Myriam Nicole auf dem Weg zum Sieg beim Weltcup in Lenzerheide.
© Bartek Wolinski / Red Bull Content Pool
MTB

Inside Lines #6: Der Knoten ist geplatzt.

Nach dem Downhill-Weltcup in Lenzerheide blickt MTB-YouTuber Jasper Jauch auf die psychischen Herausforderungen, denen sich die Rider stellen müssen – und warum "wollen" und "dürfen" so wichtig sind.
Autor: Jasper Jauch
4 min readveröffentlicht am
Teil dieser Story

Mercedes-Benz UCI Mountain Bike World Cup

Der Mercedes-Benz UCI Mountainbike Weltcup ist …

Loïc Bruni

A three-time Elite world champion, French rider …

FranceFrance

Valentina Höll

Mit drei Jahren das erste Bike-Rennen, mit …

AustriaAustria
MTB · 7 Min
Die Siegfahrten der Damen und Herren beim Weltcup 2021 in Lenzerheide
Inside Lines – die Kolumne zum UCI Mountain Bike World Cup mit Jasper Jauch: #6 Nach dem Weltcup in Lenzerheide.
Egal ob Nina Hofmann, Vali Höll oder Amaury Pierron. Bei all diesen Fahrer*innen ist am Wochenende der Knoten geplatzt. Sie haben sich aus den Tiefen der Verletzungen, Stürze, und mentalen Belastungen zurück gekämpft. Nach dem aufregenden Rennen bei der Weltmeisterschaft hat Lenzerheide mit der selektiven Strecke eben doch die Möglichkeit geboten sich zu beweisen.
Mountainbike Downhill-Profi Loic Bruni auf seinem Rad beim Weltcup-Rennen in Lenzerheide.
Loic Bruni: Trotz andauernder Verletzungen aus Val di Sole auf dem Podium!
Aber wie ist das zu verstehen, wenn man doch eigentlich am, oder über dem Limit fahren muss, um den selbst definierten Erfolg nach der Ziellinie feiern zu können. Der Downhill-Sport ist eben nicht einfach nur irgendein Sport, er ist wohl der komplexeste Sport, der sich aus unzähligen Parametern zusammensetzt.
Die Zeiten der absoluten Überfliegerläufe sind leider vorbei. Es wird härter denn je gekämpft und das nicht mehr um Sekunden, sondern um Tausendstel. Das Fahrerfeld ist so eng zusammengerückt wie nie und das macht es auch so spannend wie nie: Das Können in Verbindung mit modernster Technik hat das Level sichtbar angehoben.
Wenn es aber so knapp um die Zeit steht, der Lauf so schnell vermasselt ist, warum platzt ausgerechnet dann der Knoten bei den Fahrer*innen, die so unter Druck standen? Die Antwort ist einfach: Sie haben sich auf ihr Können verlassen.

Sieh dir hier die ganze Downhill-Action der Damen aus Lenzerheide noch einmal an:

MTB
Damen DH Finale – Lenzerheide

Sieh dir hier die ganze Downhill-Action der Männer aus Lenzerheide noch einmal an:

