Taddy Blazusiak races during the Red Bull Hare Scramble 2019 in Eisenerz, Austria on June 2, 2019.
© Philip Platzer/Red Bull Content Pool
Motorbike Enduro

Alles was du über die Hard Enduro-Weltmeisterschaft wissen musst

Von den speziellen Enduro-Motorrädern, bis hin zu den heißesten Anwärtern auf den Titel - wir haben den ultimativen Guide für die härteste Motorsport-WM auf zwei Rädern.
Autor: David Rawlings
10 min readveröffentlicht am
Die Hard Enduro World Championship ist, wie der Name schon sagt, hart -- und zwar wirklich hart! Bei Hard Enduro handelt es sich nämlich um eine der brutalsten Ausdauersportarten der Welt, bei der Mensch und Maschine sich in einer Reihe von verschiedenen Events -- von mehrtägigen Rallyes bis hin zu packenden Sprintrennen -- dem wohl gnadenlosesten Gelände der Welt stellen. Die spannende Rennserie richtet sich jedoch nicht nur an Elitefahrer, anmelden kann sich im Grunde jeder, der ein Offroad-Bike besitzt, aber Achtung: Hard Enduro kennt keine Gnade!
Die Weltmeisterschaft steckt immer noch in den Kinderschuhen und wurde erst 2018 ins Leben gerufen. Es sei dir also verziehen, wenn du nicht weißt, worum es bei der Hard Enduro World Championship wirklich geht. Genau deswegen haben wir einen ausführlichen Guide zusammengestellt, der alles abdeckt, was du unbedingt wissen musst.

Die WM

Billy Bolt beim GetzenRodeo in Grießbach, Deutschland, am 30. Oktober 2021.
Der Start ist bei Hard Enduro meist hektisch
Die Hard Enduro-WM wurde 2018 erstmals als World Enduro Super Series (WESS) veranstaltet. Das Ziel war es, die umfassendste und wahrhaftigste Enduro-Serie zu schaffen, die es bisher gab. Die erste Saison vereinte alle Enduro-Disziplinen, einschließlich Hard Enduro, Classic Enduro, Cross-Country und Beach Racing. Die Rennserie war ein sofortiger Erfolg, wobei der britische Fahrer Billy Bolt nach einem knallharten Fight über acht Rennen den Titel holte.
2019 kehrte die Serie in einem ähnlichen Format dann zurück und wurde vom Deutschen Manuel "Mani" Lettenbichler dominiert. Nach Ende der Saison wollte WESS Promotions (die Organisatoren der Rennserie) die Championship dann noch etwas verfeinern. Sie erkannten, dass das Rückgrat der Serie Hard Enduro war, denn die Disziplin kam nicht nur bei den Teilnehmern sondern auch bei den Fans am besten an. Und so wurde die Hard Enduro-Weltmeisterschaft mit der freundlichen Genehmigung der FIM ins Leben gerufen.
Die Saison 2020 wurde wegen der Pandemie leider abgesagt, aber trotz der anhaltenden Einschränkungen fand 2021 dann die erste Hard Enduro-WM statt. In acht Runden lieferten sich Lettenbichler und Bolt einen kompromisslosen Kampf um den Titel. Das letzte Rennen gewann der Deutsche, aber Bolt hatte in der Gesamtwertung immer noch die Nase vorne und wurde schließlich verdient zum ersten FIM Hard Enduro-Weltmeister gekrönt.
In der Saison 2022 werden erneut acht Runden auf drei Kontinenten und in acht unterschiedlichen Ländern gefahren. Zwei Rennen (in Israel und Serbien) liegen bereits hinter uns. Als Nächstes steht das heiß ersehnte Juwel der Serie am Programm -- das Red Bull Erzberg Rodeo -- das wohl berühmteste Enduro-Rennen der Welt (mehr dazu später). Bolt und Graham Jarvis liegen derzeit mit jeweils 30 Punkten ex aequo an der Spitze, aber Lettenbichler ist nach seinem Sieg in Serbien auf der Jagd nach ihnen. Das Rennen am Erzberg ist also ein absolutes Must-Watch!
Das vielleicht aufregendste Merkmal an der Serie ist, dass sie für jedermann offen ist: Profis und Amateure treten bei den Hauptevents Seite an Seite gegeneinander an. Martin Kettner, Medienbeauftragter vom Erzberg-Rodeo, erklärt, wie sie das alles unter einen Hut bringen: "Wir haben ein Limit von 1.500 Personen. An den ersten beiden Tagen gibt es den sogenannten Prolog, bei dem man sich für das Hauptrennen am Sonntag qualifiziert. Dabei handelt es sich im Grunde um ein Vollgasrennen auf einer sehr breiten, aber brutalen Schotterpiste, die auf den höchsten Punkt des Erzberges führt. Die schnellsten 500 Fahrer sind dann qualifiziert für das Hauptrennen."

