Rap 💯
#Deutschrap25 erzählt die Geschichte des deutschen HipHop in 25 Songs – als Stories, Podcasts und Videos. Am 13. Dezember in Hamburg treten beim Red Bull Soundclash zwei Deutschrap-Generationen gegeneinander an. Als Countdown beleuchten wir die Evolution des Genres und erklären, was diese Generationen auszeichnet. Alle #Deutschrap25-Inhalte findest du hier.
2006 Marsimoto – Halloziehnation
“Hallo Halloziehnation. Wie geht es euch? Quasimoto gibt es jetzt auch auf Deutsch.” – Das Intro des Titelsongs von Marten Lacinys erstem Mixtape brachte das Projekt “Marsimoto” in nur wenigen Worten auf den Punkt. Marsimoto, eine Hommage an Madlibs Quasimoto in deutscher Sprache, meldete sich zu Wort, um eine ganze Nation in den folgenden zehn Jahren zu einem Jünger-artigen Verhalten zu erziehen. Das Volk liebt Laciny auch deswegen so inbrünstig, weil er als Marteria eine Bilderbuchkarriere hinlegte, dank Marsi aber trotzdem nie seinen Untergrundcharme verlor, den er auf “Halloziehnation” versprühte. Wir haben mit Zeitzeugen gesprochen und die Entstehungsgeschichte vom Mixtape aufgeschrieben.
Der #Deutschrap25-Podcast: Moderatorin Visa Vie und Journalist Jan Wehn diskutieren in der fünfzehnten Folge die deutsche Hommage an Quasimoto:
Hallo, Halloziehnation
DEAD RABBIT, Produzent
Marten und ich kommen beide aus Rostock. Die HipHop-Szene dort war recht überschaubar. Also wurde mir relativ schnell klar, wer von den Rappern talentiert ist. Es war Marten.
TOBIAS ZUMAK, Ex-Manager & Ex-Label, heute Senior Product Manager bei Four Music
Als ich zum ersten Mal einen Marsimoto-Track hörte, war ich nur so ,Krass, was ist das? Was ist das für ein geiler Quatsch?’ Ich dachte, damit muss man unbedingt was machen.
STEPHAN SZILLUS, JUICE-Chefredakteur 2007-2013
Ich habe zum ersten Mal von Marsimoto gehört, als mir Davide Bortot, der damalige JUICE-Chefredakteur, einen Song von Marsimoto geschickt hat. Damals wusste ich weder, wer Marsimoto ist, noch wer Marteria ist, oder dass Marteria Marsimoto ist.
DAVIDE BORTOT, JUICE-Chefredakteur 2003-2007
Unser Kollege Marc Leopoldseder hat die CD damals aus dem Stapel mit dem Demo gezogen und mir gezeigt. Ich fand das sofort mega. Die Beziehung zu Quasimoto habe ich zuerst gar nicht hergestellt, obwohl ich Stones Throw geliebt habe. Ich fand das einfach geilen, irren, kreativen, neuartigen, freshen Scheiß.
Jetzt kommt der Blunt ins Spiel
DEAD RABBIT
Ende der Neunziger haben wir zum ersten Mal gemeinsam einen Song aufgenommen. Marten ist dann aber nach Berlin gezogen. Als ich später auch dorthin gezogen bin, haben wir uns wieder getroffen und angefangen, die ersten Marsimoto-Sachen aufzunehmen und an “Halloziehnation” zu arbeiten. Die Idee zur Figur Marsimoto hatte er aber schon in Rostock.
TOBIAS ZUMAK
“Halloziehnation” ist genauso entstanden, wie es sich anhört. Es ist eine Sammlung von Skizzen und Flashes. Es war nicht so, dass sie ein Konzeptalbum oder ein Mixtape machen wollten. Es wurde einfach zu einem Mixtape.
STEPHAN SZILLUS
Halloziehnation hatte 30 Tracks, alles nur so Skizzen, eineinhalb Minuten irgendwelche weirden Storys. Der Nazi und das Gras, durchgeknallte Sachen, alles voll in dem Berliner Zugezogenen-Kosmos. Der Humor war auch sehr Weed-beeinflusst.”
