Christian Horner und Adrian Newey beim Großen Preis von Monaco 2022.
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F1

So führten Christian Horner und Adrian Newey Red Bull an die F1-Spitze

Der Teamchef und der technische Direktor von Oracle Red Bull Racing sprechen im Interview über Titel und Triumphe, über den Beginn ihrer Partnerschaft, und darüber, wie man Verluste wegsteckt.
Autor: Matthew Clayton
8 min readveröffentlicht am
Spulen wir ins Jahr 2005 zurück: Christian Horner leitete mit Red Bull Racing erstmals ein Formel 1-Team und kämpfte um den Weltmeistertitel mit. Erfahrungen hatte er bis dato nicht und das Team hatte sich noch nicht bewiesen, dennoch wusste er, was es brauchte, um am Ende erfolgreich zu sein -- oder, um das Ganze noch etwas zu präzisieren, wen es brauchte: Adrian Newey.
"Was damals fehlte, war eine klare technische Richtung", erinnert sich Horner.
"Adrian war der Beste, der jemals in der Formel 1 gearbeitet hat, also war alles eine Frage danach, wie wir Adrian von Red Bull überzeugen könnten."
Bis 2005 hatte sich Newey den Ruf als innovativster Ingenieurs-Geist erarbeitet, angefangen bei seinen frühen Tagen bei Leyton House 1990 bis hin zur titeltragenden Rolle als technischer Direktor für Williams und dann McLaren. Also setzte Horner die ersten Schritte; buchstäblich und einen nach dem anderen. In dieser Saison 2005 sollte Horner immer wieder genau dann auftauchen, wenn Newey gerade auf dem Weg zum Paddock war -- an den verschiedensten Strecken auf der ganzen Welt.
"Christian gewöhnte es sich in der Saison 2005 an, mich auf dem Weg ins Paddock möglichst oft abzufangen -- an Silverstone erinnere ich mich am besten", erklärt Newey mit einem Lachen.
"Es kam zu einem regelmäßigen Austausch und wir sprachen immer mehr miteinander. Und dann stand dieser Gentleman in schwarzer Lederjacke plötzlich vor mir und sagte: 'Ich bin Helmut Marko, hier ist meine Karte. Wir werden uns melden.'"
Christian Horner und Adrian Newey beim Großen Preis von Bahrain 2010.

Horner und Newey auf dem gemeinsamen Weg zur Arbeit.

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Wie die Geschichte zeigt, meldete sich Dr. Marko tatsächlich und Newey wechselte zu Red Bull. Diese ersten Schritte waren der Grundstein, der sie letztendlich zu Weltmeistern machte.
Die Formel 1-Geschichte von Red Bull Racing fand dann ihren Höhepunkt im Jahr 2022: Max Verstappen holte sich seinen zweiten Weltmeistertitel in Folge, während Sergio Pérez einen essenziellen Teil dazu beitrug, dass sich das Team zum fünften Mal den Konstrukteurs-Titel sichern konnte.
In einem Interview mit der britischen Journalistin Laura Winter sprechen die beiden Führungspersonen von Oracle Red Bull Racing über ihre professionelle Zusammenarbeit, darüber, wie sie durch die Arbeit auf ein gemeinsames Ziel hin neue Verbindungen knüpften, und wie die Erfolge -- und die mageren Zeiten dazwischen -- Red Bull Racing zu einem modernen Formel 1-Powerhouse formten.
Hier siehst du das vollständige Interview:

48 Min

Unfiltered: Horner und Newey

Der Teamchef und der technische Leiter von Oracle Red Bull Racing reflektieren über ihren Erfolg.

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Eine zentrale Rolle dabei spielte der 13-malige Grand Prix-Gewinner David Coulthard, der Newey aus der Zeit bei Williams und McLaren gut kannte und Horners Führungsfahrer in der ersten Saison 2005 war. Coulthard überzeugte Newey davon, dass hinter dem Ruf von Red Bull als "Party-Team" mehr steckte, als zunächst sichtbar war; dass es sich um ein ernsthaftes, gut strukturiertes und hungriges Team handelte, das alles daran setzen würde, zu gewinnen.
David Coulthard hinter dem Lenkrad für Red Bull Racing im Jahr 2008.

Sobald Coulthard für Red Bulls Ambitionen eintrat, war Newey an Board.

