Lara Lessmann und ihr BMX gehören zusammen.
BMX

Lara Lessmann ist bereit, zu liefern – allen Widerständen zum Trotz!

© Marcel Lämmerhirt/Red Bull Content Pool
Straight outta Flensburg: Lara Lessmann könnte das Frauen-BMX revolutionieren. Talent, Commitment und Drive hat sie im Überfluss. Zeit, dass sie in Tokio die Bühne bekommt, die sie verdient.
Autor: Henner Thiesveröffentlicht am
BMX · 4 Min
Weg vom Gewohnten! Im Video shreddet Lara Lessmann auf neuem Terrain
Mit 20 Jahren hat Lara Marie Lessmann auf dem BMX mehr erreicht, als manche sich erträumen: Mit 17 holt sie Freestyle-Silber bei der WM in China, bei den Jugend-Sommerspiele 2018 in Argentinien sogar Gold, bei der EM 2019 in der Schweiz abermals Silber. Hinzu kommen zahlreiche Top 3 Platzierungen und Siege beim UCI World Cup. Kurzum: Lara ist eine wahre Wettkampf-Maschine und auf dem BMX nicht zu stoppen – vor allem nicht, wenn es drauf ankommt.
„Wenn ich Druck habe, kann ich besser arbeiten, weil ich dann abliefern muss. Das brauche ich“, sagt Lara über die Freisprechanlage ihres Autos. Gerade ist sie auf dem Rückweg vom Krafttraining im OSP Berlin. Am Nachmittag geht es in der Trampolinhalle weiter – Saltos einstudieren. „Ich bin zwar vor jedem Contest-Run nervös und mir ist ein bisschen schlecht, aber sobald ich in die Pedale trete, ist das alles weg“, sagt Lara. „Dann habe ich nur noch Bock zu liefern.“
BMX-Ass Lara Lessmann in Action beim Contest Run bei den Simple Sessions in Estland.
Bar-Spinning and winning: Lara beim Simple Sessions in Estland.
Wenn ich Druck habe, kann ich besser arbeiten.
Laras Selbstvertrauen ist gut begründet. Kurz vor ihrem 21. Geburtstag ist sie in der Verfassung ihres Lebens, hungrig und bereit, der Welt zu zeigen, was sie kann. Sie will beweisen, dass Frauen den Männern in ihrem Sport in nichts nachstehen. „Ich bin früher immer bei den Männern mitgefahren, weil es für Frauen keine eigenen Klassen gab“, erinnert sich Lara an ihre ersten Contests. „Als ich anfing, sogar bei den Männern zu gewinnen, dachte ich: da geht vielleicht sogar mehr!“
Wie viel mehr da geht, das will Lara in Tokio beweisen – bei dem Großereignis, auf das sie seit nunmehr vier Jahren hinarbeitet.

Zwischen Himmel und Förde: In Flensburg kommt das Phänomen Lara ins Rollen

Wir schreiben das Jahr 2009. Barack Obama wird US-Präsident und Lara Lessmann verdient sich im fernen Flensburg ihr erstes BMX. Ein scheinbar unbedeutendes und doch weitreichendes Ereignis. „Meine Eltern wollten erstmal wissen, wie ernst ich es meine, also habe ich statt einem teuren BMX zuerst Inliner bekommen“, erzählt Lara. Weil Lara ab diesem Tag jeden Tag nach der Schule bis spät abends im Skatepark ist, haben ihre Eltern nach knapp einem Monat ein Einsehen und schenken Lara ihr erstes BMX. „So hat alles angefangen“, lacht Lara.
Es sind Anekdoten wie diese, die Laras unbändigen Willen illustrieren, ihr unumstößliches Commitment. „Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann ziehe ich sie durch“, sagt sie. So war es auch mit dem BMX-Fahren, das für die damals 9-Jährige sofort zur Sucht wird. Jeden Tag verbringt sie im Skatepark. Sonne, Regen, kalt, nass – völlig egal. Lara ist immer die erste, die kommt und die letzte, die geht.
BMX-Ass Lara Lessmann posiert für ein Foto-Porträt in Berlin.
Lara Lessmann: Fest entschlossen, die BMX-Welt zu begeistern.
Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann ziehe ich sie durch.
„Je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich im Skatepark und dem zugehörigen Verein, den Sportpiraten, engagiert, habe BMX-Workshops gegeben oder Jugendarbeit geleistet“, erzählt Lara. Aus dem Sport wird ein allumfänglicher Lifestyle, den Lara im BMX- und Skatepark Schlachthof jeden Tag lebt und mit Gleichgesinnten teilt. Auch ihren ersten Contest fährt Lara im Skatepark in Flensburg. Später reist sie mit den Sportpiraten zu ihrem ersten internationalen Wettkampf nach Kroatien und geht in Spanien auf ihren ersten „echten BMX-Roadtrip“, wie sie sagt. Und doch ist es 2017 Zeit, ihre geliebte Heimat zu verlassen.

