Leichtathletik
König der Athleten: Leos Weg vom College-Star zum Weltmeister
Rekordhalter, Weltmeister, Showman: Zehnkämpfer Leo Neugebauer ist der neue König der Athleten. Doch hinter der Punktemaschine steckt ein Typ, der lernen musste, den Kopf auszuschalten.
Der Lärm im Stadion von Tokio ist ohrenbetäubend, aber Leo Neugebauer hört – nichts. Kein Jubel, keine Musik, keine Durchsage. Nur den eigenen Atem.
1500 Meter trennen ihn noch vom Weltmeistertitel im Zehnkampf. Zwei Tage, neun Disziplinen liegen hinter ihm. Diskus, Stab, Weitsprung – alles on point. Jetzt kommt der Lauf, den Zehnkämpfer lieben oder hassen. Leo weiß: Wenn er jetzt die Nerven behält, wird aus einem Traum Realität.
Als er die Ziellinie überquert, geht das Licht aus. Völlig ausgepowert sinkt er auf die Bahn, Volunteers hieven ihn in einen Rollstuhl. Die Bilder gehen später um die Welt. Doch noch bevor sein Körper realisiert, was passiert ist, steht Leo wieder. Er reißt die Arme hoch, schreit seine Erschöpfung und Erleichterung in den Himmel über Tokio – mit 8.804 Punkten ist er Weltmeister. König der Athleten.
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Kindheit zwischen Tartanbahn und Spaß mit Kumpels
Leo Neugebauer wächst in Leinfelden-Echterdingen auf. Während andere Kinder Fußballstickers sammeln, hat er schon früh einen anderen Spielplatz: die Leichtathletikbahn.
Mit sechs steht er zum ersten Mal bei einem Wettkampf im Trikot an der Startlinie. Keine großen Ziele, keine Normen im Kopf – es geht um Spaß. Rennen, springen, werfen. „Ich habe Zehnkampf aus Spaß mit Kumpels angefangen“, sagt Leo.
Was damals niemand weiß: Genau diese Vielseitigkeit wird später sein Markenzeichen. Schon früh ist klar, dass er kein Spezialist für nur eine Disziplin ist. Leo will alles: Sprint, Sprung, Wurf, Hürden, Ausdauer. Zehnkampf eben.
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Der Ort, an dem es Klick macht
Der erste große Wendepunkt kommt, als Leo in die USA geht. University of Texas, Austin – Longhorns, Stadien, College-Spirit.
Hier ändert sich nicht nur sein Alltag, sondern seine komplette Perspektive. Training in der Sonne von Texas, professionelle Bedingungen, starke Konkurrenz im Team. Und plötzlich ist da diese Erkenntnis:
"Ich habe erst im College gemerkt, dass ich das vielleicht professionell machen könnte. Ich wurde immer besser und habe meinen vollen Fokus darauf gelegt", erinnert sich der 25-Jährige.
2023 explodiert seine Leistungskurve. Bei den NCAA Championships haut Leo einen Zehnkampf raus, der alles auf den Kopf stellt: deutscher Rekord. Die Szene, in der er im Longhorn-Trikot über die Bahn feiert, markiert seinen Durchbruch auf der internationalen Bühne.
2024 legt er nach, steigert seine Punktezahl, schnappt sich den College-Record und beendet sein Studium. Seine NCAA-Karriere ist vorbei – aber genau da beginnt die richtig große Bühne.
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Der Typ mit der Show im Diskusring
Wer Leo im Stadion erlebt, merkt schnell: Das ist nicht nur ein Zehnkämpfer, das ist ein Entertainer.
Seine Lieblingsdisziplinen sagen viel über ihn: Diskus an eins, dann Stabhochsprung, Weitsprung, Kugel. Power, Jubel, Energie – Leo lebt für diese Momente und das Publikum im Stadion spielt mit.
Gleichzeitig kennt er die dunkle Seite des Mehrkampfs: die 1500 Meter, wenn die Beine brennen und der Kopf „Stopp“ schreit. „Zehnkampf ist ein brutaler Mix“, sagt er. „Du musst mit dem Körper umgehen können – aber vor allem mit dem, was im Kopf passiert.“
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Paris 2024: Fast ganz oben
Bevor Tokio zum goldenen Kapitel wird, steht Paris. Olympische Spiele 2024. Leo hat sich in den USA hochgearbeitet, seine Form passt und er liefert: Zwei Tage lang mischt er mit den Besten der Welt das Feld auf und holt am Ende Silber - knapp an Gold vorbei.
Kurz zuvor hatte er in Eugene (USA) 8.961 Punkte erzielt – deutscher Rekord. Eine Zahl, die zeigt, was in diesem Athleten steckt: ein Paket aus Geschwindigkeit, Kraft, Technik und einer Fähigkeit, die man nicht trainieren kann – performen, wenn es zählt.
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Druck, Zweifel und der Kampf im Kopf
Zehnkampf ist ein brutaler Mix aus Physik und Psychologie. Zwei Tage, wechselnde Disziplinen, keine Verschnaufpause. „Meine größte Herausforderung ist es, bei den großen Wettkämpfen einen kühlen Kopf zu bewahren. Nicht nervös zu werden“, sagt Leo.
Er lernt, an den entscheidenden Tagen weniger zu denken und mehr zu fühlen. Den Körper machen zu lassen, was er tausendmal im Training gemacht hat. Wenn der Flow kommt, reiht sich eine starke Disziplin an die nächste.
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Einer für viele
Je besser seine Resultate, desto häufiger die Anfragen. Leo weiß, dass er längst mehr ist als „nur“ ein Athlet.
Bei Weltmeisterschaften, Olympischen Spielen, nationalen Ehrungen steht er nicht alleine da. Auf der Bahn trägt er Deutschland auf der Brust, im Kopf hat er seine Crew:
Meine Familie und Freunde sind seit Tag 1 immer supportive gewesen. Sie sind bei jedem großen Wettkampf dabei und ich kann immer auf ihren Support zählen. Das bedeutet mir sehr viel.
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Der Blick nach vorne: ein fehlendes Puzzleteil
Weltmeistertitel, deutscher Rekord, Sportler des Jahres, Bambi – der Lebenslauf von Leo Neugebauer liest sich wie eine Best-of-Liste des Zehnkampfs. Und trotzdem gibt es einen Punkt, der offen ist: Olympiagold. Sein Ziel ist deshalb klar:
Die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen – das ist das Größte, was du in unserem Sport erreichen kannst.
Er war schon nah dran. Er weiß, wie sich Silber anfühlt, wie Gold bei einer WM klingt. Was fehlt, ist der Moment, in dem im olympischen Stadion neben seinem Namen eine Eins steht.
Bis dahin wird er weiter machen, was ihn überhaupt erst hierher gebracht hat: jeden Tag ein bisschen besser werden – im Laufen, Werfen, Springen. Und im Loslassen.