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Der hohe Norden Europas bietet offenbar eine Menge Potential für intensive und düstere Geschichten. Immerhin haben die finnischen Entwickler von Remedy Entertainment ihr Können bereits mit zahlreichen Games unter Beweis gestellt. Max Payne aus dem Jahr 2001 gilt als Vorreiter des modernen Third-Person-Shooters. Alan Wake führte neun Jahre später die Mystery-Thriller in eine ganz neue Richtung, während Quantum Break die Grenzen zwischen Spiel und Serie verschwimmen ließ.
Das neueste Spiel von Remedy hört auf den Namen Control und hat das Zeug zu einem der größten Geheimtipps des Spielejahres 2019.
Control: Technisch beeindruckener Thriller mit packenden Kämpfen
Endlich hatten wir die Möglichkeit, selbst Hand an die finale Version von Control zu legen. Tatsächlich gelingt es den Entwicklern, ein packendes Action-Spiel abzuliefern, das klassische Kämpfe mit frischen Ideen wie der einzigartigen Dienstwaffe und den übernatürlichen Fähigkeiten von Protagonistin Jesse Faden würzt.
Das sorgt trotz relativ stumpfer KI für abwechslungsreiche Feuergefechte, in denen wir uns fast schon wie eine Superheldin fühlen. Sinnvolle Upgrades, versteckte Gebiete und optionale Bosskämpfe machen jeden Schritt abseits des Hauptpfades zu einem sinnvollen und lohnenswerten Zeitvertreib. Zudem garniert Control die beeindruckende Action mit einer packenden Story, die Mystery-Elementen aus Serien wie Fringe oder Stranger Things mit einem Agenten-Thriller mischt und mit etlichen Wendungen und Geheimnissen aufwartet. Fesselnd bis zur letzten Sekunde.
Auch aus technischer Sicht macht Control einiges her. Vor allem die PC-Fassung trumpft mit Echtzeit-Raytracing auf, was für besonders realistische Reflexionen, Spiegelungen und Lichteffekte sorgt. Tatsächlich ist das neue Spiel der Finnen ein Aushängeschild für die neue Technik geworden. Ein guter Indikator dafür, was uns in den kommenden Jahren aus technischer Sicht erwartet.
PlayStation 4 und Xbox One müssen auf diese Effekte zwar verzichten, doch auch hier kann Control aus technischer Sicht überzeugen. Lediglich ein paar häufig genutzte Versatzstücke in den Umgebungen und die starre Mimik der Charaktere stoßen sauer auf.
Gestatten: Jesse Faden
Übernatürliche Phänomene sind kein Fremdwort für Remedy, das haben schon die vorangegangenen Titel des Studios gezeigt. Auch Control setzt auf ein futuristisches Science-Fiction-Szenario und versetzt euch in die Rolle der Agentin Jesse Faden.
Faden, die von der US-Schauspielerin Courtney Hope verkörpert wird, musste in ihrer Kindheit schon einiges durchmachen. Ein traumatisches Ereignis gewährte der taffen Dame unerklärliche, übernatürliche Fähigkeiten. Auf der Suche nach Antworten reist Jesse nach New York, um bei der geheimen Regierungsbehörde Federal Bureau of Control weitere Nachforschungen anzustellen. Die Behörde, die sich mit dem Studium und Bewahren von übernatürlichen Phänomenen beschäftigt, hat ihren Hauptsitz im „Ältesten Haus“, in dem nichts so ist wie es auf den ersten Blick scheint.
Dort angelangt wird Faden Zeugin, wie das Büro von einer paranormalen Kraft namens „The Hiss“ überrannt wird, die FBC Director Zachariah Trench – gespielt von Hollywood-Schauspieler James McCaffrey, der auch Remedys ikonischem Helden Max Payne seine Stimme lieh – dahinrafft und die Agenten in willenlose Marionetten verwandelt.
