Max Verstappen von Oracle Red Bull Racing beim Großen Preis von Kanada 2022.
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F1

Max Verstappen setzt seine Siegesserie in Kanada souverän fort

Nach einem spannenden Fight auf der Rennstrecke von Montreal hatte der amtierende Weltmeister genug Reserven, um für den 6. Sieg in Folge von Oracle Red Bull Racing zu sorgen.
Autor: Matthew Clayton
8 min readveröffentlicht am
Max Verstappen hat wieder zugeschlagen! Um eine Analogie aus dem Fußball zu verwenden, stand der Niederländer bei der Formel 1 am Sonntag mit dem Ball vor dem leeren Tor. Da sowohl sein Teamkollege Sergio Pérez als auch sein direkter Titelrivale Charles Leclerc (Ferrari) außer Gefecht gesetzt waren, stand die Tür zu einem nächsten Triumph weit offen -- und der aktuell schnellste F1-Pilot lässt sich so eine Gelegenheit natürlich nicht entgehen. Verstappen feierte damit seinen 6. Sieg beim 9. Rennen und seinen ersten beim Grand Prix von Kanada, der wieder in den F1-Kalender zurückkehrte.
Leclerc musste nach einem Penalty ganz hinten Aufstellung nehmen, während Pérez nach einem Crash im Qualifying ebenfalls nur auf Startplatz 13 stand. Bei strahlendem Sonnenschein war das Ziel für Verstappen nach dem Qualifying also so klar wie der Himmel von Montreal: Die Pole Position sollte in seinen 26. F1-Sieg umgewandelt werden und im Kampf um den Titel hoffte er darauf, dass besonders Leclerc von ganz hinten nur begrenzt vorankommen würde.
Gesagt, getan: Der amtierende Weltmeister lag nach Blitzstart von Beginn an in Führung und dann, wie so oft beim Grand Prix von Kanada, ein Zwischenfall: Eine Safety Car-Phase, ausgelöst durch einen Crash des Scuderia AlphaTauri-Piloten Yuki Tsunoda, sorgte für eine Rennunterbrechung. Aus dem 70-Runden-Marathon wurde ein 15-Runden-Sprint bis ins Ziel, bei dem Verstappen einmal mehr die Oberhand behielt, wobei Ferrari-Rivale Carlos Sainz mit sechs Runden jüngeren Reifen am Ende bedrohlich nahe kam.
Max Verstappen von Oracle Red Bull Racing beim Grand Prix von Kanada, am 19. Juni 2022.
Sainz mit Druck von hinten, aber Verstappen blieb cool
Der Druck von hinten wurde immer stärker, aber Max behielt einen kühlen Kopf und konnte Sainz Runde für Runde abwehren. Als das Führungs-Duo die Gegengerade zur letzten Schikane hinunterdonnerte, schloss der Spanier zum Heck des RB18 auf und Verstappen durfte sich nicht den kleinsten Fehler leisten. Im Ziel betrug der Vorsprung auf Sainz schließlich nur 0,993 Sekunden, aber das reichte für den 6. Red Bull-Sieg in Folge -- übrigens die längste Siegesserie des Teams seit 9 Jahren.
Sainz wurde zum fünften Mal in seiner Karriere Zweiter und stand somit erneut kurz vor seinem ersten F1-Sieg. Als Dritter auf dem Podium durfte der wiedererstarkte Lewis Hamilton mit seiner Leistung zufrieden sein -- und das auf der Strecke, auf der er 2007 zum ersten Mal gewinnen konnte.
Leclerc, der aus der letzten Reihe gestartet war, wurde am Ende Fünfter, während ein unglücklicher Ausfall von Pérez dafür sorgte, dass Verstappen seine Führung in der Gesamtwertung auf satte 46 Punkte ausbauen konnte -- und das bei noch 12 ausstehenden Rennen von insgesamt 21.
Nach dreijähriger Abwesenheit freute man sich am Sonntag natürlich auf die Rückkehr der Formel 1 nach Kanada. Hier die wichtigsten Momente:

