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„Alle haben Angst!" - Big-Wave-Ikone Mark Mathews im Interview

Mark Mathews ist eine Surf-Legende und Star des neuen Films „The Other Side of Fear". Wir haben mit ihm über das Gefühl der Angst in all seinen Facetten gesprochen.
Autor: Oliver Pelling
7 min readveröffentlicht am
Der Big-Wave-Surfer Mark Mathews hat in seiner Karriere scheinbar jede Gelegenheit genutzt, um sich seinen größten Ängsten zu stellen. In der neuen Red Bull TV-Dokumentation „The Other Side of Fear" zeigt er aber, dass es in der Realität nicht ganz so einfach ist.
Aufgewachsen als introvertiertes Kind mit einer schrecklichen Angst vor dem Ozean, hat es Mathews nur durch zwanghaftes Üben, Trainieren und absolute Hingabe geschafft, sich anzupassen und die größten Wellen der Welt zu surfen.
Heute ist er ein gefragter Vortragskünstler und Redner, der es versteht, Unternehmen dabei zu helfen, seine Mitarbeiter zu inspirieren und in ihren Fähigkeiten zu bestärken. Mathews war bereits bei Firmen wie Google, Sony und MasterCard zu Gast - nun freut er sich mit „The Other Side of Fear", seine Ideen einem viel breiteren Publikum präsentieren zu können.
Wir haben uns mit ihm getroffen, um die Vielfalt von Angst und Belastbarkeit zu diskutieren und darüber zu sprechen, wie ein Perspektivenwechsel für jeden, der sein Potenzial voll ausschöpfen will, ein Game-Changer sein kann.
Surfer Mark Mathews in Botany Bay, Australien, am 04. Juni 2015.
Mark Mathews in seinem neuen Film „The Other Side of Fear"
Viele Menschen behaupten, dass alle Extremsportler verrückt sind - aber ist das wirklich der Fall?
„Ich glaube, dass viele Menschen in der Welt des Actionsports über-neurotisch sind, was für Personen, die scheinbar unmögliche Risiken eingehen, nach einer seltsamen Eigenschaft klingen mag. Generell denke ich, dass wir sehr intensiv über die Risiken nachdenken und natürlich auch Angst haben, aber genau das ist es, was uns bei diesen gefährlichen Aktionen schließlich am Leben hält."
Mark Mathews beim Red Bull Athlete-Shooting in Sydney, Australien, am 16. November 2015.
Mark Mathews surft seit fast 30 Jahren
Ohne diesen Drang zu haben, sich seinen Ängsten immer und wieder zu stellen, würde man wohl nicht sehr lange durchhalten...
„Genau. Man würde vielleicht in kürzester Zeit die verrücktesten und außergewöhnlichsten Dinge machen, aber sicher nicht lange."
Erzähl uns etwas über „The Other Side of Fear". Es wirkt so, als hättest du dein gesamtes Leben und all die Lektionen, die du gelernt hast, in diesen Film gepackt. Stimmt das?
„Ja, das erzählerische Element ergibt sich aus meiner Arbeit als Vortragender. Dabei geht es darum, wie ich gelernt habe mit Angst und Stress umzugehen. Dann haben wir noch Familienaufnahmen und persönliche Geschichten hinzugefügt und es der Film wurde schließlich zu einer Art Dokumentation."
Das ist es, was die Leute nicht verstehen. Sie denken, wenn sie Angst vor etwas haben, sind sie nicht bestimmt dazu, es zu tun. Aber das ist falsch! Alle haben Angst!
Mark Mathews
Wie wichtig war es dir, mit diesem Film anderen Menschen dabei zu helfen, ihre persönlichen Grenzen zu überwinden?
„Es ist ähnlich wie bei meiner Arbeit als Vortragender. Wenn ich es schaffe, dass das Publikum meinen Vortrag mit einem Gefühl der Dankbarkeit verlässt (trotz schwieriger Lebensumstände) und bereit ist, Herausforderungen anzunehmen, dann ist das ein Erfolg für mich."
„Bei meinen Vorträgen, die von Unternehmen organisiert und bezahlt werden, komme ich normalerweise nur mit einer sehr kleinen Gruppe ins Gespräch. Es ist schön, dass ich dasselbe Wissen nun mit Leuten teilen kann, die sonst keinen Zugang zu Vorträgen dieser Art haben. Das ist wirklich cool!"
Big-Wave-Surfer Mark Mathews in Action in Shipstern Bluff, Australia.
Mark Mathews in Action
Eines der Dinge, das Menschen in ihrem Leben davon abhält, das zu tun, was sie tun wollen, ist Angst - quasi die Angst vor der Angst. Wir haben Angst davor, uns unwohl zu fühlen. Würdest du dem zustimmen?
„Auf jeden Fall. Wir haben uns so entwickelt, dass wir vor dem Gefühl zurückschrecken. Das ist ein tief verwurzelter Überlebensmechanismus, der in uns allen steckt. Aber genau das ist es, was die Leute nicht verstehen. Sie denken, wenn sie Angst vor etwas haben, sind sie nicht bestimmt dazu, es zu tun. Aber das ist falsch! Alle haben Angst! Das ist ein völlig natürlicher Zustand: Zunächst hat man Angst vor Dingen und dann entwickelt man Fähigkeiten, die es einem ermöglichen, gewisse Situationen zu meistern und nicht mehr so viel Angst davor zu haben."
