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Sei es nun „Divinity: Original Sin 2“, „Torment: Tides of Numenera“, „Elex“, „Mass Effect: Andromeda“, "Xenoblade Chronicles 2" oder „The Elder Scrolls V: Skyrim“ für Switch und PS VR – die großen Rollenspiele des letzten Jahres waren vor allem in fiktiven Zukunfts- oder Fantasy-Settings angesiedelt. RPG-Enthusiasten mit einem Faible für historische und realistische Szenarien hingegen hatten das Nachsehen. Mit dem seit fast sieben Jahren in der Entwicklung befindlichen „Kingdom Come Deliverance“ will der im tschechischen Prag ansässige Entwickler Warhorse Studios diesem Missstand Anfang Februar nun ein Ende bereiten und einen tatsächlichen Konflikt des Mittelalters wiederaufleben lassen. Wie gut dieser auf Realismus getrimmte Drahtseilakt gelingt, konnten wir kürzlich auf einem Hands-On-Termin bei Publisher Deep Silver in München herausfinden.
Wir schreiben das Jahr 1403. Wenzel der Vierte, Sohn des verstorbenen Karl IV., wurde gerade zum König von Böhmen ernannt. Sein machtbesessener Halbbruder Sigismund ist von dieser Entwicklung jedoch keineswegs entzückt und entschließt sich kurzerhand, Wenzel mit tatkräftiger Unterstützung der gefürchteten Kumanen zu kidnappen.
Heinrich – Protagonist des Spiels und Sohn eines renommierten Schmieds – gerät zwischen die Fronten dieses tobenden Konflikts und muss mit ansehen, wie Wenzels Invasionstruppen sein Dorf niederbrennen. Auch seine Familie wird dabei ermordet, weshalb sich Heinrich schon bald entschließt, Rache zu üben und alles daran zu setzen, Sigismund aus seiner Heimat zu vertreiben.
Bis die Krone an ihren rechtmäßigen Besitzer zurückgeht, solltet ihr mindestens 40 bis 50 Spielstunden einplanen. Denn mehr als 80 verschiedene Missionen stehen auf der Agenda und führen euch kreuz und quer durch die faszinierende, circa 16 Quadratkilometer große Open-World. Das Besondere bei „Kingdom Come Deliverance“: Mit Hilfe von GPS-Daten, Satellitenbildern, geschichtlichem Kartenmaterial und der Unterstützung von Historikern wurde eine Welt erschaffen, die das Areal zwischen den mittelböhmischen Städten Rataje nad Sázavou und Sázava so abzubilden versucht, wie es vor mehr als 700 Jahren ausgesehen hat. Kostprobe gefällig? Dann schaut euch hier mittels Streetview mal das noch heute existierende Kloster Sázava an und vergleicht es mit den Screenshots aus dem Spiel.
Doch damit nicht genug. In Zusammenarbeit mit Malern und Historikern modellierten die Entwickler nicht nur die Gebäude nach, sondern auch Tausende alltägliche Gegenstände der damaligen Zeit – vom klapprigen Viehkarren über kunstvoll geformte Helme bis hin zu unterschiedlichsten Waffen. Ziemlich beeindruckend!
Ein einziger Volltreffer kann den Tod bedeuten
Spielerisch betrachtet steht das Stichwort Realismus ebenfalls klar im Vordergrund. Das beginnt schon beim Kampfsystem. Letzteres bezieht seinen Reiz unter anderem daraus, dass die Körper der Spielfiguren in unterschiedliche Trefferzonen (Arme, Beine, Oberkörper, Kopf) unterteilt sind, die sich individuell anvisieren lassen und je nach angelegter Rüstung physikalisch korrekt auf Waffeneinwirkung reagieren.
Ein Beispiel: Attackiert ihr mit einem Zweihänder die Oberkörperrüstung eines Ritters, zeigt sich dieser in der Regel relativ unbeeindruckt, da die Klinge an den Metallplatten einfach abprallt. Rüstungsschädigende Waffen wie beispielsweise ein Streithammer oder ein Morgenstern richten gegen einen solchen Widersacher dagegen deutlich mehr Unheil an. Gleiches gilt, wenn ihr die ungeschützten Körperstellen eures Gegenübers gezielt ins Visier nehmt.
