Felipe Fraga verbrachte unzählige Teststunden mit dem Team AF Corse.
© Julian Kroehl / Red Bull Content Pool
DTM

DTM Lausatzring 2022: Felipe Fraga ist bereit für den nächsten Coup

Es war 2012, als der brasilianische Junioren-Pilot ein DTM-Rennen am österreichischen Red Bull-Ring besuchte - und davon träumte, selbst teilzunehmen. Heute gehört er zu den Favoriten.
Autor: Gerhard Kuntschik
6 min readveröffentlicht am
Felipe Fraga träumte schon als Kind davon, Rennen in einem DTM-Wagen zu fahren. Heute sitzt er im Ferrari 488 GT3 Evo und fährt für das Team Red Bull AF Corse, während er sich bei seinem Debüt-Wochenende in Portimão (Portugal) durchaus als Anwärter auf die Weltmeisterschaft herausgestellt hat.
Für das Rennen eins qualifizierte er sich als Vierter, doch schied er nach einer Kollision nach einer Safety-Car-Phase aus.
Um einiges glücklicher verlief das zweite Rennen, in dem sich der 26-Jährige seine ersten Weltmeisterschaftspunkte holte, nachdem er die Qualifikation als Dritter abschloss, im Rennen Platz zwei hinter dem Swiss Audi-Piloten Nico Müller absicherte und sich daneben auch noch die schnellste Rennrunde unter die Nägel riss.
"Dieses Rennen war unterhaltsam. Ich hatte einen guten Fight mit Mirko und gab alles, um Nico noch einzuholen, aber er war einfach etwas schneller. Nach dieser guten ersten Runde glaube ich, dass uns eine gute Saison bevorsteht."
Das kommende Wochenende bestreitet Fraga gemeinsam mit seinem regulären Teamkollegen, dem Super GT- und Super Formula-Champion Nick Cassidy, der sein Saison-Debüt gibt, nachdem er beim ePrix in Monaco seine Pflichten erfüllt hat. Vertreten wurde er beim letzten Mal von Sébastien Loeb. Fraga und Cassidy werden sich voll und ganz auf starke Ergebnisse fokussieren, um am 21/22. Mai auf dem Lausatzring in Dresden dort anzuschließen, wo das Team in Runde eins aufgehört hat.
Sébastien Loeb ist eine Legende und ich bin von seinem Erfolg mächtig beeindruckt. Es war toll einen solchen Helden als Teamkollegen zu haben.
Wie aber ist es Fraga gelungen, sich einen Platz in der DTM zu sichern? "Meine Verbindungen zu Red Bull gehen bis 2011 zurück, als ich ein Kart-Rennen in Brasilien bestritten habe."
"Meinen ersten Vertrag bekam ich 2012, während ich in der Formel-Serie in Europa fuhr. Ich machte einige physische Tests im Trainingszentrum von Red Bull in Thalgau in der Nähe von Salzburg und kurz danach luden sie mich ein, ein DTM-Rennen auf dem Red Bull Ring anzusehen. Ich war glücklich darüber, da das bedeutete, dass ich Augusto Farfus sehen würde - meinen Helden zu dieser Zeit", erklärt Fraga.
"Ab diesem Zeitpunkt bestand mein Ziel aber darin, es in die Formel 1 zu schaffen."
Der wunderbare 488 GT3 Evo ist der erste Ferrari, mit dem Felipe Fraga Rennen bestritt.
Felipe Fraga hinter dem Lenkrad seines Ferrari 488 GT3 Evo.
Eine Dekade später fährt er selbst in der DTM: "Ich bin seit 10 Jahren Teil der Red Bull-Familie, aber das ist das erste Mal, dass ich ein Auto mit Red Bull-Branding fahre. Davor hatte ich meinen Helm und meine Flasche und all die persönlichen Gegenstände, aber ich hatte nie die Chance, ein RB-Auto zu steuern. Jetzt geht mein Traum endlich in Erfüllung und ich bin wirklich glücklich darüber."
Fragas Karriere hat ihn um die gesamte Welt geführt, wo er in den unterschiedlichsten Serien performt hat: "Ich bin Stock-Cars in Brasilien gefahren, in der IMSA, und in der WEC, wo ich die Klasse beim 24 Stunden-Rennen in Daytona gewonnen habe." Das war aber nicht der einzige Sieg, den er einfahren konnte.
