Myriam Nicole auf dem Weg zu WM-Gold in Val di Sole.
© Bartek Wolinski / Red Bull Content Pool
MTB

Inside Lines #5: Weltmeisterschaft größer gleich Erfahrung

In seiner Kolumne fasst MTB-YouTuber Jasper Jauch alle Geschehnisse der Downhill-WM in Val di Sole zusammen und stellt fest: Erfahrung schlägt (in den meisten Fällen) Talent...
Autor: Jasper Jauch
6 min readveröffentlicht am
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UCI Mountain Bike World Championships

The UCI Mountain Bike World Championships return …

ItalienVal di Sole, Italien
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MTB · 5 Min
Das sind die Downhill Siegesfahrten aus Val di Sole.
Inside Lines – die Kolumne zum UCI Mountain Bike World Cup mit Jasper Jauch: #5 Nach der WM in Val di Sole.
Ehrlich gesagt war ich auf dem Weg zum Ort meines diesmaligen WM-Schauplatzes fast genauso nervös, wie damals auf dem Weg zur Strecke, als ich in Val di Sole noch World Cup gefahren bin.
Ein Grund war, dass ich zum ersten Mal eine Weltmeisterschaft für Red Bull kommentieren durfte und Angst hatte, ich könnte es vermasseln. Ein anderer Grund war jedoch, dass es noch nie so offen und unvorhersehbar war, wer nach dieser WM-Strecke das Podium besetzen wird.
Mountainbike-Star Greg Minnaar feiert den gewinn der Weltmeisterschaft in Val di Sole, Italien.
Der GOAT hat seine Erfahrung genutzt und die Jungen hinter sich gelassen!
Warum ist die WM etwas so besonderes im Vergleich mit einem Weltcup?
Nun, wie der Name ja schon sagt, danach wäre man Weltmeister und nicht nur Weltcup-Sieger. Und genau darum geht es, ein Lauf, ein Trikot und eine Goldmedaille. Das ist ziemlich viel Trubel für eine Abfahrt die gerade mal 3:28 Minuten dauert.
Dieser besondere Titel ist eben einmalig und unwiderruflich.

Sieh dir hier die ganze Downhill-Action der Männer aus Val di Sole noch einmal an:

Bike
Downhill – Herren
Dazu kommt dann noch, dass die Teilnahme nicht wie sonst über das Anmeldeformular der UCI funktioniert, sondern dass der jeweilige Landesverband nur ein limitiertes Kontingent an Fahrern für die WM melden darf. Dementsprechend kommen nur die aus dem nationalen Kader nominierten Fahrer bei der WM auf die Strecke, um im Nationaltrikot die Landesflagge zu vertreten.
Aber es gibt noch mehr Organisatorisches, das den Fahrer aus seiner gewohnten Weltcup-Routine reißt. Normalerweise gibt es nur sehr knapp bemessene Trainingszeiten. Die Rennsportler müssen demnach früh auf Tempo kommen und sich nicht schonen, sondern das Maximale aus der Trainingszeit rausholen. Linienwahl, Data Recording für das Fahrwerk, Schlüsselstellen beurteilen, Fahrwerk einstellen und testen und, und, und… das muss alles in das Training gepackt werden.
Bei der WM, da hast du ganze vier Tage Zeit, dich auf alles in Ruhe einzulassen. Und somit auch genug Zeit, deine Akkus bereits leer zu fahren.
Also ganz klar, das Highlight jeder Saison.
Mountainbike-Profi Luca Shaw konzentriert sich vor dem Warm-Up in Val di Sole.
Fokus vs. Mentaler Druck: Luca Shaw konzentriert sich vor dem Warm-Up.
Val di Sole beschreibe ich immer gerne als einen 3 Minuten K.O.-Kampf: Du bekommst von oben bis unten „auf die Schnauze“ und weißt, nach 3 Minuten bist du K.O., die Strecke geht dann aber noch knapp eine halbe Minute. Und genau das ist für viele Fahrer das Problem gewesen. Vier Trainingstage auf einer Strecke, die körperlich so anstrengend ist, wie keine Andere, birgt viel Risiko, sich vor dem Rennen müde zu fahren und zu viel mentalen Druck aufzubauen.
Es ist steil und dabei aber auch sehr grob. Immer wieder muss man das Rad umsetzen, in eine Steile Sektion lupfen, oder von einem Wurzelteppich zum nächsten „gapen“ – also springen. Und genau dabei muss man immer wieder Kraft und Körperspannung nutzen, um die Linie präzise zu treffen. Falls nicht, braucht man dann noch mehr Kraft, um bei den herumliegenden Steinen und Absätzen nicht zu stürzen.
Mounatinbike-Profi Finn Iles bei der MTB-WM in Val di Sole.
Finn Iles, der junge Hüpfer beim Abziehen für ein Wurzelgap.
Dabei ist das Fahrwerk natürlich ein absolut wichtiger Faktor. Die Balance zwischen Laufruhe, also optimaler Dämpfung der vielen Schläge und der Progressivität für genügend Widerstand in den harten Kompressionen, war die Schlüsselaufgabe der Woche.
Die Fahrer stauten sich fast am Fox Race Support Truck, um mit den Mechanikern über ihre Wahrnehmung und Probleme auf der Strecke zu sprechen. Für einige sind die mittlerweile genauso wichtig, wie der Physiotherapeut, wenn nicht sogar wichtiger.
Mountainbike-Profi Laurie Greenland fährt über das extrem steile, massive Steinfeld der WM-Strecke in Val di Sole.
Laurie Greenland im extrem steilen, massiven Steinfeld der WM-Strecke.
Und dadurch wird in meinen Augen das entstandene Podium auch erklärbar.
Greg Minnaar ist einer der sichersten Fahrer, die ich kenne. Kein Mensch kennt sein Limit auf der Strecke besser als er. So gut wie nie stürzt er, braucht lediglich Bestätigung für seine Ideen am Bike oder im Training, da er genau weiß, was zu tun ist, um schneller zu werden.
Er hat bewiesen, dass sich Taktik und Erfahrung auszahlen.
Am ersten Trainingstag war er bereits sehr schnell unterwegs. Seine Erkenntnis: Erstens, dass er sich mehr Zeit lassen muss, um auf Speed zu kommen. Zweitens, dass er die vier Tage nutzen muss, aber keine unnötige Kraft zu verschwenden hat. Beides spricht Bände in Punkto Selbstwahrnehmung.
Mountainbike-Profi Greg Minnaar nutzt seine Erfahrungen auf der komplexen WM-Rennstrecke in Val di Sole.
Greg Minnaar nutzt seine Erfahrungen auf der komplexen Rennstrecke.