Die Motorräder

Manuel Lettenbichler bei Enduro OEM in Spielberg, Österreich, am 29. Mai 2022.
Die Motorräder müssen enorm viel aushalten
Wenn es um das richtige Motorrad geht, haben die Fahrer die Qual der Wahl, denn es stehen Hunderte von verschiedenen Offroad-Motorrädern und Herstellern zur Auswahl. Wer für ein Werksteam fährt, hat natürlich einen Vorteil.
Grundsätzlich gibt es verschiedene Arten von Enduro-Rennen und ein Motorrad für jedes Disziplin. Für die Hard Enduro-WM entscheiden sich die meisten Fahrer für ein 300- oder 350-ccm-Zweitaktmotorrad.
Lettenbichler, KTM-Werksfahrer, fährt eine 300EXC TPI, aber natürlich nicht serienmäßig. "Die Motorräder von KTM sind von Haus aus ziemlich gut", erklärt er. "Ich habe trotzdem eine Menge Änderungen am Standardmodell vorgenommen. Es ist alles eine Frage der persönlichen Vorlieben und des Komforts. Mein Motorrad hat einen anderen Motor und eine andere Federung verbaut, und mein Lenker und meine Fußrasten sind speziell positioniert. Jeder Fahrer hat individuelle Präferenzen und das jeweilige Motorrad perfekt auf sich abgestimmt. Mein Fahrwerk habe ich seit drei Jahren nicht mehr angerührt -- ich fahre seitdem mit der gleichen Einstellung."
Paul Bolton, ein äußerst erfahrener Enduro-Rider, der in der Rennserie als Kommentator fungiert, weiß, wie wichtig Motorradschutz ist. "Man will auf keinen Fall gebrochene oder verbogene Bremsscheiben, also muss man sie abdecken. Außerdem gibt es eine Panzerung zum Schutz der Kette und Schutzplatten für den Motor."
Die Amateure können mit jedem beliebigem Motorrad antreten. Kettner erklärt, dass er schon alle Arten von Motorrädern an der Startlinie gesehen hat. "Wir haben zwei verschiedene Kategorien für die Prologrennen am Erzberg: Einzylinder und Zweizylinder (da viele Fahrer nur am Prolog teilnehmen und mit ihren großvolumigen Enduro-Adventure-Bikes fahren). Aber man sieht auch Vierzylinder-Straßenmotorräder mit Offroad-Reifen beim Prolog. Wir haben sogar schon Vespas und Mopeds gesehen! Das geht's in erster Linie natürlich um den Spaß!"

