Die Achse: Farhot & Bazzazian
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Deutschrap zerschreddert: Die Achse im Porträt

Die Achse, das sind zwei der stilprägendsten Produzenten im deutschen Rap-Business: der Kölner Bazzazian und der Hamburger Farhot. Aber sie sind noch viel mehr. Ein Porträt der Culture-Clash-Crew
Von: Wenzel Burmeier
7 min readPublished on
Der Musikindustrie haben die beiden Produzenten Bazzazian und Farhot längst nichts mehr zu beweisen. Mit ihrer Arbeit für Haftbefehl, Azad, Karate Andi, Chefket, Samy Deluxe oder Haiyti krempelten sie Deutschrap auf links. Heute operiert das Superduo auch als eigenständiges Projekt: Die Achse zerschreddert HipHop-Beats mit Feingefühl – und klingt dabei anders als all der Rest. Ein Blick auf das Opus zweier Hitzköpfe.
Die Achse, das sind zwei der stilprägendsten Produzenten im deutschen Rap-Business: der Kölner Bazzazian und der Hamburger Farhot. Rapper wie Haftbefehl und Haiyti verdanken ihnen mehr als eine Handvoll Hits; Karate Andi und Samy Deluxe bestellten gleich ganze Alben. Seit einiger Zeit operiert das Duo nicht nur als Produktionsgespann, sondern auch als Band. In diesem Jahr veröffentlichte Die Achse mit der „Angry German“-EP ein eigenes Debüt, das voller Grime-Gewalt, Trap-Geratter und kanyesker Overdrive-Arien steckt. Die Produktion der aktuellen Deutschrap-Dutzendware heben sie damit mal eben aus den Angeln. Dass die zwei Vordenker zusammenfanden, kann man als glücklichen Zufall abtun – oder aber als einzige logische Konsequenz ihres jeweiligen Schaffens. Spulen wir mal eben ein paar Jahre zurück.

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Ghettobass
Wir schreiben die Jahrtausendwende. Benjamin Bazzazian hat sich soeben vom Bad-Brains-Fan und Hardcore-Gitarristen zum Rap-begeisterten Beatbastler mit MPC und Rechner transformiert. Trotz Genre-Switch hält es der Kölner damals düster: 2003 schafft es Bazzazian – früher noch als Benny Blanco unterwegs, bevor ein Rechtsstreit mit dem gleichnamigen US-Star-Produzenten droht – auf das Zweitwerk des Frankfurter Straßenrap-Veteranen Azad. Von dort an prägt Bazzazian im Bozz-Music-Umfeld den neuen Straßenpathos der Nullerjahre. Ob „Ghetto RnB“ mit Jonesmann oder „Ghettobass“ mit Azad: Bazzazians Beats waren epische Synth-Hymnen, die durch die Hochhausschluchten des hessischen Finanzmolochs hallten. Oder wie Farhot einmal über Bazzazian sagte: „Alles, was er macht, ist direkt Gangster.“
Doch schon der frühe Bazzazian denkt nicht nur in eine Richtung: Für das Eko-Fresh-Debüt „Ich bin jung und brauche das Geld“ übersetzt der Produzent den Champagner-perlenden Jiggy-Bounce der Roc-A-Fella-Ära mit Gitarren-Gezupfe in deutsch-türkischen Rap’n’B, bevor er zusammen mit Gentleman und dem Album „Diversity“ das Radioterrain von Dancehall in D erschließt. Von Savas’ Optik Records bis Bushidos Ersguterjunge emuliert Bazzazian derweil US-Produktionsstandards für eine Handvoll durchschnittlicher Rapper, bis sich 2010 schließlich seine Wege mit einem Künstler kreuzen, der nicht nur die Karriere des Kölners nachhaltig beeinflussen soll, sondern überhaupt ein neues Deutschrap-Kapitel aufschlägt: Haftbefehl.
Als der Offenbacher Rapper noch bei Jonesmanns Echte Musik unter Vertrag steht, kommen die beiden zum ersten Mal in Kontakt. Für das Debüt „Azzlack Stereotyp“ stattet Bazzazian Haft mit ein paar skrupellosen Synthie-Beats aus, bevor er über die nächsten Jahre zu dessen rechter Studiohand wird. Dass Haftbefehl 2014 mit „Russisch Roulette“ eine bis dato unerreichte Straßenrap-Blaupause hinlegt, verdanken wir nicht zuletzt Bazzazian, der über die Jahre lernte, den Wahnsinn des Azzlack-Exzentrikers in den richtigen Momenten einzufangen, auf brachialen Drums zu platzieren und in dramatische Arrangements zu gießen.
„Russisch Roulette“ markiert zugleich den Beginn der Achse. Als Bazzazian federführend an dem Album arbeitet, landen auch Beats von Farhot in seinem Postfach – jenem Hamburger, der Haftbefehl ein paar Jahre zuvor mit „Chabos Wissen Wer Der Babo Ist“ zum Hit verhalf (und daraufhin von Haft einen Benzer überreicht bekam). Und als Bazazzian bei „Engel im Herz, Teufel im Kopf“ steckenbleibt, fragt er Farhot um Rat. Zusammen verwandelt man einen Schlagzeug-Groove in ein Trap-Drama mit düsterem Vocal-Verzerre. Die Achse ward geboren.
