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Helveticlimb: Alexander Megos und sein Trip in die Schweiz
Alex Megos geht in der Schweiz aufs Ganze. In nur 6 Tagen will das deutsche Kletter-Ass drei 9a-Routen klettern.
Helveticlimb: Die gekletterten Routen
Alex Megos, Mensch oder Maschine?
Ein schwüler Tag im Basler Jura: an Klettern ist eigentlich nicht zu denken. Am glatten Jurakalk findet kaum einer Halt. Nichtsdestotrotz klettert Alex Megos innert Rekordzeit drei der schwierigsten Routen der Region. Darunter «Ravage», die ehemals schwierigste Route der Welt.
Die Bilanz von Tag 3 von Helveticlimb verrät einges über den Klettertrip durch die Schweiz, indem Megos innert einer Woche, dreimal eine 9a und sieben 8b+/c Routen abhäkt. Beginnen wir beim Anfang:
HELVETICLIMB, ein historisches Vorhaben
Der Trip startet am Voralpsee, wo Megos die Route Speed (8c+) im zweiten Versuch gelingt. Tags darauf macht er die gleiche Route samt Verlängerung. Das ergibt 9a. Von Müdigkeit keine Spur. Während andere nach einer derart hohen Belastung Ruhetage einlegen, marschiert Megos geradeaus weiter.
Weiter gehts in den Basler Jura - zum Chuenisberg. Hier fand sich bis 1985 die weltweit schwierigste Route: der Klassiker Ravage (8b+/c). Megos will den historischen Überhang geklettert haben.
Alex Megos’ Talent scheint überirdisch
Die Skala beginnt bei 3a. Das entspricht einfachem Kraxeln. Weiter folgen 3b, 3c, 4a. Engagierte Amateure checken bei 6a ein und zielen auf 7a hin. Sie studieren die Route ein bis sie alle Züge beherrschen und die Route ohne Sturz aneinandergehängen können. Wer 8a schafft, darf sich auf die Schulter klopfen. Soweit kommt man nur mit viel Trainingsaufwand - und Talent. Der Bereich ab 8c ist absoluten Cracks vorbehalten.
Zum Vergleich: Alex Megos kletterte auch schon 9a «onsight» - also auf Anhieb, ohne einstudieren und sich die Route erklären zu lassen. Er ist der erste Mensch, der das schaffte. Der Tscheche Adam Ondra und Alex sind zurzeit die Hauptprotagonisten am oberen Ende der Skala. Erst kürzlich hat Ondra eine neue Route in Norwegen geschafft und den astronomischen Grad 9c vorgeschlagen.
Magisches Zusammenspiel von Körperkraft und kognitivem Geschick
Beim Schweizer Trip tummeln sich Fotografen, Journalisten und ehrfürchtige Kletterer an den Wandfüssen. Klettert Megos los, wird's so still, dass man die Mäuse im Laub rascheln hört. Ob das nicht einen grossen Druck aufbaut?
«Nein, ich mache ja nur mein Ding», lautet später Alex' Antwort.
Seine Kletterart ist ein magisches Zusammenspiel der Extremitäten: Dank enormer Körperspannung hält er sich an kleinsten Strukturen am Fels. Unter anderem seine enorme Fingerkraft ist hierf entscheidend. Dazu verfügt Megos über ein kognitives Geschick wie kaum ein anderer:
Er sieht und erkennt die passenden Griffmöglichkeiten und setzt sein Vorhaben sofort um. Fällt er, sucht er den Fehler nur bei sich. Obschon es nichts als legitim wäre, auch in der hohen Luftfeuchtgkeit den Grund zu sehen, dass ihm zum Beispiel die Onsight-Begehung von Ravage misslingt.
Stattdessen macht er ein paar Minuten Pause - spaziert im zweiten Versuch hoch und hängt zwei Routen im Grad 8c an - die Trilogie ist perfekt.
Keine Jubelstimmung, der Blick stets nach vorne gerichtet
Sitzt er nach getaner Arbeit am Wandfuss, ist nicht grosse Jubelstimmung angesagt. Alex wirkt nachdenklich, begutachtet seine Finger und scheint in Gedanken schon in der nächsten Route zu sein. Einer Auskunft bleibt er nie schuldig und fürs Bild klettert er eine Route auch schnell ein zweites Mal.
Bei Tag 4 des Trips hat Megos das halbe Lebenswerk eines durchschnittlichen Spitzenkletterers in den Fingern: 8c+, 9a, 8b+/c, 8c, 8c.
An Tag 4 widmet er sich dem nächsten Meisterstück: «Im Reich des Shoguns» an der Tüfletenfluh, Grad: 9a. Eine leicht überhängende Wand, die wie Spritzbeton aussieht - hier ist kein Griff grösser als eine Fingerbreite, viele dafür kleiner. Dem Erstbegeher Eric Talmadge gelang die Route 13 Jahre, nachdem er sie eingebohrt hatte. Bei leichtem Regen gelingt Megos die «Shogun» bei der dritten Wiederholung.
6 Tage, 10 höchst anspruchsvolle Kletterrouten in der Schweiz
Es scheint fast frech, wenn einer innert einem halben Tag eine Route abhakt, für die andere Cracks Jahre brauchen – noch dazu bei mässigen Bedingungen. So wird einem eines klar: dieser Mann ist noch weit unter seinem Limit. Was wird kommen? Seine Antwort ist vielversprechend und lässt einen ratlos zugleich:
Ich habe bis jetzt nicht die Route gefunden, in die ich mich voll reinhängen kann. Im Moment geniesse ich es einfach, möglichst viel zu klettern.
Im Tessin besiegelt er HELVETICLIMB mit Dave Grahams «Coupe de Grace» - 9a.