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2005: Die Geburtsstunde der “Hurensohn”-Bewegung

© Bastian Wienecke http://www.bigadi.de
Autor: Marcus Staiger
Marcus Staiger denkt zurück an das Jahr 2005: die Streetoffensive, K.I.Z. und der beinahe Untergang des Labels.
#Deutschrap25 erzählt die Geschichte des deutschen HipHop in 25 Songs – als Stories, Podcasts und Videos. Am 13. Dezember in Hamburg treten beim Red Bull Soundclash zwei Deutschrap-Generationen gegeneinander an. Als Countdown beleuchten wir die Evolution des Genres und erklären, was diese Generationen auszeichnet. Alle #Deutschrap25-Inhalte findest du hier.

2005 KIZ “Hurensohn”

Wir schreiben das Jahr 2005. Das einstige Kultlabel ROYALBUNKER liegt am Boden. Der Vorreiter der Berliner Underground- und Independentlabels ist vom Konkurrenten AGGRO Berlin überrollt worden und nach einigen Ausflügen ins 5-XL-Bling-Bling-Game hat sich die Plattenfirma unter der Leitung von Marcus Staiger ein wenig verfranzt. Zu viele Künstler. Zu unklar die Linie. Teure Vinylproduktionen, die niemand in dieser Auflage mehr haben will. Rapper der zweiten und dritten Underground-Generation schielen ehrfürchtig auf die Erfolge eines Kool Savas, halten es gleichzeitig aber für selbstverständlich, genau denselben Lifestyle zu fahren, ohne die notwendigen Dues gepayt zu haben.
Nach dem Jahr 2002 hat die ROYALBUNKER-Belegschaft nichts mehr mit Touren im Fiat Punto, Auftritten im Jugendhaus, Übernachtungen bei Privatpersonen und Catering vom örtlichen Döner zu tun. Schließlich gehört man doch schon zum etablierten Untergrund und hat einen gewissen Namen zu verteidigen. Auftritte sind für manch einen Star eher lästiges Pflichtprogramm, während sich andere Protagonisten wie Rhymin Simon in der Label-Hierarchie vollkommen unterbewertet fühlen und mit den Füßen scharren.
Der #Deutschrap25-Podcast: Moderatorin Visa Vie und Journalist Jan Wehn diskutieren in der vierzehnten Folge die Ode an die wohl schönste Beleidigung im Deutschrap:
Der Labelbetreiber selbst hat sich zwischen Steuererklärungen, Pressetexten, Tourvorbereitungen und einem Versandhandel vollkommen aufgerieben. Vermutlich ist es für die künstlerische Kreativität auch nicht unbedingt von Vorteil, wenn derjenige, der gerade das Budget gestrichen und erklärt hat, dass er die fälligen Tantiemen nicht auszahlen kann, gleichzeitig auch der künstlerische Leiter des Projekts ist, mit dem man die nächsten Aufnahmen besprechen soll. Kreativitätsstau und Schreibblockaden fallen da vielleicht auch mit einer gewissen finanziellen Unzufriedenheit sehr, sehr unglücklich zusammen. Mit anderen Worten: Das Label schlingert so vor sich hin.
Die kommerziellen Aufbäumversuche in Form eines Kollabo-Albums von AZRA mit Eko Fresh geraten zum finanziellen Desaster, obwohl das Album “Dünya Dönüyor” bis heute einer der unterschätztesten Schätze der deutschen Rapgeschichte ist. Die Beatfabrik, Hoffnungsträger und Mainact des Labels, hatte sich mehr oder weniger aufgelöst und Prinz Pi seinen Rücktritt in den Ruhestand erklärt (von dem er später dann wieder zurücktreten sollte). Die Lage ist also angespannt und trotzdem stammen aus dieser Zeit bahnbrechende Dinge, wie der legendäre Jeansanzug Hood Dominator I und II oder das wirklich großartige HipHop-Magazin “Punchzeilen”, das auf Zeitungspapier erscheint und in dem Prinz Pi als Grafiker zur Höchstform aufläuft.
K.I.Z
K.I.Z