DAVIDE BORTOT
Kiffen war nie mein Ding. Aber ich habe das ohnehin nie auf dieser Ebene wahrgenommen. Ich mochte vor allem die Dichte an popkulturellen Referenzen. Stones Throw, Marge und Homer, ‘Kaltes Klares Wasser’, Werbung, Südstaatenrap, Bundesliga… “Mann, du liebst mich und bekommst ne Muschi im Kinn wie Arne Friedrich” – was für ein Irrer denkt sich sowas aus?” Ich bin mit Fußball aufgewachsen, ich verfolge das obsessiv. In Deutschland hat das kein Rapper thematisiert. Das war uncool. Marsi hat das cool gemacht, lange vor den Barcelona- und PSG-Trikots.
DEAD RABBIT
Wir haben Joints geraucht, Bier getrunken und gemacht, worauf wir Bock hatten. Ich finde, das hört man der Platte auch an. Meistens waren es sogar Onetakes. Es wurde alles aus dem Bauch heraus aufgenommen. Bei der Hälfte der Aufnahmen kam dann Tobi mit ins Boot und erst mit ihm zusammen entschieden, ein ganzes Album daraus zu machen.
TOBIAS ZUMAK
Gabreal, der auch auf magnum12 war, hat irgendwann einen Track aus Rostock mitgebracht, auf dem Marsimoto drauf war. Ich habe das gehört und gedacht, wir müssen das unbedingt veröffentlichen. Wie machen wir das denn jetzt? Wir hatten zu der Zeit natürlich gar keine Ahnung, was ein Label ist oder wie das funktioniert.
DEAD RABBIT
Marten hatte einfach Bock darauf, mal die tiefe Stimme, mal die hohe, gepitchte Stimme zu benutzen. Es gab in fast allen Songs einen Marteria- und einen Marsimoto-Part. Während der Aufnahme haben wir auch nicht damit gerechnet, dass das irgendjemand hört oder kauft. Das war gar nicht unser Anspruch.
Hey, hey, Marteria, Mann, du warst schon zwei Mal auf der Juice CD
TOBIAS ZUMAK
Ich habe damals richtig stupid bei Radiosendern am Empfang angerufen und denen erzählt: ‘Wir haben hier einen gepitchten Rapper. Was muss ich machen, um gespielt zu werden?’ Auch zur JUICE habe ich einfach ein Demo geschickt. Und dann kam plötzlich Stephan Szillus um die Ecke und meinte, er findet es voll geil und fragte, ob wir uns vorstellen könnten, nach Hamburg zu kommen, um über die Platte zu sprechen. Wir waren nur so ‘What’. Die große JUICE meldet sich?
STEPHAN SZILLUS
Marten kam mit Tobi Zumak zu mir nach Hamburg, wo ich zu der Zeit gelebt habe. Wir haben ewig über Company Flow, Kool Keith, Madlib und das ganze Ami-Undergroundzeug abgenerdet, das wir beide gefeiert haben. Ich wusste vorher ja nicht, was da für einer kommt, aber ich habe auf jeden Fall einen Nerd erwartet. Marten kam und sah voll gut aus. Er war auch voll gut angezogen. Das hatte ich nicht erwartet.
TOBIAS ZUMAK
Stephan hat diesen legendären Artikel geschrieben. Wir wussten ja nicht, wie groß der wird. Aber dann war das eine komplette Seite in der JUICE. Das war life-changing für uns.
STEPHAN SZILLUS
“Damals war es eine große Sache, wenn man eine Seite in der JUICE bekommen hat, vor allem als Newcomer. In der Juice zu sein, war damals das Gütesiegel.”
TOBIAS ZUMAK
Wenn die JUICE beim ersten Lebenszeichen von Marten gesagt hätte ,Was ist das denn für eine Scheiße?’, dann hätte sich das alles nicht so entwickelt.
Quasimoto gibt es jetzt auch auf Deutsch
TOBIAS ZUMAK
Das erste, was Stephan uns erzählt hat, war, dass er Egon von Stones Throw einen Song geschickt hat, um Feedback von Quasimoto zu bekommen. Egon hat darauf so was in der Art geantwortet wie “Ich verstehe kein Wort, aber es hört sich an wie Liza Minelli auf Crack.
STEPHAN SZILLUS
Ich habe Egon, seinem heutigen Manager, den „One Love Song” geschickt. Er schrieb dann eine relativ kurze Email zurück. Sie hätten es gehört und Quas hätte nichts außer die Worte Liza Minelli verstanden, aber es klingt dope.
TOBIAS ZUMAK
Plötzlich wussten wir, dass der Song direkt bei Quasimoto und Stones Throw war.