Kein Radio, keine Sorgen für Max

Was Max an diesem Tag besonders auszeichnete war seine Gelassenheit über die gesamten 70 Runden. Und das obwohl der Rennverlauf auf der Rennstrecke am St. Lawrence River alles andere gleichmäßig war, dank mehrerer Unterbrechungen durch das Safety Car.
Nach nassem Qualifying am Samstag und einer eher ungewöhnlichen Startreihenfolge, startete Verstappen von seiner 2. Pole des Jahres. Er dominierte die Anfangsphase des Rennens und lag in Runde 24 bereits 9 Sekunden in Front. Alles schien nach Plan zu laufen und sowohl Sainz als auch der Rest des Feldes waren chancenlos. Spät im Rennen schnellte der Puls an der Red Bull-Boxenmauer dann aber doch noch einmal in die Höhe, als ein Funkproblem in der Schlussphase die Kommunikation zwischen Fahrer und Team störte. Aber Verstappen blieb cool, denn er wusste, dass Sainz ihn nicht überholen konnte, solange er keinen Fehler machte, also fuhr er fehlerfrei.
"Das Safety Car hat nicht geholfen", grinste Verstappen nach dem Rennen.
"Ferrari war sehr schnell... am Ende war es wirklich spannend und ich habe alles gegeben, was ich hatte. Carlos hat das Gleiche getan. Es ist nicht leicht hier dranzubleiben, aber ich habe gespürt, dass er pusht und voll auf Attacke fährt. Die letzten Runden haben echt Spaß gemacht."
"Zum Glück sind wir dieses Jahr auf den Straights ziemlich schnell, das hilft natürlich. Ich wäre lieber in der Angreifer-Position gewesen, als zu verteidigen, aber am Ende hat es geklappt."
Max Verstappen von Oracle Red Bull Racing beim Grand Prix von Kanada, am 19. Juni 2022.
Egal was kam, Verstappen hatte die Antwort in Montreal
Für Red Bull war es der dritte Sieg in Kanada, nachdem Sebastian Vettel 2013 und Daniel Ricciardo ein Jahr später hier zum ersten Mal erfolgreich waren. Verstappen feierte dagegen seinen unglaublichen 26. Triumph in der Formel 1, womit er den dreifachen Weltmeister Niki Lauda und den zweifachen Weltmeister Jim Clark in der ewigen Bestenliste der F1 überholte und nun auf Platz 9 liegt.
Der Teamchef von Oracle Red Bull Racing, Christian Horner, hatte nach dem Rennen, wie sein Schützling, ein breites Grinsen im Gesicht, gab aber zu, dass er durchaus ins Schwitzen kam.
"Die letzten 10 Runden waren alles andere als gemütlich. Ferrari attackierte über die Curbs und ließ nicht locker, aber wir leisteten uns keinen einzigen Fehler", meinte Horner.
"Wir verloren die Kommunikation mit dem Auto, es funktionierte nur in eine Richtung -- er konnte uns hören, aber wir ihn nicht. Ich schätze, er brauchte uns nicht allzu dringend."
"Wir haben eine unglaubliche Performance gezeigt! Max ist in der Form seines Lebens und das gesamte Team macht einen perfekten Job."
Mit dem Sieg kommt Red Bull in der Konstrukteurswertung nun auf 304 Zähler und liegt damit 76 Punkte vor Ferrari.

Der Kanada-Fluch von Checo hält an

Trotz Verstappens Erfolg gab es bei Red Bull in Kanada auch Sorgenfalten, denn Pérez schied bereits früh aus.
Der Mexikaner reiste eigentlich voller Selbstvertrauen nach Montreal, immerhin war er in den vergangenen sieben Rennen jedes Mal unter den Top 4 und stand in den letzten sechs Grands Prix sogar immer auf dem Podest. Aber Kanada und Pérez haben noch nie gut zusammengepasst: Nur drei Mal in den Punkten bei acht Rennen -- ein krasser Kontrast zu seiner starken Bilanz in dieser Saison.
Sergio Pérez von Oracle Red Bull Racing beim Grand Prix von Kanada, am 19. Juni 2022.
Pérez musste sein Rennen leider frühzeitig beenden
Und diese Geschichte sollte in ein neues Kapitel gehen! Bereits in Q2 am Samstag rutschte Pérez in Kurve 3 mit der Nase voran von der Strecke und in die Leitschiene. Startplatz 13 bedeutete seine schlechteste Ausgangsposition seit 18 Rennen. Die Hoffnungen für das Rennen waren dann natürlich umso größer, auch deswegen, weil er vorhatte, einen langen ersten Stint mit den harten Reifen zu fahren und damit seine Konkurrenten beim Boxenstopp abzufangen. Ein Getriebeschaden verhinderte jedoch sein Vorhaben und so musste er bereits nach 8 Runden von der Strecke transportiert werden.
Die einzige gute Nachricht an diesem Tag für Pérez: Leclerc erhielt für seinen fünften Platz nur 10 Punkte, was bedeutet, dass der Mexikaner den zweiten Platz in der Fahrerwertung hinter Verstappen behaupten kann. Es ist erst das zweite Mal seit dem Grand Prix von Belgien im Jahr 2011, dass die beiden Red Bull-Piloten auf 1-2 liegen.