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"David ist ein guter Freund. Er ist jemand, dessen Ansichten ich vertraue, und David vermittelte mir viele positive Signale", erinnert sich Newey.
"[Red Bull Racing] verband man immer mit dieser Party-Mentalität -- war das ein Team, das man ernst nehmen konnte? Warf man einen tieferen Blick darauf, dann war schnell klar: Ja, alle Fundamente, die es braucht, waren gut ausgeprägt und erkennbar."
Das Team baute sich auf diesen Fundamenten etwas Großes auf, als Sebastian Vettel den zurückgetretenen Coulthard in der Saison 2009 ersetzte. Vettel hatte in Monza 2008 bereits einen Grand Prix für das Schwesterteam Scuderia Toro Rosso (heute Scuderia AlphaTauri) gewonnen. In seinem dritten Rennen für Red Bull Racing setzte er ebendort an. Es war in China, wo er sich den ersten Formel 1-Sieg für das Team krallte, und ab da legte er einen wahren Erfolgs- und Rekordlauf hin: Es folgten vier Weltmeistertitel, 38 Grand Prix-Siege und die Festigung von Red Bull Racing als seriöses Formel 1-Team im Motorsport, nicht einmal zehn Jahre nach seinem Entstehen.
Denkt Horner an die Karriere von Vettel, der nach 299 Rennen beim Saisonfinale in Abu Dhabi 2022 seinen letzten Auftritt in der Formel 1 bestritt, dann streicht er klar die Fähigkeiten und den unvergleichbaren Arbeitsethos hervor, die den Deutschen zu einem der größten Formel 1-Piloten der Geschichte machen.
Sebastian Vettel und Christian Horner während des Großen Preises von China 2009.

Vettels Sieg beim GP in China 2009 war der erste für Red Bull.

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"Es war von Beginn an klar, das er ein außergewöhnliches Talent ist. Toro Rosso, wie es damals geführt wurde, gab den Red Bull Junioren die Chance, sich zu beweisen und einen Schritt weiter zu gehen. Sobald Sebastian diese Möglichkeit bekam, zeigte er, wie gut er im Auto ist", erklärt Horner.
"Sebastian hat unglaublich hart gearbeitet. Er war sehr leidenschaftlich dabei und ließ keinen Stein umgedreht. Er war oft der letzte Mann im Büro an einem Freitag oder Samstag."
Es war gerade diese Leidenschaft, die dazu führte, dass das Team noch einen Schritt nach vorne tat, meint Newey.
"Er ging sehr methodisch an die Sache heran, er hat sich gnadenlos durchgebissen", erzählt er weiter.
"Wenn er einen Fehler machte, dann wollte er diesen verstehen und herausfinden, was er besser machen könnte. Er machte nur selten den selben Fehler zweimal."
"Diese Leidenschaft übertrug sich auch auf das Team. Unsere Mitarbeiter waren immer dazu bereit, die Extrameile zu gehen, weil sie seine Arbeit und seine Hingabe erkannten."
Adrian war der Beste, der jemals in der Formel 1 gearbeitet hat, also war alles eine Frage danach, wie wir Adrian von Red Bull überzeugen könnten.
Vettels Erfolge bei Red Bull blieben bis jetzt ungeschlagen, aber mit Verstappens momentanen Fortschritt könnte das nicht länger so bleiben.
Der Niederländer verschwendete keine Zeit, um Red Bull Racing seinen Stempel aufzudrücken. Nach 23 Rennen für Toro Rosso gewann er sein Debüt für das Team in Spanien 2016. Verstappen legte dann mit seinem spannenden Titelsieg 2021 in letzter Sekunde kräftig nach, bevor er seinen Titel 2022 souverän verteidigen konnte: Er gewann in diesem Jahr 15 Grand Prix' und holte sich ganze 454 Punkte -- beides Rekorde in einer einzelnen Saison.
Adrian Newey, Christian Horner und Max Verstappen, beim Großen Preis von Ungarn 2022.

Verstappen hatte in der Saison 2022 15 Gründe, sich zu freuen.

