Valentina Höll auf dem Weg zu ihrem ersten Elite-Sieg!
© Bartek Wolinski / Red Bull Content Pool
Bike

Inside Lines #7: Präzision im Marathon

Beim Downhill-Weltcup-Finale in Snowshoe ist MTB-YouTuber Jasper Jauch einmal mehr mittendrin und manövriert sich auf Ideallinie zum Höhepunkt der MTB-Saison. Das Motto: Haben ist besser als Brauchen.
Autor: Jasper Jauch
5 min readveröffentlicht am
Inside Lines – die Kolumne zum UCI Mountain Bike World Cup mit Jasper Jauch: #7 Das Weltcup-Finale in Snowshoe.
Kaum gibt es eine selektive und zerstörerische Strecke wie in Snowshoe, schon mischt sich das Favoritenfeld neu durch. Platte Reifen und Stürze begleiteten bereits das freie Training in den USA auf der letzten Strecke des diesjährigen Weltcups. Wenn nicht schon zu Beginn auf den großen Sprüngen, dann trennt sich spätestens im Steinfeld die Spreu vom Weizen!

Sieh dir hier die ganze Action des 1. Rennens der Damen in Snowshoe noch einmal an:

MTB
Damen DH-Rennen 1 – Snowshoe

Sieh dir hier die ganze Action des 1. Rennens der Herren in Snowshoe noch einmal an:

MTB
Herren DH Rennen 1 – Snowshoe
Ungebremst müssen die Bikes hier durch riesige und spitze Steine manövriert werden. Die Ideallinie vermeidet harte Schläge und tiefe Löcher, aber um möglichst schnell durchzukommen muss natürlich auch die kürzeste Strecke gewählt werden, damit man den steinernen Haufen von potentiellen Platten und Stürzen blitzschnell hinter sich lässt.
MTB-Downhill-Profi Loic Bruni steuert wie auf Schienen durch das Steinfeld des Weltcup-Tracks in Snowshoe.
Loic Bruni steuert wie auf Schienen durch das Steinfeld.
Worldcups in den USA bzw. Übersee bringen immer gewisse Hürden mit sich. Zu Zeiten von Covid sind die selbstverständlich noch beschwerlicher, als sie es ohnehin schon sind. Normalerweise reisen die Profis mit großen Trucks und unzähligem Ersatzmaterial an, das nicht nur technisch hilft, sondern auch beruhigend auf die Psyche wirkt.
Wie sagt man so schön: „Haben ist besser als Brauchen“. Im Flieger wäre all das leider nur schwer im Handgepäck zu verstauen. Gemietete kleine Zelte, die persönliche Werkzeugkiste des Mechanikers sowie ein Alu-Case mit dem nötigsten Ersatzmaterial muss reichen. Bei der Top 10 des Fahrerfeldes werden im Voraus schon einige Sachen zum Weltcup-Ort geschickt, die anderen Fahrer:innen starten jedoch mit dem kleinen Setup: Snowshoe liefert dafür allerdings erschwerte Parameter: Viel Verschleiß bei wenig Ersatzteilen.
Eine Mountainbikerin trägt beim Downhill-Weltcup in Snowshoe ihr MTB mit plattem Hinterreifen über die Strecke.
Spitze Seine 1, Laufrad 0. Für Pro-Teams allerdings kein Problem.
Myriam Nicole, Nina Hoffmann, Thibaut Daprela, Kade Edwards, die Liste der Namen geht weiter, die in ihrem Rennlauf einen Sturz einbauten, oder sich mit technischem Defekt der Strecke beugen mussten. Glücklicherweise sind alle auf eigenen Füßen davon gestapft, was auf der Strecke nicht unbedingt selbstverständlich ist.
Mountainbike-Downhill-Profi Thibaut Daprella schiebt sein kaputtes MTB von der Weltcup-Strecke in Snowshoe.
Thibaut Daprella: mit Glück unverletzt trotz Sturz nach gebrochener Felge.
Aber ja, die Strecke hat ihren Tribut gefordert. Präzision war der Schlüssel zum Erfolg, um auf dieser rauen Strecke auf Spur zu bleiben. Nur wer seine Bremspunkte, Einlenkmanöver und Bunny-Hops auf den Punkt genau platzierte, konnte die vielen technischen Teilstücke zu einem flüssigen Lauf verbinden. Der Streckenverlauf war nicht durchgehend steil, sodass es wichtig war, den Schwung aus jeder technischen Passage beizubehalten, da ansonsten bereits kleine Unterschiede in der Ausgangsgeschwindigkeit (Exit Speed), teure Zehntel oder sogar Sekunden gekostet haben.
In Snowshoe fällt es leicht, Zeit liegen zu lassen und dementsprechend umso schwerer, sie wieder gut zu machen.
Mountainbike-Downhill-Profi Finn Iles auf der Weltcup-Strecke in Snowshoe.
Finn Iles im Rennmodus.
Dass sich aber dennoch keiner zögerlich auf die Strecke begibt ist selbstverständlich.
Bei Dakotah Norton und Finn Iles wurde der letzte Sprung leider zum Verhängnis der verschenkten Sekunden. Beide schafften es nicht, bis in die Landung, vergeudeten wertvollen Schwung und büßten es mit den fehlenden Zehnteln zum Edelmetall. Ehrlich gesprochen sah das wirklich nach Vergeuden aus und ich bin mir sicher, dass am Samstag beide die Landung anvisieren werden.
MTB-Downhill-Profi Kade Edwards auf der Weltcup-Strecke in Snowshoe.
Kade Edwards verpatzt trotz seiner Vielseitigkeit mit einem Sturz den Lauf.
Reece Wilson – einfach nur WOW, er hat deutlich bewiesen, keine Eintagsfliege zu sein, kein One-Hit-Wonder abgeliefert zu haben, sondern einer der besten der Welt zu sein. Sein Platz 1 macht das Finale am Samstag nur noch spannender.
Der Sieger beim MTB-Downhill-Weltcup in Snowshoe Reece Wilson freut sich über seinen Erfolg.
Reece Wilson kann seinen Erfolg kaum glauben.
Wie war das in der letzten Kolumne nochmal mit dem Knoten der geplatzt ist? Vali Höll hat mit ihrem Sieg eine deutlich lesbare Unterschrift unter Inside Lines #6 gesetzt. Ich gönne ihr diesen Sieg von ganzem Herzen und hoffe, dass das Selbstbewusstsein nun den nötigen Boost für das letzte Rennen dieses Jahr am Samstag erhält.
MTB-Downhill-Profi Valentina Höll feiert ihren Sieg beim Downhill-Weltcup in Snowshoe mit Champagner auf dem Siegerpodest.
Vali Höll hat ihren ersten Weltcup in der Women Elite Klasse gewonnen.
Apropos Samstag: Welche Dame, welcher Herr wird das Finale gewinnen? Welche beiden werden die Gesamtwertung mit nach Hause nehmen?
Das erste Rennen auf dieser Strecke hat bereits gezeigt, wie unterschiedlich die Fähigkeiten sein müssen, um abzuliefern. Nicht nur die Fähigkeiten, auch das Material. Und auch die Ausdauer muss stark genug sein. Sechs Tage Renn-Zirkus: zählt man die "Timed Session" Trainingsläufe mit, machen die Teilnehmenden an diesem Stop in den USA sechs gezeitete Läufe in sechs Tagen. Für den allgemeinen Downhiller entspricht das wohl eher einem Marathon.
Nur wer sich bis zum Finale in Top-Form und einigermaßen erholt hält, wird die Kraft und Präzision für einen fehlerfreien Lauf haben.
MTB · 2 Min
Snowshoe DH Streckenerklärung
Schade, dass Greg Minnaar bereits verletzungsbedingt raus ist, sonst hätte ich mein Geld auf ihn gesetzt.
Für mich hat Loic Bruni eine starke Figur abgeliefert und ich tippe auf seinen Sieg am Samstag beim Finale. Er wirkte in seinem Lauf unaufgeregt und kontrolliert. Gepaart mit seinem Fokus und dem Spaß am Rennen fahren könnte er damit punkten. In meiner gedanklichen Fantasy League landet Finn Iles auf 2, denn wenn er seinen Patzer am Zielsprung weglässt und wieder ein sauberes Rennen fährt, ist der Speed für die Top 3 vorhanden. Loris Vergier landet bei mir auf 3, Thibaut Daprela auf 4 und Benoit Coulange auf 5.
Bei den Frauen denke ich wird Myriam Nicole den Sieg einfahren und ihren Sturz wieder gut machen. Vali Höll wird beflügelt einen sauberen Lauf knapp hinter Myriam auf 2 fahren. Tahnee Seagrave landet auf 3 und Marine Cabirou auf 4.
Da ich am Samstag für euch den Red Bull TV Livestream auf Deutsch kommentieren darf, wird es spannend, ob meine Vorhersage zutrifft, oder ob ich mal wieder total daneben lag. Aber genau das macht unseren geliebten Downhill-Sport ja so spannend. Ich freu mich drauf und hoffe, ihr seid dabei, wenn es zum letzten Mal in diesem Jahr schnell hergeht und in den USA um die Wette gefahren wird.
Meine Kolumne über die "Inside Lines" bekommt ihr dann live zu hören, denn in schriftlicher Form verabschiede ich mich hier bereits von euch.
Bis dahin.
Euer Jasper.