STEPHAN SZILLUS
Quasimoto war 2000 im Underground ein krasses Thema, nachdem “The Unseen” rauskam. Ende der 90er war Stones Throw sowieso das Maß aller Dinge für Rucksackrapfans wie mich. Die Legende besagt, dass Madlib seine eigenen Stimme nicht mochte – er hat eine sehr tiefe Stimme – und sie auf Pilzen im Studio hochgepitcht hat. Der große Unterschied zu Madlib war aber, dass Deadys Beats irgendwie nach Grime klangen. Sie klangen nach England wie Dizzee Rascals neues Album, aber auch nach großen amerikanischen Synthie-Hiphop-Produktionen wie Timbaland oder Neptunes – aber auf lo-fi.
Ey, wer macht hier jeden Beat?
STEPHAN SZILLUS
Dead Rabbit kannte man damals null. Die Beats waren so krude und freaky, dass man sich gleich gefragt hat, wer die produziert hat.
DEAD RABBIT
Damals war das noch nicht so, dass sich jemand für den Produzenten interessiert hat. Deswegen war es umso krasser, dass Marten in jedem Song zwei- bis dreimal „Dead Rabbit“ nannte. Wahrscheinlich hat er das aus Fairnessgründen gemacht, so wie ich ihn kenne.
STEPHAN SZILLUS
Das hat es ausgemacht, dieses völlig verspulte, alle Regeln missachtenede. Alles, was dir ein normaler Produzent sagen würde, hat Dead Rabbit anders gemacht. Es war raw, voller obskurer Samples und vertrackten Grooves. Es war nicht besonders geradlinig und eingängig. Es war neu und anders.
DAVIDE BORTOT
Mich hat immer aufgeregt, dass in Deutschland so strikt nach Schulen getrennt wurde. Es ist ja heute noch so, dass die Leute die Welt in ‘Trap’ und ‘Boom-Bap’ einteilen. Irre. Damals war das sogar noch schlimmer. Marsi und Deady aber war das alles egal. Die haben einfach gemacht, was sie gut fanden.
DEAD RABBIT
Mich haben schon immer nicht nur amerikanischer und deutscher Rap beeinflusst. Es waren auch immer UK-Rap-Geschichten, Dizzee Rascal oder The Streets, auch Künstler, die gar nichts mit Rap zu tun haben, wie z .B. Björk. Sowohl Marten als auch ich waren immer komplett offen, was Musik angeht. Teilweise tue ich mir heutzutage sogar schwer, wieder solche Beats wie damals zu machen. Es ist gar nicht so einfach. Ich frage mich selber oft, wie der Sound so entstanden ist und warum er so ist, wie er ist.
Egal was ihr sagt, das ist unser Sound
STEPHAN SZILLUS
Sowas wie “Halloziehnation” gab es damals noch nicht. Das hat in der Szene natürlich Wellen geschlagen. Die Reaktionen war extrem polarisierend, wenn nicht sogar überwiegend negativ.
TOBIAS ZUMAK
Staiger war zu der Zeit Chefredakteur bei rap.de. Das Feedback von ihm war extrem lustig. Staiger hat mir eine drei DinA4-Seiten-Email zurückgeschrieben, wie unfassbar beschissen er das findet. In dieser Mail erzählte er dann die Story, dass er sich das im Auto angehört hat und in Stuttgart in der Raststätte rausfahren und erstmal 50 Liegestütze machen musste, um sich abzureagieren, weil er es so daneben findet.
STEPHAN SZILLUS
Nach meinem Gefühl fanden es die selbsternannten Auskenner und Nerds cool, aber das MZEE-Forum fand es ganz furchtbar. Die meisten haben gesagt, „die Idee ist geklaut, was soll das, diese gepitchte Stimme kann man sich nicht anhören.
DAVIDE BORTOT
Ich bin ziemlich gut darin, Talent zu erkennen, und unfassbar schlecht darin, eine Karriere zu prognostizieren. Marsi jedenfalls fand ich mega. Gleichzeitig war ich mir sicher, dass das genau nur mich und meine 20 Freunde interessieren würde. Ich habe überhaupt nicht in Erwägung gezogen, dass das groß werden könnte. Erst als ich es irgendwann Jan Delay gezeigt habe und der Marsimoto daraufhin mit auf Tour nahm, bekam ich eine Ahnung, dass da was gehen könnte. Ich dachte: So 2.000 bis 3.000 CDs wird der bestimmt mal verkaufen können (lacht).