Große Träume im Dicken B – Berlin katapultiert Lara aufs nächste Level

Noch in Flensburg dämmert Lara, dass im BMX vielleicht mehr möglich ist, als hier und da einen Contest zu fahren. Im selben Jahr ist amtlich, was schon länger vermutet wurde: In Tokio wird erstmals auf größter Bühne BMX Freestyle gefahren. Für Lara perfektes Timing und Grund genug, nach Beendigung der Realschule in Flensburg zur Eliteschule des Sports in Berlin zu wechseln. Auch wenn die Entscheidung Lara nicht leichtfällt, ist sie „rückblickend die beste Entscheidung meines Lebens“, wie sie sagt.
Das neue Umfeld, die Nähe zum Trainings-Stützpunkt, die Förderung durch die Sportschule und neue Sponsoren verleihen Lara ab dem ersten Moment im Dicken B buchstäblich Flügel. Die Trainingsmöglichkeiten im Mellowpark, den sie seither ihr Zuhause nennt, tun ihr Übriges. „Mit dem Umzug nach Berlin bin ich erwachsener geworden“, bekräftigt Lara. Und – sie kann sich erstmals voll und ganz auf ihren Sport konzentrieren. Zusätzlich zum Training auf dem Bike beginnt Lara mit dem Krafttraining und fliegt schon bald mit dem deutschen Kader von einem internationalen Contest zum nächsten. Besonders in Erinnerung ist Lara jedoch ein Solo-Trip, der für die damals 18-Jährige zum absoluten Schlüsselerlebnis gerät.

Die X-Games als X-Faktor

BMX-Ass Lara Lessmann beim Training im Mellowpark Berlin.
Sky is the limit – für Lara zumindest. Hier beim Training in Berlin.
„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“, hat Goethe mal gesagt. Wäre er BMX gefahren, hätte er Lara direkt zu den X-Games geschickt. Glücklicherweise ist Lara Lessmann 2018 selbst auf diese Idee gekommen: Nach einem Weltcup-Stopp in Kanada fliegt die 18-Jährige nicht mit dem deutschen Kader gemeinsam nach Hause, sondern alleine weiter nach Minneapolis, zu den X-Games. „Das erste Mal komplett alleine in der großen weiten Welt“, erinnert sich Lara: „Alleine fliegen, alleine das Hotel beziehen, alles alleine organisieren und entscheiden – das hat mich nachhaltig verändert!“
Tags darauf steht Lara als absoluter Nobody im gigantischen, voll besetzten U.S. Bank Stadium in Minnesota neben zahlreichen Superstars, kann vor lauter Überwältigung und Glücksgefühlen keinem ihrer Sinne trauen, fährt trotzdem eine Live-Demo und liefert ab – mal wieder. „Überraschenderweise kamen danach einige meiner BMX-Idole auf mich zu und meinten: Hey, du bist doch die und die, cool, dass du hier bist. Dass die mich kannten und respektiert haben, hat mich total umgehauen“, so Lara. „Im zweiten Moment dachte ich: Wenn das hier geht, dann geht alles!“
Lara Lessmann entgeht kein Detail.
Lara Lessmann entgeht kein Detail.
Drew Bezanson hat mich auf meinem Werdegang mega gepusht, dafür bin ich ihm sehr dankbar.
„Sky is the limit“, sagt der Amerikaner und hat Recht. Darin bestärkte Lara wenig später bei der WM in Chengdu auch BMX-Ass Drew Bezanson. „Drew hat mich auf meinem Werdegang seit unserem ersten Treffen mega gepusht“, sagt Lara. „Dafür bin ich ihm sehr dankbar.“ In den folgenden Jahren bleiben Lara und Drew in engem Kontakt. Einmal besucht Lara Drew in seinem Local Park in Nova Scotia, Kanada, trainiert mit ihm, bekommt wertvolle Tipps von ihrem einstigen Idol. „Da ist echt was Cooles entstanden“, freut sich Lara. Und Drew pusht und pusht. Mittlerweile schickt er Lara vor jedem Contest eine Nachricht mit gedrückten Daumen. Diese Art Unterstützung war und ist für Lara einer der wichtigsten Bausteine ihres Erfolgs. In Flensburg waren es die Sportpiraten, in Berlin sind es ihre Freunde und Trainer, die Lara helfen, jeden Tag weiterzukommen.