Im Eifer des Gefechts nimmt die Heldin Trenchs Dienstwaffe auf, bei der es sich natürlich nicht um eine normale Pistole handelt. In Control ist eben nichts normal. Geschweige denn so, wie es auf den ersten Blick scheint.
Die Bureau-Gun ist ein übernatürliches Objekt der Macht, das sich seinen Träger in einem mystischen Ritual selbst aussucht und durch die Gesetze des Federal Bureau of Control macht das die Protagonistin mal eben zur neuen Leiterin der Behörde. Eure Aufgabe liegt darin, die Hiss zurückzuschlagen und die Kontrolle über das Gebäude zurückzuerlangen. Nicht unbedingt der erste Arbeitstag, den man sich wünschen würde.
In unserem Interview verrät Mikael Kasurinen, Game Director für Control bei Remedy Entertainment, seine Vision zur Waffe:
"Die Bureau-Gun ist ein Werkzeug in eurem Arsenal neben vielen anderen Dingen. Sie ist euer Lichtschwert, euer Zauberstab. Ein Ausdruck einer explosiven Superkraft, die schnell und einfach zu nutzen ist. Aber sie alleine ist nicht ausreichend."
Das ist aber kein normales Haus…
Nein, relativ schnell stellt ihr fest, dass das Älteste Haus kein normaler Beton-Wolkenkratzer ist. Nicht nur, dass das Gebäude von innen um ein Vielfaches größer ist, als von außen ersichtlich. Hinzu kommt zudem, dass sich der Grundriss und damit auch die Umgebungen konstant verändern. Als wäre das nicht schon verrückt genug, steckt das Haus zudem voller mysteriöser Objekte und übernatürlicher Geheimnisse. Was hat das FBC hier über die Jahre bloß gemacht?
Damit sind auch schon die Weichen gestellt für einen packenden und rätselhaften Science-Fiction-Thriller, der sich weit weniger linear spielt, als ihr es bisher von Remedy-Spielen gewohnt seid. Natürlich dürft ihr euch abermals auf eine spannende und wendungsreiche Story und intensive Feuergefechte aus der Third-Person-Perspektive freuen, doch spielerisch unterscheidet sich Control stark von den vorangegangenen Games des Studios.
Setting und Struktur des Spiels unterscheiden sich stark von unseren vorangegangen Spielen. Auch die Art, wie wir die Geschichte erzählen ist anders. Ihr werdet das erkennen, sobald ihr in die Welt eintaucht.
Control bettet seinen actiongeladenen Schießereien in eine Welt im Metroidvania-Stil ein, dementsprechend bleibt euch der Zugang zu vielen Wegen bei eurem ersten Besuch verwehrt. Erst mit neuen Fähigkeiten und übernatürlichen Kräften, die ihr euch im Spielverlauf aneignet, könnt ihr bestimmte Areale betreten. Die dann wiederum, dem sich ständig verändernden Ältesten Haus sei Dank, mitunter ganz anders aussehen können als bei eurem letzten Besuch.
"Das Älteste Haus wird abgeriegelt, sobald die Invasion beginnt, niemand kommt raus oder rein," so Mikael Kasurinen. "Viele Bereiche darin haben die Größe eines Häuserblocks und in manchen Bereichen seht ihr eine gewaltige Leere über euch, die aussieht wie der Himmel. Aber was ist sie wirklich?"
Control Gameplay: Eine Menge Möglichkeiten
Begleitet wird Jesse auf ihrer Reise vom Forschungsleiter des FBC, Dr. Casper Darling, den Remedy-Kenner schnell als Sprecher von Alan Wake identifizieren. Außerdem meldet sich immer mal wieder die geisterhafte Präsenz eures dahingeschiedenen Vorgängers zu Wort, um euch nützliche Tipps oder Anweisungen zu geben.