"Die Möglichkeit in der DTM ergab sich Ende 2021. Ich weiß, dass jeder eine Menge Erwartungen hat und ich schließe mich diesen an: Ich bin hier, um zu gewinnen. AF Corse ist ein Team, das Siege einfährt. Im letzten Jahr haben sie die Team-Wertung gewonnen und bis zum letzten Rennen um die Fahrer-Weltmeisterschaft kämpfen können. Ich möchte dieses Momentum aufrecht erhalten. Wir haben eine Menge getestet und ich habe mich so gut vorbereitet, wie noch nie zuvor", gibt Fraga zu.
Nick Cassidy übernimmt den Ferrari 488 GT3 im AlphaTauri-Style von Sébastien Loeb.
Nick Cassidy übernimmt von Sébastien Loeb
Über die Herausforderungen, die vor ihm stehen, macht er sich keine Illusionen: "Wir werden stark sein, aber das gesamte Feld zeigt außergewöhnliche Leistungen. Jede Woche, wenn sie neue Fahrer ankündigen, beeindruckt mich das, da die Konkurrenz immer stärker wird. Insgesamt gibt es 15 Piloten, die in der DTM Rennen gewinnen können. Am Ende geht es also vorrangig darum, konstant Punkte zu machen. Es wird eine harte Saison."
Fraga war bis zum letzten Jahr Mercedes-Pilot, zunächst mit einem Custom-Team und dann als Factory-Fahrer. "Ich bin noch nie mit einem Ferrari gefahren", erzählt er weiter. "Ich habe daneben die Freiheit, auch in anderen Serien zu fahren, also kann ich nach wie vor mein IMSA-Programm mit Riley abspulen und das prestigeträchtige 24-Stundenrennen von Le Mans mit Sam Bird und Shane van Gisbergen fahren. Meine Priorität liegt aber natürlich in der DTM."
Seine Vorbereitung stimmte er deswegen ganz auf die DTM ab: "Ich bin Tausende Kilometer im Red Bull Ferrari in Hockenheim, Spa, Portimão und auf dem Red Bull Ring gefahren. Das hat mir dabei geholfen, mich an das Auto und an das Team zu gewöhnen. Als ich Endurance-Racing machte, teilte ich das Auto immer mit anderen Fahrer, aber jetzt bin ich auf mich alleine gestellt und derjenige, der letztverantwortlich ist."
Fraga kennt den Großteil der Tracks dieses Jahres, der Lausitzring und der Norisring gehören jedoch zu jenen, die neu für ihn sind. Daneben ist er gerade auf der Suche nach einer neuen Heimat. „Ich lebe in Austin, Texas; in der Nähe meines amerikanischen Teams. Aber nachdem ich von Mai bis Oktober in Europa bin, suche ich dort nach einer geeigneten Bleibe.“
„Ich weiß bis jetzt noch nicht, wo ich hinziehen werden. Salzburg steht gerade hoch im Kurs, da ich dort nahe am Trainingszentrum sein könnte und alle Renn-Locations von dort aus in Reichweite. Außerdem mag ich das Wetter dort im Sommer.“
„Vielleicht ziehe ich aber auch nach Portugal, ein Land, das auch zu meinen Favoriten gehört. Ich muss mich mit meiner Verlobten absprechen, da wir am Ende des Jahres unsere Hochzeit feiern.“
Fraga war genauso überrascht, wie alle anderen, als er erfuhr, dass sein Teamkollege in Portimão der neunfache Rallye-Weltmeister Loeb sein würde. „Als die Bestätigung kam, riefen mich alle meine Freunde an und fragten nach einem Bild mit ihm. In Brasilien ist er ungeheuer beliebt.“
„Ich weiß, dass er eine Legende ist und ich bin von seinem Erfolg ungemein beeindruckt. Es war wirklich nett, einen Helden dieser Größenordnung als Teamkollegen zu haben. Zu Beginn war er relativ ruhig, aber dann fasste er Selbstvertrauen und wir tauschten Meinungen und Erfahrungen aus. Es fühlte sich seltsam an, einem neunmaligen Weltmeister einen Rat zu geben!“
Seinen regulären Teamkollegen kennte Fraga weit besser: „Ich bin schon in anderen Serien auf Nick Cassidy getroffen und dann haben wir die ersten Tests gemeinsam bestritten. Wir können eindeutig voneinander lernen. Auch mit den Leuten von AF Corse kann man hervorragend zusammenarbeiten; sie sind in vielen Belangen eine große Hilfe.“
Fragt man ihn nach Vorbildern, dann gibt es einige Namen, die Fraga einfallen: „Natürlich gehört Ayrton Senna zu meinen Helden, aber ich finde auch das, was Fernando Alonso macht, großartig. Er ist so anpassungsfähig. Egal, ob er in der F1, in Endurance oder in der Indycar-Serie unterwegs ist, seine Performances sind schlicht herausragend.“
Und das ist genau das, was Fraga in der DTM sein möchte.