Snowboarden
Rhem und Ruby: Was heißt schon „steil“?
Mit ihren hochriskanten Erstabfahrten in Chamonix gelang Rhem und Ruby ein Meisterstück.
In unserer neuen Serie „Steep“ präsentieren wir krasse Ski- und Snowboard-Abfahrten, die eigentlich als unmöglich gelten – und die unglaublich talentierten Individuen, die sie trotzdem in Angriff nehmen.
Aber Vorsicht! Auf jeder hier vorgestellten Line kann schon der kleinste Fehler fatale Folgen haben. Nicht nachmachen!
Tief im Herzen der Franzosen steckt eine Leidenschaft für hohe Berge. Der Wunsch, das Unbezwingbare zu bezwingen, wurde geboren aus dem Bedürfnis, die nadelförmigen Gipfel zu vermessen, die die östliche Grenze des Landes flankieren. Auf königlichen Erlass hin waren die Franzosen die ersten echten Bergsteiger: Karl VII. befahl seinem Kammerherrn, den Mont Aiguille zu erklettern – und zwar im Jahr 1356.
Tief im Herzen der französischen Alpen befindet sich das Mont-Blanc-Massiv, jene majestätische Gebirgsgruppe, die oberhalb der Bergstadt Chamonix emporragt. Der Mont Blanc wurde im Jahr 1786 von Jacques Balmat und Michel Paccard erstmals bezwungen und gilt heute als spirituelle Heimat der Alpinisten. Jedes Jahr erreichen etwa 20.000 Bergsteiger den Gipfel, und jedes Jahr fordert der „Weiße Killer“ etliche Leben – mehr als jeder andere Berg, inklusive des Mount Everests.
Tief im Herzen der Mont-Blanc-Folklore haben die Guides ihren Platz - der älteste und größte Bergführerverband der Welt, eine 240 Mann starke Elitetruppe, die den Berg besser kennt als jeder sonst. Ohne ihre Kompetenz und ihren Mut wäre die jährliche Opferzahl deutlich höher.
Damit sind wir beim Setting für eine der größten Snowboard-Leistungen überhaupt: der ersten (und einzigen) Abfahrt von der Triolet-Nordwand – vermutlich die krasseste Abfahrt der Welt.
Wir befinden uns im Jahr 1995. Damals gab es mit Jerome Ruby und Dedé Rhem zwei Chamonix-Guides der etwas anderen Art. Sie waren Snowboarder, nicht Skifahrer, und sie hatten eine Mission: Sie wollten Bergwände hinunterfahren, die zuvor lediglich hocherfahrene Eiskletterer bezwungen hatten.
In Begleitung des Fotografen Philippe Fragnol verbrachten Rhem und Ruby den Sommer zunächst mit Klettern. Anschließend wagten sie sich – ausgestattet mit einem Eispickel – an eine Reihe unglaublich steiler Abfahrten, und der Höhepunkt war der 60-Grad-Wahnsinn des Triolets höchstpersönlich.
War die Abfahrt smooth und stylisch? Nicht wirklich: Die Schneedecke war krustig und heimtückisch. Haben sie die Grenzen der Sportart erweitert? Definitiv. Und waren die Fotos überwältigend? Absolut.
Waren Rhem und Ruby verrückt? Naja, für manche vielleicht schon. Aber letzten Endes waren die Bergführer, die im Schatten der Aiguille du Midi aufgewachsen sind, einfach nur zwei Männer, die einen Traum verfolgen, den viele von uns teilen, aber nur wenige jemals verwirklichen können. Die Risiken waren ihnen bewusst. Ihnen war klar, dass der kleinste Fehler zum Sturz in den Abgrund führen kann – Rhem sollte einige Jahre später durch eine Lawine ums Leben kommen -, aber es war ihr Beruf, ihre Leidenschaft. Sie haben es getan, weil es getan werden musste. Sie wurden dafür geboren.
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