MTB-Ass Kade Edewards fährt beim UCI Mountainbike Downhill Event in Leogang durch den Schlamm.
© Bartek Wolinski / Red Bull Content Pool
Bike

Slippery when wet! Leogang als selektivste Strecke bei Nässe.

In seiner Kolumne Inside Lines sinniert MTB-Experte Jasper Jauch über die Kunst des Rutschens und den dramatischen Drahtseilakt, den das Rennen in Leogang bis zur letzten Kurve für die Rider darstellt
Autor: Jasper Jauch
6 min readveröffentlicht am
Inside Lines – die Kolumne zum UCI Mountain Bike World Cup 2022 mit Jasper Jauch: #10 Der Weltcup-Stopp in Leogang.
Nach Fort William kommen wir von einem der konstantesten Streckenverläufe nach Leogang. Eine Weltcup Strecke, die sich ständig weiterentwickelt. Und eins steht fest: Achtung, Rutschgefahr bei Nässe!
Mal im Ernst, ich habe die letzten Jahre im Livestream kaum hinschauen können, wenn die Fahrer*innen nach dem Motoway in den Wald abgebogen sind. Von links nach rechts, also ich auf der Couch, die Fahrer*innen im Wurzelfeld. Von oben nach unten, meine Gefühlsachterbahn und die Fahrer*innen über Wurzelteppiche. Ein so spannender Wald könnte wohl bald in den Geschichtsbüchern Österreichs als magischer Ort genannt werden.

Betrachten wir aber erstmal das große Ganze:

Start mit einer hängenden Rechtskurve auf die Kuhwiese. Aha, hier hat man also schon mal direkt die Möglichkeit, sich in der ersten Kurve aus dem Rennen zu verabschieden. Es gibt kein Reinkommen, kein Warmfahren, man startet direkt mit dem technischen Anspruch, das Griplimit genauestens einschätzen zu können.
MTB-Ass Laurie Greenland beim UCI Mountainbike Downhill Event in Leogang.
Laurie Greenland kämpft gegen die Gravitation in der Off-Camber Sektion.
Hat man den Teil hinter sich kommt die Einrollphase. Ein wenig Bikepark, gespickt mit Steinen und immer wieder neuen Abbiegungen, die aus der Standardstrecke ausbrechen. Ein zweiter kleiner Tunnel ist dann die Eintrittskarte in die nächste Technikprüfung.
Steil gestartet in ein unfassbar hängendes, gelöchertes Wurzelfeld, das es mit einer Rechtskurve zu gestalten gilt. Wer das schafft, hat schon mal eine gute Performance abgeliefert. Leider ist das Ziel aber noch lange nicht in Sicht...
MTB-Ass Marine Cabirou beim Mountainbike Dwonhill Evnet in Leogang.
Marine Cabirou schwebt durch den „Wood of Fame".
Es folgt die nächste wurzlige Angelegenheit. Präzision, Geschick an der Bremse und eine Menge Vertrauen in die Reifen braucht es, um in dieser Schlüsselstelle zu punkten.
„Warum ist es eine Schlüsselstelle, es ist doch überall wurzelig und schwer?“ Gute Frage Max Mustermann! Das steile Wurzelfeld mündet in den Motoway, sodass die Ausgangsgeschwindigkeit maßgeblich ist, um Zeit auf der elendig langen Geraden über große Sprünge gut zu machen. Fehlt es an Schwung, purzeln die Sekunden förmlich auf die Zwischenzeit.
Treten ist hier sinnlos, das hat Aaron Gwin 2015 bewiesen, als er mit einem Kettenriss am Start, das Rennen trotzdem für sich entscheiden konnte. Schwung, Aerodynamik und Perfektion auf den Sprüngen braucht es, um hier der Schnellste zu sein.

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Aaron Gwin gewinnt das Rennen in Leogang 2015 ohne Kette!

Check Aaron Gwins Siegesrun beim Downhill Weltcup im österreichischen Leogang aus.

Für die Fahrer*innen bietet dieser Teil jedoch auch einen kleinen Vorteil, denn es ist eine kleine, aber feine Erholung der Muskeln, bevor es ins astronautische Zentrifugen-Training geht. Die beiden Mercedes-Benz Wallrides werden geschätzt mit 50-60 km/h durchfahren. Da rutscht das Blut kurz mal in die Beine, obwohl es eigentlich gerade im Kopf gebraucht wird.
MTB-Ass Loic Bruni beim Mountainbike Downhill Event in Leogang.
So klein wie möglich, zeigt Loic Bruni dem Fahrtwind die kalte Schulter.
Das folgende Wurzelfeld im Wald, liebevoll „Valis Hölle“ genannt, ist wohl das dramatischste Wurzelfeld in der Weltcup Geschichte. Steil, lang, hängend und unfassbar schlammig, wenn der Regen grüßt. In dieser Sektion wurden bereits Dramen für Hollywood geboren, denkt man zurück an den Crash von Loic Bruni, der bis dahin führend war.
Abseits des Rennzircus habe ich mich dort einmal herunter gewagt. Freunde, das Wort "gewagt" ist in diesem Kontext bewusst gewählt worden.
MTB-Ass Aaron Gwin beim Mountainbike Downhill Event in Leogang.
Aaron Gwin rutscht akrobatisch durch die Skicircus Vallis Hölle.
Aber hey, danach ist man ja schließlich im Ziel... Echt? Leider nein. Man hat zwar definitiv einen Grund aufzuatmen, aber: “To finish first, you have to finish first.” So hat es Vali Höll auf dramatische Art und Weise leider gelernt, denn sie stürzte auf dem Weg zum wohlverdienten Heimsieg in der letzten Kurve.
Die Strecke bleibt also von oben bis unten ein echter Drahtseilakt. Genauso wie das Battle zwischen Vali Höll und Nina Hoffmann, die beiden Favoritinnen für das Rennen im Salzburger Land.
Vali Höll hat hier noch eine Rechnung zu begleichen und ist mit ihrem deutlich posititiveren Mindset als letztes Jahr auf einem guten Weg. Nina hat durch ihr neues Team im Rücken und dem ersten Sieg 2022 in Fort Bill auch eine Schippe draufgelegt. Camille Balanche hat hier schon einmal bewiesen, dass sie Nerven aus Drahtseilen und ein Feingefühl für den Grip wie Spiderman hat.
Bei den Männern ist wohl noch so ziemlich alles offen. Und genau deswegen überlasse ich hier das Festlegen der Favoriten mal ganz euch.
Camille Balanche, Vali Höll und Monika Hrastnik auf dem Podium nach Runde 1 des Mercedes-Benz UCI DH World Cups in Leogang, Österreich, am 12. Juni 2021.
Eine Dusche gefällig? Lieber Champagner als Regen, da sind sich alle einig

