Fußball

Jesse Marsch im Interview über die Meistersaison und seine Ambitionen

© GEPA pictures/Christian Walgram
Nachdem Jesse Marsch als erster Amerikaner einen großen Ligatitel in Europa holen konnte, spricht er nun über seinen Stil, seinen Glauben an die Kraft der Vielfalt und warum Ajax ein Vorbild ist.
Autor: Matt Majendieveröffentlicht am
Mit dem 3-0-Sieg über TSV Prolactal Hartberg hat sich Red Bull Salzburg den unglaublichen siebten österreichischen Bundesliga-Titel in Folge sichern können und damit Jesse Marsch zum ersten amerikanischen Coach gemacht, der in Europa als Trainer einen wichtigen Ligatitel gewinnen konnte.
Darüber hinaus bestätigte es sich, dass der 46-Jährige aus Wisconsin bei Red Bull Salzburg das perfekte Umfeld gefunden hat. Optimismus, Selbstvertrauen und der unbändige Glaube an seinen Kader von Spielern aus 13 verschiedenen Nationen sind nach wie vor ungebremst und nach einer schwierigen Phase in der Mitte der Saison, ist sein Team noch stärker zurückgekommen, um sich den begehrten Meisterteller zu schnappen.
Die Salzburger haben in der aktuellen Saison die unglaubliche 100-Tore-Marke geknackt - und das zwei Spiele vor Ende der Saison. Nach den Transfers im Januar von Erling Haaland und Takumi Minamino, haben sich Spieler wie der sambische Stürmer Patson Daka (24 Saisontore) in die Herzen der Fans gespielt.
Der sambische Mittelfeldspieler Enock Mwepu feiert den Meistertitel, nach dem 3-0-Erfolg gegen TSV Hartberg.
Der sambische Mittelfeldspieler Enock Mwepu feiert den Meistertitel
Den Bullen gelang aber nicht nur der Sieg der Meisterschaft: Sie konnten ebenso den österreichischen Cup für sich entscheiden und schafften mit der Qualifikation für die Gruppenphase der besten Liga der Welt, der Champions League, den längst überfälligen Durchbruch in Europa. Dort spielten sie groß auf, holten sich die ersten Siege im Top-Bewerb und schrammten nur knapp am Einzug ins Achtelfinale vorbei.
Wir sind auf der internationalen Bühne angekommen, und jetzt ist es unsere Aufgabe, dort zu bleiben.
Jesse Marsch
Marsch hofft nun, dass sich seine Mannschaft als Stammkunde auf der internationalen Bühne etablieren kann und ihren Ruf, herausragende Spieler hervorzubringen, weiter ausbaut.
Rasmus Kristensen in der UEFA Champions League beim denkwürdigen Match gegen den KRC Genk in der Red Bull Arena in Salzburg, Österreich, am 17. September 2019.
Red Bull Salzburg feiert seinen Erdrutsch-Sieg über Genk
„Mein Ziel für diesen Club ist es, wie Ajax zu werden," meint er. „Es geht nicht nur darum, junge Talente und einheimische Champions zu fördern, sondern eine tragende Rolle in der Champions League zu spielen."
„Jahrelang haben wir es nicht über die Hürde der Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League geschafft. Jetzt wollen wir jedes Jahr dabei sein. Das treibt mich an. Wir sind auf der internationalen Bühne angekommen, und jetzt ist es unsere Aufgabe, dort zu bleiben."
Aber Marschs Weg zum europäischen Meistertitel als erster amerikanischer Trainer war ein langer.
Ausschlaggebend für den Erfolg war mit Sicherheit die siebenjährige Verpflichtung als Spieler in der MLS bei Chicago Fire, die genau begann, als Michael Jordan seinen „letzten Tanz" bei den Bulls in vollen Zügen genoss.
Nachdem er seinen ersten hochkarätigen Trainerjob bei Montreal Impact verlor, begab er sich mit seiner jungen Familie auf ein unvergessliches Backpacking-Abenteuer, das sie ins Himalaya-Gebirge, zu den Pyramiden und zum Taj Mahal führte.