Trägt besagter Ritter also beispielsweise keinen Helm, sind Kopftreffer die beste Strategie, ihn im Handumdrehen zu Fall zu bringen. Witzige Details am Rande: Tragt ihr selbst einen Helm mit Visier, schränkt dies eure Sicht realistisch ein. Waffen wiederum verschleißen mit der Zeit und müssen beim Schmied instand gesetzt werden, damit sie nicht zerbrechen und ihren Nutzen verlieren.
Bogenschießen erfordert Fingerspitzengefühl. Ein Fadenkreuz gibt es nicht
© Warhorse Studios / Deep Silver
Fast jeden Aspekt durchdacht
Doch auch abseits des Kampfsystems schimmert die Realismus-Versessenheit der Warhorse Studios überall durch. Kleidung aus Stoff etwa saugt sich bei Verletzungen mit Blut voll, was in vielen Situationen neugierige Blicke auf sich zieht. Lebensmittel verrotten bei zu langer oder unsachgemäßer Lagerung, was Krankheiten verursachen kann. Sprints zehren – je nach Gewicht von Rüstung und Gepäck – an Heinrichs Ausdauer, was Verschnaufpausen zur Folge hat. Dokumente können erst entschlüsselt werden, wenn die Spielfigur lesen gelernt hat und so weiter.
Ja, selbst für das Speichersystem haben sich die Tschechen etwas Pfiffiges überlegt. Konkret: Um abzuspeichern, muss sich Heinrich einen Pflaumenschnaps hinter die Binde kippen, den beliebten Slivovice. Tut er das jedoch zu häufig (sprich speichert ihr in zu kurzen Abständen ab), wird die Spielfigur besoffen. LangfristigerAlkoholkonsum kann letztendlich sogar krank machen. Eine clevere Idee, zumal sie ganz nebenbei dafür sorgt, dass die nötige Herausforderung gewahrt bleibt.
Aufstehen, ackern, ausruhen
Schön auch das KI-Verhalten der Nichtspieler-Charaktere. Ob Müller oder Magd, Händler oder Schankwirt – jeder NPC folgt einem individuellen Tagesablauf. Im Probespiel konnten wir zum Beispiel beobachten, wie Soldaten tagsüber auf der Stadtmauer patrouillieren und sich des Nachts auf Strohbetten im Turm schlafen legen – Wachablöse mit ausgeschlafenen Kameraden inklusive.
Oder nehmen wir die Bauern draußen auf dem Feld. Auch sie kehren bei Einbruch der Dunkelheit in die Orte zurück, legen sich schlafen oder heben zum Ausklang des Tages vielleicht noch ein Bier oder zwei in der Kneipe.
Welcher NPC wie tickt, lässt sich durch Observation herausfinden und taktisch klug nutzen. Wer beispielsweise eine Zielperson ohne direkte Konfrontation aus dem Verkehr ziehen möchte, kann sich tagsüber – wenn sich das Opfer gerade den Buckel krumm schuftet – in sein Haus schleichen und das Essen vergiften. Aber Obacht: DieBürger in „Kingdom Come Deliverance“ sind sehr aufmerksam und schlagen sofort Alarm, wenn sie Hausfriedensbruch, Diebstahl und andere Delikte beobachten.
Das Kloster im Hintergrund ist nur eine von knapp 1000 Sehenswürdigkeiten
© Warhorse Studios / Deep Silver
Werdet ihr auf frischer Tat ertappt, eilt in der Regel eine Wache heran, die euch dann zur Rede stellt. Typisch „Kingdom Come Deliverance“: Das nötige Gesprächsgeschick (und/oder Kleingeld) vorausgesetzt, könnt ihr eurer Gegenüber im nun folgenden Multiple-Choice-Dialog von eurer Unschuld überzeugen und so mit etwas Glück einem mehrtägigen Kerkeraufenthalt oder Schlimmerem entgegenwirken.
