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Dillon: „Als würdest du eine Kerze anzünden“

© Fabian Brennecke
Autor: Ralf Theil
Mit „Kind“ veröffentlicht Dillon ihr drittes Album, aufgenommen u.a. in den Red Bull Studios Berlin. Eine Unterhaltung über Depression, Lebensfreude, ein Schlaflied und eine ganz besondere Stimme.
Letztens meinte eine Freundin von mir: Ja, ich schreibe jetzt Briefe! Ich so: Aha, an wen? Sie so: An mich selbst. Damit ich irgendwann in 20 Jahren Erinnerungen von mir habe. Ich so: Ach ja, interessant. Ich hab halt Alben.
Dillon
Schon zum dritten Mal nach „This Silence Kills“ und „The Unknown“ packt Dillon ihr Leben und ihre Seele in ein Album. „Kind“ heißt ihr neues Werk, das sie im Oktober im kleinen Kreis in den Berliner Red Bull Studios vorstellte. Unser Interview folgt nach diesem Mitschnitt:
Wann hast du angefangen, konkret über ein drittes Album nachzudenken?
Dillon: Ich glaube, sobald ich mich vom Zweiten erholt gefühlt habe. Mir ging's extrem schlecht, als ich „The Unknown“ produziert habe. Danach musste ich damit touren und hatte gar keine Zeit mich zu erholen. Ich war wahnsinnig müde, depressiv und manisch. Aber irgendwann kam ein Moment, an dem ich mich viel besser und klar im Kopf gefühlt habe. Ich habe mich stabil gefühlt und hatte das absolute Bedürfnis, an einem neuen Album zu arbeiten, um „The Unknown“ hinter mir zu lassen. Aber zwischen diesem Tag und dem Tag, an dem ich wirklich angefangen habe, an dem Album zu arbeiten, ist trotzdem bestimmt noch ein Jahr vergangen.
Wie hast du gemerkt, dass du wieder kreativ wirst?
Ich arbeite wahnsinnig selten an Musik. Ich arbeite eigentlich immer nur während der Fertigstellung. Alles, was davor passiert, ist unbewusst. Was bei diesem Album anders war: immer wenn ich Ideen hatte, habe ich Notizen in eine Datei geschrieben. Als dann der Punkt kam, an dem ich wusste, ich arbeite jetzt an diesem Album, musste ich diese Datei nur noch öffnen. Dann ging es vielmehr darum, zu verstehen, wo mein Kopf die letzten zwei Jahre war und die ganzen Wörter zu ordnen.
Dein Job war dann also, in deine Notizen eine Struktur zu bringen und zu sehen, wie man daraus Songs und ein Album macht.
Ja, vielmehr kuratieren als klassisch schreiben. Aber solche Lieder gibt es natürlich auch. „Shades Fade“ habe ich beim Laufen in den Bergen angefangen zu schreiben. „Lullaby“ ist so entstanden, dass ich wahnsinnig lang nicht schlafen konnte und aus der Not heraus angefangen habe, mir ein Schlaflied zu singen. Aber „Kind“ oder „Contact Us“, das waren so kleine Wörter und Notizen, bei denen ich schauen musste, was in welches Lied gehört.
Schreibst du viel, wenn du unterwegs bist?
(Schüttelt den Kopf) Mhm. Ich habe früher viel geschrieben. Ich schreibe gar nicht mehr. (zögert) Manchmal weiß ich nicht mehr, wie meine Handschrift aussieht. Weil ich so lange nicht mehr geschrieben habe, kein einziges Wort. Das ist doch total absurd eigentlich. Ich arbeite viel mehr in meinem Kopf. Ich glaube, 80 Prozent meines Lebens finden in meinem Kopf statt. Da macht es schon Sinn, dass ich auch so arbeite.
Hast du dir nach der anstrengenden Phase mit dem zweiten Album mal die Frage gestellt, ob du unter den Umständen überhaupt weitermachen möchtest?
Ich habe mich gefragt, ob ich überlebe, um ehrlich zu sein. Ich wusste irgendwann nicht, ob ich überhaupt aufwache. Ich dachte echt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich einfach verschwinde. Aber ich habe keinen Einfluss darauf, ob ich arbeite oder nicht. Das ist für mich so selbstverständlich, es fühlt sich nicht an wie Arbeit! An einem Lied zu arbeiten, ist für mich einerseits die größte Qual, weil ich so besessen davon werde, das Lied fertigzubekommen. Andererseits ist es auch das Einfachste auf der Welt. Es gibt keine Konflikte, keine Streitereien, keine Enttäuschungen von anderen Menschen, es gibt keine Erwartungen. Man ist nicht abhängig von Wetter oder Geld oder Gesundheit … nichts!
Wie war es dann, aus diesem Loch rauszukommen und wieder zu arbeiten?