Schwierige Rückkehr nach Montreal für AlphaTauri

Tsunoda sorgte am Sonntag auf unglückliche Weise für die einzige Schlagzeile für die Scuderia AlphaTauri, als er bei seinem Debüt auf dem Circuit Gilles Villeneuve beim Verlassen der Boxengasse crashte und eine späte Safety Car-Phase auslöste.
Der Japaner fuhr einen langen ersten Stint, nachdem er von ganz hinten neben Leclerc gestartet war und ebenfalls einen Penalty ausbaden musste. Zum dritten Mal in Folge konnte Tsunoda nun nicht punkten, da er einer der drei Piloten war, die die Zielflagge nicht sahen.
Yuki Tsunoda von Scuderia AlphaTauri beim Grand Prix von Kanada, am 19. Juni 2022.
Tsunoda zeigte sich nach seinem späten Renn-Aus frustriert
Auch seine Teamkollegen Pierre Gasly hatte Pech in Kanada. Der Franzose hatte im Qualifying mit Bremsproblemen zu kämpfen und startete nur von Platz 16. Im Rennen begannen die Probleme dann erneut in Runde 4, schließlich reichte es nur für den 14. Platz.

Prominente Namen in unprominenten Positionen

Der zweifache Weltmeister Fernando Alonso war eines der Top-Themen nach dem Qualifying am Samstag. Der erfahrene Mann im Cockpit von Alpine stand auf dem sensationellen 2. Platz in der Startaufstellung und erzielte damit sein bestes Quali-Resultat seit dem Grand Prix von Deutschland vor zehn Jahren -- und das nur einen Monat for seinem 41. Geburtstag.
Der spanische Superstar aber blieb realistisch und rechnete sich im Kampf gegen Verstappen und Sainz nur wenig Chancen aus. Er überquerte die Ziellinie schließlich als Siebter. Die Frustration wurde jedoch noch größer, als er nach dem Duell mit dem Alfa Romeo von Valtteri Bottas in der vorletzten Runde eine nachträgliche Strafe aufgebrummt bekam und auf den 9. Platz zurückfiel.
Alonsos exzellente Performance im Qualifying machte ihn zum ältesten Fahrer, der aus Reihe 1 startete, seit dem damals 43-jährigen Michael Schumacher beim Grand Prix von China 2012, der ebenfalls von 2 startete. Und weil wir gerade von Schumacher sprechen: Michaels Sohn Mick sah lange Zeit im Rennen so aus, als könnte er seine erste F1-Punkte einfahren, doch der Deutsche schied nach starkem Startplatz 6 in Runde 19 des Rennens leider aus.

It's coming home

Die Formel 1 kehrt für die nächste Runde der Saison 2022 (am 3. Juli) zum Grand Prix von Großbritannien in ihre Heimat zurück -- an den Ort, an dem alles begann: Silverstone. Der Silverstone Circuit war am 13. Mai 1950 Schauplatz des ersten von bisher 1066 Grands Prix.
Was noch lange her ist? Ein Red Bull-Sieg, denn das letzte Mal, als Red Bull hier den Champagner am obersten Treppchen knallen lassen durfte, war beim Sieg von Mark Webber im Jahr 2012.
Vor allem Verstappen wird nach seinem kontroversen Zusammenstoß mit Lewis Hamilton vor einem Jahr auf Wiedergutmachung aus sein. Max hat zwar schon einmal ein F1-Rennen in Silverstone gewonnen, aber das war beim 70-jährigen Jubiläums-Grand Prix, der 2020 im Rahmen des eilig umgestalteten COVID-Kalenders stattfand. Vor einem Jahr entschied er das Sprintrennen für sich und sicherte sich damit seine erste Pole Position beim britischen GP.
Die Bilanz von Pérez ist dagegen etwas bescheidener: Der Mexikaner wurde im vergangenen Jahr 16., nachdem er im Sprint nach einem frühen Dreher ins Hintertreffen geraten war. 2020 verpasste er beide Rennen. Der sechste Platz für Force India 2016 ist sein bisher bestes Resultat bei zehn Starts. Wir dürfen gespannt sein, was er dieses Mal parat hat.