Allerdings greift auch hier das komplexe Reputations-System des Spiels. Wer also mit der Wache schon mal einen Disput hatte oder aufgrund zu vieler Verbrechen bereits öffentlich geächtet wurde, sollte sich keine allzu große Chancen ausmalen und erst einmal daran arbeiten, sein eigenes Image wieder auf Vordermann zu bringen. Tut ihr nämlich über längere Zeit Gutes, kann sich eure Reputation natürlich auch wieder zurück in eine positive Richtung entwickeln.
Allein die Klostermission wird euch locker mehrere Stunden beschäftigen
© Warhorse Studios / Deep Silver
Viele Wege führen zu Sigismund
Ein weiteres Highlight der Vorabversion ist das abwechslungsreiche Missionsdesign. Nach kurzen Botengängen und einem sehr detailliert ausgearbeiteten Schwert- und Bogentraining ging es im Probespiel unter anderem darum, ein feindliches Lager zu erobern. Das Interessante hier: Wie so oft in „Kingdom Come Deliverance“ führen mehrere Wege zum Ziel. Wer beispielsweise die Reihen der feindlichen Bogenschützen ausdünnen möchte, kann diese in Nahkämpfe verwickeln oder sie aus der Distanz mit dem Bogen beharken (Achtung: in diesem Spiel gibt’s kein Fadenkreuz!). Oder ihr analysiert zunächst aufmerksam die Umgebung, entdeckt dabei einen riesigen Heuhaufen in der Nähe der Befestigungsmauer und setzt diesen in Brand – woraufhin die tosende Feuersbrunst knapp 2/3 der feindlichen Bogenschützen ins Verderben reißt.
Am meisten Eindruck schindete allerdings die Klostermission. Ausgangspunkt hier: Um eine Zielperson zu finden und zu liquidieren, muss Heinrich ein Kloster infiltrieren. Aber nicht in klassischer „Assassin’s Creed“-Manier, sondern indem er selbst Teil der dort lebenden Glaubensgemeinschaft wird.
Ihr müsst also all eure Waffen ablegen, in eine Mönchskutte schlüpfen, am Alltag innerhalb des Klosters teilnehmen (beten, schlafen etc.) und nebenbei durch Beobachtung und Gespräche herausfinden, wer auf das Profil der Zielperson passt. Im wahrsten Sinn des Wortes ein Heidenspaß!
Auf dem Rücken eines Pferds erkundet man die Spielwelt am schnellsten
© Warhorse Studios / Deep Silver
Ausblick
Respekt, was der tschechische Entwickler Warhorse Studios bisher gezeigt hat, birgt riesiges Potential. Ob Darstellung der Umwelt, Verhalten der Charaktere, Glaubhaftigkeit des Kampfsystems, Vielfalt der Dialogmöglichkeiten oder Detailversessenheit der jederzeit abrufbaren historischen Zusatzinformationen – „Kingdom Come Deliverance“schickt sich an, der neue RPG-Realismus-Champion zu werden und sieht auch grafisch ziemlich ordentlich aus.
Nicht zu vergessen der riesige Umfang: Allein das Abschließen des roten Storyfadens soll euch laut Entwickler rund 40 bis 50 Stunden beschäftigen – kein Wunder bei einem Skript, das mit 650.000 Wörtern länger ist als das Alte Testament! Dazu gesellen sich mehr als dreieinhalb Stunden Cutscenes, über 100 unterschiedliche Waffen und mehr als 1.000 NPCs, die nicht selten tatsächlich existierenden Personen nachempfunden wurden. Abzuwarten bleibt allerdings, wie bugfrei das Gesamtkonstrukt am Ende funktioniert. Die Vorabversion nämlich hatte noch mit dem ein oder anderen kleinen aber störenden Programmfehler zu kämpfen.
Sofern Spieldirektor Daniel Vávra und sein Team diese Wehwehchen bis zum 13. Februar 2018 auf allen drei Plattformen (PC, PS4, Xbox One) ausbügeln, dürften sich Mittelalter-Fans hiervon aber nur schwer losreißen können.