Verstappen startete als letzter - und holte sich überraschend 18 Punkte.
© Getty Images/Red Bull Content Pool
F1

GP in Sotschi: Max Verstappen fährt fulminant vom letzten auf den 2. Platz

Der Star von Red Bull Racing Honda zeigte einige souveräne Überholmanöver und profitierte vom späten Regenschauer, der ihm letztlich das Podium in Russland einbrachte.
Autor: Matthew Clayton
7 min readveröffentlicht am
Augen zu und durch und dann an das nächsten Rennen denken - das war das inoffizielle Moto von Red Bull Racing Honda vor dem Großen Preis von Russland in Sotschi. Red Bull Racing hatte dort mit dem zweiten Platz von Max Verstappen im letzten Jahr erst eine Podiumsplatzierung auf dem Konto, während die Strecke vor allem als Mercedes-Terrain galt.
Mercedes fuhr auf dem Sochi Autodrom seit dessen Debüt im Rennkalender im Jahr 2014 in allen sieben bisher ausgetragenen Rennen den Sieg ein. Sollte es Verstappen also gelingen, den Schaden zu minimieren, dann ginge der Kampf auf den kommenden Strecken, die sowohl ihm als Fahrer als auch dem Auto eher liegen, weiter.
An der Siegsträhne der Silberpfeile in Russland änderte auch dieser Sonntag nichts. Lewis Hamilton stellte mit seinem 100. Grand Prix-Sieg einen neuen Rekord ein. Daneben gelang es Verstappen aber den zweiten Platz abzusichern, womit er das Maximum an Schadensbegrenzung herausholte - und die WM damit weiterhin spannend hält.
Max Verstappen von Red Bull Racing Honda beim Großen Preis von Russland 2021.
Verstappens später Angriff im Nassen brachte ihm das Podium ein.
Nachdem Verstappen bisher alle Rennen von einem Startplatz unter den Top-3 aus bestritt, ging er es dieses Mal vom Ende des Feldes weg an, nachdem Red Bull Racing die taktische Entscheidung traf, die vierte Power-Unit einzusetzen. Daneben musste er seine 3-Platz-Strafe absitzen, die er sich nach dem Crash mit Lewis Hamilton in Monza eingefahren hatte. Strategisch setzt Max auf den härtesten Reifensatz von Pirelli. Sein Plan: Sauber durch die Starphase zu kommen und auf seine Chance zu warten. und diese kam in den letzten fünf Runden, als die Wolkendecke in Sotschi immer dichter wurde und der Regen einsetzte.
Was mit einem leichten Nieselregen startete, entwickelte sich schnell zur späten Wasserschlacht. Lando Norris (McLaren) führte bis dahin das Rennen an. Er entschied sich dafür, draußen zu bleiben und nicht auf die Intermediates zu wechseln, während Hamilton und der Rest des Feldes unmittelbar in die Box fuhren. Norris konnte seinen Wagen aber kaum mehr auf der Strecke halten, womit Hamilton leichtes Spiel hatte und seinen ersten Sieg seit seinem Triumph beim Großen Preis von Großbritannien holte - die Führung in der Gesamtwertung inklusive.
Auch Verstappen wollte zunächst auf den Slicks bleiben, entschied sich in Absprache mit dem Team vier Runden vor Schluss dann aber doch für die Regenreifen. Während die anderen auf den Trockenreifen herumrutschten, arbeitete sich der Red Bull-Pilot an einem nach dem anderen vorbei, um mit 53,2 Sekunden Rückstand Platz zwei einzufahren und sich wertvolle 18 Punkte zu sichern - und das an einem Tag, an dem jeder Punkt als Bonus gewertet worden wäre.
Norris fiel auf den siebten Platz zurück, während Carlos Sainz (Ferrari), der in den ersten zwölf Runden führte, nachdem er Norris beim Start überholt hatte, das Podium abrundete.

Ein zweiter Platz, der sich wie ein Sieg anfühlt

Max Verstappen stand die Erleichterung nach dem Rennen ins Gesicht geschrieben. Nachdem Hamilton im Qualifying gepatzt hatte und nur von Platz vier weg ins Rennen ging, wusste Verstappen, dass er eine Chance hatte, im Endergebnis irgendwo in die Nähe von seinem Titelrivalen zu kommen, an Platz zwei wagten aber weder Verstappen noch Teamchef Christian Horner zu denken.
Hamilton holte sich die Führung in der Weltmeisterschaft zurück und liegt nun mit zwei Punkten Vorsprung vorne, doch in Horners Augen war dieser zweite Platz ein Sieg auf ganzer Linie.
"Von Platz 20 auf P2 vorzufahren - hätte uns das vor dem Rennen jemand angeboten, wir hätten sofort zugegriffen", meinte Horner nach dem Rennen. "Für uns fühlt sich der heutige Tag wie ein Sieg an. Wir wussten, dass die Top-5 im Bereich des Möglichen lagen, aber mit einem Podium davonzukommen, ist unglaublich wertvoll für den Titelkampf."
"Wir wussten, dass Mercedes in den letzten beiden Locations stark sein wird. Gratulation an Lewis für seinen 100 Rennsieg, aber für uns stehen die Zeichen gut, nachdem wir nun mit nur zwei Punkten Rückstand von hier abreisen und den Engine-Penalty hinter uns haben."
Max Verstappen von Red Bull Racing Honda beim Großen Preis von Russland 2021.
Verstappen startete als letzter - und holte sich überraschend 18 Punkte.
Verstappens 11. Podiumsplatzierung in dieser Saison war, wie er es formuliert, eine angenehme Überraschung: "Mit dem Penalty nur einen Platz auf Hamilton zu verlieren ist tatsächlich nicht schlecht. Als ich heute aufwachte, hätte ich mir ein solches Resultat definitiv nicht erwartet. Wir haben uns im perfekten Moment dafür entschieden, an die Box zu gehen. Hätten wir eine Runde vorher auf den Inter gewechselt, hätten wir ihn uns im letzten Sektor definitiv abgefahren."
"Wenn du von hinten kommst, kann in der ersten Runde und selbst noch im ersten Stint eine Menge passieren, während die anderen Autos vor dir ihre Kämpfe austragen...am besten hältst du dich da raus. Das haben wir gut hinbekommen. Und die optimal getimte Entscheidung, auf die Intermediates zu wechseln, ist voll aufgegangen."