Irgendwann bin ich aufgewacht und habe mich gefreut, wach zu sein. Ich war … lebensfroh. Was ich so noch nie wahrgenommen hatte. Ich war immer wahnsinnig lebensmüde. Nicht in dem Sinn, dass ich mich umbringen wollte, ich war einfach müde und enttäuscht vom Leben. Aber irgendwann habe ich alles, was ermüdend war, so weit eliminieren können, und alles, was mich aufweckt und auffrischt, so bewusst in mein Leben geholt, dass sich das einfach ausgeglichen hat. Je besser es mir geht, desto mehr möchte ich arbeiten. Je mehr ich arbeite, desto mehr möchte ich das teilen. Wie man über schwangere Frauen sagt, dass sie leuchten – ich hab geleuchtet. Und ich war nicht schwanger! (lacht)
Wie würdest du den Sound des Albums beschreiben?
Kann ich's vergleichen? Ich muss es vergleichen mit dem, was ich davor gemacht habe. Es ist, als würdest du eine Kerze anzünden. Es ist wie „The Unknown“ mit 'ner Kerze an. Ich habe schon versucht, eine andere Art von Musik zu machen, aber sobald ich meinen Mund aufmache, dockt es an „This Silence Kills“ und an „The Unknown“ an, weil meine Stimme so viel Raum einnimmt. Auf dem Album ist jetzt auf jeden Fall viel mehr Wärme. Nicht auf eine verspielte Art wie bei „This Silence Kills“, sondern wirklich warm.
Ich fand interessant, wie deine Stimme auf dem Album klingt. Du bist nicht laut, aber die Stimme fühlt sich sehr weit vorne an, trocken und mit wenig Hall. Sehr unmittelbar.
Ich war noch nie ein Fan von entfremdeten Stimmen. Als mir einer meiner Produzenten zum ersten Mal vorgeschlagen hat, einen bestimmten Effekt für meine Stimme zu benutzen, meinte ich: Ich würde lieber kotzen, als diesen Effekt auf meiner Stimme zu haben! So höre ich mich nicht an. Es bringt nichts, meine Stimme zu doppeln und zu layern und 'nen Chor oder Hall draufzulegen, weil ich mich einfach unwohl fühle. Bei allen Alben habe ich darauf geachtet, dass die Stimme so sehr meiner eigentlichen Stimme entspricht wie möglich.
Ein weiteres charakteristisches Element auf „Kind“ sind Bläser.
Meine Stimme hat für mich viel mehr Ähnlichkeit mit einer Posaune als mit der Stimme einer x-beliebigen Frau. Meine Stimme und Bläser verstehen sich wahnsinnig gut. Dazu steckt hinter jedem Instrument eine Person, die weiß, was sie da macht. Wenn jemand singt, kann ich vergleichen und sagen: Sing das mal so. Sobald jemand Posaune spielt, halte ich meinen Mund und sage gar nichts. Ich habe keine Ahnung, was du da machst, ich weiß nur, ob es sich gut anhört oder nicht. Und das war mein Bedürfnis. Ich wollte nicht mit einem Chor arbeiten, aber auch nicht mit Streichern, zu denen ich nicht wirklich Zugang habe. Wenn ich keine Frau wäre, wäre ich definitiv eine Posaune, glaube ich. Oder eine Bassklarinette oder so. (lächelt)
Auf dem Album gibt es diese Momente, in denen du aus dem Englischen in andere Sprachen wechselst. In welchen Momenten passiert das und warum?
Ich spreche sehr bewusst so, wie ich spreche. Und ich schreibe auch sehr bewusst so, wie ich schreibe. Allerdings denke ich über den Sprachwechsel, wenn ich spreche, überhaupt nicht nach. Ich bin dreisprachig aufgewachsen und wir sprechen manchmal drei Sprachen in einem Satz, es gab immer Portugiesisch-Deutsch-Englisch. Man muss sich konzentrieren, um durchgehend eine Sprache zu sprechen. Mit meinen Freunden denke ich darüber nicht nach. Ich habe gemerkt, dass das anscheinend sehr unsympathisch wirkt. Sobald Fremde dazukommen, werde ich angeguckt wie die arroganteste Person auf der Welt, weil ich es halt einfach nicht merke. Wenn ich schreibe, ist es aber immer auf Englisch, weil ich auf Englisch denke und träume und mich im Englischen am besten ausdrücken kann.
Warum springst du dann gerade bei „Lullaby“ ins Deutsche?
Weil's sich mit „Lullaby“ reimt, das ist doch so schön! „Schlaf ein“ ist doch das Allerschönste, was man zu jemandem sagen kann! Ich habe manchmal das Gefühl, diese Momente zu haben, in denen mein Gehirn aussetzt und dann kommt eine Idee. Dann frage ich mich nicht warum, sondern bin einfach dankbar für die Idee.
Was erwartest du als Musikkonsument vom ersten und letzten Song auf einem Album?
Für mich persönlich ist diese Klammer wahnsinnig wichtig, die der erste und letzte Song bilden. Das ist wie die Möglichkeit, sich vorzustellen und sich zu verabschieden. Egal wie scheiße du dich auf der Party verhalten hast – wenn du dich dezent vorgestellt hast und am Ende tschüss sagst, hast du gewonnen. Auch wenn du das Klo kaputtgemacht hast oder irgendwo hingekotzt hast oder mit der Frau des Gastgebers geschlafen hast. Völlig egal! (lacht)