Sieh dir hier die ganze Downhill-Action der Frauen aus Val di Sole noch einmal an:

Bike
Downhill – Damen
Bei den Frauen kann man über Myriam Nicole ähnliches erzählen. Oft genug hat sie bewiesen, dass sie mit Druck umgehen kann, und dass sie sich mit neuen großen Herausforderungen anfreunden kann. Ihr Lauf war sensationell stark und zeigte eindrucksvoll ihre körperliche als auch mentale Überlegenheit.
Kleiner Technik-Exkurs: An Ihrem Bike wurde eine Bremsmomentabstützung montiert, damit sie auf der steilen Strecke durch das viele Bremsen, trotzdem eine feinfühlige Dämpfung am Heck behält. Hinterbausysteme mit einem Hauptgelenk, werden durch die Kraft des Bremsens oft stark beeinträchtigt.
Mountainbike-Profi Myriam Nicole mit ihrem umgebauten WM-Bike vor der WM in Val di Sole.
Myriam Nicole mit ihrem umgebauten WM-Bike.
Zurück zum Podium:
Nicht nur die langjährige Erfahrung hat sich einen Platz auf dem Treppchen verdient. Auch die routinierten jungen Fahrer konnten sich beweisen. Troy Brosnan wie immer unfassbar konstant, bringt sich mit einem sauberen Lauf auf Rang 3.
Benoit Coulanges, der sich so stetig vom Junior zur Elite, von ganz unten nach ganz oben vorarbeitet. Mit französischer Mentalität steht sein Vater immer parat, um ihn bei den Rennen zu unterstützen.
Gleiches wie bei Coulanges, könnte man auch über Marine Cabirou sagen. Die ganze Familie steckt hier voll mit Rennfahrer Genen.
Leider hat sich bei Vali Höll die fehlende Erfahrung gezeigt. Ein kleiner Patzer in der Einfahrt zu einer steilen Schlüsselsektion kostet sie das Gleichgewicht und resultiert in einem Sturz. Als Qualifikationsschnellste hatte sie sehr gute Chancen auf Gold, das jetzt leider noch warten muss. Aber ehrlich gesprochen: Ich bin mir sicher, dass wir sie noch im Weltmeisterinnen-Trikot sehen werden.
Es ist schön zu sehen, dass der Downhillsport eben nicht nur von Talent abhängig ist, sondern dass es Zeit braucht, seine Geschwindigkeit, mit dem mentalen Druck, dem Training und dem Bike in Einklang zu bringen. Es ist und bleibt ein wahrer Formel 1 Sport.
Mountainbike-Profi Vali Höll auf dem Weg zur kompletten Rennfahrerin bei der MTB-WM in Val di Sole.
Vali Höll auf dem Weg zur kompletten Rennfahrerin.
Ebenfalls war es für mich ein wahres Geschenk, ein Rennen unbeeinflusst vom Wetter zu kommentieren und am Ende noch dem erfolgreichsten Fahrer aller Zeiten gratulieren zu können: Greg Minnaar hat mit 39 Jahren als ältester Weltmeister überhaupt wieder mal Geschichte geschrieben.
Für nächste Woche in Lenzerheide sind die Karten also neu gemischt. Bruni und Vergier sind hungrig wie nie. Daprella, Greenland, Pierron und Höll haben noch Rechnungen offen. Es bleibt also spannender denn je, beim Weltcup-Stopp in der Schweiz.
Übrigens auch wieder in gewohnter Qualität bei RedBull.TV zu sehen.
Ich bin jetzt schon aufgeregt und freu mich, nächste Woche von vor Ort erzählen zu dürfen.
Bis dahin.
Euer Jasper
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