Checo, vom Regen abgefangen

Während die eine Seite der Garage von Red Bull Racing Honda die richtigen Schlüsse aus dem Wetterbericht zog, ging die andere Seite auf Risiko und musste den Preis bezahlen, nachdem Sergio Pérez das Rennen nur auf Platz neun beendete. Mit dem Regen verlor der Mexikaner eine potenzielle Podiumsplatzierung.
Wie einige Rivalen unter den Top-10, die nichts zu verlieren hatten, entschied sich auch Pérez dafür, im Regen draußen zu bleiben. Ganz falsch lagen sie damit nicht, waren doch Teile der Strecke zu diesem Zeitpunkt noch knochentrocken. Dennoch wurde der Niederschlag anschließend immer stärker und Checo beendete das Rennen an jenem Platz, für den er sich 24 Stunden zuvor qualifiziert hatte. Die eingefahrenen zwei Punkte sorgen jedoch dafür, dass er seinen fünften Platz in der Fahrerwertung absichert.
Sergio Pérez von Red Bull Racing Honda beim Großen Preis von Russland 2021.
Pérez fuhr auch in Sotschi wertvolle Punkte ein.
"Chreco dachte, er würde es schaffen und das war die falsche Entscheidung, aber alles war zu diesem Zeitpunkt möglich", analysierte Horner das Rennen von Pérez. "Max profitierte massiv und Checo hat signifikant verloren. Für Max ist die Schadensbegrenzung fantastisch, in der Konstrukteurs-Wertung haben wir aber an Boden verloren. Sergio war dabei nicht allein - es waren einige Fahrer dabei, die versuchten, bis zum Ziel auf den Slicks zu bleiben."
Mit Hamiltons Sieg und dem fünften Platz von Valtteri Bottas sicherte sich Mercedes in Sotschi insgesamt 35 Punkte. Auch Bottas wechselte die Power-Unit, musste deshalb von hinten ins Rennen gehen und spielte im gesamten Rennen keine Rolle, bis der Regen einsetzte. Neben Verstappen traf er auch die richtigen Entscheidungen und profitierte. Damit liegen die Bullen in der Konstrukteurswertung nun 33 Punkte hinter den Silberpfeilen.

Kein gutes Rennen für AlphaTauri

Es war der 300. Rennstart für Scuderia AlphaTauri in Russland, dennoch gab es nach dem Regen-Qualifying und dem Rennen für Pierre Gasly nichts zum Feiern.
Der Franzose ließ seinen gesamten Frust am Halo aus, nachdem das Qualifying schief gelaufen war. Er ging von Platz 11 aus ins Rennen und preschte mit einem Marathon-Stint auf dem weißen Reifen auf den 10. Platz vor. Im späten Rennchaos fiel er aber ab und kam mit Lance Stroll (Aston Martin) in Kurve 9 zusammen. Am Ende blieb nur P13 übrig.
Pierre Gasly von Scuderia AlphaTauri beim Großen Preis von Russland 2021.
Ein frustrierter Gasly nach einem punktelosen Wochenende.
Teamkollege Yuki Tsunoda, der in Russland in der Formel 2 zwölf Monate auf dem Podium landete, zeigte sein bestes Qualifying der letzten sechs Rennen und startet von Platz 13 aus. In der Startrunde fiel er aber bereits zurück, womit am Ende nur Platz 17 übrig blieb.

Norris frustriert nach seinem Fast-Sieg

Lando Norris so nah dran an seinem ersten Rennsieg. Das ganze Wochenende über zeigte er eine starke Performance, bis der Regen kam und von einem Fahrer gejagt wurde, der 99 Rennsiege mehr auf dem Konto hatte.
Im Anschluss meinte der 21-Jährige, dass auch er selbst daran Schuld ist, dass ihm der erste Rennsieg durch die Finger geglitten ist: "Tatsächlich war es so, dass das Team eher meinte, ich sollte an die Box, und ich habe mich entschieden, auf den Slicks zu bleiben. Also war es meine Schuld. Ich dachte, es wäre die richtige Entscheidung. Am Ende stellte sie sich als falsch heraus."
Norris führte 30 der 53 gefahrenen Runden an, holte sich die schnellste Rennrunde und wurde von den Fans zum Fahrer des Tages gewählt, doch war das für Norris kein Ersatz für die Chance, die er gerade verpasst hatte.

Die Hoffnung auf einen neuen Höhenflug in der Türkei

Am 10. Oktober geht es beim Großen Preis der Türkei weiter, wo die Fahrer eine neue Chance bekommen, das Beste aus ihren Maschinen herauszuholen. Im letzten Jahr sorgten das kalte Wetter und die schlechten Bedingungen für eine wahre Rutschpartie, die Hamilton am Ende für sich entschied. Pérez holte sich dort mit Racing Point den zweiten Platz, während Verstappen auf Platz sechs landete. Der Fight um die Weltmeisterschaft bleibt damit weiter spannend.