Infamous: Second Son im Test –Held oder Bösewicht?
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Infamous Second Son im Test: Held oder Bösewicht?

© Sony Computer Entertainment
In der Welt des neuesten Action-Ablegers steht der Spieler vor schweren Entscheidungen.
Autor: Redbull.com Teamveröffentlicht am
Wählt man den Weg des strahlenden Helden, der Seattle zum Wohle der Allgemeinheit von den Zwängen einer staatlichen Sicherheitsfirma befreit, oder verfolgt man die Ziele eines Bösewichts, der auf einem zerstörerischen Egotrip sein Umfeld mit sich in den Abgrund reißt? Unabhängig der Antwort präsentiert sich Infamous Second Son als eindrucksvolles Open-World-Abenteuer, dessen spannender Plot und phänomenale Shootermechanik die Spielstunden wie im Fluge verrinnen lassen werden.
Als eines Tages die Menschen zu Schaden kommen die ihm nahe stehen, erkennt Delsin Rowe dass er alle nötigen Fertigkeiten besitzt, um dem unterdrückerischen Polizei-Regime des Department of Unified Protection ein Ende zu bereiten. Delsin hat übernatürliche Kräfte, denn er ist ein Conduit.
Infamous: Second Son
Infamous: Second Son
Gleich das erste Zusammentreffen mit der Leiterin des DUP ermöglicht dem Spieler die Entscheidung, wie sich die Story entwickeln soll. Das Karma-System in Infamous ist ständiger Begleiter und Grundgerüst, das einen im Verlauf des Spiels regelmäßig vor die Wahl stellt, gut oder böse zu handeln. Diese Entscheidungen haben eine spürbare Auswirkung auf weitere Geschehnisse, da sie Delsin‘s Fähigkeiten um gute oder böse Spezialtechniken erweitern und überhaupt die Tödlichkeit seiner Grundkräfte beeinflussen.
Um die Stufen zum Helden oder Schurken zu meistern, muss das Verhalten im Kampf angemessen sein. Auf der guten Seite dürfen beispielsweise keine Passanten angegriffen werden, während das brutale Ausschalten von Feinden die sich ergeben, das Böse in Delsin beflügelt. Überraschenderweise fühlt sich das Spiel auf beiden Seiten dadurch völlig unterschiedlich an. Ebenso profitiert die Story von Infamous: Second Son von dieser Dualität, sodass sich kurze Gespräche und sogar Zwischensequenzen auf beiden Seiten der Macht anders abtragen. Teilweise führt das sogar zu krass unterschiedlichen Resultaten bei Missionen.
Erzählerisch werden keine neuen Gefilde erkundet. Über weite Strecken handelt es sich um eine klassische Comic-Erzählung, die den Underdog zum Superstar werden lässt. Ganz anders sieht die Sache aus der bösen Perspektive aus. Hier werden Bruderzwist, Rache und Machthunger deutlich thematisiert, was die Schurken-Geschichte zur intensiveren und folglich besseren von beiden macht. Doch auch hier kommen der Tiefgang und die emotionale Erkundung der Akteure zu kurz.
Infamous: Second Son
Infamous: Second Son
Was wäre eine Superheldengeschichte ohne die Superkräfte? Man sieht dass die Entwickler ihren Spaß bei der Schaffung eines modernen Helden hatten. Delsin kann auf vier relativ untypische, kreative Elemente zurückgreifen. Zur Verfügung stehen Rauch, Neon, Video und Beton, die an passenden Objekten absorbiert werden können. Die durchdacht gestaltete Stadt weist eine natürliche Fülle dieser Kraft-Lade-Stationen auf, sodass der Spielspaß nie wegen der Suche danach unterbrochen wird. Rauch ist zum Beispiel bei brennenden Autos, oder Schornsteinen zu finden. Alle Elemente besitzen eine Nahkampfmethode, sowie kleine und große Projektile. Während sie sich in ihren Eigenschaften ähneln, eignen sich die Mächte für unterschiedliche Herangehensweisen.