Im nächsten Engagement in der MLS war er hauptverantwortlich für die längste Siegesserie in der Geschichte der New York Bulls, bevor er schließlich als Assistent zu RB Leipzig wechselte und infolgedessen seinen ersten großen Managerposten in Europa bekam.
Beim Blick zurück auf härtere Zeiten meint er: „In den USA hatte ich den Ruf, arrogant und übertrieben selbstbewusst zu sein. Ich bin selbstbewusst und habe Selbstvertrauen und ich war ernsthaft besorgt darüber, nicht den richtigen Club zu finden, der dieselbe Philosophie wie ich verfolgt."
„Wenn wir in die Gegenwart vorspulen, hat man mich ein bisschen so behandelt, als würde ich an der Spitze des Coachings stehen, aber ich bin auch heute immer noch so ziemlich derselbe wie vor fünf oder sechs Jahren. Der Grat zwischen Erfolg und Niederlage ist extrem schmal. Letztendlich habe ich gelernt, an den Dingen festzuhalten, an die man glaubt, und sich nicht zu sehr in zu negative oder zu positive Einflüsse zu vertiefen."
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„Ich denke der Unterschied ist, dass ich ein sehr positiver und optimistischer Mensch bin - ich glaube an die Menschen. Ich habe diesen Antrieb und ausgeprägten Wettbewerbswillen, den Glauben daran, dass ich der Beste sein kann. Das ist sehr amerikanisch, etwas naiv, einfach amerikanischer Unsinn!"
Ein großer Teil jedes Erfolgs ist die Wertschätzung des Multikulturalismus.
Jesse Marsch
Marschs Glaube an die Power des Multikulturalismus begleitet ihn bereits seit seinen ersten Tagen in der Welt des Fußballs. Es ist eine der vielen Facetten, die für seine Trainerphilosophie und den erfolgreichen Ansatz mit Salzburg von zentraler Bedeutung ist. Stürmer Daka und sein sambischer Landsmann Enock Mwepu, der südkoreanische Stürmer Hwang Hee-chan und der Mittelfeldspieler aus Ungarn Dominik Szoboszlai glänzen wahrlich unter seiner Führung.
„Vielfalt bedeutet für mich, in den USA aufzuwachsen und Fußball zu spielen. In den Jugendclubs von Milwaukee haben wir gegen Mannschaften gespielt, die Serbians, Polonia, Bavarians, Chivas hießen. Es war wie in einer ethnischen Liga zu spielen. So wurde ich schon im jungen Alter mit der vielfältigen Welt des Fußballs konfrontiert."
„Ein großer Teil jedes Erfolgs ist die Wertschätzung des Multikulturalismus. Man muss sich der Welt, und allem was dazugehört, preisgeben. Solche Erfahrungen machen dich vielseitiger und zu einem besseren Menschen."
Patson Daka und Hwang Hee-chan trafen beide beim 3-0-Sieg von Red Bull Salzburg gegen TSV Hartberg
Patson Daka und Hwang Hee-chan trafen beide beim 3-0-Sieg über TSV Hartberg
Erst kürzlich setzte Marsch bei einem Ligaspiel ein starkes öffentliches Statement, indem er eine selbstgemachte Black Lives Matter-Armbinde trug, während er an der Seitenlinie stand und von seiner Unterstützung im Kampf gegen Rassismus sprach.
„Es gibt noch so viel zu tun, um die Gehässigkeit und die negativen Kernüberzeugungen von rassistischen Menschen aufzudecken," sagt Marsch. „Jetzt scheint es eine weit verbreitete Bewegung zu geben, mit Menschen, die Black Lives Matter-Shirts und -Armbänder tragen. Wir dürfen Null-Toleranz zeigen gegenüber Menschen, die andere Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminieren."
„Wir müssen Menschen an ihren Taten messen und sie so behandeln, wie sie es verdient haben."