Die Rider

Manuel Lettenbichler am Erzberg, am 15. Mai 2021.
Mani Lettenbichler weiß, was es braucht, um am Erzberg erfolgreich zu sein
Die Teilnehmer bei der Hard Enduro-Weltmeisterschaft müssen absolute Allrounder sein. Ein typischer Hard Enduro-Kurs erfordert eine Kombination aus Trial-, Motocross- und klassischen Enduro-Skills.
Es lässt sich auch nicht leugnen, dass man fit sein muss, was auch der Grund dafür ist, dass viele Fahrer im Fitnessstudio trainieren oder viel Zeit auf dem Fahrrad verbringen. Für Mani Lettenbichler ist die beste Form des Trainings das Radfahren: "Ich wollte im Training öfter am Rad sitzen, also habe ich mein Training vor drei Jahren umgestellt. Bei Hard Enduro muss man verschieden Stile beherrschen, also trainiere ich auf einer Motocross-Strecke, ich fahre Trial und natürlich klassisches und extremes Enduro -- das zusammen macht dich einfach zu einem besseren Allrounder. Außerdem bin ich großer Mountainbike-Fan und ich würde behaupten, dass MTB so etwas wie meine zweite Leidenschaft ist -- und natürlich ist es gut für die Kondition. Im Sommer trainiere ich dann meistens ein bisschen im Fitnessstudio -- ganz ohne Workout geht's einfach nicht!"
Bolton meint außerdem, dass es für einen guten Enduro-Fahrer wichtig ist, das Motorrad zu verstehen: "Man muss mechanisches Verständnis haben und gleichzeitig so ruhig wie möglich fahren können. Du musst wissen, wann das Motorrad leidet und deine Reifen schonen, denn du brauchst viel Grip, um den letzten Anstieg hochzukommen. Wenn dein Reifen hinüber ist, kann das dein gesamtes Rennen ruinieren."
"Aber nicht nur deine Reifen müssen geschont werden, sondern auch dein Körper, um am Ende noch genug Energie zu haben. Ich habe immer gesagt, wenn mein Motorrad zwei Mal an einem Tag den Boden küsst, dann gibt es keine Chance auf ein Podium. Ein kleiner Sturz ist okay, aber man verbrennt so viel Energie, um das Motorrad wieder aufzurichten -- und das spürt man."
Die Teilnehmer sind enormen physischen Strapazen ausgesetzt und müssen unglaublich belastbar sein. Da die Strecken oft steinig und steil sind, sind Verletzungen leider keine Seltenheit und häufig werden Handgelenke und Knie in Mitleidenschaft gezogen. Lettenbichler verpasste die erste Runde dieser Saison, da er sich noch von einer Operation erholte, nachdem er sich vor etwa fünf Jahren einen Meniskus- und Kreuzbandriss zugezogen hatte. "Es ist irgendwie verheilt, aber mit dem Kreuzband ist es anders, und wenn man nicht operiert wird, kann es nicht wirklich repariert werden", meint er.
Er erklärt weiter, dass er mit der OP gewartet habe, bis es wirklich schlimm wurde. "Im November letzten Jahres hat das Knie komplett zugemacht, also ließ ich mich operieren. Die Ärzte sagten, dass es mir nach zwei Wochen wieder gut gehen würde, aber im Aufwachraum wären dann drei Ärzte um ich herum, die sagten: 'Es war ein ziemliches Durcheinander da drin. Die Bänder sind in Ordnung, aber beim Meniskus musste viel gemacht werden'. Sie meinten, dass der Heilungsprozess drei bis sechs Monate dauern würde, also bin ich mit fünf Monaten ganz zufrieden."
Mani Lettenbichler hat dann völlig überraschend das letzte Rennen in Serbien gewonnen -- ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Hard Enduro-Athleten in bester körperlicher Verfassung sind. "Ich habe mir in den letzten Monaten den Allerwertesten aufgerissen, nur um wieder auf dem Motorrad sitzen zu können. Ich wusste, dass es unmöglich sein würde, rechtzeitig für die erste Runde wieder fit zu sein, aber ich dachte, es wäre schön, das zweite Rennen wenigstens zu fahren. Selbst eine Woche vor dem Rennen war ich mir nicht sicher, ob es mit dem Start klappen würde, also war es etwas ganz Besonderes und unglaublich emotional, mit dem Sieg nach Hause zu fahren."