Um euch im Laufe des Abenteuers den Hiss zu stellen, greift ihr auf die bereits angesprochene Bureau-Gun zurück, die die einzige Handfeuerwaffe in Control darstellt? Klingt wenig? Ihr habt ja keine Ahnung. Immerhin kann der Schießprügel im Verlauf des Spiels in zahlreiche andere Knarren umfunktioniert werden – vorausgesetzt, ihr findet die entsprechenden Blaupausen und Crafting-Materialien. So wird aus der einstigen Pistole kurzerhand eine Maschinenpistole, Schrotflinte oder ein durchschlagskräftiges Scharfschützengewehr, das sogar Objekte in der Umgebung durchdringt.
Die Hiss sind normale Menschen, die in etwas Übernatürliches transformiert wurden. Aber sie sind sterblich. Die Transformationen können unterschiedlicher Art sein und wir haben noch nicht alle gezeigt.
Im finalen Spiel soll es noch einige weitere Formen geben, die ihr freischalten könnt. Zudem könnt ihr jederzeit zwischen zwei zuvor festgelegten Varianten wählen, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen als nützlich erweisen. Da es sich nicht um eine normale Waffe handelt, verschießt die Bureau-Gun natürlich auch keine blauen Bohnen, sondern verfügt über eine eigene Energieleiste, die sich mit ihrem Einsatz leert und langsam wieder auffüllt.
Ist die Energie aufgebraucht, steht ihr allerdings nicht sofort wehrlos und mit leeren Händen da. Hier kommen Jesses übernatürliche Fähigkeiten ins Spiel, von denen sich die Protagonistin im Laufe des Spiels auch etliche aneignet – einige davon verstecken sich sogar hinter optionalen Nebenmissionen oder Rätseln, während andere für den Abschluss des Titels unabdingbar sind.
Game Director Mikael Kasurinen verrät:
"Ihr müsst die Service Waffe mit euren Fähigkeiten kombinieren. Und ihr müsst auf die Feindkompositionen, die Formen und Möglichkeiten der Umgebung und wie ihr sie gegen eure Gegner einsetzen könnt achten. Feinden Schaden zuzufügen sorgt dafür, dass sie Gesundheitselemente fallen lassen, die euch heilen. Gesundheit regeneriert sich nicht automatisch. Ihr könnt also nicht in Deckung bleiben, Control ist kein Deckungsshooter."
Control ist darauf ausgelegt, dass ihr konstant in Bewegung bleiben müsst. Ihr müsst aggressiv vorgehen und kalkulierte Risiken eingehen. Dieses Gefühl der intensiven, unberechenbaren Kämpfe, kam bereits in Max Payne zur Geltung und soll auch das neue Spiel von Remedy auszeichnen.
"In seiner Komplexität, der spielerischen Tiefe und den Möglichkeiten hat sich seit Max Payne allerdings viel getan," so Kasurinen weiter.
Ein Hauch von X-Men
Diese übernatürlichen Fähigkeiten sind es auch, die Control so besonders machen. Immerhin eignet ihr euch im Verlauf des Spiels zahlreiche Skills an. So ist Jesse nicht nur in der Lage zu schweben, sondern stoppt sogar feindlichen Raketenbeschuss, um ihn in der Luft auf die Angreifer zurückzuschleudern. Objekte und Möbel werden kurzerhand zu wuchtigen Wurfgeschossen umfunktioniert, während ihr mal eben im Vorbeigehen die Umgebung zu einem Schutzschild umfunktioniert.
Eines haben aber alle telekinetischen Superkräfte gemeinsam: Sie fühlen sich unglaublich mächtig an. Tatsächlich sorgen die Fähigkeiten in Control für ein abwechslungsreiches Gameplay. Kein Kampf gleicht dem vorangegangenen. Vor allem die Talente zu mächtigen Kombos zu verknüpfen sorgt für ein erhabenes Gefühl.
Die meisten Fähigkeiten können mit Upgrades versehen werden. Fähigkeitspunkte können in eure Lieblingsskills investiert werden. Die machen sie manchmal stärker und schalten manchmal ganz neue Perks frei.