Ich bin ein Underdog und Deutschrap ist zu viel des Guten
STEPHAN SZILLUS
Wenn man das in der größeren Deutschraperzählung sieht, hatten wir 2003 und 2004 mit Bushido, Sido und Aggro Berlin einen riesigen Hype. Gefühlt waren 2006 aber viele von dem Hochglanz-Gangstafilm übersättigt. Leute hatten wieder Bock auf Lo-fi-Undergroundshit. Das hatte ja die Jahre zuvor mit dem ganzen Tapeding seine Hochkonjunktur. Genau da schließt Marsimoto wieder an. Er bringt beides zusammen. Er war jemand, der an die alte Schule angeknüpft hat, ohne es auf so eine romantisch verklärte rückwärtsgewandte Weise zu machen. Gleichzeitig hat er nach vorne geblickt und was cooles Neues gemacht, mit dem aber auch die alte Generation was anfangen konnte.
DEAD RABBIT
Ich glaube, es gab damals wenige UK-beeinflusste Beats im Deutschrap, aber ich würde jetzt auch nicht behaupten, dass wir das nach Deutschland geholt haben.
Jetzt siehst du mich und weißt Bescheid um was es geht
TOBIAS ZUMAK
Wir hatten eine Releaseparty in Rostock, wo circa 300 Leute waren. Das war richtig geil und groß für uns. Bei der Releaseparty kam aber noch alles vom Band. Marten hat nur darüber gerappt. Ich erinnere mich noch, dass Marten einen roten Trainingsanzug und eine Truckercap anhatte. So sah Marsimoto zu der Zeit aus.
DEAD RABBIT
Ich glaube, die allerersten Liveauftritte waren relativ scheiße umgesetzt. Da haben wir einfach CDs mit den Marsi-Parts mitgenommen und Marten hat erstmal nur die Marteria-Sachen live gerappt. Erst später ging es los mit den Pitchgeräten.
STEPHAN SZILLUS
Soweit ich weiß, ist Quasimoto bis auf ein einziges Mal nie live aufgetreten. Madlib hat sich ein Kostüm angezogen, das wie Alf aussah. Es war wohl ganz schlimm. Im Nachhinein hat er dann immer behauptet, dass das jemand anderes gewesen ist.
Wir komm'n vom Keller ganz nach oben so wie Arthur Spooner
STEPHAN SZILLUS
Das Spannende ist, dass Marsimoto irgendwann so eine riesige Sache wurde und zum Beispiel auf dem Splash vor 20.000 Leuten gespielt hat. Quasimoto, das Original, war hingegen immer ein Mini-Nischen-Phänomen in den Staaten.
DEAD RABBIT
Selbst Jahre später entdecke ich immer wieder neue Stellen auf dem Mixtape, weil Marsimoto immer so oft um die Ecke gedacht hat.
DAVIDE BORTOT
Nichts ist so alt, wie das zeitlos von gestern. ‘Halloziehnation’ hatte nie den Anspruch, ein ewiger Klassiker zu sein. Und genau deshalb kann ich mir das heute noch genauso gut geben wie damals.
TOBIAS ZUMAK
Die Trennung von Marsimoto und Marteria ist über die Jahre immer stärker geworden. Musikalisch, aber auch vom Rapflow. Da merkt man, dass Marten eine Schauspielausbildung gemacht hat. Ich finde, er bewegt sich auf der Bühne anders, sieht natürlich komplett anders aus und rappt sogar anders. Er hat einen anderen Style, und damit meine ich nicht nur die gepitchte Stimme.
STEPHAN SZILLUS
Martens große Stärke war schon immer, dass er alles vereinen konnte. Deswegen ist er ja auch so erfolgreich geworden. Alle konnten sich auf Marteria einigen. Es ist schon skurril, dass er das mit so einem obskuren Mixtape-Projekt losgetreten hat, auf dem jeder Song nicht länger als zwei Minuten ist und er in Helium-Stimme rappt.
War noch was?
Ist “Halloziehnation” von Marsimoto wirklich der wichtigste Song des Jahres 2006? Dr. No sieht das anders.
Deichkind “Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)”
Erinnert ihr euch an das Ende einer jeden Marsi-/Marteria-Show zwischen 2008 und 2016? Ja? Gut. Is’ nämlich ein Deichkind-Song. Und “Remmidemmi” war die Blaupause dafür. Ich will Pizza. Und immer wieder diesen Song hören.