Kabul Fire
Dass sich die zwei Produzenten auf dem wichtigsten Straßenrap-Album der jüngeren Deutschrap-Geschichte zusammenfinden, kommt nicht von ungefähr, sind sie doch zwei Querköpfe, die das Genre neu dachten. Farhad Samadzada alias Farhot – und ehemals DJ Farhot – fängt mit dem Beginn der Nullerjahre an, sich im Hamburger Untergrund mit ersten Produktionen zu verewigen. Seine frühen Studiostunden teilt er mit dem Rapper Maskoe, der mit unvermittelter Lingo aus den dystopischen Ecken der Hansestadt berichtet. Außerdem an der Seite von Farhot: Sängerin Nneka, die mit 18 Jahren aus dem nigerianischen Warri nach Hamburg-Altona zog, wo sie zur prägnantesten Soul-Stimme der Stadt wird, nachdem sie 2004 im Vorprogramm einer Sean-Paul-Show zum ersten Mal auf sich aufmerksam macht und in den nächsten Jahren rund um den Globus mit mehreren Alben Erfolge feiert. In ihren frühen Tagen zimmert Farhot der Sängerin ein Soul-Sample-Fundament, das irgendwo zwischen RZA und Portishead liegt – und in dem sträflich übersehenen Song „Love“ seine Blaupause findet –, bevor die Nneka-Diskografie zu immer bombastischeren und eigensinnigen Soul-Arien heranwächst.
Parallel dazu prägt Farhot mit seinen ikonischen Produktionen das Deutschrap-Business. Die Art, wie der Produzent Samples filtert, Keys zum leiern bringt und Drums durch den Flanger-Effekt jagt, ist bis heute unverkennbar. „Finito Bandito“ von Deutschraps sympathischstem Tag-Team Celo & Abdi steht dafür exemplarisch. In Frankfurt hinterlässt Farhot nicht nur bei dem Azzlackz-Duo seine Spuren, sondern liefert auch den brachialen Titeltrack für Hanybals „Haramstufe Rot“-Album und mit „Rocky“ einen Song für Bazzazians frühen Kollabo-Partner Azad.
Farhots Rap-Produktionen stechen gerne mit ihren brachialen Drums voll offener Hi-Hats, hektischer Sample-Chops und sägender Keys heraus. Im UK landete der Hamburger damit auf Tracks von Roadrap-Goon Giggs und gewann Grime-Legende Kano für sich. Und als ein paar von Farhots Beats eines Tages nach Übersee schwappen, zeigt sich Talib Kweli so begeistert, dass er mit „Fuck The Money“ gleich ein ganzes Projekt nach einem von Farhots Beats benennt. Auch in Kendrick Lamars TDE-Camp sichert man sich zwei Produktionen, die 2014 das Herzstück von Isaiah Rashads Debüt „Cilvia Demo“ bilden.
Die Diskografie des Kabul-Fire-Intendanten aber beläuft sich längst nicht nur auf Rap-Bretter. Farhots Piano-Arien für Megalohs „Endlich Unendlich“ und Chefkets „Identitäter“-EP deuteten bereits an, was später etwa der Herre-Hit „Fühlt sich wie fliegen an“ belegte: In den Kabul Fire Studios im Hamburger Schanzenviertel entstehen wahrhaftige Pophits, die sich im Radio behaupten können, ohne sich unangenehm anzubiedern – weil sie immer die Farhot-Kante mit sich bringen. Und überhaupt: als bloßen Rap-Produzenten versteht sich der Hamburger eh nicht. Mit Fuchy kreierte Farhot ein schelmisches Alter Ego im Comic-Gewand, das die historischen Strapazen seiner iranischen Heimat in einer EP verarbeitete, deren Songs in wenigen Minuten zwischen warmem Soul und aggressiver Elektronik switchen.
Zu zweit allein
Womit wir wieder bei Die Achse sind. „Angry German“ heißt das Debüt des Produzentenduos. Und treffender hätten sie es nicht titeln können. In einer knappen halben Stunde filtern Bazzazian und Farhot ihr komplettes Schaffen in einer Handvoll Songs, die vor lauter kleinteiliger Details in jeder Sekunde zu platzen drohen. Die überbordende Energie ihrer Produktionen ziehen Bazzazian und Farhot aus dem Trap, aus Grime und aus bretterndem Boombap. Sie zerhacken Drums zu einem stürmischen Stop & Go, lärmen mit bösen Bläserfanfaren und verzerren Vocal-Samples wahnwitziger als Kanye West zu „Yeezus“-Zeiten.
Bazzazian und Farhot haben all das schon mal mit ihren gemeinsamen Produktionen für Karate Andis Album „Turbo“, dem Coup-Projekt von Haftbefehl und Xatar oder ihrer gemeinsamen „Jango“-EP mit Haiyti gemacht – nur waren sie dabei nie so gnadenlos wie jetzt. Wie passend, dass das Achse-Video zu „Hate You“ mit seinem dokumentierten Vandalismus an das frühere Schaffen der französischen Pioniere Justice erinnert. Als „das Gegenteil von Kaugummi-Mucke“ titelte Farhot vor Kurzem das gemeinsame Schaffen mit Bazzazian im Musikmagazin Das Wetter. Nichts wünscht man sich sehnlicher in dieser Zeit, in der das Rap-Business kreativ auf der Stelle tritt und sich zu beliebigem Tropical-Trap einbeinig um sich selbst dreht.
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