Drachenflug-Weltmeisterin Corinna Schwiegershausen hoch über Brasiliens Rio de Janeiro.
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Segelfliegen

Corinna Schwiegershausen: „Der frühe Vogel fliegt am weitesten.“

Corinna Schwiegershausen verbringt mehr Zeit in der Luft als am Boden. Wenn sie nicht Drachen fliegt, arbeitet sie als Stewardess. Hier erklärt sie, was es braucht, um in beidem zu brillieren.
Autor: Henner Thies
7 min readveröffentlicht am
Corinna Schwiegershausen ist eine echte Frequent Flyerin – mit Flügeln und ohne. Die gebürtige Bremerin fliegt seit über 30 Jahren mit dem Drachen durch die Lüfte dieser Welt, und seit mehr als 20 Jahren als Stewardess – am liebsten Langstrecke, nach Brasilien, Argentinien, Mexiko. "Dort kann ich an den Layover-Tagen Drachenfliegen, bevor es zurück nach Deutschland geht", erklärt sie.
Seit sie das Drachenfliegen im Alter von 17 Jahren für sich entdeckt hat, packt sie jede Gelegenheit am Schopfe, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Auch wenn das bedeutet, vom heimischen Bremen nach München zu ziehen. "Mein oberstes Ziel war, möglichst nah an den Bergen zu sein, wo ich am besten Drachenfliegen kann", sagt Corinna.
Diese Entschlossenheit, gepaart mit ihrem Trainingseifer und ungeahnter Ausdauer haben Corinna fünf Weltmeistertitel und diverse Weltrekorde beschert und sie letztlich zu einer der besten Drachenfliegerinnen der Welt werden lassen.
Die fünffache Weltmeisterin Corinna Schwiegershausen beim Drachfliegen hoch über Rio.
Corinna Schwiegershausen hoch über Brasilien.

Corinna, wann und wie startest du in den Tag?

Sehr unterschiedlich. Ich habe einen Job, der keine geregelte Arbeitszeit hat. Mal stehe ich um 3 Uhr morgens auf, mal beginne ich meinen Dienst als Stewardess bei der Lufthansa um 22 Uhr am Abend.

3 Uhr morgens, das klingt schmerzhaft.

Das stimmt! Alles was vor 5 Uhr morgens startet, tut meistens ziemlich weh. Ich habe mich aber daran gewöhnt. Wenn heute der Wecker klingelt, mache ich einfach die Augen auf, putze mir die Zähne, ziehe die Uniform an und dann geht’s los. Ohne Frühstück, ohne groß Tamtam.

Wie viele Stunden Schlaf brauchst du, um zu funktionieren?

Auch hier bin ich über die Jahre aufgrund vieler Nachtflüge recht anspruchslos geworden. Es gibt sogar Tage, an denen komme ich notgedrungen ohne Schlaf aus. Aber ich sage mal 7 Stunden Schlaf sind gut. Das ist Luxus. Meistens sind es eher 6 Stunden.
Für mich gilt: der frühe Vogel fliegt am weitesten.
Weltmeisterin Corinna Schwiegershausen posiert für ein Porträt vor ihrem Drachen.
Corinna Schwiegershausen verbringt mehr Zeit in der Luft als am Boden.

Wann beginnt dein Tag, wenn du ihn zur freien Verfügung hast und du nicht fremdbestimmt aufstehen musst?

Im Frühjahr und im Sommer gerne und fast immer mit Sonnenaufgang. Insbesondere an Tagen, an denen das Wetter zum Drachenfliegen passt. Meist schaue ich mir Wetter und Windrichtungen schon am Vortag an, damit ich gut vorbereitet in den Flugtag starten kann. Das Timing inklusive Anfahrt sollte so sein, dass ich zur Öffnung der Bergbahnen parat stehe. Denn für mich gilt: der frühe Vogel fliegt am weitesten.“

Solltest du als studierte Grafikdesignerin mit Höhenangst nicht eigentlich am Computer sitzen und layouten, statt ständig zu fliegen?

Nach dem Abi wollte ich eigentlich Medizin studieren, habe dann aber gemerkt, wie viel Anwesenheitspflicht in dem Fach herrscht und dachte: Nee, das geht nicht! Das Drachenfliegen war zu dem Zeitpunkt schon fester Bestandteil meines Lebens und der Fixpunkt, um den herum ich mein Leben organisieren wollte. Also habe ich mich in Darmstadt für Grafikdesign beworben, um näher an den Bergen zu leben – als gebürtige Bremerin dachte ich, in Darmstadt fangen die Alpen an... Ich wurde dann eines besseren belehrt und bin nach dem Studium nach München gezogen. Grafikdesign hat mich zwar immer interessiert und tut es noch, es war aber doch eher Mittel zum Zweck.

Warum hast du dann bei der Lufthansa angefangen?

Ich bin ein klassischer Winterflüchtling: wenn hier der Winter ausbricht, flüchte ich immer schon nach Australien oder Südamerika, um dort im Sommer Drachenfliegen und trainieren zu können. Anfangs, so mit 18 Jahren, war nur die Frage: Wie finanzierst du das? Während des Studiums habe ich erst ein Stipendium ausgegraben, um mir den Trip nach Down Under finanzieren zu können, dann fand dort eine Weltmeisterschaft statt, sodass die Reise vom Verband mitfinanziert wurde. Irgendwann sind mir die Ideen ausgegangen, wie ich mir die teuren Reisen auf die Südhalbkugel finanzieren soll. Mit 26 habe ich dann angefangen, bei der Lufthansa zu arbeiten (lacht).

Was lernt man in der Luft, was man am Boden nicht lernen kann?