MTB
Herren DH Finale – Lenzerheide
110 Prozent sind eben 10 Prozent zu viel, um den Lauf ins Ziel zu bringen. Der strenge Umgang mit sich selber, die eigenen Erwartungen, die genauen Augen des Umfeldes wirken auf die mentale Verfassung des Fahrers. Und ich glaube, jeder von uns weiß: ich muss, ist belastender als, ich will. Oder sogar – ich darf.
Mountainbike Downhill-Profi Vali Höll beim Weltcup in Lenzerheide in Action.
Vali Höll: fahrtechnisch schon lange Spitze, mental diese Woche auch top!
Dieser Erkenntnis hat wohl vor allem bei Nina Hofmann und bei Vali Höll zum Abliefern ihrer Fähigkeiten geführt. Im entscheidenden Moment eben doch auf Nummer sicher gehen, um es sauber ins Ziel zu schaffen.
„To finish first, you have to finish, first”, sagte mir bereits mein Mentor Stephan Mangelsdorff.
Mountainbike-Downhill-Profi Amaury Pierron beim Sprung von einer Rampe beim Weltcup-Stopp in Lenzerheide.
Amaury Pierron: Aus der Verletzungspause zurück und direkt unter die Top 5!
Die Lockerheit war der Schlüssel zum Erfolg. Nicht zu streng mit sich selber zu sein ist oftmals nicht einfach. Als Rennfahrer möchte man immer 120 Prozent geben, aber genau diese Perfektion birgt erheblichen Druck auf die Psyche der Athleten. „Weil ich es mir erlaube“ ist ein Satz, den man vielleicht von einer Psychologin hören könnte, wenn man mit Burnout kämpft und sich eine Pause gönnen sollte. Diese Fahrer kämpfen aber nicht mit Burnout, sie kämpfen lediglich gegen sich selber: gegen die Nervosität, gegen den Druck, für ihren Erfolg.
Zu viel gewollt endet aber häufig mit Fehlern, die einem den Erfolg ganz schnell nehmen – egal ob Flüchtigkeitsfehler oder zu scharf riskiert. Um also einen Erfolg feiern zu können muss man fehlerfrei ins Ziel kommen, nur so kann man sein Selbstbewusstsein Stück für Stück stärken, um den harten Bedingungen eines Weltcups und dem ständigen Kämpfen um Sekunden Stand zu halten. Und dazu gehört es auch, sich Fehler, Pausen und Schwächen einzugestehen.
Alle Athleten wussten, dass sie es können und dementsprechend haben sie sich einfach ein wenig mehr Ruhe gegönnt. Nina Hofmann hat sozusagen einfach mal locker gemacht, Vali Höll hat optimistisch in die Zukunft geschaut und die Erwartungen gesenkt, Loic Bruni hat seine Routine ausgespielt.
Die Siegerinnen des Damen Downhill Weltcup-Rennens in Lenzerheide stehen gemeinsam auf dem Podium.
Sauber und schnell ins Ziel: Das sturzfreie Damen-Podium in Lenzerheide.
Sturzfreie Läufe der Favoriten bringen nicht nur positivere Stimmung ins Fahrerlager, es macht es für uns Zuschauer auch noch spannender. Und wer würde mir nicht zustimmen, dass dieses Rennen mal wieder für ausschlagende Pulsmesser gesorgt hat? Lediglich der eigene Clinch, welchem Fahrer man es beim 5. Weltcup in der Lenzerheide mehr gönnt, bringt die Spannung für mich auf ein erträgliches Maß.
Mein Besuch vor Ort hat mir wieder gezeigt, wie professionell der Sport geworden ist, wie intensiv die Teamarbeit geworden ist, wie akribisch die Strecken studiert werden. Vielleicht fragt sich jetzt der eine oder andere: „Na Jasper, hast du nicht mal wieder Lust ein Rennen zu fahren?“
Und ja, ich liebe das Perfektionieren von Linien und Bike auf anspruchsvollen Strecken. Aber ebenfalls ja zu folgendem: dem Druck, den ich oben erläutert habe, möchte ich mich nicht mehr aussetzen!
Es bleibt spannend, denn der nächste Weltcup-Stopp in Snowshoe beinhalten gleich zwei Final Läufe und Übersee birgt doch gerade zu Covid Zeiten die eine oder andere Schwierigkeit.
Ich freu mich auf den nächsten Stopp und damit auf die nächste Kolumne.
Euer Jasper
Teil dieser Story

Mercedes-Benz UCI Mountain Bike World Cup

Der Mercedes-Benz UCI Mountainbike Weltcup ist …

Loïc Bruni

A three-time Elite world champion, French rider …

FranceFrance

Valentina Höll

Mit drei Jahren das erste Bike-Rennen, mit …

AustriaAustria