Zu leicht wird Control durch die Superkräfte allerdings nicht, denn jeder Einsatz leert die entsprechende Energieleiste. Vor allem die Fähigkeiten, die ihr euch im späteren Spielverlauf aneignet, sollten nur mit Bedacht verwendet werden. Denn steht ihr im Kampf gegen einen Boss plötzlich ohne Energie dar, segnet ihr ziemlich schnell das Zeitliche.
Es gibt Nebenbosse in Control und auch rein optionale Bosskämpfe, die ihr umgehen könnt.
Auf der anderen Seite habt ihr dank der Fähigkeiten das Gefühl, direkt aus Professor Xaviers Mutantenschule der X-Men entsprungen zu sein, wenn ihr im Flug Feindbeschuss ausweicht, die Umgebung als Schutz um euch herum aufbaut und einen fetten Container auf eure Gegner schleudert.
Und schick sieht es auch noch aus
Unter der Haube von Control werkelt Remedys hauseigene Northlight Engine, die bereits in Quantum Break für ansehnliche Effekte, Umgebungen und detaillierte Charaktere sorgte. Im neuesten Werk der finnischen Entwickler hat die Engine allerdings nochmal kräftig zugelegt.
Vor allem die schicken Umgebungen in Kombination mit den abstrakten Effekten stehen dem Spiel gut zu Gesicht. Betonsäulen gehen zu Bruch, Scheiben bersten und vorbeifliegende Aktenschränke verteilen ihr Papier in der Umgebung. Die „versteckten“ Geheim-Level unterscheiden sich in Architektur und Farbgebung stark vom restlichen Spiel, was den übernatürlichen Touch von Control unterstreicht.
Auch das lebendige, sich ständig verändernde Älteste Haus wartet mit einigen surrealen Physikeffekten auf, die sich hervorragend in das Szenario des Spiels einfügen. Auf dem PC unterstützt Control zudem Echtzeit-Raytracing der GeForce RTX-Technologie, was für besonders beeindruckende Effekte sorgt.
Mit einem AAA-Titel wie Cyberpunk 2077 oder Ghost Recon: Breakpoint kann Control aus grafischer Sicht zwar nicht ganz mithalten, aber das macht der Sci-Fi-Thriller durch seine intensive Atmosphäre und die packende Handlung locker wieder wett. Der surreale Look in Kombination mit den schicken Effekten in einer Welt, die sich ständig verändert, steht dem Game jedenfalls äußerst gut zu Gesicht.
Control wird ein echter Geheimtipp
Stichwort Handlung: Um die Story von Control ranken sich derzeit noch viele Fragezeichen. Auch wird erst das fertige Spiel zeigen, wie es um einige angedeutete Parallelen zu den vorangegangenen Remedy-Titeln bestellt ist.
Control gelingt es tatsächlich, seine Mysterien aufrecht zu erhalten. Nicht nur diejenigen, die sich um die Story ranken, sondern auch die, die die Spielwelt an sich betreffen. Der Sci-Fi-Thriller sorgt regelmäßig dafür, dass ihr innehaltet und über den tieferen Sinn nachdenkt. "Irgendwas an dieser Situation wirkt merkwürdig." Irgendetwas brodelt unter der Oberfläche des Spiels. Im Vergleich zu vielen anderen Spielwelten in Games hat man hier tatsächlich das Gefühl, dass die Welt vonControl noch nicht in Stein gemeißelt und noch nicht vollständig entschlüsselt ist.
Das spannende Konzept um das Älteste Haus und das intensive, dynamische Kampfsystem hinterlassen allerdings schon jetzt einen hervorragenden Eindruck. In Kombination mit etlichen freischaltbaren Waffenarten, Fähigkeiten und dem Metroidvania-Ansatz dürften Control Langzeitmotivation und ein hoher Wiederspielwert sicher sein.
Erscheinen wird Control am 27. August 2019 für PC, PlayStation 4 und Xbox One.