Was wäre wenn?

Gehen wir mal davon aus, das Petrus, der Wettergott, gnädig ist und uns mit trockenen Streckenverhältnissen beschenkt.
Die Reifenwahl wird auf viel Grip am Vorderrad und wenig Rollwiderstand am Hinterrad fallen. Das Steuern und präzise Lenkverhalten ist essenziell, um die Wurzelteppiche zu überqueren. Das Hinterrad zieht meist nach und kann im Falle des Rutschens einfacher kontrolliert werden. Hier kann man also den Vorteil von weniger Profil und einer härteren Gummimischung für den Motoway nutzen.
Das Fahrwerk wird vorne etwas härter und hinten etwas weicher gefahren. Große Stufen, generell steiles Terrain, brauchen eine hohe und stabile Front.
Das Rennen wird nicht nur in Valis Hölle gewonnen. Der Mix aus Bikepark, Sprüngen und Wurzeln muss gesamtheitlich perfekt absolviert werden. Das Problem: Leichtere Abschnitte wie der Motoway und die Bikepark Sektionen sind dem Fahrfluss entsprechend gebaut und griffig. Um hier einen Vorsprung zu ergattern muss man bestimmt eines seiner sieben Katzenleben ins Spiel werfen.
MTB-Ass Gee Atherton mit maximaler Ausreizung der Bodenhaftung beim Mountainbike Downhill Event in Leogang 2021.
Gee Atherton mit maximaler Ausreizung der Bodenhaftung.

Was wenn es regnet?

Dann ist es wohl eher die Kunst des Rutschens, die den Sieg auszeichnet. Fehler der Fahrer*innen in den Wurzeln und schlammigen Kurven kosten wertvolle Zeit. Es gilt also fehlerfrei und weniger über dem Limit ins Ziel zu kommen.
Die Reifenwahl fällt mehr auf maximalen Gripp. Grobe Stollen und weiche Gummimischungen dominieren auf nassen Wurzeln und schlammiger Erde. Das Fahrwerk wird etwas softer sein, sodass die Kraftspitzen beim Überfahren der Wurzeln gering gehalten werden, um beim Überrollen nicht wegzurutschen.
Tricks wie die Roll-Offs an den Brillen und ein verlängertes Visier, werden für eine klare Sicht bis ins Ziel sorgen. Wenn ihr also mal ein Brillenglas vorne an das Visier des Helmes geklebt seht, das ist dafür da, den herabfallenden Regen vom Brillenglas fern zu halten.
Ein Griff an die Brille am Ende des Motoways zeigt das Ziehen eines Roll-Offs – ein Kunstoffstreifen, der nachgezogen wird und somit den vorherigen Dreck beiseite bringt.
Rider fliegt währernd des Mountainbike Downhill Events in Leogang 2021 durch die Luft.
Epische Flugphasen bei bestem Wetter bleiben wünschenswert.
Das Training und die Vor-Rennberichterstattung wird wohl vor allem viele Fahrer*innen zeigen, die an der Strecke stehen und suchen. Sie suchen die perfekte Linie, vor allem, ihre perfekte Linie. Denn persönliche Stärken müssen auf den vielseitigen Wurzelpassagen ausgenutzt werden, um den Vorteil zu erhaschen. Das wird deswegen spannend, weil die kürzere Linie in diesem Fall nicht zwangsläufig die schnellere Linie ist. Viele Variationen könnte den Livestream am Samstag richtig spannend werden lassen.
Ich werde auf jeden Fall mit Nervennahrung vorsorgen, denn mit einer guten Tüte Chips lässt sich die geballte Freude und Spannung doch gleich viel besser ertragen.
In diesem Sinne, frohes Mitfiebern und bis zur nächsten Inside-Lines.
Euer Jasper

Samstag ab 12:25 Uhr: Das DH Finale der Damen in Leogang live auf Red Bull TV

DH Finale der Damen – Leogang

Verfolge die Action beim DH-Rennen der Damen in Leogang, wo die schnelle & steile Strecke zum besten Downhill-Weltcup Stopp 2021 gewählt wurde.

Samstag ab 13:45 Uhr: Das DH Finale der Herren in Leogang live auf Red Bull TV

DH Finale der Herren – Leogang

Verfolge die Action beim DH-Rennen der Herren in Leogang, wo die schnelle & steile Strecke zum besten Downhill-Weltcup Stopp 2021 gewählt wurde.