Die Strecken

Der Erzberg am 15. Mai 2021.
Der furchterregende eiserne Riese
Wie bereits erwähnt, sind Hard Enduro-Strecken eine Mischung aus Trial- und Motocross-Strecken, aber noch extremer. Das bevorstehende Erzberg Rodeo findet bereits zum 26. Mal statt und ist als wohl schwierigste Strecke im Enduro-Kalender bekannt.
Das Erzberg Rodeo -- auch bekannt als "Eiserner Riese" -- wird in einem aktiven Eisenerzbergwerk ausgetragen und ist somit die perfekt Kulisse für ein Hard Enduro-Rennen. Wie Kettner erklärt, hat es alles, was das Enduro-Herz höher schlagen lässt: "Die Idee war von Anfang an, eine Strecke zu bauen, die jeden Winkel des Steinbruchs abdeckt. Wir haben also von allem ein bisschen was. Wir haben breite Highspeed-Schotterpisten genauso wie enge und kurvige Waldpassagen. Natürlich gibt es in einem Steinbruch jede Menge Felsen und dann haben wir noch extrem viele, steile Anstiege und lange, weniger steile Abfahrten."
Der forderndste Abschnitt für die Fahrer ist der legendäre Streckenteil "Carl's Dinner" -- ein Feld aus riesigen Felsen, das die Teilnehmer mit ihren Motorrädern überqueren müssen. "Ich bin Carl's Dinner noch nie mit dem Motorrad gefahren, aber ich war schon zu Fuß dort unterwegs und nicht einmal zu Fuß will man dort unterwegs sein", scherzt Kettner.
Die Planungen für das Erzberg Rodeo in der ländlichen Ortschaft Enzersfeld beginnen meist früh im Jahr. "Im Februar haben wir unseren ersten Site-Check, obwohl wir an einigen Stellen in der Regel nicht fahren können, weil bis zu 70 cm Schnee liegen", sagt Kettner. "Wir sprechen mit den Bergleuten und die sagen uns dann dass sich entweder nichts geändert hat oder dass es größere Veränderungen gibt. Wir notieren uns dann die Abschnitte, die stark verändert wurden, damit wir uns auf diese Bereiche besonders konzentrieren können, sobald der Schnee geschmolzen ist. Da es sich um ein Bergwerk handelt, haben wir zum Glück die gesamte Ausrüstung vor Ort, wenn wir große Änderungen vornehmen müssen."
Bei Langstreckenrennen erklärt Bolton, dass die Streckenführung bereits online beginnt. "Viele der Langstreckenrennen werden auf Google Earth kartiert, und sobald eine Route festgelegt wurde, sind Personen vor Ort, die versuchen, die geplante Strecke umzusetzen. Wenn sie es nicht schaffen, wird der Kurs neu gezeichnet oder ein besserer Weg gefunden. Alle Streckenmanager bringen Ideen ein und viel Erfahrung aus den Vorjahren mit. In der Regel beginnen sie am Anfang der Vorjahres-Strecke und arbeiten sich dann durch bis zum Ende, um zu sehen, was geändert werden kann."

Alle sind willkommen

Teilnehmer beim Red Bull Hare Scramble am Erzberg in Eisenerz, Österreich, am 2. Juni 2019.
Bis zu 1.500 Teilnehmer stellen sich dem erbarmungslosen Erzberg
Rund 1.500 Fahrer werden am Erzberg erwartet, von der Elite bis hin zu jenen, die nur am Prolog teilnehmen wollen. Das Erzberg Rodeo ist so etwas wie das Äquivalent zum F1-Grand Prix in Monaco, das jeder Fahrer um jeden Preis gewinnen möchte. Deshalb zieht das Rennen auch jedes Jahr so viel Aufmerksamkeit auf sich.
Die Ortschaft Enzersfeld hat nur 3.300 Einwohner, am Rennwochenende sind es dann plötzlich 10.000 Menschen. "Wir haben unseren eigenen Strom, Wasser und Toiletten für das Wochenende -- wir haben sozusagen eine eigene Stadt im Steinbruch", sagt Kettner.
Nicht nur die Besucher lieben es, wenn der Enduro-Zirkus den Ort belebt, wie Kettner erklärt: "Für die Einheimischen ist es das größte Ereignis des Jahres, und sie arbeiten alle gerne mit uns zusammen. Wir haben zum Beispiel zwei alte Frauen, die die gesamte Kleidung unserer Streckenbauer waschen, und wenn es regnet, fahren sie sogar zu uns uns holen die Kleidung ab. Dann fahren sie wieder nach Hause, waschen und trocknen sie und bringen sie später am Abend zurück. Es ist eine sehr kleine ländliche Gemeinde, und die meisten von ihnen kennen nichts anderes. Für sie ist es eine fantastische Gelegenheit, Menschen aus der ganzen Welt zu treffen. Es ist so schön zu sehen, wie alle an einem Strang ziehen. Das macht es so besonders!"
Erlebe die dritte Runde der Hard Enduro-Weltmeisterschaft live auf Red Bull TV. Hol dir einfach die kostenlose App und gib dir die Action auf all deinen Geräten. Die Berichterstattung beginnt mit einer Live-Vorschau am 18. Juni um 19:00 Uhr. Das Rennen findet dann am 19. Juni um 14:00 Uhr statt und wird natürlich live übertragen.