„Es spielt also keine Rolle, ob man Angst hat oder nicht. Es geht nur darum, dass man Erfahrungen sammelt und Fähigkeiten entwickelt, um bestimmte Situationen zu meistern. Das habe ich über Jahrzehnte lang beim Surfen gelernt. Das Training, die Vorbereitung, das Wissen und das Können haben mir dabei geholfen, etwas zu tun, wovor ich früher schreckliche Angst hatte."
Ich glaube, das vergisst man leicht. Man sieht dich auf riesigen Wellen surfen, aber auch du hast einmal klein angefangen. Bei Erfolg und Selbstvertrauen geht es häufig darum, etwas immer und immer wieder zu tun. Oder?
„Ich surfe seit ich acht Jahre alt bin. Man macht sein Leben lang immer und immer wieder das Gleiche, bis man zu dem Punkt kommt, an dem die Leute dann sagen, dass etwas ‚unglaublich gefährlich aussieht', aber für mich ist es das nicht. Natürlich ist es immer noch gefährlich, aber nicht so, wie es von außen vielleicht wirken mag, weil ich über die entsprechenden Fähigkeiten verfüge."
„Auch ich beobachte Menschen und staune darüber, was sie in der Lage sind zu tun - genauso wie andere Menschen mich ansehen. Es sind nicht nur Extremsportler, die enorme Risiken eingehen, sondern auch Geschäftsleute, die tausende Angestellte managen und täglich unter Stress wichtige Entscheidungen treffen müssen. Oder alleinerziehende Eltern, die drei Kinder großziehen. Ich sehe Menschen, die mit Trauer und Verlust konfrontiert werden. Es gibt so viele Beispiele für extremen Mut und Belastbarkeit in der Welt, was der eindeutige Beweis dafür ist, dass jeder seinen ganz individuellen Zugang dazu hat."
Mark Mathews in Action bei Red Bull Cape Fear in Tasmanien, Australien, am 13. Mai 2019.
Mark Mathews surft auf der Welle der Freude
Der Film berichtet auch über deinen schrecklichen Unfall im Jahr 2016 und wie du dich davon erholt hast. Warum?
„Ich glaube, da spielen viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Ich wollte zeigen, dass es mehr als nur eine Möglichkeit gibt, etwas zu überwinden, das im Leben furchtbar schiefgelaufen ist. Eines der wichtigsten Dinge ist auf jeden Fall die Unterstützung von außen. Meine wunderschöne Frau Britt stand immer an meiner Seite - sie hat gemeinsam mit mir den Schmerz und den psychologischen Kampf bewältigt und sie war einer der Hauptgründe, warum ich das alles durchstehen konnte."
„Auch in der Lage zu sein, eine andere Perspektive einzunehmen, ist enorm wichtig - zum Beispiel sich mit Menschen zu treffen, die noch viel schlimmere Dinge durchmachen müssen als man selbst. Plötzlich ist man nicht mehr so frustriert und wütend darüber, was passiert ist und man fühlt sich eher glücklich und zufrieden, weil es auch noch ganz anders hätte laufen können. Wenn man es schafft, diese Haltung auch in den Alltag einzubringen, kann das ein Game-Changer sein - aber das ist alles andere als einfach. Es ist wie im Fitnessstudio: Man muss sich Zeit nehmen, um diese Art von Training zu machen und die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten."
„Der letzte Punkt ist die Grundmotivation, also zu wissen, warum man etwas erreichen und schaffen will. Ich wusste, dass ich um jeden Preis wieder auf dem Surfboard stehen will, um gemeinsam mit meiner Tochter surfen zu können. Das war der erste Schritt und ab diesem Zeitpunkt habe ich es geschafft, immer die nächste Herausforderung im Auge zu haben."
Mark Mathews bei Red Bull Cape Fear in Tasmanien, Australien, am 13. Mai 2019.
Mark Mathews am Jetski bei Red Bull Cape Fear
Der Film berichtet auch darüber, dass du ein eher introvertiertes Kind warst. Das ist bei Menschen, die sich in Extremsituationen begeben, häufig der Fall. Glaubst du, dass da etwas dran ist?
„Ich weiß nicht, ob es dazu wissenschaftliche Studien gibt, aber ich habe soziale Situationen immer gemieden. Ich wollte immer etwas abseits der Massen machen und Big-Wave-Surfen eignete sich perfekt dazu. Vielleicht hat man als introvertierter Mensch eine stärkere Neigung dazu, durch seine Aktionen, Respekt von Menschen zu bekommen, weil man nicht so sozial ist und im Alltag nicht genug Anerkennung bekommt."
Gibt es eine Sache, die du dem Publikum von „The Other Side of Fear" noch mitgeben willst?
„Da gibt es ein paar Dinge. Ich denke die Message, die eigene Perspektive ändern zu können und zu wissen, dass alles noch viel schlimmer sein könnte, ist unglaublich wertvoll.
Und zu verstehen, dass Action- und Extremsportler wie ich, nicht anders geboren werden als alle anderen. Wir haben keine besonderen Eigenschaften, die uns dabei helfen, unsere Ängste zu überwinden. Es gibt Beispiele von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, deren Mut und Courage weit über das hinausgehen, was ein Extremsportler tut. Jeder kann alles schaffen! Solange man seinen Prinzipien treu bleibt und sich selbst dazu motivieren kann, die nötige Erfahrung zu sammeln. Auch wenn es oft so scheinen mag, aber: Nichts ist unmöglich!"