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Horner und Newey haben alle Aspekte von Vettels und Verstappens Zeit in der Formel 1 hautnah miterlebt. Und während beide Weltmeister ihre Erfolge auf jeweils unterschiedliche Weise errungen haben, gibt es laut Horner eine Sache, die beide vereint.
"Ich glaube, sie sind sich grundsätzlich sehr verschieden", streicht Horner heraus. "Ich meine, Sebastian brachte einen sehr deutschen Arbeitsethos mit. Er arbeitete sehr, sehr hart. Max ist schlicht ein seltenes Naturtalent mit dem notwendigen Hunger und einer Leidenschaft, die ich zuvor niemals gesehen habe. Sie unterscheiden sich also in ihrer jeweiligen Art, doch die Leidenschaft, der Drang danach, zu gewinnen und der Beste zu sein -- darin gleichen sie sich."
"Max, egal was er in seiner Karriere noch erreichen wird, hat in so kurzer Zeit so vieles hinter sich gebracht. Er ist 25 Jahre alt und es schüchtert ein, wenn man bedenkt, was noch vor ihm liegt."
Fahrer -- und Weltmeister -- kommen und gehen; das ist der Kreislauf der Formel 1. Aber nach 17 Saisonen, die sie zusammen verbracht haben, sind sich beide einig, dass sie in den ersten wie in den letzten Jahren so viel gelernt haben, wie möglich war, und dass neben dem hohen Budget, den modernen Gebäuden und Zentren und den vielen Terabytes an Formel 1-Daten eines besonders viel bedeutet: das menschliche Element.
"Ich denke, dass eine der Stärken des Teams darin besteht, die Köpfe einziehen und durch schwierige Phasen gehen zu können", meint Newey, wenn er an die Zeit zwischen 2014 und 2018 zurückdenkt -- jene Zeit, in der Red Bull nur gelegentlich Siege gelangen und Mercedes das Feld dominierte.
"Als wir dann durch die Partnerschaft mit Honda wieder eine gute Power Unit hatten, waren wir dazu in der Lage, Antworten zu liefern."
Horner nickt zustimmend.
"Es war hart in dieser Phase, da wir unmittelbar davor vier dominante Jahre hinter uns hatten und plötzlich hatten wir keine Chance mehr. Es gab ein weiteres Team, das Lichtjahre vor jedem anderen lag", erklärt Horner.
"Es passiert schnell in Organisationen wie der unseren, dass, wenn man sich an das Siegen gewöhnt hat, die Motivation verloren geht. Das Wichtigste bestand also darin, das Team zusammenzuhalten und uns auf die Dinge zu konzentrieren, die wir kontrollieren und beeinflussen konnten. Die Loyalität war groß. Schritt für Schritt gelang es uns, hier und da wieder Siege einzufahren und wir wussten, dass es mit einer neuen Power Unit wieder besser aussehen würde -- aber all das brauchte seine Zeit."
Adrian Newey im Red Bull Racing Hauptquartier in Milton Keynes, 2020

Newey Herangehensweise mag old-school sein, doch er liefert immer ab.

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Die Saison 2022 liegt bereits hinter uns und Neweys Blick ist -- wie das bei jedem Ingenieur der Fall ist -- auf die Zukunft gerichtet. Es geht ihm nun vor allem darum, das Regelbuch der Formel 1 so zu interpretieren, dass Red Bull Racing am Ende erneut um Siege mitfahren kann. "Ferrari wird nicht auf der faulen Haut liegen", meint er.
Während die Zukunft aber unsicher ist, sind sich Horner und Newey darüber im Klaren, warum ihre Partnerschaft -- die immerhin beinahe zwanzig Jahre andauert -- in der Vergangenheit so gut funktionierte und auch in den zukünftigen Jahren weiter funktionieren wird.
"Ich denke, unsere Partnerschaft basiert auf Vertrauen, auf Freundschaft, auf gegenseitigen Respekt dafür, was wir beide machen", erklärt Horner. Newey stimmt zu: "Wir vertrauen darauf, noch weitere Schritte nach vorne zu machen, uns weiterhin gut zu verstehen und unsere Arbeit gut machen zu können. Das Vertrauen ist ein zentrales Element von guter Zusammenarbeit."

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FIA Formula One World Championship is back in 2021 and promising to deliver with big action.

15 Stopps

Christian Horner OBE

Since Red Bull Racing was born at the tail-end of 2004, one man has been charged with directing its efforts – Christian Horner.

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Adrian Newey OBE

Oracle Red Bull Racing’s Chief Technical Officer has won 10 Formula One Constructors’ Titles and propelled some of the world’s most famous racers to the Drivers’ Championship.

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