Irgendwie ist immer noch alles Rap und geil und Untergrund. Doch finanziell wird die Luft langsam dünn und musikalisch ist es einfach nicht mehr so richtig on point. Eine neue Idee muss her. Eine Frischzellenkur. Ein Neustart. Der Resetbutton muss gepusht werden. In dieser Zeit erinnert sich die ROYALBUNKER-Belegschaft oft an ihre Anfänge als Tapelabel und an die plumpe Erkenntnis, dass die Tonträger zu Beginn lediglich als Transportmittel eines gewissen Vibes funktioniert haben. Scheiß auf teure Ausstattung, teure Studioproduktionen und fancy Gimmicks. Die Leute wollen das rohe Material, sie wollen sich und die Energie der Künstler spüren. Sie wollen Lust und Freude erleben und die Abgründe einer künstlerischen Persönlichkeit auskosten. Sie wollen das blutige Fleisch genießen, das ihnen in Form eines CD-Rohlings vor die Füße geschmettert wird. Wer braucht da schon ein Jewel-Case, wenn es das Slimcase auch tut.
Tapes sind zu diesem Zeitpunkt schon eine ausgestorbene Spezies und die einstigen Presswerke, die zu Hochzeiten Kassetten mit einer Mindestauflage von 20.000 Stück herstellen – vornehmlich Schlager und Volksmusik – gibt es nicht mehr. Sie sind verwaist, ausgestorben, zu Industrieruinen verkommen und werden kurz darauf von Planierraupen und Baggern dem Erdboden gleichgemacht. Doch darum geht es ohnehin nicht. Das Medium ist egal, wenn die Message stimmt. „Lass uns Tonträger machen, wie am Anfang“, schreien die Leute. „Billig, fresh und direkt in die Fresse.“ Es grenzte an ein Wunder, dass genau zu diesem Zeitpunkt Künstler auf dem Deck des ROYALBUNKER-Dampfers auftauchen, die genau zu diesem neuen Konzept passten.
Tua Tolstoi erscheint auf der Bildfläche, CATTEE macht ihren Step ins Rampenlicht, Veteranen wie Rufmord und Big Derill Mack lassen sich auf das neue Format ein und mit H.A.C.K. verlieren sich Big Derill Mack, Staiger selbst, Beatfabrik Mitglied B-A-Di und leider auch Kralle im Crunk-Universum. Und dann schließlich erwacht mit KIZ auch ein Riese zum Leben, der ROYALBUNKER ein Denkmal setzen und einen einigermaßen ehrenvollen Abgang bescheren wird.
Die „Tapeoffensive 2005“ ist geboren und hat zum erklärten Ziel, innerhalb eines Jahres 48 Tonträger für die Straße zu produzieren. Doch selbst wenn dieses ambitionierte Ziel selbstverständlich nie erreicht wird, stehen am Ende des Jahres unvergessliche Alben in den Regalen der CD-Sammler: Alben wie Rufmords „Imagekiller“, Big Derill Macks „The hardest is back“, „Pöbeln mit Stil“ von Cattee, „Live aus der Crunk Arena“ von H.A.C.K., Tuas legendäre Erstaufnahme „Nacht“ und nicht zuletzt „Das Rapdeutschlandkettensegenmassaker“ von KIZ.
Das darauf befindliche R-Kelly Cover „Du Hurensohn“ gerät zur unbestreitbaren Hymne einer verrohten Jugend, die zwei Jahre später, als KIZ das Album “Hahnenkampf” veröffentlicht, marodierend durch die Straßen Berlins ziehen wird, die unvergesslichen Zeilen auf den Lippen: „Du Opfer, was willst du machen, überall sind Kanaken, deine Mama soll losgehn und die Wertsachen wegpacken“, oder wie es ein begeisterter Jungleser in einem überschwänglichen Fanbrief an ROYALBUNKER etwas später formuliert:
„Egal, was später einmal werden wird. Das “Rapdeutschlandkettensägenmassaker” wird für immer der Sound dieses Sommers im Jahr 2005 sein. Egal, was auch immer später aus uns werden wird, an diesen einen Sommer unserer Jugend werden wir uns immer erinnern und KIZ lieferte den Soundtrack dazu. Dafür Royalbunker, dafür KIZ werden wir Euch für immer dankbar sein. Danke KIZ. Danke Royalbunker. Royalbunker forever.“ In diesem Sinne.

War noch was?

Ist “Hurensohn” von K.I.Z. wirklich der wichtigste Song des Jahres 2005? Dr. No sieht das anders.

Sentino – Sentino’s Way (Intro)

Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Senti Senti ließ es 2005 fließen wie ein Bauherr sein Bad (gieah). Der Song ist noch nicht mal ein Song, lediglich das Intro zu einem Mixtape. Aber dieser Junge rappte trotzdem besser als alle. Der beste Dipset-Rapper jenseits von Harlem. Und noch vieles mehr.