In der Luft ohne Motor, nur mit den eigenen Flügeln, lernt man, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dort oben ist man voll und ganz im Augenblick, fast wie in einer Meditation. Du musst extrem aufmerksam sein, weil du vollkommen von der Natur und deiner Wahrnehmung abhängig bist. Da ist es gesund, gut vorbereitet und mit wachem Geist unterwegs zu sein.
Corinna Schwiegershausen bei der Arbeit als Stewardess für die Lufthansa.
Wenn sie nicht Drachen fliegt, ist Corinna als Stewardess unterwegs.
In der Luft lernt man, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Fast wie in einer Meditation.

Nun bist du seit März als Stewardess und als Drachenfliegerin gegrounded – was ist an dieser Situation für dich am schwersten?

So lange nicht mit dem Drachen fliegen zu können ist schon schwer, insbesondere an Tagen, die sich dafür besonders eignen würden.

Wie hast du dich in den vergangenen Wochen fit und bei Laune gehalten?

Ich bin seit einigen Wochen bei meinen Eltern. Zum Glück haben die einen großen Garten, in dem ich mich austoben kann. Seit ich bei ihnen zu Besuch bin, habe ich diverse Bäume gepflanzt, Gemüse angebaut und ihren Garten zum Teil acht Stunden pro Tag mal so richtig auf Vordermann gebracht. Hätte ich den Garten nicht gehabt, hätte ich mich wahrscheinlich zum Spargelstechen verpflichtet.

Bevor Corona den Flugbetrieb lahmgelegt hat – wie sah ein normaler Arbeitstag bei dir aus?

Ein normaler Einsatztag auf der Kurzstrecke geht 12 bis 14 Stunden. Auf Langstrecke sind es mehr. Nach Buenos Aires zum Beispiel fliegt man allein 14 Stunden. Trotzdem ist kein Tag wie der andere, weil jeder Passagier mit anderen Erwartungen an Bord geht.

Was macht dich als Stewardess müde?

Es ist ermüdend, wenn Menschen sich nicht glücklich machen lassen. In der Luft gibt es nur eine Handvoll Maßnahmen, die man zur Verfügung hat. Essen und Trinken sind dabei die offensichtlichsten und meist die effektivsten. Ich persönlich versuche zudem, meine Begeisterung für das Fliegen an den Passagier zu bringen, wo es passt. Wenn man einer Verspätung hinterherfliegt hilft Begeisterung aber selten, von daher ist das wohl das anstrengendste. Das macht mich dann auch irgendwann müde.

Wie schaffst du es, dich selbst in solchen Situationen aufzuheitern und wach zu halten?

Eine Zeit lang mit Humor. Wenn es ganz eng wird, schließe ich mich auch mal in der Toilette ein und singe laut einen Song. Zum Beispiel den brasilianischen Song „Nossa, Nossa (Ai Se Eu Te Pego!)“. Damit bringe ich nicht nur mich, sondern auch meine KollegInnen zum Lachen. Das hilft eine Zeit lang. Wenn neben der mentalen auch die körperliche Müdigkeit einsetzt, hilft nur noch meine Geheimwaffe: argentinischer Mate-Tee gemixt mit Red Bull. Tatsächlich habe ich in meinem Handgepäck immer ein Red Bull. Momentan am liebsten Watermelon.
Weltmeisterin Corinna Schwiegershausen bereitet ihren Drachen für einen Flug in Rio vor.
Corinna hat ihre Tricks – in der Luft und am Boden.
Wenn die Müdigkeit einsetzt, hilft nur noch meine Geheimwaffe: argentinischer Mate-Tee gemixt mit Red Bull.

Wie hast du es in den letzten 20 Jahren geschafft, deinen Job als Stewardess zu erledigen und trotzdem im Drachenfliegen zu dominieren?

Ein Schlüssel ist, dass ich seit Jahren in Teilzeit arbeite. Zudem bekomme ich mittlerweile zum Großteil die Flüge, die ich haben möchte, also in Regionen wie Mexiko, Argentinien oder Brasilien. Das hängt auch damit zusammen, dass ich fließend Spanisch und Portugiesisch spreche. Und ich lege meine Urlaube auf die wichtigen Wettbewerbe und nutze mittlerweile auch Layover, um fliegen zu gehen. Wenn ich beispielsweise einen Tag in Rio frei habe, treffe ich mich fast immer mit Freunden und gehe mit ihnen fliegen. Ich denke die Schlüssel zum Erfolg beim Drachenfliegen sind, abgesehen vom Training: Bodenständigkeit, Ausdauer und Neugierde.

Du scheinst in einen Tag zu packen, was andere nicht in eine Woche kriegen. Was hilft dir im Alltag, effektiv zu sein?

Ich denke Planung ist das A und O. Das ist zwar super Deutsch, aber das hilft. Insbesondere, um Leerläufe zu vermeiden, in denen man ohne Not Zeit verschwendet. Das kann ich nur, wenn ich mich vorher drauf einstellen kann.

Was entspannt dich?

Eine Fußmassage in Thailand (lacht). Wenn die nicht zu haben ist, entspannen mich Natur oder körperliche Arbeit, wie momentan die Gartenarbeit bei meinen Eltern. Ich brauche frische Luft und Bewegung. Beim Inlineskaten auf der Copacabana zum Beispiel, da kann ich auch entspannen. Und Blautöne entspannen mich. Egal ob in der Luft, oder im Meer. Was gar nicht geht, ist am Strand liegen.

Was ist das Letzte, was du machst, bevor du schläfst?

Ich atme tief durch und denke bereits an den nächsten Tag.