Eine Ausnahmeathletin im Ausnahmezustand – im doppelten Sinn

Ob in der Rück- oder Vorschau: Für Lara stehen alle Zeichen auf Erfolg. Das liegt zum einen an ihrem außerordentlichen Talent, zum anderen an ihrer makellosen Arbeitsethik. Das eine ist angeboren, das andere gelernt. Hinzukommt ihr unbändiger Wille, das Beste aus sich und den eigenen Fähigkeiten rauszuholen. Allen Widerständen zum Trotz. So fährt Lara zur Not auch mal vier Stunden von Berlin nach Bayern, um dort in einer angemessenen Halle trainieren zu können und schließlich, weil die Pandemie in dieser Phase keine Hotelübernachtungen zulässt, wieder vier Stunden zurück nach Hause.
Das klingt verrückt, doch die Trainingsbedingungen im Winter in Deutschland sind für BMX-Athleten „enorm schlecht“ bekräftigt Lara. „Es gibt hierzulande einfach viel zu wenig gute Hallen.“ Doch Lara wäre nicht die Ausnahmeathletin, die sie ist, wenn sie nicht auch aus dieser Situation das Beste machen würde. Statt im Winter-Trainingslager in Spanien oder Amerika in State-of-the-art Parks an neuen Kombos und Saltos zu feilen, begnügt sich Lara mit dem was möglich ist. Konkret heißt das viermal die Woche Kraft-, Ausdauer und Koordinationstraining, einmal die Woche wird im Mellowpark in der Schnitzelgrube trainiert.
BMX-Ass Lara Lessmann beim Sprung- und Saltotraining in die Schnitzelgrube des Mellowparks in Berlin.
Lara perfektioniert ihr Air-Game mithilfe der guten alten "Foam Pit".
Auf mein Kraft- und Ausdauertraining muss man erstmal klarkommen. Aber ich mache das gerne.
Unter Anleitung des Trainingswissenschaftlers Axel Noack stärkt Lara an zwei Tagen im OSP Berlin beim Krafttraining vor allem ihre Beine und ihren Rücken. An den zwei Ausdauertagen wird auf dem Ergometer zuerst mit intensiven Intervallen versucht, einen klassischen 1-minütigen Contest-Run zu simulieren. Es folgt ein Koordinationstraining, auf Balance-Board und Pezziball. „Auf mein Kraft- und Ausdauertraining muss man erstmal klarkommen“, gesteht Lara. „Aber ich mache das gerne, weil ich auf dem BMX merke, dass ich dadurch mehr Kraft und Kontrolle habe. Gerade bei Stürzen.“
Bleibt das BMX-Freestyle-Training, das momentan zwar etwas kurz kommt. Allerdings ist es Lara als Kadermitglieder erlaubt, jeden Mittwoch gemeinsam mit dem Bundestrainer Tobias Wicke intensiv in der Schnitzelgrube im Mellowpark zu trainieren. „Abgesehen davon trainiere ich, wie in Freestyle-Sportarten üblich, wo immer möglich mit meinen Freunden oder eben alleine. Selbst wenn man dafür acht Stunden im Auto sitzen muss. Doch wenn dort ihr Lieblingskünstler Cro läuft, verfliegen auch diese Stunden wie im Flug.

Nächster Halt: Stardom!

BMX-Ass Lara Lessmann posiert für ein Foto-Porträt in Berlin.
Lara Lessmann ist gesegnet mit großem Talent – und sie nutzt es.
In der Szene liebt man Lara. Weil sie ist, wie sie ist, weil sie sich nicht zu schade ist, die viel zitierte Extrameile zu gehen und nicht zuletzt, weil ihr Style „unique“ ist, wie sie sagt. „Ich fahre alles“, fasst Lara zusammen: „Ich kann gut springen, habe viel Style und Flow, weil ich die Rampen gut treffe, und auch meine Kombos sollen nicht so schlecht sein. Es heißt, ich hätte ein bisschen von allem. Ich glaube, das finden die Leute cool.“
Cool finden die Leute auch, dass Lara trotz ihrer frühen Erfolge voll und ganz auf dem Boden geblieben ist. Nichts ist ihr wichtiger als ihre Freunde, Zusammenhalt und Progression. Die nötige Inspiration holt sie sich für gewöhnlich via Instagram, auf den Kanälen von Lindsey Vonn, Drew Bezanson oder weiblichen internationalen BMX-Größen. „Social Media ist ein großes Thema in meinem Leben“, gesteht Lara. „Da schaue ich, dass ich immer auf dem neusten Stand bin.“
BMX-Ass Lara Lessmann schiebt ihr BMX durch ein altes Gebäude in Berlin.
Auf dem Weg, das Frauen-BMX zu verändern. Nächster Halt: Tokio.
Ich will den Leuten beweisen, dass auch Frauen krass BMX fahren können.
Bevor Laras Mittagspause endet und das Trampolintraining startet, erzählt sie noch von einem Traum, den sie zuletzt häufiger träumt: Er handelt von ihrem Final-Run in Tokio, bei dem sie all in geht. Wie so oft. Im Traum jubeln ihr tausende Zuschauer zu, sie spürt den Druck, aber den braucht sie ja, um liefern zu können. „Ich will den Leuten beweisen, dass auch Frauen krass BMX fahren können“, bekräftigt Lara noch einmal.
Sollte sie in Tokio die Chance dazu bekommen, wird sie liefern, oder? „Im Normalfall schon“, sagt Lara und lacht. „Und wenn nicht, dann eben das nächste Mal, ich bin ja erst 20.“