Beton hat den stärksten Nahkampf, Video macht das zurücklegen großer Distanzen zum Klacks usw. Das Betätigen der Kreis-Taste führt etwa eine schnelle Vorwärtsbewegung aus. Die Rauchkräft lässt einen dann durch Zäune durchfliegen, Neon beschleunigt Delsin auf Lichtgeschwindigkeit, Beton führt eine zerstörerische Rolle aus und Video lässt Delsin gleiten. Dieses einheitliche Steuerungssystem ermöglicht es dem Spieler, neue Fähigkeiten zu meistern, ohne die Grundlagen jedes Mal neu erlernen zu müssen.
Superkräfte sind in spielerischer Hinsicht das absolute Highlight in Infamous: Second Son, weswegen sich die ins Aufleveln investierte Zeit auf jeden Fall bezahlt macht. Mittels Upgrades erhöht sich der Radius von Delsin’s Attacken, oder erweitert sich sein Repertoire an wuchtigen Kräften um neue Tricks, deren Ausführung extrem viel Spaß macht.
Infamous: Second Son
Infamous: Second Son
Das Verbessern des Charakters durch das Einsammeln von Plasmascherben ist aber ohnehin unumgänglich. Die schonungslosen Gegner, die mit Fortschreiten der Story noch aggressiver werden, stellen eine ordentliche Herausforderung dar. Manche von ihnen besitzen selbst Conduit-artige Skills, weswegen sie gar nicht so leicht abzuwimmeln sind. Die schnellen Angriffsmuster der Endgegner mit denen es Delsin aufnehmen muss, erfordern ebenfalls eine echte Beherrschung der Mächte. Selten wird man in Infamous deshalb nicht sterben.
Hier kommen die Nebenmissionen von Infamous ins Spiel. Damit Delsin in der Nähe der letzten Mission respawnen kann, muss man die DUP-Stützpunkte in Seattle zerstören. Möchte man seine Karmaleiste abseits des Hauptstrangs füllen, kann man seine Schablonenkunst an Wänden hinterlassen, Funksprüche abfangen, Geheimagenten zur Strecke bringen und so weiter. Einige der Aufgaben sind weniger spannend, doch insgesamt findet der Spieler hier eine gesunde Dosis Abwechslung.
Infamous: Second Son
Infamous: Second Son
Niemals geizt das alternative Seattle in Second Son mit grafischen Qualitäten. Die großflächige Stadt prahlt richtig mit Detailreichtum an jeder Ecke. Die prächtige Beleuchtung zu unterschiedlichen Tageszeiten mengt der realistischen Darstellung eine starke farbliche Verspieltheit bei, was in einem fantastischen Look resultiert. Auf den Dächern wird sich der Spieler oft dabei erwischen, einfach mal zu pausieren und den Ausblick zu genießen. Wieder stehlen hier Delsin’s bizarre Kräfte den restlichen Elementen die Show. Bei Nacht werfen einen die wunderschönen Neoneffekte regelrecht vom Hocker.
Angetrieben von hochgradig qualitativer Präsentation und erzählerischem Tempo, ist Infamous: Second Son nicht nur ein würdiger Nachfolger, sondern ein fesselndes Erlebnis für sich. Die neuen Kräfte ermöglichen das einfache Hochwandern an Häuserfassaden und die Abhängigkeit von Stromkabeln ist weg – auch wenn wir sie ein Bisschen vermissen.
Das Spiel bedient sowohl künstlerisch wie auch funktional die Heldenträume unserer inneren Kinder, was den Spielspaß bis zum Ende stetig steigert. Die Nebenmissionen können nach Beendigung der Hauptstory weiter angegangen werden, doch fühlen sie sich dann ein wenig leblos an. Es wird sich zeigen, wie weit die Papertrail-Nebenmissionen zu unterhalten wissen, die nochmal mehrere Stunden Spielspaß versprechen. Im Falle von Second Son ist es sehr empfehlenswert, beide Karmaseiten auszuprobieren. Die böse Seite zwingt den Spieler zu Entscheidungen mit unangenehmen Konsequenzen und unterhält aufgrund der Prise Verrücktheit in Delsin’s Charakter deutlich besser. Seien wir uns ehrlich: Es macht einfach mehr Spaß, den bösen zu spielen.