den ich sehr mag.
Was ist die Geschichte hinter dem Foto?
Es ist eines dieser Fotos, das man sich genauer ansehen muss. Als er diese Line fuhr, war sein Helm buchstäblich nur zwei Zentimeter von den Betonvorsprüngen entfernt. Durch den Flatspin, den er machte, gab es außerdem keinen Platz für Fehler, weil er bei Über- oder Unterrotation einfach gegen den Pfeiler geknallt wäre.
Man muss so eng wie möglich mit dem Athleten zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Rahmenbedingungen stimmen.
Ian Collins

360 Unturndown to Manual Sequenz (V6)

Brandon Semenuk beim Dreh zu Raw 100 V6.
360 Unturndown to Manual Sequenz
  • Location: Merritt, British Columbia
  • Kamera: Nikon D6
  • Objektiv: Nikon 70-200 f2.8 vriii @ 135mm
  • Blende: f8
  • ISO: 2.500
  • Verschlusszeit: 1/1.250
Warum dieses Foto?
Auf diesem Foto passieren gleich zwei ungewöhnliche Dinge: Einerseits ist es eine Bildsequenz, die frontal aufgenommen wurde, und andererseits macht Semenuk einen Spin mit einem anschließenden Manual. Es ist eine Sache einen Flip in einen Manual zu machen, aber einen Spin im Manual zu landen ist eine ganz andere Geschichte. Ich kenne niemanden, der das noch kann, geschweige denn, es in einer Combo macht!
Was ist die Geschichte hinter dem Foto?
Die Szene und Elemente waren perfekt in einer Linie angeordnet, was es mir ermöglichte, das Foto frontal von vorne zu machen. Normalerweise werden Bildsequenzen von der Seite gemacht, um sicherzustellen, dass alle Bilder gestochen scharf sind. An diesem Tag war es aber bewölkt und dadurch sehr hell. So konnte ich bei Blende f8 fotografieren und die einzelnen Bilder waren tatsächlich scharf genug, obwohl Brandon wie gesagt frontal auf mich zukam. Wenn man eine Sequenz aufnehmen will, muss man normalerweise mindestens mit einer Verschlusszeit von 1/1.000 rechnen, um die Action in der Luft perfekt festhalten zu können. In den meisten Fällen bedeutet das, dass man mit weniger Tiefenschärfe arbeiten muss, damit genug Licht auf den Bildsensor treffen kann. Wenn man eine Sequenz von der Seite fotografieren will, ist es am besten, eine kleine Blende einzustellen.
Um den Fokus bei diesem Foto perfekt anzupassen, habe ich Semenuk kurz in der Mitte des Features stehen lassen und fokussierte dann manuell. Beim Fokus ist es wichtig, den Schlüsselmoment im Kopf zu haben und sicherzugehen, dass genau dieser Teil des Bildes gestochen scharf ist. Wenn ein Rider am Absprung oder bei der Landung etwas unschärfer ist, ist das nicht das Ende der Welt. Man sollte ein Foto immer um den Highlight-Moment herumplanen, und Kompromisse nur woanders eingehen.

Viel Staub um Semenuk (V5)

Brandon Semenuk beim Shooting zu Raw 100 V5.
Backlit im Staub
  • Location: Virgin, Utah
  • Kamera: Nikon D6
  • Objektiv: Nikon 70-200 f2.8 vriii @ 170mm
  • Blende: f4
  • ISO: 320
  • Verschlusszeit: 1/5000
Was ist die Geschichte hinter dem Foto?
Wir bemühen uns immer, dass der Opener eines Videos den Zuschauer überrascht. Wir hatten ein paar verrückte Ideen, aber nichts wollte so wirklich klappen. Dann dachten wir uns: Was wäre, wenn extrem viel aufgewirbelter Staub in der Luft hängt und Brandon mit seinem Bike aus dem dichten Dunst herausbricht? Und es hat funktioniert! Der Kameramann Rupert Walker filmte mit gleichmäßiger Belichtung, damit es zum Rest des Videos passte. Ich hatte dagegen den Luxus, das Foto unterbelichtet schießen zu können, um diesen ganz besonderen Look durch das Licht im Hintergrund zu erreichen.

Schlusswort

Das Fotografieren im Mountainbikesport zählt definitiv zu den schwierigeren Dingen, die man als Fotograf machen kann. Es wäre schrecklich, wenn mir ein bestimmtes Foto besonders am Herzen liegt, dem Athleten aber überhaupt nicht. Letzten Endes zeigen Fotos eine weitere Facette ihrer Fähigkeiten und der individuelle Style ist unglaublich wichtig. Man muss so eng wie möglich mit dem Athleten zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn man eine gute Kommunikationsbasis mit einem Athleten aufbaut und gut zusammenarbeitet, entwickelt sich automatisch ein Vertrauensverhältnis, was wiederum zu weiteren gemeinsamen Projekten führt - das ist auch der Grund warum Semenuk und ich schon solange gemeinsame Sache machen. Es gibt ein gegenseitiges Maß an Respekt und wenn man erst einmal den Dialog gesucht und gefunden hat, funktioniert die Zusammenarbeit noch besser.
Es ist auch hilfreich, wenn man die Athleten um ihre Kritik fragt. Es ist schon vorgekommen, dass Semenuk einen Trick macht und ich die perfekte Perspektive für das Foto gefunden habe, sein Rücken in der Luft aber genau das blockiert, was man sehen sollte. Es ist egal, wie perfekt die Perspektive vielleicht scheinen mag, wenn man den Trick nicht wirklich sieht, nützt das alles nichts. Das sorgt wiederum dafür, dass man einen anderen Blickwinkel suchen und sich auf unbekanntes Terrain begeben muss. Auch wenn der erste Ansatz meist logisch erscheint, erkennt man oft erst im Rückblick, welche Schätze häufig im Verborgenen liegen.